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Im ungeheuren Wirbel der Motoren braust das Flugzeug dahin. Jenseits im Osten, wo Meer und Himmel sich begegnen, liegt Einbruch der Nacht. Dort im Westen, wo die untergehende Sonne sich in rötlichen Farben verströmt, steigen die ersten Sterne empor – Sternbilder einer anderen Welt.
Nur noch wenige Stunden, und man sieht Kuba – Habana – nur ein wenig weiter, und das Karibische Meer tut sich auf. Südliche rote und blaue Sterne tanzen am Himmel, tönen und schwingen in diamantenem Reigen durch die Sphären.
Nur noch wenige Stunden, und unten liegen im Dämmern des erwachenden Tages die schneebedeckten Vulkane – liegen Ixtaccihuatl und Popocatepetl – glänzt der zweiundzwanzigtausend Fuß hohe Kegel des Orizaba.
Mythische, vorweltgewaltige, purpurne Gebirgsketten werden am Horizont erscheinen, und dann wird das Flugzeug niedergehen …
Noch ist es nicht gestartet, als Passagier in wenigen Tagen diesen Weg über den Ozean zu nehmen. Nur von zwei Piloten geführt, steuert dieses Wolkenschiff jener fernen Alten Welt zu, um wichtige – eilige Post zu vermitteln. Heute ist der Postsack fast leer. Es ist der 24. Dezember. Und um jene Tage liegt immer noch der Schimmer festlicher Zeit, die alles Geschäftliche unterdrückt.
Der Postsack schaukelt in der Gondel, und bei jeder Bö gleiten die Briefe durcheinander …
»Ich möchte, wir wären schon da«, sagt ein dicker gelber Brief, »ich habe es eilig.«
»Wir alle haben es eilig«, sagt der graue Umschlag vergrämt, »sonst lägen wir nicht hier.«
»Werden wir heute noch ausgetragen?« fragt leise ein weißer, der wie ein Privatbrief aussieht.
»Am Heiligen Abend – oh, wie sinnig«, spottet der gelbe.
»Wir werden heute noch alle befördert«, beruhigt ein anderer.
»Ich bin am wichtigsten«, sagt ein rötlicher Umschlag mit vielen Stempeln, »ich bin ein Kominter – ich frage an, ob man Trotzki Asylrecht in Mexiko gewähren will.«
»Oh«, sagt ein brauner Umschlag erschrocken, »Asylrecht für Trotzki? Also ist es doch wahr, daß Mexiko kommunistisch ist?«
»Das Volk wünscht dies nicht«, sagt eine andere Stimme, »das Volk will dies nicht – es will …«
»Was will es denn?« fragt der Graue verstimmt.
»Es will sich von der Herrschaft der weißen Rasse befreien – von der christlichen Religion – von fremdem Einfluß. Die roten Männer wollen ihre Erde. Die Tage der Weißen sind gezählt …«
»Die Tage der Weißen sind gezählt?« fragt scheu ein grüner Umschlag, »dann sollte ich mich nicht um die Kaffeernte bemühen.«
»Ach, Geschäfte – wie langweilig«, seufzt eine Stimme.
»Geschäfte sind viel wichtiger als alles andere«, sagt ein harter Umschlag. »Ich bin Exporteur!«
»Ich bin ein Liebesbrief«, sagt der weiße Umschlag sehr stolz.
»Ein Liebesbrief – ein Liebesbrief – ach, wie romantisch«, höhnt eine Stimme.
»Hunger und Liebe«, sagt die leise Stimme gekränkt, »sind die Triebfedern der Erde. – Das sagte schon Napoleon.«
»Ach, Napoleon«, lächelt geringschätzig der dicke Gelbe … »Napoleon – was ist jetzt Napoleon. Denk an Kaiser Maximilian – auch er war von Napoleons Gnaden und wurde doch von Juarez, einem Indianer, erschossen.«
»Mein Liebesbrief klingt wie ein Lied«, wagt der weiße Umschlag sich von neuem zu behaupten.
»Liebesbriefe sind unmodern«, sagt mit gekränkter Stimme der graue.
»Aber schön sind sie doch«, lächelt versonnen der weiße. »Hört: ein Mann hat seine Frau geliebt und sich dann eine Geliebte genommen und glaubte, die, die seinem Herzen nah, nicht mehr zu lieben.«
»Das kommt alle Tage vor«, wirft einer gelangweilt ein.
»Ja, schon – bis eines Tages …«
»Bis eines Tages?« fragt neugierig der Blaue – auch der Gelbe ist jetzt ganz Ohr, und der graue Umschlag drängt sich vor …
»Bis eines Tages das Mädchen etwas Häßliches – Abfälliges über die Frau sagt …«
»Wie unklug«, ruft der dicke Gelbe.
»Lies vor«, bittet der Blaue.
Der rote Umschlag aus der Sowjetunion hat sich zurückgezogen …
Und der weiße zieht einen Bogen hervor und liest: »Ach, Conny – meine Conny, und sieh – als Elena es wagte, etwas Abfälliges über Dich zu sagen, da sah ich plötzlich klar – da war es, als ob ich aus einem wirren, wüsten Traum erwachte. Man darf alles tun, aber nichts Häßliches über Dich sagen. Und nun noch darüber, daß Du Mutter wurdest – und ich nun wohl nicht anders konnte, als – ach, Conny – ich hätte Elena schlagen können. Ich habe immer gedacht, daß Elena klug sei. Aber ihr fehlt doch wohl die Klugheit des Herzens, die Du stets besessen hast, sonst hätte sie das nicht getan. Ach, Conny Du bist Du. – Ich weiß, daß Dein Herz mir verzeiht. – Ich weiß, daß Du wieder zu mir kommst – Nicht wahr, Du kommst – kommst bald!« …
Aber der weiße Umschlag hob sich empor, so daß alle ihn hören konnten, und sagte: »Und dann steht auf einer ganzen Seite nichts weiter als komm – komm – komm …«
Und die Worte wurden begleitet vom Brausen der Motoren, die da sangen: komm – komm – komm –.
In diesem Augenblick sah man Silhouetten von Palmen – weiße schäumende Brandung – ein grünes Meer. Sah man die Küste einer anderen Welt.
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