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3. Der Streit um die Allmacht
Eine höchst logische Geschichte

Also der Willibald Achtelpfund war gestorben, und es muß gesagt werden – rückhaltlos – ein Guter war er nicht gewesen, beileibe nicht! Ganz gegenteilig, mancherlei erheblichen Anlaß zu gerechtem Ärgernis hatte er den wahrhaft Frommen zeit seines Erdenwallens gegeben. Meint ihr etwa, der hätte sich, als es noch Krieg war, mit den ihm von Amts und Rechts wegen zugestandenen Lebensmittelkarten zur Aufrechterhaltung seines genußsüchtigen Leibes begnügt? Daß ich nicht lache! Hintenherum gekauft hat er vielerlei mit hinterhältigem Geschick und dadurch viele andere, die weniger geschickt waren, in berechtigte Zorneswallungen versetzt. Und glaubt ihr, der hätte, als der Krieg aus war und dafür der Rundfunk eingeführt wurde, seine Antenne sogleich dem Postminister gemeldet? Schwarz gehört hat er, monatelang, unbezahlt und unbestraft! Und nehmt ihr wirklich an, er hätte sich in der Straßenbahn jedesmal, wie es doch in großen Druckbuchstaben weithin sichtbar angeschlagen ist, sogleich beim Schaffner zur Entgegennahme und Zahlung eines Fahrscheines gemeldet? Keineswegs hat er das immer getan, oftmals ist er unabgefertigt bis zu Ende gefahren, und es besteht der dringende Verdacht, daß das nicht gegen seine Absichten geschah. Und wie oft hat er beim Straßenübergang sein Sündenkonto beschwert, indem er statt in dem vorgeschriebenen rechten Winkel in einer völlig eigenmächtigen Kurve das andere Ufer erstrebte und selbst an den Straßenkreuzungen trotz der befehlenden Geste des Schupomannes den weißen Strich, der ihm den rechten Pfad weisen sollte, mißachtete! Und ob er wohl seine Steuererklärungen immer in Gott völlig wohlgefälliger Weise abgefaßt, nichts verschwiegen und nichts hinzugesetzt hat? Gewiß ist, daß er nur den Barbetrag, der ihm kraft seiner Gehaltgruppe zufloß, angegeben hat, weil man das nämlich sehr genau kontrollieren konnte; aber verschwiegen hat er manche Nebeneinnahmen, die er aus nichtamtlicher Anfertigung von Gedichten anläßlich Kindtaufen, Hochzeiten, Beerdigungen und sonstigen Trauerfällen bezog, und hinzugesetzt hat er, zu den Berufsunkosten nämlich, um die er die Besteuerung seiner Einnahmen zu mindern trachtete, mancherlei, was sich nicht kontrollieren ließ, sogar das Fahrgeld für die vielen Straßenbahnfahrten, wo er unabgefertigt bis zum Ende geblieben ist. Ich meine, es hat alles seine Grenzen! Willibald Achtelpfund aber hat sich gegen diese Grenzen oftmals in mehr als üblicher Weise vergangen. Ganz zu schweigen, daß er sich zu Lebzeiten darin gefiel, allerlei unerbauliche Bücher zu lesen, besonders solche von alten Philosophen, die sich Skeptiker oder Scholastiker nannten und darin allerlei bedenkliche Meinungen über Gott und die Welt äußerten. Dem Seelenheil ist das Lesen solcher Druckwerke nie förderlich gewesen, und wenn Willibald Achtelpfund sich durch die außeramtliche Beschäftigung mit solchen gedruckten Bedenklichkeiten verleiten ließ, seinen Witz selbst an den ehrwürdigsten Einrichtungen zu üben und sogar die gewissesten Dinge in Zweifel zu ziehen, so hat er damit sein unsterbliches Teil nur gefährdet.

War es da ein Wunder, daß nunmehr, nachdem Willibald Achtelpfund aus dem irdischen Dasein geschieden war, es um die Art seines jenseitigen Aufenthaltes, ob Hölle oder Himmel, sehr fraglich stand? Das war ihm selber gewiß, als er jetzt im Kreuzverhör vor dem Teufel stand. Denn es besteht in den jenseitigen Bezirken die Vorschrift, daß sich alle nicht ganz einwandfreien Neuankömmlinge zunächst einmal bei dem Höllenfürsten als Vorinstanz zu melden haben, und erst wenn hier die Untersuchung ergibt, daß sich der Prüfling doch nicht genügend Sündenschmalz angemästet habe, um erfolgreich im Fegefeuer schmoren zu können, wird er aus der höllischen Untersuchungshaft entlassen und darf dann sein Glück bei den himmlischen Behörden versuchen. Da mochte also Willibald Achtelpfund mehr Bedrückung empfinden als jemals bei seinem zweifelhaften irdischen Treiben, und ob er auch alle Listen und Ränke durchdachte, so wollte ihm doch nicht einfallen, wie er hier seine Seele mit Anstand und Erfolg für den Himmel salvieren könnte.

Nun und der Herr Urian selbst, wie er so die irdische Führungsliste, die ja bekanntlich für jeden Sterblichen, ohne daß er es merkt, schon bei seinen Lebzeiten von den jenseitigen Behörden geführt wird, durchsah, der lächelte da so recht teuflisch und meinte wohlwollend: »Na, Willibald Achtelpfund, ich glaube, du bist reif für mich und dürftest dich wohl für ein längeres Weekend so von einigen hunderttausend Jährchen in meiner Heißluftsiedlung einrichten!«

»Aber, Euer Hochwohlgeboren,« erwiderte Willibald Achtelpfund mit zaghafter Opposition, »ich meine, so schlimm ist es doch nun gerade nicht gewesen, und wegen dem bißchen da in meinen Ausweispapieren …«

»Ein bißchen, ich höre immer ein bißchen!« höhnte der Teufel. »Das nennen die Herrschaften immer ein bißchen, wenn sie von unten ankommen. Aber wir sind da zumeist sehr konträrer Meinung, und was hier über deine irdische Führung verzeichnet steht, das ist nicht ein bißchen, sondern ein bißchen viel, mein Lieber! Was meinst du denn, wie wir solche Gefräßigkeit beurteilen, die aus deinen vielfachen Zuwiderhandlungen gegen alle amtlichen Lebensmittelkartenverordnungen damals, als noch Krieg war, spricht?«

»Aber man wollte doch schließlich auch damals leben,« verteidigte sich Willibald Achtelpfund kleinlaut, »ich hätte ja wahr und wahrhaftig verhungern müssen, wenn ich mir nicht Zuschuß zu den Karten geschafft hätte.«

»Besser reinen Herzens verhungert, als sich hintenherum sattgegessen«, antwortete ihm streng der Teufel. »So haben es damals die wirklich Guten alle gehalten, ob Fürsten oder Kommerzienräte, und wenn du, wie ich dem Ausdruck deines Sündergesichtes wohl ansehe, diese Versicherung in Zweifel ziehst, so erwirbst du damit höchstens die Aussicht, daß für dich extra die Hölle noch um einige hundert Grad höher temperiert wird. Und was meinst du ferner zu den vielen unabgefertigten Fahrten auf der Straßenbahn? Hier sind alle verzeichnet, und es ist eine hübsche Strecke.«

»Ich bitte,« wandte Willibald Achtelpfund ein, »bei dem Gedränge in den Wagen, wo sie einem die Sachen vom Leibe reißen, da kann man sich oft nicht beim Schaffner melden, obschon man es will.«

»Faule Ausrede, wer will, der kann! Und das Schwarzhören beim Rundfunk, mein Lieber? Da war kein Gedränge!«

»Das freilich nicht,« meinte Willibald Achtelpfund, »aber die Damen und Herren, die da im Rundfunk ihre Sachen erzählen oder ihre Liedeln singen, haben nie dabei gesagt, daß sie dafür etwas bezahlt haben wollen, und da habe ich geglaubt, daß …«

»… das alles umsonst ist!« unterbrach ihn voller Spott der Beherrscher der Hölle. »Das glaubst du doch wohl selber nicht und ein anderer dir nur, wenn du ihn dafür weit über Tarif bezahlst. Aber da dir das Gegenteil nicht nachzuweisen ist, will ich das gelten lassen, und auch daß du an den Straßenkreuzungen so oft gegen den Strich gegangen bist, soll dir nicht weiter angekreidet werden, denn aus den Vorschriften der Verkehrspolizei wird selbst der Teufel nicht klug. Aber –« und hier grinste der Teufel so teuflisch, daß es schon nicht mehr schön war –, »aber nun, mein Bester, was sagst du denn wohl zu deinen ehemaligen Steuerangaben? Haben die etwa immer bis auf den letzten Pfennig gestimmt?«

Da wurde ja nun dem Willibald Achtelpfund schwül und heiß auch schon ohne Fegefeuer, kaum daß er die Entgegnung stottern konnte, sein Amtsgehalt habe er immer redlich angegeben, denn das hätte das Finanzamt ohnehin gekannt, und seine Nebeneinnahmen für die Gedichte – nun, da habe er doch angenommen, daß solche geistige Arbeit steuerfrei sei, wohingegen eine Tätigkeit als Magistratsbeamter, die ja keinerlei Geist erfordere, immer …«

»Keine posthume Vorspiegelung falscher Tatsachen«, unterbrach ihn aber voll Hohn und Heiterkeit der leibhaftige Satan. »Besteuert werden muß alles, ob mit oder ohne Geist. Nein, mein Lieber, ich wiederhole, du bist reif für die heiße Zone, und so bestimme ich denn kraft meiner Allmacht …«

Bei diesem Worte blitzte – im letzten Moment – dem Willibald Achtelpfund ein rettender Gedanke auf.

»Allmacht, Allmacht –«, echote er, »ich höre immer Allmacht!«

»Elender ehemaliger Erdenwurm!« schrie da der Teufel ergrimmt. »Willst du an meiner Allmacht zweifeln? Weißt du auch, daß ich dir für diese Vermessenheit die Hölle doppelt heizen lassen werde, und wenn ich das Dreifache an Koksvorschuß zu bezahlen hätte?« – Nichts konnte nämlich den Teufel mehr kränken, als wenn man ihm seine Allmacht bestritt, durch die er sich für ranggleich mit dem Herrn im Himmel wähnte. Daher seine Wut, wobei er zugleich intensiv mit den Augen rollte.

Aber Willibald Achtelpfund spielte va banque, und deswegen sagte er, zwar innerlich zitternd, aber äußerlich bestimmt: »Und dennoch behaupte ich, daß Euer Hochwohlgeboren nicht allmächtig sind. Das kann ich beweisen, und darauf gehe ich jede Wette ein!«

»Du mit mir wetten, du Schwarzhörer, du unabgefertigter Straßenbahnfahrer, du – du – –!« dem Teufel verschlug es beinahe die Stimme ob solcher Frechheit. »Du willst beweisen und wetten, daß ich nicht allmächtig bin?«

»Jawohl, will ich!« sagte Willibald Achtelpfund mit verzweifelter Entschiedenheit, und berechnend setzte er hinzu: »Mir scheint aber, daß Euer Hochwohlgeboren Bedenken tragen, die Wette anzunehmen.«

Der Teufel schwankte, ob er den Frechling sogleich beim Genick nehmen und ins Fegefeuer, dorthin, wo es am heißesten ist, spedieren oder die Wette wirklich annehmen sollte. Aber da sein kitzligster Punkt berührt war, entschied er sich für letzteres und sagte mit unheimlicher Ruhe: »Gut, wetten wir, der Ausgang ist mir nicht weiter schleierhaft! Also, du wettest, mir beweisen zu können, daß ich nicht allmächtig bin. Vermagst du den Beweis nicht zu führen, so nimmst du seelenlängliches Fegefeuer bei Höchsttemperatur und unter Verzicht auf jedwede Bewährungsfrist, die dir nach Ablauf der ersten hunderttausend Jahre bei guter Führung und dito Wohlverhalten immerhin zustände, auf dich. Einverstanden?«

Dem Willibald Achtelpfund wurde es um diesen Einsatz zwar etwas bange. Dann aber überlegte er, daß zwischen hunderttausend Jahren und seelenlänglich eigentlich kaum ein wesentlicher Unterschied sein dürfte, und sagte darum: »Einverstanden, ich halte die Wette, wenn Sie als Gegeneinsatz für den Fall, daß ich die Wette gewinne, auf meine fernere Anwesenheit in Ihren Territorien verzichten und mir das Visum nach den himmlischen Gefilden ausstellen.«

»Gemacht!« schrie der Teufel, der sich seiner Sache absolut sicher fühlte, und hielt seinen Pferdefuß hin, in den Willibald Achtelpfund mannhaft einschlug. »Und nun heraus mit deinem sogenannten Beweis,« fuhr der Teufel voll Hohn und Ungeduld fort, »und gnade dir meine Frau Urgroßmutter, wenn er dir nicht bis auf das I-Tüpfelchen gelingt!«

Da tat Willibald Achtelpfund einen tiefen Atemzug, soweit das für eine körperlose Seele noch angängig war, und sagte dann: »Also der Beweis wäre folgender: Wenn Sie, Herr Teufel, wirklich allmächtig sind, dann müssen Sie doch alles tun können, was Sie wollen oder was ich von Ihnen verlange, nicht wahr?«

»Selbstverständlich, mein Lieber,« antwortete der Teufel mit unterdrückter Heiterkeit, »kann ich und werde ich!«

»Dann müssen Sie also auch einen Stein schaffen können, so groß wie ich nur will«, fuhr Willibald Achtelpfund fort.

»Nichts leichter als das,« hohnlächelte der Teufel, »so groß, wie du willst, meinetwegen bis ans Ende der Welt oder noch darüber hinaus.«

Da legte Willibald Achtelpfund seinen Zeigefinger an die Nase und sagte mit Betonung: »Dann verlange ich als Zeichen Ihrer Allmacht, daß Sie einen Stein erschaffen, der so groß ist, daß Sie nicht darüberspringen können.«

»Mit denkbar größtem Vergnügen«, frohlockte der Teufel, murmelte eine Zauberformel, die so dunkel und rätselhaft klang wie die berühmte Reichsgerichtsentscheidung über den Begriff der Eisenbahn, und schon stand vor Willibald Achtelpfund ein Stein, der sich in unübersehbare Höhe erstreckte. »Voila, mein Lieber,« grinste der Teufel, »hier ist der Stein!«

»Ist der aber auch wirklich so groß, daß Sie nicht darüberspringen können?« fragte Willibald Achtelpfund.

»Auf Ehrenwort, das mir so heilig ist, wie der Katze der Schwanz«, beteuerte der Teufel feierlich und legte beschwörend den Pferdefuß ans Herz. »Über den Stein kann selbst ich nicht springen.«

»Wenn dem so ist, Herr Teufel,« sagte Willibald Achtelpfund, »dann sind Sie ja nicht allmächtig.«

»Hallo, was soll das heißen?« rief der Teufel erstaunt. »Hier steht der Stein, den du zum Zeichen meiner Allmacht von mir verlangt hast.«

»Aber allmächtig sind Sie darum doch nicht,« erwiderte Willibald Achtelpfund bedachtsam, »denn Sie können nicht alles tun, was Sie wollen, beispielsweise nicht über diesen Stein springen, wie Sie soeben selbst zugegeben haben. Also sind Sie nicht allmächtig.«

»O bitte, ich kann auch sofort einen Stein schaffen, über den ich springen kann«, wandte der Teufel ein.

»Das wäre dann aber nicht der Stein, den ich von Ihnen verlangt habe, denn der soll ja gerade so groß sein, daß Sie nicht darüberspringen können«, setzte Willibald Achtelpfund dem Teufel, der etwas schwer von Begriff war, kühl und sachlich auseinander. »Sie sehen also: wenn Sie über den Stein springen können, so ist das nicht das verlangte Allmachtszeichen; können Sie aber nicht über den Stein springen, so dokumentieren Sie damit einen Mangel an Sprungvermögen. In diesem wie in jenem Falle sind Sie also nicht allmächtig.«

»Teufel,« sagte der Teufel, »mir scheint, da bin ich 'reingefallen!« Und wie er die spitzfindige Logik seines Widerparts auch wandte und drehte, er konnte ihr nicht beikommen. Und daher sagte er schließlich mit Gefaßtheit: »Willibald Achtelpfund, du hast die Scholastiker, wie ich sehe, mit Erfolg studiert; die haben solche Schlußfolgerungen ausgeheckt und sollen darum von jetzt ab von mir noch mehr eingeheizt kriegen. Also ich habe dir mein Ehrenwort gegeben und werde meinen Kanzleisekretär Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim, auch einen von diesen infamen Scholastikern, der noch etliche Zehntausende von Jahren bei mir zu absolvieren hat, beauftragen, dir das Visum nach dem Himmel auszufertigen. Doch, apropos Himmel, da fällt mir ein: wenn es in der Hölle keine Allmacht gibt, dann kann es natürlich im Himmel auch keine geben! Stimmt's?«

»Die Logik gilt für Himmel und Hölle in gleicher Weise«, erwiderte Willibald Achtelpfund vorsichtig.

»Dann ist ja euer lieber Gott im Himmel, von dessen Allmacht immer soviel Wesens gemacht wird, auch nicht allmächtig«, rief der Teufel und wurde plötzlich wieder guter Laune. »Hurra, das wollen wir dem alten Herrn da oben doch gleich einmal zu Gemüte führen. Der hat immer noch viel bestimmter als ich behauptet, allmächtig zu sein; das gibt einen Hauptspaß. Komm, Willibald Achtelpfund, wollen mal gleich bei den himmlischen Herrschaften vorsprechen und ihnen deinen Beweis vorlegen. Was die dazu wohl sagen werden, hahaha!«

Damit packte er Willibald Achtelpfund, dem, so froh er war, der Hölle entrinnen zu können, bei den Absichten des Teufels doch keineswegs ganz geheuer war, beim Genick, murmelte abermals einen Zauberspruch, der so rätselhaft klang wie ein Gedicht von Christian Morgenstern, und im nächsten Augenblick hatten sie beide mit kosmischer Geschwindigkeit das Weltall bis zum andern Ende durcheilt und waren an der Himmelstür angelangt, wo der Teufel kräftig anklopfte. Petrus öffnete, und als er den Höllenfürsten erblickte, sagte er mehr erstaunt als erfreut: »Nanu, Herr Urian, Sie haben sich wohl in der Adresse geirrt? Sie wissen doch, daß hier für Sie permanenter Lokalschluß ist.«

Der Teufel aber ließ sich nicht abweisen. »Es handelt sich um dynastische Interessen von größter Wichtigkeit für Ihren Herrn«, sagte er, schob den verdutzten Himmelspförtner einfach beiseite, und gleich darauf stand er auch schon mit Willibald Achtelpfund vor Gottes Thron.

»Was verschafft mir das zweifelhafte Vergnügen, Eure Infernalische Majestät hier zu sehen?« fragte der liebe Gott, nachdem ihm der Teufel seine Reverenz erwiesen hatte.

»Ich fürchte, Eure Himmlische Majestät werden besagtes Vergnügen sogleich noch zweifelhafter finden, als soeben zart angedeutet wurde«, grinste der Teufel im Vorgefühl seines Triumphes überaus höhnisch. »Es handelt sich, kurz gesagt, darum, daß es mit Ihrer und leider auch mit meiner Allmacht zu Ende ist, wie mir dieser Schubbejack Willibald Achtelpfund unanfechtbar bewiesen hat. Es würde mich nun lebhaft interessieren, zu hören, wie Eure Himmlische Majestät mit diesem Beweis die bisher immer aufs entschiedenste betonte Annahme der Allmacht Eurer Majestät vereinbaren zu können glauben.«

Zu dieser Teufelsrede lächelte der liebe Gott nur milde und mitleidig und sagte dann gelassen: »Wollen Sie mir, bitte, den Beweis demonstrieren.«

»Das ist leicht geschehen, und ich bin erstaunt, daß Eure Himmlische Majestät den Beweis nicht schon selbst kennen, wo doch die himmlische Telegraphenagentur ständig die Meldung verbreitet, daß Eure Majestät allwissend seien«, höhnte der Teufel. »Also hier der Beweis, daß es keine Allmacht gibt, auch seitens Eurer Himmlischen Majestät nicht: Ich verlange als Zeichen Ihrer Allmacht, daß Sie mir einen Stein schaffen, der so groß ist, daß Sie nicht darüberspringen können. Wenn Sie einen solchen Stein nicht schaffen können, sind Sie nicht allmächtig; wenn Sie ihn schaffen, aber nicht darüberspringen können, sind Sie ebenfalls nicht allmächtig, nämlich wegen Mangels an Sprungvermögen. Also sind Sie weder in diesem noch in jenem Falle allmächtig. Voilà!« Voller Triumph und Bosheit wedelte der Teufel mit der Schwanzquaste, die er wie eine Schleppe über den Arm gelegt hatte.

Der liebe Gott aber lächelte nach dieser Rede des Teufels noch milder und freundlicher, daß unten auf der Erde gleich strahlender Sonnenschein aus allen Wolken brach, denn das Wetter auf Erden hängt immer davon ab, ob der Herrgott im Himmel heiter oder ernst gestimmt ist, was aber die Meteorologen und die Zeitungen auf der Erde nicht wissen, weswegen sie auch immer das falsche Wetter prophezeien. »Und damit glauben Sie also den Beweis geliefert zu haben, daß ich nicht allmächtig bin?« fragte der liebe Gott den Teufel sarkastisch.

»Können Sie den Beweis widerlegen? Ich nicht«, meinte dieser.

»Nun, letzteres möchte vielleicht nicht allzuviel besagen,« sagte dazu der liebe Gott. »Aber wir wollen einmal den Fall betrachten. Also Sie verlangen von mir zum Zeichen meiner Allmacht die Erschaffung eines Steines, der so groß ist, daß ich nicht darüberspringen kann. Und wenn ich dann nicht über den Stein springen kann, so legen Sie mir das als einen Mangel an Allmacht aus.«

»Sehr wohl, Eure Himmlische Majestät sind vollkommen im Bilde.«

»Ihre Forderung lautet mit etwas anderen Worten also: Ich soll über einen Stein springen können, über den ich nicht springen kann. Und nur wenn ich dieser Forderung nachzukommen vermag, würden Sie mich für wirklich allmächtig erklären. So ist es doch?«

Der Teufel mußte angestrengt nachdenken, denn Logik war gerade nicht seine starke Seite. Aber schließlich hatte er kapiert und erwiderte mit zustimmendem Nicken: »So ist es, in der Tat, und ich bin begierig, wie Sie diese sich selbst widersprechende Forderung …«

»Diese Forderung besteht also in Wirklichkeit aus zwei getrennten und sich anscheinend widersprechenden Forderungen«, unterbrach ihn jedoch der liebe Gott. »Erstens, ich soll über einen zu erschaffenden Stein springen können, zweitens, ich soll über denselben Stein nicht springen können. Auf diese Formel reduziert sich das Problem.«

»Das dürfte richtig sein«, stimmte nach abermaliger angestrengter Gedankenarbeit der Teufel zu.

»Nun kann ich jederzeit jeden beliebigen Stein erschaffen und darüberspringen, denn das ist ja für unsereinen weiter kein Kunststück«, fuhr der liebe Gott fort. »Damit wäre also die erste Forderung erfüllt.«

»Nun aber die zweite,« rief der Teufel hitzig, »jetzt sollen Sie über denselben Stein auch nicht springen können.«

»Sehr einfach! Ich kann auch über denselben Stein nicht springen.«

»Dann sind Sie nicht allmächtig,« triumphierte Herr Urian, »denn dieses Nichtkönnen bedeutet einen Mangel an Allmacht.«

»Da verwechseln aber Eure Infernalische Majestät wieder einmal ganz gehörig die Begriffe«, unterbrach ihn aber sehr gelassen der liebe Gott. »Ich sagte soeben: Ich kann auch über denselben Stein nicht springen. Das bedeutet und kann nach den Prämissen des Falles nur bedeuten: Ich habe die Macht, den Sprung zu unterlassen. Verneint ist in der zweiten Forderung nämlich nicht das Können, sondern das Springen.«

»Das geht über meinen Horizont«, gestand der Teufel.

»Auf größere Entfernungen scheint der dann gerade nicht eingerichtet zu sein«, meinte dazu der liebe Gott gemütlich. »Ich will Ihnen die Sache daher an einem Beispiel deutlicher zu machen suchen. Ein Mensch kann essen und er kann auch nicht essen, das heißt das Essen unterlassen, also hungern. Das Hungern kann man ihm doch nicht als Mangel an Fähigkeiten auslegen, sondern im Gegenteil gerade als Fähigkeit, von der mancher arme Teufel – entschuldigen Sie den Ausdruck! – mehr als ihm lieb ist, Gebrauch machen muß. Auf Erden lassen sich jetzt ja sogar manche Künstler die Tätigkeit des negativen Essens, also zu hungern, mit Geld bezahlen, und wie ich vernahm, sollen einige dieser Hungerkünstler bereits zu Eurer Infernalischen Majestät in läuternde Behandlung gekommen sein, weil sie trotz des Hungerns dicker wurden. Jedenfalls ist Ihnen klar, daß sich die beiden Fähigkeiten, nämlich zu essen und nicht zu essen, keinesfalls ausschließen. In analoger Weise erledigt sich auch das Problemchen, mit dem Eure Infernalische Majestät mir ein wenig voreilig meine Allmacht bestreiten zu können glaubten. Die Forderung, von der Sie annahmen, daß sie über meine Allmacht geht, hat in der ursprünglichen Form also lediglich die Bedeutung: Ich soll einen Stein erschaffen, der so groß ist, daß ich es unterlassen kann, darüberzuspringen! Das aber ist keinerlei logische Unmöglichkeit, sondern lediglich schlechtes Deutsch. Wo also wäre die Lücke meiner Allmacht?«

»Teufel!« sagte der Teufel nach abermaligem Gedankenwälzen, daß ihm schon der Schweiß von den Hörnern rann, »mir scheint, da bin ich wieder 'reingefallen.« Und ganz kleinlaut setzte er hinzu: »Dann wären wir also doch allmächtig.«

» Wir wäre wohl etwas zuviel gesagt,« meinte der liebe Gott mit feinem Lächeln, »denn Eure Infernalische Majestät haben nicht einmal die Macht gehabt, einen höchst einfachen Sophismus mittelalterlicher Weisheit zu durchschauen, was nach allen Regeln der Logik – und diesmal tatsächlich – einen Mangel an Allmacht in sich schließt. Wenn irgendwelche Menschlein da unten solche Sophismen aushecken und in ihrer Einfalt glauben, damit wunder was gesagt und bewiesen zu haben, nun, so sind das eben arme Teufel, die es nicht besser verstehen. Aber wer sich von solchen Spitzfindigkeiten bluffen läßt und sie für bare Münze nimmt, der scheint mir mehr ein dummer Teufel zu sein!«

Und dabei sah der liebe Gott den Teufel scharf und vielsagend an. In dem kochte es begreiflicherweise vor Wut, und er stotterte, daß solche Zweideutigkeiten doch nicht dem heiligen Orte entsprächen. Dabei fiel sein wutrollendes Auge auf Willibald Achtelpfund, und sein Blick heiterte sich auf: »Na, Willibald Achtelpfund,« sagte er höhnisch, »dann wäre es also nichts mit deinem Beweis, wie du soeben von einer unbestreitbaren Kapazität gehört hast. Dann hast du also deine Wette mit Glanz verloren, wie ich es dir gleich vorausgesagt habe, und du gehörst mir. Komm, mein Lieber, mein Oberheizer wartet schon auf dich!«

Was nun Willibald Achtelpfund anbetraf, so hatte er während der ganzen hier geführten Debatte zitternd und bebend an der untersten Thronesstufe gelegen und nicht gewagt, den streitenden Herren ins Gesicht zu sehen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte er mit seinem Sophismus, den er aus einem uralten Buche herausgelesen hatte, eigentlich nicht beabsichtigt, die Allmacht des lieben Herrgottes in Zweifel zu ziehen, sondern er wollte damit in dem Kreuzverhör mit dem Teufel sich nur aus der Patsche helfen, was ihm schon beinahe gelungen schien. Und nun sollte alles vergeblich gewesen sein? Schon fühlte er voller Kümmernis die böse Faust des Teufels wieder an seinem Genick.

Der liebe Gott hatte natürlich den ganzen Sachverhalt von Anfang an durchschaut, und da erbarmte er sich des zitternden Willibald Achtelpfund, hielt den Teufel, der, mit Willibald Achtelpfund unterm Arm, schon seine Reverenz zum Abschied machte, mit einem Blick zurück und sagte: »Eure Infernalische Majestät sind im Begriff, Ihre Kompetenzen zu überschreiten, was Wir nicht zugeben können. Sie haben den Willibald Achtelpfund einmal aus der Hölle entlassen, und wem das geschehen ist, der ist nach dem Reglement über die Behandlung irdischer Sünder nicht gehalten, ein zweites Mal in die Hölle zurückzukehren. Wir bestimmen daher, daß der Willibald Achtelpfund hierbleibe. Seine Konduite ist allerdings nicht die beste, aber der Mantel der christlichen Nächstenliebe ist nun einmal im Himmel herrschende Mode. Er soll hier geläutert werden. Bei Unserer für Zeit und Ewigkeit ausreichenden Verproviantierung mit Nektar und Ambrosia wird er nicht in Versuchung kommen, sich über seine himmlische Lebensmittelkarte einzudecken; den himmlischen Rundfunk mit täglichem Engelgesang hat er umsonst, und Straßenbahnen, auf denen er unabgefertigt fahren könnte, gibt es hier oben nicht, da die Engel ja bekanntermaßen fliegen können. Seine Steuererklärung aber soll mit Nachsicht geprüft werden, denn bei den Finanzämtern da unten ist auch nicht alles in Ordnung, und besser als die braucht ein steuerzahlender Erdenmensch auch nicht zu sein. Petrus soll sehen, aus dem Willibald Achtelpfund ein brauchbares Mitglied der himmlischen Gesellschaft zu machen. Habe die Ehre, Eure Infernalische Majestät!«

So ging dem Willibald Achtelpfund, der es nach seinem bedenklichen Lebenswandel doch eigentlich anders verdient hätte, seine Beschäftigung mit den spitzfindigen Scholastikern schließlich noch zum Guten aus. Ja, ja, die Zweifelhaften erlangen oft die größten Vorteile über die wahrhaft Guten und Frommen!


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