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2. Das Problem der künstlichen Hand

Die Hand und das Problem – Kunsthände in alter Zeit – Die eiserne Hand des Götz von Berlichingen – Der »Schönheitsarm« – Passive und aktive Kunst-Hände – Die Ballif-Hand – Der Carnes-Arm – Der Arbeitsarm – Der Hoeftmann-Arm – Die Keller-Hand – Trost im Leid


Mit zu dem schwersten Leid, von dem der Mensch betroffen werden kann, gehört der Verlust der Hand. Körperliches und seelisches Leid bedeutet ein solcher Verlust in gleicher Weise. Der Körper büßt hierdurch mehr als durch den Verlust irgendeines anderen Organes an Arbeits- und Leistungsfähigkeit ein, und das Gemüt des Betroffenen fühlt sich infolge der schweren Beschränkung und Verminderung der persönlichen Selbständigkeit und Ungebundenheit, die eine solche körperliche Beschädigung in sich schließt, selbst in schwerster Weise herabgestimmt. Die Hand ist Ausdruck und Organ des individuellen Könnens des Menschen, ihr Verlust daher eine Minderung an individueller Fertigkeit und Lebenskraft, die Geist und Körper in gleicher Weise betrifft und in ihrer Wirksamkeit hindert. Die Wechselwirkung zwischen Geist und Körper, die das individuelle Gepräge des Menschen in seiner Erscheinung und seinem Auftreten, in seinem ganzen Tun und Lassen entscheidend bestimmt, tritt ja gerade an der Hand und in ihrer Funktionsweise in Erscheinung. Die Hand ist es, die alle und auch die feinsten Regungen des Geistes funktionell in Tat und Wirklichkeit umsetzt und dadurch das wichtigste und weitaus am meisten benötigte und verwandte Tätigkeitsorgan des Menschen ist, was vom Geistesarbeiter ebenso wie von dem eigentlichen Handarbeiter gilt. Die Hand ist in der Art und Fülle ihrer Lebenstätigkeit gleichsam die Seele von außen gesehen, wie man vielleicht im Sinne Schopenhauers sagen könnte, und gern und oft sprechen die Dichter von seelenvollen Händen.

Die tief eingreifende Schädigung, die der Verlust der Hand für Sein und Wirken des Menschen immer bedeutet, hat aber auch zugleich das Problem der künstlichen Hand gezeitigt, das Problem, Kunstglieder zu schaffen, die in Fällen solcher wie der genannten körperlichen Beschädigungen an die Stelle des abhanden gekommenen natürlichen Organs zu treten und wenigstens ein aushilfsweiser Ersatz für dieses zu werden geeignet sind. Dieses Problem ist uralt und hat schon vor Jahrhunderten, in vereinzelten Fällen sogar schon vor Jahrtausenden, zu Lösungsversuchen geführt, seine volle Bedeutung freilich erst in unserer Zeit erhalten. Denn der Mensch von heute ist der Gefahr körperlicher Beschädigung, insbesondere auch der des Verlustes des einen oder des anderen seiner Glieder, viel mehr ausgesetzt, als es für die Angehörigen früherer Zeitepochen der Fall war. Die technischen Hilfsmittel, mit denen wir die Naturkräfte in den Dienst unseres gesamten Wirtschafts- und Arbeitslebens zwingen, die aber auch in Haus und Familie zu unentbehrlichen Einrichtungen geworden sind, bedeuten bei allem Segen, den sie den Menschen stiften, doch zugleich eine erhebliche Gefährdung der persönlichen Sicherheit. Die Maschine, der willige und unermüdliche Diener und Helfer des Menschen, ohne den und dessen Gigantenkräfte die Entwicklung unseres Kulturlebens überhaupt nicht möglich geworden wäre, kann auch zum gefährlichsten Feinde des Menschen werden, indem sie ihre Riesenkräfte gegen ihn wendet, und eine ihrer verhängnisvollsten Tücken besteht in der Vermehrung der Unfälle und Unglücksfälle und der mehr oder weniger schweren körperlichen Verletzungen und Beschädigungen, denen der Arbeitende ausgesetzt ist. Entsprechendes gilt von den übrigen Hilfsmitteln und Erzeugnissen, die die hochentwickelte Technik für Werkstatt, Haus und Verkehr, für alles öffentliche und private Leben geschaffen hat. Die Technik bringt nicht nur Fortschritt und Vorteil, sie fordert auch ihre Opfer, Blutopfer, die, wie es scheint, ein unabwendbarer Tribut sind, den die Menschheit für die Leistungen und die Förderung, die sie jener verdankt, zu entrichten hat. Schädigungen oder Verlust von Hand und Arm sind daher auch im Friedensleben heute viel häufiger zu verzeichnen, als es bei den einfachen und ungleich gefahrloseren Einrichtungen und Hilfsmitteln früherer Zeiten der Fall war.

Und die Zahl dieser Opfer wird vermehrt durch die Opfer des Krieges. Die heutige Kriegführung und die heutigen Kriegsmittel haben auch die Zahl der Kriegsbeschädigten gegenüber früheren Zeiten vervielfacht, und der Weltkrieg hat allen Nationen, die an ihm beteiligt waren, eine erschreckende Ziffer solcher Beschädigten hinterlassen, die den Verlust von Hand oder Arm als schwerstes Leid durch ihr ganzes ferneres Leben zu tragen haben. Andererseits war aber auch gerade diese Folge des Krieges ein gewaltiger Ansporn, durch ärztliche und technische Kunst eine vollkommenere Lösung des Problems des Gliederersatzes, vor allem auch des Arm- oder Handersatzes, anzustreben, als bis dahin erreicht worden war. So ist es gekommen, daß schon während der Kriegsjahre das Problem der künstlichen Hand eine größere Förderung erfahren hat und feit dieser Zeit mehr und bessere Mittel und Formen, die jenem Zwecke zu dienen bestimmt und geeignet sind, als alle die Jahrhunderte vorher, und die Fortschritte, die seitdem auf diesem Gebiete erreicht worden sind, kommen heute auch denen zugute, die auf andere Weise, in friedlicher Arbeit und Wirtschaft, Beschädigung oder Verlust von Hand oder Arm erlitten haben. Das ist eine der wenigen guten Folgen, die selbst der blutige Krieg auf sein Konto schreiben darf.

So ist das Problem der künstlichen Hand eins der eigenartigsten technischen Probleme unserer Zeit überhaupt, um dessen Lösung sich Arzt und Techniker in gleicher Weise bemühen. Ärztliche Kunst bringt die schwere Wunde zum Heilen, die die Abnahme des natürlichen Organs zur Folge hatte, und sucht den Verletzten für seine fernere Lebens- und Arbeitsbetätigung so weit zu kräftigen, wie es nur möglich ist; dem Techniker hingegen fällt die Aufgabe zu, dem Verletzten für das verlorene natürliche Organ einen Ersatz in Form eines künstlichen Arbeitsgliedes zu schaffen, mit dem es dem der Hand Beraubten ermöglicht werden soll, sich trotzdem arbeitend zu betätigen, und das den erlittenen Verlust an persönlicher Funktions- und Leistungsfähigkeit so weit wie nur möglich ausgleichen soll. Das Eigenartige des Problems lag von jeher und liegt auch heute noch in der Schaffung dieses Ersatzes, eben in der Herstellung einer künstlichen Hand, die in derselben oder doch in ähnlicher Weise funktionieren soll wie das natürliche Organ, und diese Eigenart bedeutete zugleich auch die Schwierigkeit des Problems. Ungleich schwieriger war es von jeher, für die verlorene Hand einen Ersatz durch ein Kunstglied zu schaffen, als für den Verlust von Fuß oder Bein. Denn die Funktionen von Arm und Hand sind ungleich feiner und komplizierter als die jener. Für den Verlust des Beines ist schon das einfache Stelzbein ein brauchbarer Ersatz, der dem Verletzten die Funktionen des verlorengegangenen Gliedes zu einem erheblichen Teil ersetzt, und die heutigen Kunstbeine haben diesen Ersatz nahezu zu einem vollständigen gemacht. Das Problem der künstlichen Hand hingegen bedeutet immer die Schaffung eines komplizierten Bewegungsmechanismus, der die unendlich vielgestaltige Funktionsweise der Hand wenigstens zu einem Teil ausführen soll, und war daher zu allen Zeiten ein äußerst schwieriges Kunststück, das an den Erfindungsgeist die größten Anforderungen stellte.

Betrachten wir zunächst, wie man in früheren Zeiten das Problem der künstlichen Hand zu lösen versuchte. Daß schon in ältester Zeit die Herstellung von Kunstgliedern nicht unbekannt war, dürfen wir aus mancherlei Andeutungen in Sage und Geschichte der Alten entnehmen. Denn wenn Homer schildert, wie der kunstreiche Gott Hephästos sich für die Arbeit in seiner Werkstatt künstliche Gehilfen schuf, die, wenn auch aus Erz gebildet, doch Form und Glieder wirklicher Menschen hatten und wie solche sich zu bewegen und zu arbeiten verstanden, so dürfen wir auch annehmen, daß die Schaffung solcher künstlicher Glieder in Fällen, wo es not tat, ebenfalls schon in jener Homerischen Zeit versucht und mit mehr oder weniger Glück ausgeführt worden ist. Von Stelzbeinen wird mehrfach berichtet, und selbst schon verbesserte Formen künstlicher Beine scheinen bekannt und in Gebrauch gewesen zu sein, von einer künstlichen Hand wird dagegen nur ein einziges Mal erzählt. Plinius der Jüngere berichtet von einem Römer Namens Marcus Sergius, der um das Jahr 200 v. Chr. im Zweiten Punischen Kriege die rechte Hand verloren hatte und sich einer künstlichen Hand bediente, die er am Armstumpf befestigte und mit der er nach wie vor die Waffen führen konnte. Allerdings ist er selbst wohl kaum der Verfertiger des Stückes gewesen, vielmehr dürfte ihm ein geschickter Sklave das Kunstglied angefertigt haben. Über die technischen Einzelheiten dieser ältesten bekannten Ersatzhand weiß auch Plinius nichts zu berichten. Wenn das auch die einzige Erwähnung eines solchen Kunstgliedes aus dem Altertum ist, so ist doch nicht anzunehmen, daß das der einzige Fall dieser Art gewesen ist; mit mehr oder weniger Geschick und Erfolg mögen sich schon im Altertum auch andere Verletzte durch ein Kunstglied Ersatz für die verlorene Hand zu schaffen gesucht haben.

Dann sind erst wieder aus dem Mittelalter vereinzelte Fälle künstlicher Hände bekannt geworden. Von einer solchen berichtet eine Inschrift auf einem Grabstein aus dem Jahre 886, die besagt, daß der dort begrabene Falkner Odon sich für seinen in der Schlacht verlorenen Arm einen eisernen Arm anfertigen ließ, mit dem er ebenso wie mit einem natürlichen Glied gefochten habe. Erst nach einem Zeitraum von abermals mehreren Jahrhunderten hören wir dann wiederum von künstlichen Händen. Aus dem 16. Jahrhundert wird mehrfach über die Verfertigung derartiger Kunstglieder berichtet. Das bekannteste Beispiel dieser Art ist die eiserne Hand des Ritters Götz von Berlichingen, die kaum weniger als ihr Besitzer selbst eine historische Berühmtheit geworden ist und daher auch eingehendere Erwähnung finden soll.

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Abb. 60
Die Eisenhand Götzens von Berlichingen

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Abb. 61
Finger der eisernen Hand

Götz von Berlichingen, den Goethe mehr idealisiert als den Tatsachen entsprechend als ritterlichen Kämpen und Biedermann geschildert hat, der aber in Wirklichkeit ein ziemlich skrupelloser Raub- und Strauchritter war, hatte bei der Belagerung von Landshut im Jahre 1504 durch einen Schuß aus einer Feldschlange seine rechte Hand verloren. Seiner kriegerischen Laufbahn schien damit ein Ende gesetzt zu sein. Um jedoch dem geliebten Waffenhandwerk nicht ganz entsagen zu müssen, kam er auf den Gedanken, sich eine künstliche Hand aus Eisen anfertigen zu lassen. Er selbst dachte sich Konstruktion und Mechanismus eines für diesen Zweck geeigneten Kunstgliedes aus und ließ danach die Hand in Stahl von einem Waffenschmied bei Jagsthausen in Württemberg, dem Stammsitz der Berlichingen, verfertigen. Das Kunstwerk (Abb. 60), das bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben und dessen Konstruktion daher sehr genau bekannt ist, bestand der äußeren Form nach aus einer Stulpe aus Stahlblech, die über den Armstumpf gezogen und an diesem angeschnallt wurde. Um die Stulpe möglichst leicht und bequem anlegen zu können, war sie mit einer Klappe versehen, die geöffnet und geschlossen werden konnte. Sie war der natürlichen Hand in Form und Bewegung genau nachgeahmt, und besonders Gliederung, Stellung und Beugung der Finger waren unmittelbar nach dem natürlichen Vorbild geschaffen. Die einzelnen Hand- und Fingerglieder (s. Abb. 61) waren durch Scharniere gelenkig und durch Federn beweglich und waren mit großer Kunstfertigkeit zusammengefügt. Der Mechanismus bestand aus einem System von Federn, Hebeln und Sperrrädern nach Art eines Gewehrschlosses. Die Beugung der gestreckten Finger wurde entweder mit der linken Hand ausgeführt oder durch Aufstützen der Finger auf eine ebene Unterlage, etwa die Tischplatte, bewirkt. Jeder einzelne Finger bestand, wie es unsere Abbildung veranschaulicht, aus drei Einzelgliedern mit Gelenken, konnte in jedem Gelenk gebeugt werden und behielt, nachdem er gebeugt war, diese Stellung unveränderlich bei. Um die gebeugten Finger wieder zu strecken, waren besondere Druckvorrichtungen vorhanden, nämlich je ein Druckknopf über dem Daumen und dem kleinen Finger in der Höhe der Handwurzel. Wurde auf den Knopf über dem kleinen Finger gedrückt, so sprangen die vier Finger gleichzeitig aus der gebeugten in die gestreckte Lage zurück; um auch die Streckung des Daumens zu bewirken, mußte auf einen über diesem Gliede befindlichen Knopf gedrückt werden. In ähnlicher Weise konnte auch die ganze Hand im Handgelenk entweder mit Hilfe der gesunden Hand oder durch Aufstützen gebeugt und durch Drücken auf einen Knopf auf dem Handrücken unterhalb des Gelenks wieder gestreckt werden. Unter Beugen und Strecken aller Finger konnte sich so die Hand schließen und öffnen und hielt in geschlossenem Zustande einen hineingesteckten Gegenstand, wie etwa den Schwertgriff, mit großer Kraft unbeweglich fest. Die genaue Nachahmung der Hand läßt darauf schließen, daß der Verfertiger dieses Kunstgliedes nach einem Skelett gearbeitet hat. Die fertige und vollständig aus Eisen bestehende Hand hatte ein Gewicht von 1,5 Kilogramm, war also durchaus nicht besonders schwer.

Dieses Kunstglied nun bewährte sich über alles Erwarten gut. Konnte die Hand zwar auch keine feineren Bewegungen ausführen, so war sie doch, was ihrem Besitzer die Hauptsache war, imstande, das Ritterschwert zu führen und hielt dieses so unverbrüchlich fest, wie nur je eine Hand ein Schwert gehalten hat, so daß sich Götz vollständig in den Stand gesetzt sah, seinem kriegerischen Tatendrange nach wie vor nachzugehen. Fünfundzwanzig Jahre war Götz von Berlichingen alt, als er sich die eiserne Hand anfertigen ließ, und nahezu sechzig Jahre focht er mit dieser in zahllosen Fehden und Schlachten, sich und seine Eisenfaust in ganz Europa berühmt machend. Noch heute wird die eiserne Hand Götzens von Berlichingen auf dem Stammschlosss zu Jagsthausen gezeigt.

Noch einige andere Fälle künstlicher Hände und Arme dieser Art sind aus jener Zeit bekannt. So wird von einem Seeräuber Barbarossa Horuk berichtet, der im Jahre 1517 durch das Geschoß einer Wurfmaschine seine rechte Hand verlor und sich eine eiserne machen ließ, die er am Ellbogen befestigte und mit der er noch lange und glücklich gekämpft haben soll. Einen hohen Ruf als Verfertiger solcher Kunstglieder hatte in der Mitte des 16. Jahrhunderts ein Schlosser in Paris, der der »kleine Lothringer« genannt wurde. Außer einer Anzahl von künstlichen Beinen stellte er auch eine eiserne Hand für einen Amputierten her, die aus Eisenblech gefertigt und wie ein Ritterhandschuh geformt war; auch hier wurde die Streckung durch eine Feder, durch eine andere die Beugung der Finger bewirkt, doch war das Handgelenk unbeweglich, und die Finger konnten nicht einzeln, sondern nur gleichzeitig bewegt werden. Diese Hand war also keinesfalls so kunstvoll gearbeitet und daher auch bei weitem nicht so gut verwendbar wie die Götzens von Berlichingen und hat auch lange nicht solche Berühmtheit erlangt. Eine andere Eisenhand dieser Art, die ebenfalls aus jener Zeit stammt, wurde in einem alten Flußbett bei Neuruppin gefunden; dort mag einst in einer Schlacht ein Rittersmann, der schon vordem die natürliche Hand verloren hatte, auch noch die künstliche eiserne eingebüßt haben. Noch mehrfach liegen Erwähnungen und zum Teil auch Beschreibungen künstlicher Hände aus dieser und der darauf folgenden Zeit vor. Sie waren mehr oder weniger alle nach der Art der eisernen Hand Götzens von Berlichingen konstruiert, wenn zumeist auch nicht so gut wie diese, und sie alle dienten ebenfalls wie diese nur dem einen Zweck, die Kampfwaffe festzuhalten und ihrem Besitzer die verlorengegangene Kampffähigkeit zurückzugeben. Diese spezielle Funktion der Hand hat sich, wie die angeführten Beispiele zeigen, verhältnismäßig gut auf künstlichem Wege erreichen lassen.

Die Eisenhände der Ritterzeit waren also hinsichtlich ihrer Funktions- und Verwendungsfähigkeit von einer ausgesprochenen Einseitigkeit. Sie dienten lediglich der Führung der Waffen und waren lediglich für diesen einzigen Zweck eingerichtet. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts finden wir zum ersten Male Versuche vor, auch künstliche Hände von allgemeinerer Verwendungsfähigkeit herzustellen. Zu den ersten Versuchen dieser Art gehören wohl die künstlichen Hände und Arme, die der Engländer Wilson aus Edinburg um das Jahr 1790 herstellte. Diese waren nicht aus Eisen, sondern aus besonders präpariertem Leder verfertigt, und infolge der natürlichen Geschmeidigkeit dieses Materials waren die einzelnen Glieder auch ohne besondere Gelenkvorrichtung beweglich. Besondere Haltevorrichtungen dienten dazu, die Finger in der ihnen gegebenen Lage zu erhalten. Doch konnte ein festeres Halten auf diese Weise nicht erreicht werden. Die Finger konnten wohl um den Gegenstand, den sie halten sollten, herumgelegt werden, hielten ihn aber nicht eigentlich fest, doch war die Hand an der Innenfläche mit Federn und Schrauben versehen, an welchen kleinere Gegenstände, wie Messer und Gabel, zweckentsprechend befestigt werden konnten. Für solche und ähnliche leichtere Verwendungszwecke reichte die Hand aus, im übrigen aber war ihre praktische Gebrauchsfähigkeit nur beschränkt. Ihr Hauptwert lag wohl in der Beseitigung des störenden Eindrucks des verstümmelten Gliedes, und für diesen Zweck erlangte die Wilsonsche Kunsthand damals viel Anerkennung und Verwendung. Nach dem Muster dieses Kunstgliedes werden noch heute die sogenannten »Schönheitsarme« verfertigt, die einer eigentlichen Funktionsweise nicht dienen, sondern nur für einen solchen wie den genannten ästhetischen Zweck Verwendung finden.

Die Kunsthände der bisher beschriebenen Art haben nur eine passive Funktion. Sie dienen nur zum Halten oder Tragen, können aber keine selbständigen Bewegungen ausführen, sondern immer nur bewegt werden. Das Beugen und Strecken der Finger an der eisernen Hand Götzens von Berlichingen beispielsweise erfolgte nicht durch das Kunstglied selbst, sondern mußte durch die natürliche Hand oder durch Aufstützen des Kunstgliedes ausgeführt werden. Kunsthände dieser Art sind also nur passiv beweglich. Ein anderes und wesentlich höheres Prinzip verkörpern die aktiv beweglichen Kunsthände, die in der Lage sind, eigene selbständige Bewegungen nach Art des natürlichen Organs und ohne Zuhilfenahme der gesunden Hand auszuführen. Eine solche aktiv bewegliche Hand soll selbsttätig die Beuge- und Streckbewegungen der einzelnen Fingerglieder ausführen, die Finger selbsttätig öffnen und schließen, und nähert sich dadurch bedeutend mehr als die nur passiv beweglichen Kunstglieder der Funktionsweise der natürlichen Hand; sie läßt einen ungleich erweiterten und vielseitigeren Gebrauch als jene zu und ist für die selbsttätige Ausführung der verschiedenartigsten Funktionen bestimmt und eingerichtet. Ihrer Konstruktion wie Verwendungsweise nach stellen Kunstglieder dieser Art eine technisch viel höhere und kompliziertere Form von Bewegungsmechanismen dar, und sie sind in erster Linie dazu angetan, das Problem der künstlichen Hand, soweit als Gegenstand dieses Problems die universale Bewegungs- und Verwendungsfähigkeit der natürlichen selbsttätigen Hand verstanden wird, zu lösen. Auch hier ist man von Anfangsversuchen zu vollkommeneren und leistungsfähigeren Erzeugnissen fortgeschritten, die jenes Problem heute der Lösung ganz bedeutend nahe gebracht haben.

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Abb. 62
Die Ballifsche Kunsthand

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Abb. 63
Der Ballif-Arm

Die ersten Versuche aktiv beweglicher Kunstglieder gingen überwiegend von deutschen Erfindern aus. Hier sind zunächst die Arbeiten des Breslauer Mechanikers Klingert zu nennen, der im Jahre 1776 mit einer neuen Art von Kunsthänden an die Öffentlichkeit trat. An der Klingertschen Kunsthand waren die Finger mit Gelenken versehen; sie waren in den einzelnen Gliedern beweglich und in gewöhnlichem Zustande gestreckt. Das Schließen der Finger aber erfolgte in neuartiger Weise, nämlich durch Darmsaiten, die von den Spitzen der Finger aus durch das Innere derselben nach dem Handgelenk gingen und sich hier zu einem Strang vereinigten. Durch Zuziehen des Stranges schloß sich die Hand zur Faust, und damit war in den Mechanismus der Kunsthand ein neues und hochwichtiges Element hineingetragen, durch das Bewegungs- und Funktionsfähigkeit der Hand erheblich verbessert und erweitert wurde. Das Zuziehen des Stranges mußte freilich wieder mit der gesunden Hand ausgeführt werden, so daß auch bei diesem Kunstglied nur von einer teilweisen aktiven Beweglichkeit gesprochen werden konnte. Aber auf dem neuen Gedanken wurde weitergearbeitet, und der erste, der eine wirklich aktiv bewegliche Kunsthand herstellte und damit dieser eigenartigen Technik eine völlig neue Grundlage schuf, war der Berliner Chirurgietechniker Paul Ballif. Das vollständig neue Prinzip, das er für die Mechanik der künstlichen Hand zur Anwendung brachte, bestand darin, bestimmte Schulter- und Rumpfbewegungen auf die Kunsthand zu übertragen und dadurch die Bewegungen und Funktionen dieser und ihrer einzelnen Teile, Schließen, Öffnen, Halten, Greifen usw., selbsttätig zu bewirken. Das geschah, indem der Unterarm und die Finger des Ersatzgliedes vermittels Riemen und Saiten mit einem Brustgurt in Verbindung gesetzt wurden, wodurch die Bewegungen von Schulter und Rumpf auf jene übertragen werden konnten. Auf diese Weise bewirkte beispielsweise das Vor- und Rückwärtsbeugen der Schulter oder das Neigen des Rumpfes eine Bewegung des Ellbogens, Vorwärts- oder Seitwärtsheben des Rumpfes dagegen Streckung der gebeugten Finger, die nach Aufhören dieser Bewegung durch Federkraft von selbst wieder in ihre Beugestellung zurückgingen. Unsere Abbildungen 62 und 63 lassen den Mechanismus und die Befestigung der Ballifschen Kunsthand gut erkennen. Damit war zum ersten Male eine willkürlich bewegbare, also tatsächlich aktiv bewegliche, Kunsthand geschaffen, die sich ihrem Mechanismus wie ihrer Funktion nach in viel höherem Grade als die früheren Kunstglieder der Wirkungsweise der natürlichen Hand näherte, die ihre Bewegungen selbsttätig ausführte und die andere Hand nicht mehr oder doch nur aushilfsweise benötigte.

Diese Kunsthand erwies sich im Gebrauch als natürlicher und verwendungsfähiger als die früheren Ersatzglieder und verlieh ihrem Träger eine erheblich größere Selbständigkeit und Freiheit im Gebrauch. Mit jenem neuen Prinzip war die Grundlage einer neuen Technik der Kunst-Hand geschaffen, die in der Folgezeit von Ärzten und Technikern noch weiter ausgebaut wurde und die im wesentlichen noch heute für die Herstellung aktiv beweglicher Kunstglieder maßgebend ist, wenn seitdem in der technischen Anwendungsweise jenes Prinzips allerdings auch weitere bedeutende Verbesserungen erzielt worden sind. Die Konstruktion der heutigen verschiedenen Systeme aktiv beweglicher Kunsthände beruht durchweg auf dem Ballifschen Prinzip, die Bewegungen des erhaltenen Armstumpfes oder des Rumpfes und des Schulterblattes durch Zugschnüre auf die Kunsthand zu übertragen und dieser so bestimmte Bewegungen nach Art der natürlichen Hand zu erteilen. Jene Zugschnüre sind also den Beuge- und Strecksehnen des natürlichen Armes zu vergleichen; nur bei bestimmten Funktionen des Kunstgliedes muß die gesunde Hand noch helfend eingreifen, indem sie durch Drücken auf einen Knopf an der Kunsthand dieser eine bestimmte Einstellung gibt. Der Träger einer solchen Hand ist in der Lage, mit dieser eine große Zahl zweckdienlicher Funktionen auszuführen, die Hand zu schließen und zu öffnen, bestimmte Greifbewegungen zu betätigen und sich des Kunstgliedes annähernd wie eines natürlichen Organes zu bedienen. Auch kann er beim Gehen mit der geschlossenen Hand ein leichteres Paket tragen.

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Abb. 64
Der Carnes-Arm

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Abb. 65
Hand des Carnes-Armes

Die bisher beste und leistungsfähigste Form einer künstlichen Hand auf Grund des Ballifschen Prinzips dürfte wohl der sogenannte Carnes-Arm sein, der ein Erzeugnis amerikanischer Chirurgietechnik ist. Dieses Kunstglied ist in der äußeren Form dem menschlichen Arm genau nachgebildet und wird mit einem Geschirr von Gurten und Schnüren am Oberkörper des Verletzten befestigt. Die Schnüre führen zu dem gesunden Arm hinüber und werden von diesem durch Anziehen und Strecken betätigt, wodurch sie ihrerseits Finger, Hand und Arm des Kunstgliedes in bestimmte zweckdienliche Bewegungen versetzen. Unsere Abbildungen 64 und 65 lassen Konstruktion und Wirkungsweise des Carnes-Armes erkennen. Die obere Figur stellt den ganzen Unterarm, die untere die eigentliche Hand dar. An dem Arm ist a die Unterarmhülse, in welche der Armstumpf hineingesteckt wird; d, d 1 und d 2 sind die drei Zugschnüre, die längs der Wandung der Hülse, so daß sie den Armstumpf nicht berühren, zu der Hand führen, mit deren innerem Mechanismus sie in Verbindung stehen. Sobald die Zugschnüre von dem um die Schulter des Patienten gelegten Gurt angezogen werden, setzen sie ihrerseits den Handmechanismus in Bewegung. Aus der Abbildung 65 ist der Mechanismus der Hand und seine Betätigung durch die Zugschnüre genauer ersichtlich. Die Hand ist hier geöffnet; wird jetzt die Schnur d angezogen, so dreht sie das auf einer Achse sitzende Schraubenrad c, dessen Drehbewegung vermittels des Zahnradstückes r, der Kurbel k und der Pleuelstange k 1 in eine Beugebewegung des Fingers umgewandelt wird, wie es durch die gestrichelte Linie, die den Finger in Beugestellung zeigt, angedeutet ist. Zwei Fingerglieder werden auf diese Weise gebeugt, das dritte, das Nagelglied, ist steif. Die vier Finger werden gleichzeitig gebeugt, der Daumen dagegen wird durch eine kräftige Feder gegen die Spitze des Zeigefingers gedrückt. Hierdurch hat die Hand jetzt die Einstellung erlangt, die zum Greifen, Halten und Bewegen eines Gegenstandes erforderlich ist. Diese hier vorgeführte Bewegung der Hand, also das Schließen der Finger zum Greifen, Halten usw., wird durch Anheben des gesunden Armes bzw. durch Übertragung dieser Bewegung auf den Ersatzarm bewirkt, beim Sinken des gesunden Armes öffnen sich die Finger wieder. Durch andere Bewegungen des gefunden Armes, des Rumpfes usw. können andere Schnüre gezogen und dementsprechend andere Bewegungen des Kunstgliedes bewirkt werden, und durch Kombination der Schnüre wird so eine große Mannigfaltigkeit der verschiedensten Funktionen, wie sie für den praktischen Gebrauch erforderlich ist, bewirkt, außer Öffnen und Schließen der Finger auch Beugung der Hand, Feststellen der Hand in gebeugter Lage, Drehung der Hand im Unterarm um 80 Grad, Feststellen und Entriegeln an verschiedenen Punkten der Drehung usw., ferner aber auch ganze Komplexe von Bewegungen, wie Auf- und Zuspannen eines Schirmes, Auf- und Zuknöpfen der Kleidung, Öffnen und Schließen der Tür durch Drücken auf die Klinke, Umblättern der Seiten eines Buches, Festhalten und Hochheben von Gegenständen aller Art, wobei das Gewicht des gehaltenen oder gehobenen Gegenstandes bis zu 50 Pfund betragen kann, Handhabung von Instrumenten usw. Nur in einem einzigen Falle bedarf das Kunstglied noch der Zuhilfenahme der gesunden Hand, wenn nämlich die Kunsthand in einer bestimmten Beugung festgestellt werden soll; zu diesem Zweck wird dann die Klinke n eingerückt, was vermittels der gesunden Hand geschieht. Alle anderen Bewegungen aber führt die Kunsthand selbst aus.

Der hohe Grad von Funktionsfähigkeit des Carnes-Armes umfaßt nahezu alle, zum mindesten die meisten und wichtigsten, Funktionen und Bewegungen im täglichen Leben des Gebrauchers. Sache der Übung und Intelligenz des Gebrauchers ist es, den höchsten Grad von Geschicklichkeit und Funktionsfähigkeit in der Anwendung des Kunstgliedes zu erzielen. In Amerika ist der Carnes-Arm schon seit langem bekannt, wobei erwähnt sein mag, daß die Carnes-Kompanie in Kansas, die dieses Kunstglied fabriziert, als Beweis für die hohe Funktions- und Verwendungsfähigkeit ihre Erzeugnisse diese zum größten Teil von – einarmigen Angestellten, die den Carnes-Arm selber tragen, herstellen läßt. In Deutschland wie auch in den anderen europäischen Ländern war der Carnes-Arm bis zum Kriege nur wenig bekannt; die Kriegsfolgen haben dazu geführt, die darauf erteilten Patente auch für Deutschland zu erwerben, und diejenigen Personen. die sich dieses Kunstgliedes bedienen, rühmen ebenfalls die ausgezeichnete Verwendungsfähigkeit desselben. Ein bekannter Berliner Spezialarzt und Leiter eines Krankenhauses, der schon vor Jahren seinen linken Arm verlor, trägt seitdem den Carnes-Arm und übt mit diesem alle Funktionen aus, die seine ärztliche Praxis von Hand und Arm der linken Seite verlangen. Er legt Verbände an, führt Operationen aus und hat überhaupt durch dieses Kunstglied nahezu die volle Selbständigkeit des gesunden Menschen erlangt, eine Tatsache von unleugbar höchster Beweiskraft für die Leistungsfähigkeit jener künstlichen Hand.

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Abb. 66
Kunsthand aus der Werkstätte des Deutschen Museums

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Abb. 67
Kunsthand aus der Werkstätte des Deutschen Museums

Aber noch in anderer Weise läßt sich das Problem der künstlichen Hand lösen, und unsere Abbildungen 66 und 67 zeigen das Modell einer künstlichen Hand, das aus den Werkstätten des Deutschen Museums stammt und die Carnes-Hand an Funktionsfähigkeit sogar noch übertrifft. In noch höherer Weise als bei dieser ist hier die Funktionsweise der natürlichen Hand zum Konstruktionsprinzip gemacht worden. Bei der Ausführung dieses Kunstgliedes wurde als Hauptbedingung erachtet, daß sich die Hand beim Greifen und Fassen selbsttätig wie die natürliche Hand jedem Gegenstand genau anpaßt, daß sie den ergriffenen Gegenstand beliebig lange festhält und der Griff nicht von einer Zwangslage abhängig ist, wie es auch noch beim Carnes-Arm der Fall ist. Greifen und Festhalten sollen vielmehr in jeder Armlage erfolgen können. Jeder Finger besteht aus drei Gliedern, die unter sich wie auch mit dem Handteller durch Scharniere verbunden sind. Die Hand weist dadurch einen noch höheren Grad der Gelenkigkeit und Beweglichkeit als der Carnes-Arm auf, bei dem immer nur zwei Fingerglieder gelenkig, das Nagelglied dagegen unbeweglich ist. Die Beugung der drei Fingerglieder wird durch einen Mechanismus von drei Hebeln, die parallel nebeneinanderliegen, bewirkt, von denen der erste A am Nagelglied, der zweite J am Mittelglied und der letzte K am dritten Glied angreift und die Beugung des entsprechenden Gliedes erzeugt. Alle drei Hebel endigen auf der Geradführung H, durch welche die Hebel zugleich bewegt und so alle drei Fingerglieder zugleich gebeugt werden. Die Fortsetzung der Geradführung bildet eine Feder L; an diese schließt sich ein Drahtzug M an, welcher kurz oberhalb des Ellbogens mit einer Manschette am Oberarm befestigt ist. Wird durch die Bewegung des Oberarms ein Zug auf M ausgeübt, so überträgt sich dieser auf die Feder L und damit auf die Hebelkonstruktion, der Finger bewegt sich und schließt sich um den zu erfassenden Gegenstand. Eine Sperrvorrichtung, die aus dem Sperrad O, dem Sperrkegel N und der Gegensperre P besteht, bewirkt die Fixierung des Griffes. Durch Drücken auf den Knopf S wird die Sperre aufgehoben, so daß der Hebelmechanismus in seine Anfangsstellung zurückkehrt und sich die Finger strecken. Infolge der Ankerhemmung QR erfolgt dieses Strecken der Finger nicht plötzlich, sondern langsam und allmählich in ähnlicher Weise, wie es bei der natürlichen Hand der Fall ist.

Die Anpassung an das natürliche Vorbild kommt bei diesem Kunstglied besonders bei der Gliederung und Funktionsweise der Finger zum Ausdruck. Die drei Hebel, die an jedem Finger die Beugung der drei Glieder bewirken, entsprechen den Fingersehnen der natürlichen Hand und bewirken dadurch eine ebensolche Funktionsweise wie bei dieser. Für jeden der fünf Finger ist ein besonderer Mechanismus mit Zughebeln, Geradführung und Sperrkegel vorgesehen, während Sperrad, Gegensperre und Ankerhemmung für alle fünf Finger gemeinsam sind. Der anpassende Griff der einzelnen Finger an den zu erfassenden Gegenstand wird durch die federnde Verbindung L zwischen der Geradführung H und dem Drahtzug M erreicht, da die Bewegung jedes einzelnen Fingers immer dann aufhört, wenn er auf einen Widerstand trifft, also den zu erfassenden Gegenstand berührt. Ein Zug von 20 bis 25 Millimeter genügt, um die gestreckte Hand in die Faustlage zu bringen; dabei kann der Zug durch ein geringes Strecken des Ellbogens oder, beim Fehlen des Unterarms, durch eine kleine Bewegung des Achselgelenks erfolgen. In der Ruhelage kann die geschlossene Hand in einer beliebig gewählten zwanglosen Stellung verbleiben. Das Lösen des Griffes geschieht in einfacher Weise durch Auflegen der Hand auf die Tischplatte oder durch Andrücken des Oberarms an den Körper. Um einen weichen und natürlichen Griff zu erzielen, ist die Innenfläche der Finger und der Hand mit einer elastischen Polsterung versehen.

Es darf gesagt werden, daß diese Konstruktion einen Grad von mechanischer Feinheit und Zweckdienlichkeit aufweist, der sie zu einer Höchstleistung als Ersatzglied stempelt. Scharfsinn und Kunstfertigkeit haben hier ein Erzeugnis zustande gebracht, das sich dem natürlichen Vorbild an Gliederung und Funktionsfähigkeit in hervorragendem Maße nähert und jedenfalls als die bisher vollkommenste Lösung des Problems der künstlichen Hand bezeichnet werden muß.

Solche wie die vorstehend beschriebenen Kunsthände sind im wesentlichen für die feineren und leichteren handlichen Tätigkeiten solcher Verletzter bestimmt, deren Tätigkeit im übrigen eine mehr geistige als körperliche ist oder doch keinen erheblichen Kraftaufwand erfordert, wie Beamte, kaufmännische Angestellte, wissenschaftlich und künstlerisch Berufstätige usw. Ganz andere Forderungen aber stellt das Problem, wo es sich um eigentliche Handarbeiten handelt, deren Tätigkeit in erster Linie physischer Art ist und von Arm und Hand eine ständige bedeutende Kraftaufwendung erfordert. Für Verletzte dieser Art, also für einarmige Handwerker, Fabrik- und Landarbeiter usw., sind jene Kunsthände kein geeigneter Ersatz, da der kunstvolle Mechanismus dieser Ersatzglieder weder einen solchen Kraftaufwand aufzubringen vermag, wie er für die Tätigkeit solcher Verletzter notwendig ist, noch der ständigen starken Kraftbeanspruchung bei einer solchen gewachsen ist. Hier bestand die Lösung des Problems vielmehr in der Schaffung eines sogenannten Arbeitsarmes, d. h. eines Kunstgliedes von der notwendigen Festigkeit, das zugleich dem ganz anders gearteten Arbeitsprozeß eines solchen Berufstätigen angepaßt ist. Hier muß von vornherein darauf verzichtet werden, eine mehr oder weniger kunstvolle Ersatzhand zur Anwendung zu bringen; vielmehr besteht das Ersatzglied hier im wesentlichen aus einer Hülse oder Stulpe, die an dem Armstumpf des Verletzten befestigt wird und als künstlicher Unterarm dient. An diesem ist ein kräftiges Ansatzstück von einer für den Arbeitszweck des Verletzten geeigneten Form angebracht, mit dem das Werkzeug gehalten und betätigt wird. Nach den sehr verschiedenen Arbeitsberufen, denen solche Arbeitsarme dienen sollen, ist dieses Ansatzstück, die Prothese, ebenfalls sehr verschieden gestaltet. Eine große Anzahl von Systemen solcher künstlicher Arbeitsglieder sucht das hier vorliegende Problem, das so wesentlich anderer Art ist und ganz andere Anforderungen und Bedingungen stellt als in den bisher erwähnten Fällen, in möglichster Zweckdienlichkeit zu lösen.

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Abb. 68
Arbeitsarm von Hoeftmann

Als Typus dieser Art von Ersatzgliedern darf der Arbeitsarm des bald nach dem Kriege verstorbenen Professors Hoeftmann gelten, der auf diesem schwierigen Gebiete viel und segensreich gewirkt hat. Dieser Arbeitsarm besteht, wie unsere Abbildung 68 zeigt, aus einer Stulpe, die in der gewöhnlichen Weise dem Armstumpf des Verletzten angepaßt und an diesem angeschnallt wird. An der unteren Seite ist die Prothese, das Arbeitsstück, mit dem das zu handhabende Werkzeug gehalten und regiert werden soll, befestigt. Diese Prothese ist für einen Tischler bestimmt, den unsere Abbildung 69 in Tätigkeit zeigt. Die Prothese greift in den Hobel ein, der zu diesem Zweck mit einem entsprechenden Ansatzstück versehen ist, und verleiht dem Beschädigten die Fähigkeit, das Werkzeug wie mit einer natürlichen Hand zu betätigen. Er kann aber auch sägen, bohren, das Beil führen, mit dem Schneidemesser an der Drehbank arbeiten usw., muß sich dann allerdings jedesmal eine andere Prothese, die der Arbeit und dem Werkzeug in dem betreffenden Falle angepaßt ist, einsetzen. Abbildung 70 zeigt einen Landarbeiter mit einem ähnlichen Arbeitsarm und der Prothese zum Halten des landwirtschaftlichen Arbeitsgerätes. Dieser Mann ist seit Jahren bei einem Gutsbesitzer in Stellung, und zwar zur vollen Zufriedenheit seines Arbeitgebers. Er übt alle Tätigkeiten des landwirtschaftlichen Berufes aus, kann auch fahren und sogar ein Viergespann lenken, eine Leistung, die sehr hoch zu bewerten ist, da Lenken und Zügelführen bekanntlich eine erhebliche Beweglichkeit und Sicherheit der Hand erfordern. In der Herstellung und sachgemäßen Verwendung solcher Arbeitsglieder ist die Lösung des Problems, den handarbeitenden Einarmigen ihre Arbeitsfähigkeit zurückzugeben, in erster Linie zu suchen. Freilich erfordert es Zeit und Übung, ehe sich der Patient an die Anwendung des Ersatzgliedes gewöhnt und bis er die nötige Gewandtheit in dessen Gebrauch erlangt hat (was übrigens auch bei den Kunsthänden der Fall ist). Ist das aber geschehen, so entfaltet er oftmals eine überraschende Geschicklichkeit, die derjenigen seiner unverletzten Arbeitskollegen kaum etwas nachgibt.

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Abb. 69
Tischler mit Kunstarm

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Abb. 70
Landarbeiter mit Kunstarm

Die große Zahl von einarmigen Arbeitern, die der Weltkrieg im Gefolge hatte, gab Veranlassung, das bis dahin Erreichte nicht nur zu verbessern, sondern auch eine ganze Reihe neuer Systeme künstlicher Arbeitsarme zu schaffen, durch die auch dieses Problem, soweit es überhaupt in Menschenkräften stand, zur Lösung gebracht worden ist. Eine besondere Bedeutung unter diesen verschiedenen Systemen beansprucht noch der sogenannte Keller-Arm, der sowohl seiner Entstehung wie auch seiner Einrichtung und Verwendungweise nach Anspruch auf besondere Bedeutung erheben darf und eine besonders glückliche und erfolgreiche Lösung des Problems bedeutet.

Der Keller-Arm ist eine Erfindung des Landwirts Keller, der in jungen Jahren durch einen Unfall den rechten Unterarm verlor und nach vielen vergeblichen anderen Versuchen zu der Erfindung des nach ihm benannten Ersatzgliedes geführt wurde, das den Anforderungen, die an ein solches gestellt werden, in ganz hervorragender Weise entspricht. Der Keller-Arm, der in unserer Abbildung 71 wiedergegeben ist, besteht aus einem Eisengerippe mit drei Haken, die die Stelle der Finger vertreten, mit einer Öse an Stelle der Handwurzel und außer noch verschiedenen anderen Teilen aus einem Binderiemen, der zu einer Lederschlaufe an der inneren Handfläche geformt ist. Diese Lederschlaufe ist der vor allem wirksame Bestandteil der Hand. Im Verein mit den gekrümmten Eisenfingern und der eisernen Öse an der Handwurzel stellt sie eine vortreffliche Vorrichtung zum universalen Zufassen, Greifen und Festhalten und damit zur Anwendung nahezu aller Werkzeuge und Geräte dar. Mit dieser Schlaufe kann der Benutzer mit und ohne Zuhilfenahme der gesunden Hand Werkzeuge und Gegenstände der verschiedensten Art ergreifen. Die Schlaufe paßt sich dem ergriffenen Gegenstand an und hält ihn durch Klemmung und Reibung so fest, daß das Herausziehen selbst mit größter Kraftanwendung nicht möglich ist. Diese ebenso einfache wie sinnreiche und überaus dauerhafte Vorrichtung hat den großen Vorzug universaler Verwendungsmöglichkeit, die bei gleichbleibender Anwendungsweise diese Ersatzhand für den Gebrauch aller Werkzeuge geeignet macht und so das Einsetzen und Auswechseln verschiedener Ansatzstücke oder Prothesen, wie es bei den übrigen Arbeitsarm-Systemen immer erforderlich ist und das immer störende Pausen und Unterbrechungen mit sich bringt, erübrigt.

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Abb. 71.
Die Keller-Hand

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Abb. 72
Die Keller-Hand mit der Feile

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Abb. 73
Die Keller-Hand an der Bohrmaschine

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Abb. 74
Die Keller-Hand mit der Schaufel

Dieser Kunstarm mit seinen drei hakenförmig gekrümmten Fingern ist sowohl zum Tragen schwerer Lasten wie auch für die Ausführung leichterer Arbeiten geeignet, wie etwa zum Knüpfen von Schlingen, ebenso auch zum Schreiben, für welchen Zweck ein Halter von Kork, an dem das eigentliche Schreibgerät befestigt ist, zwischen zwei der eisernen Hakenfinger geklemmt wird. Unsere Abbildung 71 zeigt, in welcher Weise der Benutzer dieser Kunsthand ein Messer vermittels der Eisenfinger und der Eisenöse fest eingeklemmt hält. Das Messer hat hierbei einen festen Halt und kann dabei so leicht und sicher geführt werden, daß sowohl ganz leichte Arbeiten, wie Brotschneiden, Bleistiftspitzen, Kartoffelschälen u. dgl., wie auch schwere Schnitzarbeit ausgeführt werden kann. Selbstverständlich kann auf diese Weise auch jedes andere Werkzeug, das mit einem Griff versehen ist, festgehalten und angewandt werden, wie Feile, Hammer und alle anderen Griffwerkzeuge. Bei allen diesen verschiedenartigen und pausenlos ausgeführten Arbeiten arbeitet der Gebraucher eines solchen Kunstgliedes, wie Prüfungen und Erfahrungen zeigen, genau wie ein gesunder Arbeiter, so daß in Ausführung und Leistung kaum ein Unterschied gegen einen solchen wahrzunehmen ist. Endlich ist die Keller-Hand infolge ihrer ausgezeichneten Fähigkeit zum Greifen und Festhalten auch zum Gebrauch aller Werkzeuge in der mechanischen Werkstatt und ebenso auch zur Arbeit an den hier vorhandenen Maschinen geeignet. Sie vermag glatte eiserne Griffe an Maschinen jeder Art zu fassen, zu steuern und loszulassen. Unsere Abbildungen 72 bis 74 zeigen die Keller-Hand bei einer Anzahl verschiedener Arbeitsverfahren. Der Gebraucher der Keller-Hand arbeitet sicher und zuverlässig an der Bohrmaschine wie an der Drehbank, steuert die zylindrischen wie die birnenförmigen Griffe und läßt in seinen Bewegungen und Funktionen kaum einen Unterschied gegenüber der Arbeitsweise des gesunden Mannes erkennen.

Durch die Folgen des Krieges ist die Keller-Hand, die von ihrem Erfinder schon jahrelang vor dem Kriege mit bestem Erfolge bei seiner Tätigkeit als Landwirt gebraucht wurde, zu weit darüber hinausgehender allgemeiner Bedeutung gekommen. Der Prüfungsausschuß des Vereines deutscher Ingenieure hat mit dem Ersatzglied eingehende Versuche für die verschiedensten Arten der beruflichen Handarbeit angestellt und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß die Keller-Hand ein ganz hervorragendes Ersatzglied von Universalcharakter für alle Hand- oder Unterarmamputierten darstellt, das sich sowohl für die landwirtschaftliche Tätigkeit wie auch für die Arbeiten in der mechanischen Werkstatt und alle hier vorkommenden technischen Verrichtungen in gleicher Weise als geeignet erweist. Heute leistet die Keller-Hand zahlreichen Kriegs- wie Friedensbeschädigten segensreiche Hilfe. Es liegt hier einer der in der Geschichte der Technik nicht vereinzelten Fälle vor, wo ein Laie, gedrängt durch eigene Not, zu einem wertvollen technischen oder Erfindungsgedanken geführt worden ist, der gleichzeitig einen bedeutsamen technischen Fortschritt in sich schließt. Auf diese Weise hat hier jedenfalls das Problem des künstlichen Arbeitsarmes, das heute von so ungeheurer Bedeutung geworden ist, eine seiner besten und glücklichsten Lösungen gefunden.

Es war einige Jahre vor dem Weltkrieg, da geriet in Wien ein Mann in eine Hochspannungsleitung und verbrannte sich dabei so schwer, daß ihm sämtliche Gliedmaßen abgenommen werden mußten. Ein Menschenleben schien damit von jeder ferneren werktätigen Arbeit ausgeschlossen und bis zu seinem Ende zu der schrecklichen Pein vollkommener Untätigkeit und Hilflosigkeit verdammt zu sein. Doch auch hier versagte menschlicher Erfindungsgeist nicht. Nachdem sich die Wunden des Verunglückten geschlossen hatten, bemühten sich Ärzte und Techniker in gleicher Weise, dem Unglücklichen einen Ersatz für seinen ungeheuren Verlust zu schaffen. Sobald sein Zustand es erlaubte, begann der Mann Übungen mit künstlichen Beinen und Armen, mit dem Erfolge, daß er schließlich wieder zu voller Arbeitsfähigkeit gelangte. Mit seinen künstlichen Händen verrichtete er nahezu alle Arbeiten eines gesunden Menschen, lernte sich selber an- und ausziehen, mit Messer und Gabel essen und seinen Beruf als Mechaniker in vollem Umfange wieder ausüben. Mit seinen künstlichen Beinen vermochte er täglich stundenlange Spaziergänge auszuführen, so tüchtig und ausdauernd wie nur irgendein gesunder Mensch. Es gibt keine Krüppel mehr! sagten damals die Ärzte, die dieses Hilfswerk zustande gebracht hatten. Das war freilich ein Optimismus, wenn auch ein verständlicher, geboren aus der Freude an dem in so hohem Maße gelungenen Werk, aber doch ein Optimismus, denn kein noch so vollkommenes Ersatzglied kann den Wunderbau und die Funktionsfähigkeit des natürlichen Organs vollkommen ersetzen, was in besonderem Maße von der Hand gilt. Aber jener Optimismus trifft wenigstens insoweit zu, als er allen denen, die das Unglück hatten, eins ihrer gesunden Glieder zu verlieren, die trostvolle Gewißheit gibt, daß sie trotzdem nicht zu Hilflosigkeit und Untätigkeit verurteilt sind, selbst in den schwersten derartigen Fällen nicht, und er ist insoweit berechtigt, als das, was menschlicher Scharfsinn und menschlicher Erfindungsgeist an technischen Hilfsmitteln für solche Fälle zu schaffen verstanden haben, eine zwar nicht vollkommene, aber doch weitgehende Lösung des Problem des Gliederersatzes, vor allem auch des ungeheuer schwierigen und heute mehr als jemals wichtigen Problems der künstlichen Hand, in sich schließt.


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