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Constanze erinnerte sich, daß ein bekannter Reiseschriftsteller, der den ganzen Erdball kannte, gesagt hatte, der Anblick New Yorks wirke als eines der imposantesten, überwältigendsten Weltwunder. Sie hatte, nicht ahnend, daß ihr jemals dieser Anblick beschieden sein würde, doch jene Worte behalten. Und sie tauchten in jenen Stunden auf, als dies Weltwunder ihr nach achttägiger Seefahrt wie eine Fata Morgana, wie ein Märchen des zwanzigsten Jahrhunderts aus den Wellen entgegenstieg.
Sie stand vorn am Bug, während die Hafenpolizei, die Paßkontrolle und die Einwanderungsbehörde Pässe, Ausweise und Fragebogen prüfte.
Es dauerte stundenlang, bis sie endlich als eine der letzten der Touristenklasse die Schiffstreppe zu der großen Halle hinabging. – Aber Betty war nicht da.
Es zeigte sich schon in der ersten Stunde ihres Aufenthaltes in New York, daß eine Reise nach einem anderen Erdteil, in dem sie außer Betty niemand kannte, angesichts ihrer geringen Barmittel zu einem Abenteuer werden konnte, wenn unvorhergesehene Ereignisse eintraten, – einem Abenteuer, das Constanze nicht gesucht hatte, und dem sie, arglos und unerfahren, nie und nimmer gewachsen war.
Sie hatte seit fast einem Jahr nichts von der Freundin gehört, die tapfer und hoffnungsvoll in der Inflationszeit hinübergegangen war. Die Briefe waren in den letzten Jahren lakonisch, knapp, müde gewesen. Constanze hatte ihr eilig auf einer Karte mitgeteilt, daß sie über New York nach Mexiko fahre und daß sie mit dem Schiff am 30. September eintreffen werde.
Ein Mann, klein, untersetzt, in einem grauen Mantel, beobachtete sie. Er stand am Ende der Schiffstreppe, als die Reisenden herabkamen. Constanze setzte sich auf eine Orangenkiste und wartete. Es war sicher richtig, daß sie wartete. Betty konnte sich verspätet haben.
»Erwarten Sie jemand?« fragte der Mann. Er kam näher und sprach deutsch.
»Ja –«, sagte Constanze. Es klang ablehnend.
»Wenn man Sie verfehlt hat, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung«, sagte der Mann und blieb neben ihr stehen.
»Danke«, sagte Constanze. Es klang: nein. –
Es waren nun keine Reisenden mehr in der großen Halle. Männer mit blauen Mützen luden Koffer und Kisten auf und rollten sie an ihr vorbei.
»Es ist das beste – wirklich, ich bringe Sie zu Ihren Freunden«, sagte der Mann wieder freundlich. »Sie brauchen sich nicht vor mir zu ängstigen«, setzte er hinzu und lächelte.
Constanze schämte sich, daß er sie durchschaut hatte, und blieb noch immer unschlüssig sitzen.
»Das tue ich auch nicht«, sagte sie unsicher.
»Ich bin Deutscher«, sagte der Mann wieder in seiner ruhigen Art, »schon seit achtzehn Jahren hier – und – und –« Er schwieg.
Constanze sah ihn an. Er war nett und sorgfältig gekleidet, nicht einmal ärmlich. Er hatte ein blasses, breites Gesicht mit kleinen, klugen Augen.
»Sie werden es nicht verstehen«, nahm er das Gespräch wieder auf, »ich komme um diese Zeit öfters hier vorbei, und wenn ich weiß, ein deutsches Schiff kommt von drüben –«, er schwieg einen Augenblick, als ob er sich schämte – »dann geh' ich hierher und sehe, wie die Deutschen ankommen. Und manches Mal frage ich sie, wie es da drüben steht; es hat sich doch soviel, sehr viel verändert …«
Es kam so schlicht, so überzeugend, es enthüllte soviel – Constanze war entwaffnet.
»Heimweh?« fragte sie sanft.
»Ja – Heimweh – – –«
»Bitte raten Sie mir«, sagte Constanze und hatte plötzlich die absolute Gewißheit, daß das kein Gangster, kein Schwindler war, »nennen Sie mir ein kleines sauberes Hotel in der Nähe der Zentralstation, von der ich morgen weiterfahre, falls ich meine Freundin nicht treffe.«
»Natürlich sehr billig?« fragte er und bückte sich nach dem Koffer.
»Ja.« Sie war glücklich, daß er es erriet. »Aber bitte, holen Sie einen Träger.«
»Unsinn«, sagte er, aber es klang herzlich, »wir können zu Fuß gehen.«
Sie ging neben ihm her. Es war ihr peinlich, daß er ihre Koffer trug, aber er war nicht davon abzubringen, und sie berichtete ihm von ihrer Reise.
Das kleine Hotel erwies sich als das, was sie suchte. Einen Dollar – herrlich, daß es so etwas gibt! dachte Constanze, als sie sich wusch.
Unten stand Fritz Müller – ob das wirklich sein Name war? – und wartete. Er stand dort und unterhielt sich mit einem Neger, der den Schuhputzkasten unter dem Arm hielt.
»Das ist eine böse Gegend, wo Ihre Freundin wohnt«, sagte er zu Constanze, als sie auf der Straße waren.
»So?« – Constanze war ganz erschrocken, »ich fürchte, es geht ihr nicht gut –«
»Miserabel wird es ihr gehen«, sagte ihr Begleiter hart, die Situation übersehend …
»Sie sind nicht gern hier in New York?« fragte sie.
»Ach, das kann ich nicht einmal sagen.«
»Aber Sie haben doch Heimweh?« meinte sie freundlich.
»Ja – das schon –« Es kam zögernd.
»Und beruflich – zufrieden?« warf sie ein.
»Ach, das ist eine lange Geschichte. Schauen Sie – man kommt hier herüber – Amerika – Amerika heißt es – – man sieht Gold bei dem Worte, nicht wahr? Lächeln Sie nicht, meine Dame, es ist so eine verteufelt bittere Sache. Sie wissen doch: der gute Onkel aus Amerika! Er kommt eines Tages zurück. Man hat ihn – vielleicht wegen einer Dummheit, einer Bagatelle – als jungen Mann in der Heimat fallen lassen, und da ist er ausgewandert. Die alte, ewig neue Geschichte. Und der Junge geht hinüber und denkt: wenn ich es nicht schaffe, wer dann … Aber sehen Sie sich um, wir sind in der 5. Avenue. Ist das nicht ein herrlicher Anblick! Diese phantastischen Wolkenkratzer, diese Eleganz, diese Wagen, diese Läden – ja, das ist das eine Gesicht New Yorks, und das andere, von dem hört man nichts. Das ist wohl die Gegend, wo Ihre Freundin lebt …«
Constanze fröstelte …
»Nun, und da hungert man sich also durch … Man schippt Schnee bei zweiunddreißig Grad Kälte, man putzt Fenster im sechzigsten oder achtzigsten Stockwerk, angeschnallt mit einem Gurt, nachts, ja nachts, man sieht unten, tief unten Lichter – man sieht Ameisen und sagt sich: das sind Menschen und über einem blinken die Sterne, und man sagt sich: da ist kein Gott. – Und dann steht man im Schuppen – im dunklen, naßkalten Schuppen, und hat Hunger und packt Nachttöpfe aus – einige Tausend Nachttöpfe – nein, lachen Sie nicht – verzeihen Sie, daß ich das alles so erzähle, aber Sie wollen doch die Wirklichkeit sehen. – Ja, und dann eines Tages lernt man einen Mann kennen – einen Kanadier, einen Kerl wie einen Goliath. Und wir sitzen da unten in einer Hafenkneipe bei einem Whisky … Wissen Sie, man lernt das bald, mit dem Whisky – man weiß, wieviel man trinken muß, um zu vergessen. – – Und wir haben doch alle etwas zu vergessen – wir haben doch alle etwas, was weh tut – – nicht wahr?«
»Ja«, sagte Constanze tonlos.
»So – nun müssen wir eine ganze Strecke mit dem Bus fahren – und dann mit der Untergrundbahn. Da können wir nicht reden, aber dann erzähl' ich Ihnen weiter …«
Ohrenbetäubender Lärm, – der Lärm – das Brausen einer Dreizehnmillionenstadt schlägt in ekstatischem Wirbel an ihr Ohr, umfängt sie mit atemberaubendem Tempo. Man steht eingekeilt zwischen Menschen, man läuft unterirdische Gänge hindurch, Züge brausen an einem vorbei und versinken im dunklen Rachen, man schiebt sich durch Tunnel, wird geschoben, rennt, ruft, versteht nichts, sitzt in der zweiten Klasse der Untergrund – Neger – überall Neger, angeputzt – grell, hart, laut, in bösen, schrillen Farben.
»Wir steigen kurz vor Harlem aus«, schreit Fritz Müller ihr ins Ohr, der enggedrückt neben ihr sitzt. »Harlem ist der Negerstadtteil mit ungefähr einer halben Million Neger.«
Constanze nickt nur noch … Also das ist auch New York, überlegt sie und ist ganz unglücklich, wenn sie an Betty denkt.
»So, – da sind wir«, sagt ihr Begleiter.
Vor drei Stunden hatte sie ihn noch nicht gekannt, und nun ist sie richtig froh, wenn sie in sein Gesicht sieht. Er ist beileibe nicht schön, im Gegenteil, er hat ein weißes, etwas aufgeschwemmtes Gesicht, wie es Leute haben, die nachts viel arbeiten, eine zu kleine Nase und zu kleine schwarze Augen. Eigentlich so gescheite kleine dunkle Augen wie ein Elefant, denkt Constanze und muß über ihren Vergleich lächeln. Er sieht aber wirklich vertrauenerweckend aus. Constanze weiß, daß sie sich nur auf etwas verlassen kann, und das ist ihr Instinkt, der sehr wach, sehr unverdorben, sehr sicher ist – der sie noch nie im Stich gelassen hat.
Alle Häuser dieser Straße haben eine häßliche rote Backsteinfassade. Alle Häuser haben dasselbe Treppengeländer an den acht Stufen, die in das Haus hinaufführen. Fritz Müller geht voran. Ein Neger sitzt auf dem Geländer und läßt die Beine baumeln. Er wippt mit einem roten Pantoffel. Constanze hört, wie Fritz Müller nach Betty fragt, Betty Scheunemann. –
»Es gibt hier keine Betty Scheunemann«, sagt er, als er herauskommt. »Haben Sie auch die richtige Adresse?«
Constanze zieht gleich zwei Briefe aus ihrer Tasche, die sie Fritz Müller reicht. Der schüttelt den Kopf. »Die Adresse stimmt«, sagt er nur. Es klingt sehr kurz.
»Vielleicht ist sie verzogen«, sagt Constanze hastig und schöpft neuen Mut. Dies alles ist ja wie ein böser Traum.
»Es gibt hier keine Meldepflicht, hier in den Staaten kann man untertauchen«, sagt Fritz Müller. Er hat die Lippen aufeinandergepreßt und steckt beide Hände in die Taschen: »Wir können also gehen.«
»Gehen?«
»Ja – da kann man nichts machen. Ich bringe Sie zurück in Ihr Hotel …«
»Master – Master –« hörte Constanze hinter sich herrufen. Sie sind schon einige Schritte gegangen und bleiben stehen. Eine unwahrscheinlich dicke, alte Negerin kommt hinter ihnen hergekeucht. Sie trägt einen grasgrünen Rock und eine gelbe Bluse. Das weiße Wollhaar ist mit einem roten Seidenfetzen umwickelt. Constanze versteht nicht ganz, was sie da Fritz Müller erzählt, es ist ein böses, hartes, zerbrochenes Englisch: »Master fragen nach Scheunemann. Ich nicht kenne das Namen. – Aber Sie suchen deutsches Mädchen? Groß, rote Haare – ganz rot, tomatenrot? …«
»Nein –« unterbricht Constanze fast böse. »Betty ist groß, blond, fast weißblond wie ich – Friesentyp.«
»Ich nicht verstehe das Lady«, sagt die Negerin geringschätzig und rollt die großen Augen.
»Erzählen Sie weiter«, sagt Fritz Müller. Er wirkt jetzt wie ein Kriminalbeamter. Er ist betont ruhig.
»Ja, Master, hier gelebt hat deutsche Frau – rote Haare – sehr traurig – vor kurzer Zeit – Gashahn – tot …«
Mit theatralischer Gebärde will die Negerin weitere Einzelheiten geben.
»Danke«, sagt Fritz Müller sehr freundlich, »danke, es ist sicher eine andere Frau als die, die wir suchen.«
»An das deutsche Lady ist kommen noch einen Brief – wenn Sie sehen wollen das Name?«
»Ja«, sagt Fritz Müller und horcht auf. »Haben Sie diesen Brief?«
Aber die Negerin antwortet nicht, sondern stürzt schon davon, so schnell es ihre Fülle erlaubt. Es dauert sehr lange, bis sie aus dem Erdgeschoß keuchend wieder emportaucht … Erst sieht man das rote Tuch, dann die gelbe Bluse, zuletzt den grünen Rock. Sie schwenkt mit wilder Gebärde wie eine Kriegstrophäe eine Karte, auf die Fritz Müller einen kurzen Blick wirft.
»Hier«, sagt er – und es schwingt sehr viel Mitgefühl in diesem Wort: »Hier, gnädige Frau, haben Sie Ihre Karte.«
»Ich lasse Sie heute nicht allein«, sagte Fritz Müller. Er war plötzlich gar kein fremder Mann mehr, sondern wie ein Bruder, der ihr helfen wollte. Und Constanze dachte nur: Gut, daß er da ist – gut, daß er da ist.
»Betty ging nach New York – vor sechzehn Jahren – ein frisches, starkes Geschöpf«, sagte Constanze, »es war Inflation, sieben Geschwister – große Not im Haus, viele Deutsche gingen damals hinüber.«
»Sie brauchen mir das nicht zu erzählen«, sagte Fritz Müller, »Was habe ich Ihnen gesagt, gnädige Frau, das ist das andere Gesicht Amerikas.«
Wirklich, es war ein Glück, daß Fritz Müller sich ihrer annahm.
»Erst trinken wir einmal Kaffee und nehmen einen Imbiß, und dann werden wir weitersehen«, sagte er. Er hatte jetzt fast einen väterlichen Ton, als er die Tür zu einer Caféteria aufstieß.
»So – also nehmen Sie ein Tablett – das ist typisch amerikanisch – und gehen Sie an dem endlos langen, eingezäunten Büfett vorbei und nehmen Sie sich von den Erfrischungen, was Sie haben wollen.«
»Aber –«
»Nichts aber, Sie werden selbst sehen.«
Constanze belud ihr Tablett mit einigen erfrischenden Sachen – Obstsalat – Kaffee – einige Sandwiches – Appetit hatte sie nicht – und stellte alles auf ihr Tablett. Und dann mußte sie durch eine Sperre hindurch wie auf den Bahnhöfen, und ehe sie es sich versah, hatte die Kellnerin den Preis der Speisen addiert und legte ihr eine Aufrechnung auf das Tablett. Und auf der anderen Seite war eine gleiche Sperre, wo man ihr das Geld abnahm.
»Praktisch – nicht wahr?«
»Fabelhaft«, sagte Constanze überrascht. »Keine Kellner – keine Bedienung – alles am rollenden Band.«
»Ja –« sagte Fritz Müller bitter, »und die Kehrseite – die Arbeitslosen.«
Constanze schwieg betroffen.
Man fuhr denselben Weg zurück, immer in diesem brausenden, sich überstürzenden Lärm, immer unter diesen jagenden, hastenden Menschen, die wie eilende Wogen sie umbrandeten. Dann stieg Fritz Müller aus und Constanze folgte.
»Ich kann Ihnen heute keine sogenannten Sehenswürdigkeiten zeigen, dazu ist es zu spät. Aber auf Ihrer Rückkehr von Mexiko – Sie müssen mir rechtzeitig schreiben – dann mache ich mich frei, soweit ich kann und gebe Ihnen ein kleines Bild dieser einzigartigen Stadt.«
»Das wäre schön«, sagte Constanze dankbar.
»Ja, dann sollen Sie die Lichtseiten sehen, das Leben der oberen Zehntausend, die Museen, den indischen Schmuck, von dem Sie sprachen, die Privatsammlungen, – ich habe einen Bekannten, der mir das vermittelt … Jetzt will ich noch etwas mit Ihnen durch die Straßen wandern und Ihnen dies und jenes zeigen, was Sie interessieren wird.«
»Herr Müller«, sagte Constanze plötzlich und blieb stehen … »verstehen sie mich recht – glauben Sie, daß ich heute noch weiterreisen kann? Nach meinem Erlebnis mit Betty – nicht wahr – Sie verstehen – diese Stadt erwürgt mich jetzt …«
»Der Zug fährt um 11.04 Uhr nach Chikago, dort umsteigen via Kansas City«, sagte Fritz Müller, der aus einer Telephonzelle kam.
»Also, Sie können heute nacht schon weiterfahren.« –
Constanze atmete auf. Das Erlebnis, die Erschütterung war noch zu frisch – sie wollte weiter.
»Sie dürfen mich aber jetzt nicht mehr begleiten«, sagte Constanze. »Ich nehme Sie unausgesetzt in Anspruch – das bedrückt mich schon.«
»Sie wollen mich also abschieben«, lachte Fritz Müller freundlich.
»Wie können Sie das denken! – Aber seit drei Uhr, als ich ankam, sind Sie um mich bemüht.«
»Ich tue das nur allzugern«, sagte er. »Sie wissen ja gar nicht, wie ich mich freue, einer deutschen Frau behilflich zu sein. Jeder, der hier lebt, weiß, was es heißt, einer helfenden Hand zu begegnen …«
»Das habe ich schon in einem halben Tage gelernt«, sagte Constanze ernst.
In der letzten Stunde, da Constanze vor Abgang ihres Zuges mit ihrem getreuen Begleiter zusammensaß, beendete er seine Lebensgeschichte: »Ja«, sagte er, »und da traf ich also jenen Kanadier. Und als wir beide voll waren – verzeihen Sie, gnädige Frau – aber so war es – erzählte er mir, wer er sei. ›Ja, Junge‹, sagte er, ›also ich schnalle sie immer fest, auf den elektrischen Stuhl, manches Mal muß ich Gewalt anwenden – – – und dann drücke ich auf den elektrischen Knopf und schalte den Strom ein‹ –
›Wie ist denn das?‹ – frage ich entsetzt.
›Oh‹, sagt er, ›Junge, das ist nicht so schlimm – sie sind gleich betäubt, aber der elektrische Strom muß so lange eingeschaltet bleiben, bis ihr Fleisch raucht und dampft.‹
›Hör auf‹, schrei ich, ›das ist ja furchtbar, so etwas ansehen müssen. – Hast du das schon oft mitgemacht?‹
›Ach‹, sagt der Kerl und setzte sich so breit und wichtig hin und lacht, weiß der Himmel und lacht: ›Ich hab mir noch keine Hinrichtung entgehen lassen, und am nächsten Montag, da sind es gleich drei, ein Bauernbursche aus Texas – ein Neger – und ein Irländer.‹
Ich sitze ganz benommen da und – da kommt mir eine Eingebung – aus dem Hunger und dem Whisky geboren: ›Bruder‹, sage ich – ja, Bruder sag ich zu solchem Vieh, ›wenn du mich da als Reporter einschmuggelst – ich geb dir fünfzig Dollar!‹ Ich besaß keine fünf!
›Gemacht‹, sagt der Kerl und schlägt mir auf die Schulter, daß ich denke, es haut mich hin: ›Also Montag, pünktlich 10 Uhr‹ –«
Constanze sitzt atemlos. Sie möchte sagen: nicht weiter, nicht weiter, aber sie wagt es nicht. Sie fühlt, der Mann vor ihr muß sich befreien, ist froh, daß er mal seinem Herzen Luft machen kann …
»Gut«, fährt Fritz Müller fort, »also am Montag um 10 Uhr bin ich da. Ich habe die Zähne zusammengebissen, als ob ich selbst auf den Stuhl müßte. Ja, und dann hat sich alles so abgespielt, wie der Kerl sagte; aber das Fürchterlichste war – waren die Augenblicke, ehe der Strom eingeschaltet wurde. Der Bauernbursche ist noch ein junges Kerlchen gewesen, ein richtiges Kindergesicht, obgleich er die Altersgrenze erreicht hatte. Ein Junge, dem man beileibe keinen Raubmord zutrauen würde, und er hat die letzten Augenblicke geweint und geschluchzt wie ein Kind und dann geschrien: Mutter – Mutter, daß ich es bis zum Jüngsten Tage hören werde. Und der Neger ist niedergekniet und hat gefleht – und als es nichts nützte, hat er gebetet – und immer wieder das Kruzifix geküßt, das er verkrampft in der Hand hielt bis zuletzt. – Und der lrländer, ein schöner Kerl mit rotem Haar, hat nur einen fürchterlichen Fluch ausgestoßen und hat sich ruhig packen lassen –
Ich bin dann hinausgestürmt und habe dies Erlebnis niedergeschrieben, dieses Sterben jener drei Männer. Und dann bin ich zu einer großen Zeitung gerannt und habe den Artikel angeboten. Und es war mir, als ob ich eine Todsünde beginge, daß ich mit der Todesnot der drei Hingerichteten mein Brot verdiene. Und der Redakteur hat gesagt: Sie schreiben vorzüglich – ganz bildhaft – man möchte denken, Sie haben das nicht nur miterlebt, sondern als seien Sie selbst daran gestorben, und hat mir hundert Dollar gegeben und gefragt, ob ich Reporter bei ihm werden will. Ja, gnädige Frau, so ist es – – so bin ich Reporter geworden.«