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23

Eines Abends, als Constanze etwas verspätet und reichlich müde aus Cholula kam, jenem Ort mit den 364 Kirchen, die zum Teil auf Pyramiden gebaut waren und die in ihrer Verlassenheit und ihrem Verfall immer dasselbe predigten, empfing Marianne sie mit der Nachricht, daß abends einige Gäste erwartet würden. Sie würden darum jetzt nicht zu Abend speisen, denn später, wenn die Gäste da waren, würde man kleine Erfrischungen in den Räumen im Zwischenstock reichen, die Reinhardts Sammlungen bargen. Auch wollte Reinhardt den Gästen zu Ehren seinen Film vorführen, den er vor einem halben Jahre in Cichen Itza aufgenommen hatte.

»Wer kommt?« rief Constanze vom Badezimmer aus in das Nebenzimmer, wo Marianne das Kleine zu Bett brachte.

»Otto mußte vor allem seine frühere Schülerin Dorothy Tompson vom Field-Museum in Chikago bitten. Sie ist Archäologin und zur Zeit hier. Dann kommt noch ein Dreigespann, eine französische Journalistin, die mit einem deutschen Filmmann durch Mexiko reist, begleitet von einem jungen Amerikaner. Letzterer ist der Geldgeber. Der Deutsche dreht einen Film, und Mme. Lengé schickt ihre Berichte an eine französische Zeitung. Und dann – ja, Frau Constanze, das wird Sie interessieren, kommt noch Juarez des Gonzales.«

»Der berühmte Maler?«

»Ja, von dem die Fresken im Patio des Kultusministeriums und des Justizpalastes stammen.«

»Oh, das interessiert mich sehr«, sagte Constanze lebhaft. Sie sprach immer noch durch die geöffnete Tür, während sie sich wusch und umkleidete.

Als sie herunterkam, waren die Gäste schon fast alle da, und wie es in den Tropen zumeist der Fall ist, hatte Reinhardt im letzten Augenblick noch einige andere Bekannte mitgebracht, von denen er annahm, daß sie an seinem Film Interesse hätten: einen Amerikaner, Direktor der Silbermine von Pachuca, einen Engländer, der bei der Standard Oil Company angestellt war, und dessen Frau, die typische Amerikanerin des mittleren Westens, blaß, rotblond, mit blauen Puppenaugen und betont jugendlich. Sie sprach gerade sehr eindringlich auf einen kleinen dunklen Herrn ein, der sich bemühte, höflich zu erscheinen.

»Señor des Gonzales«, sagte sie, und der unvermeidliche Akzent des Middle-West tat Constanze geradezu weh, »Señor des Gonzales, ich bin entzückt, Sie kennenzulernen, aber – ich muß Ihnen ehrlich gestehen – Ihre Bilder, Ihre Bilder … Nicht wahr, Sie sind Kommunist, ich bin entsetzt, wie Sie …«

»Um Gottes willen«, sagte Marianne leise zu Constanze, »da muß ich eingreifen. Mrs. Bulkely ist so taktlos und ungebildet, daß sie …«

Und Marianne, die die Behendigkeit ihres zierlichen Ganges trotz ihres Zustandes nicht verloren hatte, stand plötzlich zwischen der aufgeregten Amerikanerin und dem dunkelfarbigen Mann, und Constanze bewunderte, wie geschickt die kleine Frau das Gesprächsthema abbog.

Unterdessen hatte Reinhardt seinen Filmvorführungsapparat gerichtet. Mrs. Tompson, eine ungewöhnlich sympathische schlanke Frau, ging ihm zur Hand. Einige Gäste standen vor den Vitrinen und besahen seine Sammlungen.

Die Dienerinnen stellten kleine Tische auf und reichten Salate, Sandwiches und Getränke.

Constanze kannte die Ausgrabungen und persönlichen Sammlungen Reinhardts, die sie oft besichtigt hatte, blieb aber, wie stets von neuem gebannt, vor der Reihe Yivaros stehen.

Unterdessen trat Reinhardt auch mit Alice Tompson vor den Schrank, in dem jene winzigen ausgestopften Menschenköpfe standen, die die Archäologin mit größtem Interesse betrachtete.

»Ich habe noch nie Yivaros gesehen«, sagte sie zu Reinhardt, »welches Verfahren wenden die Indios eigentlich an, um die Köpfe in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten?«

»Das ist ganz einfach«, erklärte Reinhardt, »sie schneiden ihren Feinden den Kopf ab, öffnen den Schädel am Hinterkopf und nehmen sämtliche Knochen und Weichteile heraus, so daß nur die Haut mit dem Haar bleibt. Dann füllen sie diese mit heißem Sand, nähen sie wieder zu und legen sie in die Wüste. Bei der trockenen Luft und der Hitze in dieser Höhe schrumpfen die Kopfhäute so zusammen, daß sie nun wie kleine Puppenköpfe wirken.«

»Nicht wahr – schaurig?« meinte Constanze, die neben Mrs. Tompson stand, »besonders, da das natürliche Haar in seiner ursprünglichen Fülle geblieben ist und nun wie eine Riesenmähne um das Köpfchen hängt.«

»Ach – und hier neben diesen Neger- und Indianerköpfen der Kopf einer weißen Frau! Man erkennt es nur an der silberblonden Haarfülle«, rief die Archäologin entsetzt.

»Ja«, sagte Reinhardt, »immer wenn ich dies Köpfchen betrachte, fragte ich mich auch, was mag dieser Frau widerfahren sein, bis sie zu einem Yivaro wurde.«

Constanze schauderte. Nie konnte sie diesen Kopf betrachten, ohne daß ihre lebhafte Phantasie alle Marter empfand, durch die jene weiße Frau gegangen sein mochte.

Doch in diesem Augenblick bemerkte sie, daß Marianne sie mit den Augen herbei winkte.

»Señor des Gonzales möchte Ihnen vorgestellt werden. Ich habe ihm von Ihnen erzählt«, rief sie.

Der kleine, nicht mehr junge indianische Maler trat auf sie zu. Er verbeugte sich auf europäische Art. Constanze fühlte, er tat es ihretwegen. »Señora Reinhardt sagte mir, Sie sprechen Englisch?« fragte er leise.

»Ja – schon – ich denke, es geht«, erwiderte Constanze ein wenig befangen.

»Ich bin fast zehn Jahre in Europa gewesen, habe sechs Jahre in Paris, zwei Jahre in Madrid studiert«, sagte er. »Ich liebe, ich verehre Ihre europäische Kultur.«

Diese Anrede sollte sicher eine Liebenswürdigkeit ihr gegenüber bedeuten. Aber sie wurde mit einem seltsam unbewegten Gesicht ausgesprochen. Gonzales sah gleichsam durch sie hindurch, während er sprach. Seine Augen hatten diesen seltsamen unpersönlichen Ausdruck, der bedrückend wirkte.

»Danke«, sagte Constanze in ihrer anmutigen, etwas schwebenden Art, die ihr größter Reiz war, »ich freue mich, daß Sie dies sagen – nach Ihren Bildern glaubte ich …«

»Oh«, sagte er, »setzen wir uns bitte – ja also, es tut mir leid, sehr leid. Ich sehe, auch Sie denken wie Mrs. Bulkely, ich sei Kommunist.«

»Nein, das wollte ich gar nicht sagen«, unterbrach ihn Constanze eifrig. »Nein – im Gegenteil, ich spüre an Ihren Bildern, daß sie nur von nationalem Geiste erfüllt sind, und bin gerade froh, daß in Ihren Bildern nicht der glühende Haß gegen die Weißen zum Ausdruck kommt.«

»Schön, daß Sie das empfinden«, meinte Gonzales, »denn das ist es gerade, was ich ablehne, die Kunst soll nicht zu Propagandazwecken mißbraucht werden. Sie werden gesehen haben, daß ich wie van Gogh oder wie Millet vor allem den Peon, den Landarbeiter male, den Indio in seinem Leben und Denken, verbunden mit seiner Erde – ohne jegliche Tendenz. Darum stehe ich etwas abseits von Diego Rivera, José Clemente Orozco und Francisco Goitia, die zu unseren bedeutendsten Malern gehören.«

»Ja – das empfand ich ganz stark. Herrlich finde ich Ihre ›Mütter‹. Sie sind wie die Erde selbst. Sie sind ein Stück fruchtbarer mexikanischer Erde«, sagte Constanze ehrlich.

Gonzales hob den Blick. Seine Augen waren dunkel, hatten einen hohlen Glanz, den sie nur schwer ertragen konnte. Constanze konnte nicht einmal erkennen, wie ihre Worte auf ihn wirkten, so unbeweglich und undurchdringlich war der Ausdruck seines Gesichts. Nur an seiner Haltung ihr gegenüber spürte sie sein Interesse. Es wurde von ihr auch mehr empfunden als gesehen.

Sie versuchte, ihn unauffällig zu betrachten, während er sprach. Das Englisch klang eigentümlich auf seiner weichen indianischen Zunge. Er war klein, sehnig. Etwas Unentwickeltes, Starkes lebte in ihm, die Heftigkeit und Roheit eines Halbwilden. Seine Bewegungen hatten etwas Unterdrücktes. Das Gesicht blieb unverändert, während er sprach, tiefernst, fast kindlich ernst. Seine Lippen waren dunkelfarben. Und doch lag etwas um ihn, was Constanze nicht erfassen konnte. Plötzlich hatte sie das unbegreifliche, überwältigende Gefühl, als habe Gonzales kein Menschenblut in seinen Adern, sondern Reptilienblut, das schwerfließende Blut des mexikanischen Drachen: Aztekenblut. Sie beobachtete auch, daß der Indianer jeden Kontakt mit ihren Augen mied, daß ihrer beider Blicke einander auswichen. Zwischen ihnen lag ein neutrales Gebiet, zu dem sie sich beide in einer gewissen Scheuheit tasteten. Denn sie spürte, daß er ihr begegnen wollte, daß sie ihn interessierte. Auch er fesselte sie, um so mehr, als sie in ihm ein ungewöhnliches Talent sah.

»Ich möchte Ihnen unsere Gedankengänge klarmachen, die Gedanken und Sehnsüchte der Gebildeten unter uns«, hörte sie seine weiche, gleichsam strömende Stimme. »Wollen Sie mich einmal besuchen? Ich möchte auch, daß Sie meine Frau kennenlernen. Ich möchte, daß Sie Mexiko einmal durch unsere Augen sehen«, sagte er. Sein Blick war wie aufgerichtet. Sie spürte, er war stolz auf sein Land, das von den Weißen nicht erkannt und darum mißdeutet wurde, was ihn kränkte.

»Ich komme sehr gern – wann paßt es Ihnen?«

»Jederzeit«, meinte er, »aber man wünscht, daß wir Platz nehmen.«

Sie hörte Reinhardt rufen: »Darf ich bitten, Platz zu nehmen – ich mache jetzt das Licht aus.«

Gonzales erhob sich und stand neben ihr. Er war klein und wirkte doch sehr männlich mit seinen merkwürdig dichten Augenbrauen, die sein ernstes Gesicht noch mehr verdüsterten. Er setzte sich neben Constanze, die auf einer der zusammengestellten Stuhlreihen Platz nahm. Zu ihrer Rechten saß Madame Lengé, die sie in ihrer lebhaften romanischen Art gleichsam überfiel: »Nicht wahr, Sie sind Deutsche? Sie sind Künstlerin? Wie lange bleiben Sie hier? Was sagen Sie zu Mexiko? Haben Sie auch dieses Gefühl des Erdrücktwerdens, Vernichtetwerdens – diese lauernde, betäubende Angst? Nicht wahr, wie eine große Last drückt es die Menschen nieder? Als ob hier die Schwerkraft der Erde läge – –«

Das reine Interview, dachte Constanze. Aber die kleine Französin brachte diese Fragen mehr rhetorisch hervor, sie erwartete keine Antwort. Ließ mehr aus einer liebenswürdigen Form der Unterhaltung jene Fragen auf Constanze herabplätschern. Sie war so erfüllt von allem, was sie erlebte, und sicher waren ihre Begleiter – der junge Amerikaner wirkte wie ein frischer blonder Teddybär, und der Filmmann war auch noch recht jung – ihr nicht eindrucksfähig genug erschienen, um ihnen ihre Gefühle zu offenbaren.

Sie war eine Frau, die, wie Mrs. Tompson, die Archäologin, im Alter gar nicht zu schätzen war. Es waren beides arbeitende Frauen, welterfahren und stark im Leben stehend. Beide von einer ungewöhnlich jugendlichen Art, die in allem zum Ausdruck kam, was sie taten, sagten, fühlten. Das übertrug sich auch auf ihr Äußeres, so daß sie gewissermaßen von einer zeitlosen elastischen Anmut waren, wie sie gerade bei Amerikanerinnen häufig zu finden ist.

Unterdessen begann der Film, der kurz, aber sehr aufschlußreich war und die neuesten Ausgrabungen Reinhardts zeigte. Constanze verfolgte die Bilder mit besonderem Interesse, denn Reinhardt hatte ihr dieser Tage gesagt, daß er beabsichtige, sie in Bälde zu den Pyramiden Chichen Itza zu bringen.

Die Gäste brachen gleich danach auf. Als sie sich verabschiedeten, kam Reinhardt mit dem Direktor der Silbermine auf Constanze zu und sagte zu ihr: »Mr. Gardener hat meiner Bitte entsprochen. Sie dürfen morgen die Silbermine von Pachuca besichtigen. Das ist eine besondere Vergünstigung und wird nur selten gestattet.«

+++

Wie so oft, fuhr Constanze an jenem glasklaren Morgen in einem der kleinen Camions, jener Indianerbusse, die in rasender Geschwindigkeit durch das Land toben, über Peralvilla nach Pachuca.

Der Weg dorthin war von einer seltenen grandiosen Schönheit. Eigenartige Krater – Schneeberge – graue Lavablöcke – unendliche Agavenfelder – Pulquehazienden – förmliche Wälder von gigantischen Kakteen, Yukkabäumen und hohe Hecken von eisenspitzen Orgelkakteen wechselten. Grausam und bedrückend wirkte die Landschaft trotz aller berückenden Schönheit. Hier und da kamen spärliche Eukalyptus, Pfefferbäume und Mangobäume. Und überall sah man die Indios dahintraben. Da es kalt war, trugen sie, wie sonst nur des Abends oder in der Nacht, den Sarapo vor das Gesicht gezogen. So maskiert unter den Riesensombreros und nur die unergründlichen Augen sichtbar, trug ihr Anblick dazu bei, das Gefühl des Unheimlichen zu steigern.

Constanze spürte: Die Erde zog einen hier nach unten – sog einen ein, wie die Wurzeln eines Baumes. Jene Menschen –, waren sie nicht auch ein Teil des unfaßbaren Geheimnisses, das sich Leben nannte? Und vielleicht war es wichtig, noch zu wissen, zu spüren, daß die Wurzeln des Lebens die Kraft nur aus der Erde schöpften. Und hier war noch die Unmittelbarkeit, die dies Gefühl in einem erstehen ließ. Ja, der Indio wußte um dies Geheimnis. Wußte, daß er tief hinabsteigen, hinabreichen mußte in seine Erde, damit ihm die Kraft erwuchs, die spanisch-weiße Welt vom Antlitz Amerikas zu schütteln.

Schwarze, braungelbe Dürre glitzerte. Große abgestumpfte Hügel hoben sich jetzt gegen einen grünen Himmel. Und dann hielt der Camion in einem von Steilhängen eingeschlossenen Kessel. Constanze kletterte mit den Indianern aus dem Bus und ging die staubige Felslehne hinan.

Als sie in dem Büro wartete, ihr Empfehlungsschreiben in der Hand, kam ein junger Mann, nahm ihr den Brief ab und bedeutete ihr, zu warten. Es sei ein deutscher Bergingenieur auf der Mine, und man habe diesen gebeten, sie zu führen.

Während sie wartete, trat sie an das geöffnete Fenster und sah hinaus … Endlose Scharen geduldiger kleiner Esel trotteten vorbei, jeder mit Säcken Silbererz beladen. Man hörte das Geräusch der Erzbrecher. Lastwagen fuhren auf den Hof. In diesem Augenblick blieb ihr das Herz stehen. Ja, es blieb buchstäblich stehen – und dann schlug es hart, schmerzhaft hart. Da kam Christian über den Hof – weiß Gott – so sah Christian aus, es war derselbe leichte, etwas knabenhafte Gang, das gewisse Wiegen in den Schultern – die ganze Gestalt dieses Mannes glich Christian in beängstigender Weise. Einen Augenblick später war er um die Hausecke verschwunden.

Das Blut war ihr in die blassen Wangen geschossen und ebbte langsam ab. In dem Augenblick ging die Tür auf, und jener Mann stand vor ihr: »Darf ich mich vorstellen, gnädige Frau – Hartmann. Man hat mich gebeten, Ihnen die Mine zu zeigen.«

»Danke«, sagte Constanze – »danke.« Sie ärgerte sich, daß sie so befangen war. In der Nähe verflüchtigte sich der beängstigende Eindruck, daß dieser fremde Mann hier auf einer Silbermine solche starke Ähnlichkeit mit Christian hatte. Er hatte graue Augen, einen etwas harten, verschlossenen Mund, ein sehr leidenschaftliches Gesicht.

»Darf ich vorangehen?« sagte er höflich und sprang vor ihr die Stufen hinab. Die Art, wie er das tat, hatte wieder soviel Ähnlichkeit mit der Christians. Es war wirklich seltsam und schmerzte zugleich.

Die Scheideanstalt war wie eine Festung, mit Drahtgittern und Türen aus Panzerplatten verwahrt.

»Sie werden enttäuscht sein«, sagte er, indem er voranging. »Laien machen sich oft einen etwas phantastischen Begriff von einer Silber- oder Goldmine – denken, daß man in dem Gestein die Metalladern sieht.«

»Das dachte ich auch«, sagte sie lachend.

Nun ging er voraus und zeigte ihr die Förderwagen, die mit dem grauen Gestein gefüllt am laufenden Band herabkamen. Zeigte ihr, wie das Gestein in verschiedenen Maschinen so oft zerkleinert wurde, bis es einem Schlamme gleich daherkam und sich in einer Spülung das Silber von dem Gestein schied. Er erklärte ihr das Verfahren, wie das Silber zu Barren geschmolzen wurde, zeigte ihr die riesigen rötlichen Hügel des Steinschlamms, die den Talkessel hinabflossen – tote Erde – totes Gestein.

Aber Constanze schämte sich ein wenig, als Reinhardt und Marianne sie hinterher um ihre Eindrücke befragten. Sehr im klaren war sie sich nicht mehr über den Vorgang. Die Gestalt des Mannes, der sie führte, hatte sie immer wieder gefesselt. Während er vor ihr herschritt, hatte sie mehrfach die Augen zusammengekniffen, denn dann konnte sie sich der einfältigen und süßen Täuschung hingeben, Christian ginge da vor ihr. – Stand sie seitlich hinter ihm und betrachtete seine breiten Schultern, so konnte sie fest glauben, es sei Christian. – Ja, und das Merkwürdigste: seine Hände. Auch sie trugen viel Ausdruck, zeigten eine leichte schwarze Behaarung an den Knöcheln. Nur hatte dieser Bergingenieur etwas viel Ungebundeneres – man mochte es Wilderes nennen –, was wohl von dem so ganz anderen Leben auf einer Mine in einem Indianerland herrührte. Die Atmosphäre hatte ihm etwas Rauhes, etwas Ungebändigtes gegeben. Er trug ein offenes Hemd. Der Hals stieg kraftvoll und tief gebräunt daraus hervor. Die Brust war leicht behaart, ebenso die sehnigen braunen Unterarme, die aus den hochgeschlagenen Hemdsärmeln wie tongebrannt leuchteten.

Er schien glücklicherweise ihre Unaufmerksamkeit nicht zu bemerken. Gewissenhaft zeigte er ihr das Feld seiner Arbeit. Als sie zum Schluß fragte, ob sie in die Minen hinabfahren dürfe, antwortete er: »Ja«, aber in einem etwas schroffen Ton, »ja, man hat mich beauftragt, Ihnen die Schächte zu zeigen, weil man nicht weiß, daß man damit dem Indio etwas Arges antut.«

»Etwas antut?« meinte Constanze verwundert.

»Ja –, der Indio glaubt, wenn eine Frau den Schacht betritt, so gibt es ein Unglück. Meist verlassen sie darum sofort die Mine, und man muß neue Arbeiter anstellen. Oder man erreicht, daß sie bleiben, aber sie sind dann verstört, da ihr Aberglaube sie ängstigt. Dann passiert durch ihre Verstörtheit oft ein Unglück, und dann ist der Teufel los.«

»Selbstverständlich fahre ich dann nicht«, sagte Constanze und kletterte den schmalen Steilhang hinter dem Bergingenieur hinab.

Es schien ihn zu freuen, daß sie ihren Wunsch so selbstverständlich aufgab. »Trinken Sie noch eine Tasse Kaffee bei mir – in meiner Junggesellenbude«, bat er, als sie auf der Direktion landeten, »und erzählen Sie mir noch ein wenig von Deutschland. Es ist vier Uhr und ich bin jetzt frei.«

Er stieß eine Tür auf, die in dem langen Seitenflügel des Hauptgebäudes lag, und ließ ihr den Vortritt.

Es war eine gar unfreundliche Behausung – ein Bett – ein Tisch – zwei alte, etwas brüchige Korbstühle – ein Bild.

Constanze übersah alles in einem Augenblick. Vor allem das Bild: ein deutscher Buchenwald – nicht sehr künstlerisch … Heimweh, dachte sie.

Er ging umher, suchte die Tassen. Er tat es unbeholfen, aber in anscheinend glücklicher Stimmung …

Und auf einmal entdeckte Constanze, daß sie wieder die Augen etwas schloß, um sich dem Gedanken zu überlassen, es sei Christian, der hin- und herging und den Kaffee bereitete, wie er es früher so oft getan hatte.

Es hatte so etwas Seltsames für sie. Das Moskitonetz täuschte eine leichte Dämmerung vor. Hartmann reichte ihr eine Tasse – schob ihr unbeholfen die Zigaretten hin. »Erzählen Sie mir noch ein wenig von Deutschland«, bat er nochmals und ließ sich ihr gegenüber nieder.

»Wo soll ich beginnen? Wo stammen Sie her?« fragte Constanze.

»Ich bin Ostpreuße, daher die Buchenwälder«, sagte er und deutete mit dem Kopf nach dem Bild.

»Schon lange hier?«

»Ja – ungefähr zwölf Jahre.«

»Gern hier?«

»Das kann ich nicht sagen –, aber auch nicht ungern.«

»Warum bleiben Sie?«

»Ich habe mich schon überall herumgetrieben – war erst in Südamerika, dann in Peru – – – Ich paß nun nicht mehr nach Deutschland. Wenn man zu lange fort ist, dann wird man wurzellos.«

»Mag sein – aber vielleicht wäre alles leichter, wenn Sie eine Frau hätten. Sie sind sicher Junggeselle?«

»Ja, aber eine deutsche Frau paßt nicht hierher. Die geht hier kaputt.« Er deutete aus dem Fenster. Man sah von hier die trostlosen kahlen Abhänge mit dem toten Rückstandsschlamm, die Maschinen der Extraktionsanlage gegen den Himmel. Ja, hier in der leblosen Abgeschiedenheit zwischen den Steilhängen einer Mine konnte man sich schwer eine Frau und lachende Kinder vorstellen.

»Ich verstehe«, meinte Constanze bedrückt. »Aber vielleicht sollten Sie nicht ewig hierbleiben, Herr Hartmann.«

»Ach, da sind Dinge, die einen aus der Heimat forttreiben«, antwortete er, und sein leidenschaftliches, eigentlich schönes Gesicht nahm einen harten Ausdruck an, »und dann wird einem alles gleich, und man läßt sich treiben. Letzten Endes ist es dann gleichgültig, wo man verreckt.«

»So dürfen Sie nicht denken«, meinte Constanze erschrocken. »Sie kommen zu wenig unter Menschen.«

»Mag sein – mich gelüstet's danach nicht. Ich mag meine Leute hier gern. Ich verstehe die Indios, soweit man von Verstehen reden kann. Und jeden Sonnabend, Sonntag komm ich nach Mexiko-City. Bin dann auch im deutschen Klub, treffe Bekannte. Ich kenne übrigens auch Dr. Reinhardt und seine nette kleine Frau. Grüßen Sie sie bitte von mir.«

»Danke –«, sagte Constanze. Sie hatte plötzlich Mitleid mit diesem Mann, den auch irgendein Schicksal hierhergeweht hatte.

»Wie lange bleiben Sie hier in Mexiko?« fragte er. Er rauchte mit einer seltsamen Heftigkeit, die sie auch an Christian erinnerte.

»Einige Monate – es ist noch ungewiß«, wich sie aus.

Er fragte sie nach der politischen Entwicklung, die Deutschland in den letzten Jahren genommen hatte. Es war für ihn eine so ferne Welt, die ihn lebhaft interessierte.

»Ich kann mir denken, daß Sie sich das gar nicht vorstellen können, wenn Sie so lange fort sind«, sagte Constanze und erhob sich. »Rufen Sie doch einmal an, wenn Sie hereinkommen. Ich fürchte, ich muß nun eilen, damit ich nicht in der Dunkelheit zurückfahre. Reinhardts ängstigen sich sonst.«

»Schade – aber es ist besser, daß Sie aufbrechen. Die Überfälle nachts auf die Autos häufen sich. Aber in den Camions sind Sie sicher«, erwiderte er und geleitete sie hinaus.

Als sie abfuhr, war es doch schon Nacht geworden. Es gab keine Dämmerung. Die Nacht fiel immer in wenigen Minuten über die Hochebene.

Als sich Constanze umwandte, um dem Ingenieur noch einen Gruß mit der Hand zu senden, stand er in der Tür. Das Licht der Lampe lag hinter ihm. Sie brauchte nun die Augen nicht mehr zusammenzupressen: so sah Christian aus!


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