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Constanze ging allein über den Asphalt der Startfläche. Der Pilot zeigte ihr einen kleinen Tritt. Sie stieg die Stufen hinauf und drehte sich noch einmal um. Sie sah Christian und Elena – warum war Elena mitgekommen? – an dem Gitter lehnen. Beide hatten die Ellbogen aufgestützt. Jetzt zog Elena ein weißes Tuch. Constanze wandte sich ab, kletterte in die Kabine und suchte ihren Platz. Nach und nach stiegen noch fünf Herren ein.
Sie flogen ab … Über München lag ein gelblicher Dunst – oben war es ganz klar und sonnig.
Sie flogen, und plötzlich verlor Constanze das Maß für Zeit und Entfernungen. Sie dachte an die beiden Menschen, die sie dort unten auf der Erde gelassen, als an etwas, das nicht mehr zu ihr gehörte. Merkwürdige Vorstellungen erfüllten sie. Sie hatte irgendwann irgendwo einmal gelesen, daß jedes Leben seine Erfüllung habe, obgleich es die meisten Menschen nicht wüßten. Diese Erfüllung würde dem Menschen oft auf der Höhe seines Lebens zuteil. Daß er dann noch weiterlebe, sei letzten Endes überflüssig. Nur wüßten die Menschen nicht, daß ihr Leben dann ein totes, unwichtiges Leben war und es eine Gnade für sie bedeutet hätte zu sterben, nachdem sie alles hergegeben, was sie zu geben hatten, und alles empfangen, was zu empfangen war.
Constanze blickte aus dem Fenster, es war sehr heiß, der Motorenlärm war betäubend. Sie sah die Tragflächen in der Sonne glänzen, die Erde lag schief und klein, die Felder und Dörfer sahen aus wie aus einer Spielzeugschachtel aufgebaut. Sie nahm die Flugkarte, die man ihr nebst der Papiertüte ausgehändigt hatte, aber es war ihr nicht möglich, sich zu orientieren. Es kamen große Seen … dann stieg das Flugzeug wieder, und nun sah es aus, als ob es über Berge von Schlagsahne dahinsegelte. Sie sahen ganz drollig aus, diese schaumigen, weißen, dicken Wolkenberge, die zwischen dem Flugzeug und der Erde lagen.
Constanzes Gedanken schweiften wieder zurück zu den Betrachtungen, die sie beschäftigt hatten, und sie dachte: nun müßte ich abstürzen, denn auch mein Leben hatte seine Erfüllung. Ich war nötig für Christian all die Jahre. Ja, ich war nötig, er brauchte in den Kampfjahren einen Kameraden, der ihm zur Seite stand, aber nun – nun ist mein Lebenszweck erfüllt. Nun konnte Christian ein neues, ein anderes Leben aufbauen mit – Elena.
Sie bemühte sich, als Bollwerk gegen diese sie bestürmenden Gedanken sich Rehleins Augen zu vergegenwärtigen, war bemüht, sich vorzustellen, daß das Kind ihrer noch bedurfte, aber es gelang ihr nicht recht. Es war alles so herzbeklemmend.
Plötzlich erstarb das häßliche Motorengeräusch, das Flugzeug sank durch ungeheure Tiefen in einem eleganten Gleitflug nieder.
Constanze sah einen asphaltierten großen Platz zwischen grünen Feldern – Ackerland – ein großes, neues, nüchternes Gebäude unweit einer Stadt. »Posen«, sagte einer der Herren und nahm seinen Mantel vom Haken. »Posnany – Paß- und Zollrevision!« sagte der junge Pilot, der vorn saß.
Constanze kletterte hinaus und folgte den Herren in das große Gebäude, das leer und unwichtig aussah.
Sie wurde als erste abgefertigt und setzte sich auf eine Bank. Es war schon dämmerig. Der Flugplatz schien sehr weit draußen zu liegen, von hier konnte man die Stadt nicht sehen.
Ein Herr nach dem anderen kam heraus. Sie hörte an den Sprachen, daß sie verschiedenen Nationalitäten angehörten. Einige gingen auf und ab, um sich Bewegung zu machen. Es schien alles sonderbar unwirklich, als ob sie bei einem Schauspiel mitwirke …
Ein Herr setzte sich neben sie. Er trug eine kleinkarierte graue Mütze und einen weiten Mantel. Er suchte umständlich in den Taschen nach seinen Zigaretten, fand ein Päckchen, riß es auf – konnte aber das Feuerzeug nicht finden.
Constanze öffnete gemächlich ihre große Tasche. »Hier«, sagte sie freundlich.
»Oh, danke – tausend Dank – ein Königreich für eine Zigarette«, sagte der Herr und begann schnell und hastig den Rauch einzuatmen.
»Warum geht es nicht weiter?« fragte Constanze, »ich dachte, wir hätten nur zwanzig Minuten Aufenthalt.«
»Ein kleiner Motorendefekt. Ich erfuhr es soeben. Wir sollen eine neue Maschine bekommen, haben darum fast eine Stunde Aufenthalt.«
»Nun, die Luft tut gut«, sagte Constanze zufrieden, »der lange Flug und der ohrenbetäubende Lärm waren doch recht anstrengend.«
Der Herr betrachtete sie von der Seite und lächelte: »Wohl der erste Flug?«
»Ja.«
»Schön?«
»Kann ich nicht behaupten, aber ich hatte wenig Zeit.«
»Auch Warschau?«
»Ja.«
»Kennen Sie die Stadt?«
»Nein – aber sie ist sicher interessant?«
»Ich besuche meine Schwester, die dort lebt. Mir liegt Warschau nicht. Aber als Kunststadt ist sie viel zuwenig bekannt. Sie hat herrliche Schlösser«, sagte der Mantel, der neben ihr saß, und schwieg dann.
Auch Constanze schwieg. Es wurde schnell dunkel. Ein Geruch von Kartoffelfeuer und nasser Erde lag in der Luft. Ein großer silberner Vogel kam und setzte sich nieder. Die Herren fanden sich ein, und Constanze kletterte von neuem in die Kabine. Der Herr mit der karierten Mütze war ihr behilflich, gab ihr einige Zeitungen, ein Mittel gegen Luftkrankheit, das sie dankend ablehnte. Dann setzte wieder der ohrenbetäubende Lärm ein. Constanze verstand nicht, was der Herr ihr zurief, und lächelte entschuldigend …
Sie war wohl eingeschlafen, denn als sie die Augen öffnete, spürte sie, daß jemand sie an die Schulter faßte. »Warschau«, sagte ihr Reisebegleiter. Sie bemerkte jetzt erst, daß in Posen noch einige elegante, stark geschminkte Damen eingestiegen waren.
Sie schoben sich alle langsam dem Ausgang zu, vor dem der große Zubringerwagen stand …
»Hotel Europejsky«, sagte Constanze etwas ängstlich. Sie war noch nie in einem anderen Lande gewesen und fühlte sich, da es Nacht war, etwas hilflos durch die fremden Laute, die an ihr Ohr drangen.
Wieder stand die karierte Mütze neben ihr. »Ich wohne auch dort, darf ich Ihnen helfen?« Er sagte es ohne Zudringlichkeit, in einer Art, die Constanze, die ein feines Gefühl für die Beziehungen zwischen den Geschlechtern hatte, wohltuend empfand.
»Ich bin Ihnen sehr dankbar«, sagte sie erfreut. Jetzt erst sah sie ihren Begleiter an, sah ein durchgeistigtes, mageres Gesicht, lichtes Haar, etwas müde Augen mit hellen Wimpern.
Auch er blickte sie an, und sie spürte, daß er sie nett fand. Sie hatte zeitweise eine schwebende Hilflosigkeit, was sie nicht ahnte, die aber Männer entzückte und ihr ergeben machte.
»Darf ich mich vorstellen«, sagte der Herr höflich, als sie beide im Hotel ihre Namen auf die Anmeldeformulare geschrieben hatten, die der Portier ihnen vorlegte: »Dr. Reinhardt, Archäologe an der Humboldtakademie in Mexiko.«
»Mein Name ist Constanze Andergast, München. Ich bin hier, da meine Goldschmiedearbeiten auf der internationalen Ausstellung angenommen sind, die hier eröffnet wird.«
»Oh«, sagte der Herr, »oh« – aber das »oh« klang sehr interessiert. »Für Goldschmiedearbeiten interessiere ich mich besonders. Wir müssen uns darüber noch unterhalten.«
»Ach, da bist du ja«, rief eine Dame lebhaft, deren unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Bruder auffallend war. »Ich kam zu spät zum Flugplatz und verfehlte dich.«
Es wurden einige höfliche Worte gewechselt. Die Geschwister verließen gemeinsam das Hotel.
Constanze fuhr allein in ihr Stockwerk. Das Hotel schien unermeßlich groß. Die Gänge von einer Breite und Ausdehnung, wie sie es noch nie erlebt hatte. Sie konnte sich mit dem Liftjungen, der ihren kleinen Handkoffer trug, nicht verständigen. Nach geraumer Weile kam eine ältere Frau mit blauschwarzem straffem Haar und gelblicher Hautfarbe. Sie kam müde und uninteressiert in das Zimmer, nachdem sie angeklopft hatte. »Küß die Hand, gnädige Frau – haben die gnädige Frau noch Wünsche?«
Constanze hängte gerade »das Kleid« in den Schrank, das sie vielleicht benötigte. Sie hatte immer noch den grauen Hut auf, der mit dem grauen Jackenkleid harmonierte, den unvermeidlichen bunten Schal locker um den Hals geknotet.
»Kann ich noch etwas zu essen bekommen?« fragte sie höflich, »es ist schon halb zehn Uhr.«
»Oh, die gnädige Frau sind doch in Warschawa, da nachtmahlen die gnädigen Herrschaften erst ab neun Uhr bis nach Mitternacht.« Die Bedienstete trat zu dem offenen Fenster und zeigte hinaus. Das Hinterzimmer lag nach einem großen viereckigen Hof, der von diesem Riesenbau völlig eingeschlossen war. Es war offensichtlich, daß das Hotel einst ein großes Palais gewesen war, ein Schloß von geradezu gewalttätigen Dimensionen.
Unten sah man einen Springbrunnen, große Gartenschirme, elegant gedeckte Tische, elegante Frauen, Herren im Abendanzug, rote Lampenschirme. Eine große Kapelle konzertierte auf einer Estrade. Es war gerade eine Pause gewesen, soeben begann die Musik von neuem. Es war eine schwermütige Musik, so schwermütig, wie Constanze sie noch nie gehört hatte; ein dauerndes Präludieren, ein verzweifeltes Klagen und Schluchzen der Geigen: man spielte polnische Nationalweisen.
»Die gnädige Frau kann unten nachtmahlen, oder ich schicke den Kellner herauf«, wiederholte die Frau, immer noch in diesem müden, etwas gleichgültigen Ton.
»Vielen Dank, ich werde hinuntergehen«, überlegte Constanze. »Sie sind sicher Österreicherin?« fügte sie hinzu in dem Bemühen, etwas Freundliches zu sagen.
»Ja, gnädige Frau – Österreicherin – aus Wean, ja, aus Wean.« Sie sprach Wean. Die Frau schüttelte den Kopf. Sie schien sich nicht mehr äußern zu wollen, sondern schlurrte zur Tür: »Guten Abend, küß die Hand, gnädige Frau; wenn gnädige Frau noch Wünsche haben, bitte dreimal zu läuten, dann komm ich.«
So – nun saß Constanze in Warschau im Hotel Europejsky, ein Orchester spielte, die fremde elegante Umwelt umgab sie, alles war so unwirklich. Herren gingen an ihrem Tisch vorbei mit ungewöhnlich schönen, ungewöhnlich eleganten, geschmackvoll gekleideten Frauen. Sie starrten sie musternd an, was ihr fremd war. Ein alter österreichischer Kellner, den ihr der Chef anscheinend geschickt hatte, als er sah, daß sie der fremden Sprache nicht mächtig war, bediente sie zuvorkommend.
»Die gnädige Frau müssen etwas typisch Polnisches speisen«, sagte er, über ihre Schulter gebeugt, und beriet sie. Er brachte ihr zunächst eine Tasse Bortsch, eine kalte rote Suppe aus roten Rüben, wie er ihr erklärte. Ein Spritzer Schlagsahne und ein wenig feingewürfelte frische Gurke schwammen obenauf. Es schmeckte ausgezeichnet, aber Constanze wunderte sich, daß diese neuen fremden Eindrücke sie nicht mehr belebten. Sie war doch sonst zugänglich für eine andere Umwelt. Fremdländische Nationen und Kulturen interessierten sie stets in erhöhtem Maße … Und heute?
Und dann wußte sie es: sie hatte dies schmerzhafte bekümmerte Herz mitgenommen. Es war mitgeflogen den weiten Weg und saß mit an diesem Tisch und ließ nichts an sie herankommen …
Constanze wußte später nicht mehr, was der freundliche Kellner ihr noch gebracht hatte. Sie lag im Bett. Das Zimmer war ungelüftet und roch nach Staub. So mußte sie die Fenster offen lassen. Aber bis morgens um drei Uhr schluchzten die Geigen da unten. Alle Zeitungen und Journale lagen durchgelesen auf dem Bettvorleger. Sie trank Wasser, das schal, warm und staubig schmeckte, das Schlafpulver wirkte nicht, bis der blaßgraue Morgen sich über die hohen Mauern hob und der Schlaf ihr einige Stunden Entrücktheit und Vergessenheit gab.