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Briefe aus Deutschland bildeten die einzigen Rufe aus der Vergangenheit, die in dem Zeitlosen dieser Zeit erklangen.
Aber so sehnsüchtig Constanze diese Briefe öffnete, bald entglitten sie enttäuscht ihren Händen, da sie nie etwas enthielten, das sie aus diesem qualvollen Warten herausriß und das einer Entscheidung gleichkam.
Ich bin doch schon Ewigkeiten fort, es muß sich doch vieles ereignet haben, dachte sie gequält, um dann verstört zu erkennen, daß erst sechs Wochen seit ihrer Abreise vergangen waren. Sechs Wochen – mein Gott – sechs Jahre hätte ich eher gedacht. Ich muß Geduld haben, sagte sie sich und preßte die Lippen zusammen.
Ihre Augen waren in letzter Zeit merkwürdig groß geworden, ihr Gesicht schmaler, seine Blässe olivenfarben überhaucht durch die ewige Sonne, die Backenknochen waren sichtbar. Ihre grauen ernsten Augen hatten etwas Verlorenes angenommen, oft etwas Hoffnungsloses.
Sie ist sehr schön geworden, sie sieht aus wie eine mit zuviel Ausdruck beladene Maske, dachte Reinhardt, wenn er sie betrachtete. Aber sie ist eine andere Frau als die, die ich in Europa getroffen habe. Es muß etwas geschehen sein, nachdem wir in Warschau zusammen waren, etwas, was ihr den Boden nahm, auf dem sie so fest zu stehen schien. Aber Menschen ohne diese Verwurzelung dürfen nicht allzulange hierbleiben, erkannte er mit leiser Sorge. So schön ihre Anwesenheit ist, soviel sie mir gibt – ich darf sie nicht halten: Mexiko würde ihr zur Gefahr.
Er fragte höflich nach ihrem Mann – nach dem Rehlein, wenn er sah, daß sie Post erhielt. Sie antwortete kurz – ausweichend. Lügen konnte sie nicht, ebensowenig die Wahrheit sagen.
»Mein Mann hat gut zu tun – danke – er läßt sich empfehlen – das Rehlein ist vergnügt – ihr Wunschzettel wird immer größer. Meine Freundin Anna fährt nach Ägypten – großer Auftrag – eine tüchtige Person.«
Die Worte versickerten – man ging zu anderen Themen über. Die Gegenwart war so stark.
Was war das für ein Volk, das sich als Götter Ausgeburten finsterster Phantasie schuf? – Das Tempelpyramiden errichtete für Quetzalcoatl, die »gefiederte Schlange«, die als Gott-Mensch-Wasser-Quell-Geist stets gegenwärtig war und für Huitzlipochtli, dem Tausende im Blutrausch geopfert waren? – Ein Volk, das eine Göttin der Erde besaß – Coatlicue, mit Schlangen als Adern, abgeschnittenen Händen und ausgerissenen Herzen als grausigen Halsschmuck, mit einem Gürtel aus Totenschädeln, einem Schlangenrock und Raubtierpranken, und Blutschalen für Tijock und Tausende von Göttern, die sich an Scheußlichkeit überboten? Nachtmahre einer furchtbaren Phantasie.
Und während Constanze über das riesige Pyramidenfeld von Teotihuacán wanderte, das denselben Anblick bot wie zu der Zeit, als Cortez es zum ersten Male erblickte, als sie stundenlang einsam auf den Stufen der Mondpyramide saß und zu der Sonnenpyramide hinübersah, auf der die Opferungen noch vor wenigen hundert Jahren stattgefunden hatten, fühlte sie stärker denn je, daß dies eine Welt war, die einem Weißen ein wirkliches Eindringen und Erfassen verwehrte.
Und doch war alles so nah und stark und bedrückend, die Luft noch erfüllt von dem schauerlichen Blutschrei der Opfernden. Der Schneekegel des Orizaba, der jenseits der Totenstraße von Teotihuacán hinter den Riesenkakteen sichtbar war, ruhte wie einst in seiner unbeteiligten Erhabenheit.
Was waren vierhundert Jahre, wenn man den Kalenderstein der Azteken betrachtete und die astronomischen Weissagungen erfuhr! Wenn der Opferaltar der Sonnenpyramide gefunden würde, so hieß es, würde Quetzalcoatl wiederkehren, und das Ende der Weißen wäre besiegelt. Vor fast zwanzig Jahren hatte man auf dem Zocalo, dem riesigen Platz, der heute wie in den Tagen Montezumas den Mittelpunkt der Stadt bildet, den Opferstein gefunden und ihn erschreckt wieder eingegraben. Die neue Regierung aber hat ihn wieder ausgegraben. Nun stand er im Nationalmuseum. Sein Dasein wirkte wie eine Fanfare, wie eine Verheißung: die Tage der Weißen waren gezählt. Der Indianer hatte warten gelernt. Er hatte etwas Stoisches. Wie vor Hunderten von Jahren sah man den Peon mit schweren Lasten beladen in dem tierhaften leichten Trab daherkommen, den Traggurt um die Stirn gelegt. Stumm, klaglos eilte er so dahin. Nie ermüdend, kletterte er die Höhenzüge der Sierra hinauf und hinab, wanderte herunter von den kalten Höhen in das tropische Flachland, durchwatete Flüsse, mit keiner anderen Nahrung als Tortillas, schwarzen Bohnen und Wasser. Wo er sich hinlegte, war sein Bett. Auf flachem Steinboden hockte er sich hin und schlief in dieser hockenden Stellung.
Wie vor Hunderten von Jahren sah man Männer auf kleinen Eseln daherreiten. Ihre weißen Baumwollhosen flatterten. Hinter ihnen, in Staub eingehüllt, in ihrem Rebozo ging die Frau. Stumm, gespenstisch, undurchdringlich war diese Welt …
Ja, die Zeit war stehengeblieben in diesem Lande, das keine Jahreszeiten kannte. Der Indianer hatte warten gelernt. Was waren vierhundert Jahre, wenn man bedachte, daß über die Sierra Madre tausend – nein zehntausend Jahre lang die Stämme aus dem Norden nomadenhaft vordrangen – durch Steppen und Prärien und Wüsten. Stamm auf Stamm – Rasse auf Rasse – Volk auf Volk –, aber keine Weißen, nein, keine Weißen!
Man konnte warten – – –
Constanze erhob sich und wanderte weiter über das einsame, von Agaven und Kakteen umgebene Pyramidenfeld und blieb vor den gefiederten Schlangen mit den scheußlichen, zähnebleckenden Rachen stehen, die toltecischen Ursprungs waren und zu der Pyramide Quetzalcoatls hinaufführten. Grüne Eidechsen huschten darüber hin und verloren sich in den Spalten der steilen Stufen.
Aber es gab Indianer, die nicht warten wollten, nicht in stoischer Ruhe legendäre Weissagungen hinnahmen. Indianer, die nicht warten wollten, bis Huitzlipochtli und Quetzalcoatl wieder erständen und mit ihnen die Welt des roten Mannes. Das waren die Künstler, die bedeutenden Maler, an denen Mexiko nicht arm war.
Sie hatten die Fähigkeiten, ihre Kunst ganz in den Dienst jenes Gedankens gestellt, dem Indio täglich, stündlich vor Augen zu halten: Seht, das hat man euch angetan! Seht, dies ist die Herrschaft der Weißen, die euch zuerst durch die Konquistadoren in Fronarbeit und Versklavung, durch Auspeitschung und Folter beherrschten, – und jetzt? Wer holt das Gold, Silber, Kupfer, Blei aus den Minen, die den Weißen gehören? Wer pflückt unter tropischer Sonnenglut die Baumwolle, die Kakaobohnen, den Kaffee für die weißen Finkabesitzer? – Wer holt, dem Angriff wilder Tiere ausgesetzt, die Edelhölzer aus den Urwäldern, und für wen? Wer baut Kanäle, Häfen, Brücken, – wer treibt die Maultiercarretas über die eisigen Höhen der Sierra? Ihr – ihr! und für wen? – Ja, – die Fresken der Maler, die die gewaltigen Wände der Paläste, die Patios der Universität und die öffentlichen Gebäude, die Ministerien und Schulen schmücken, predigen alle denselben Geist: Aufruhr, Haß gegen die Herrschaft der Weißen.
Es war erschütternd und beängstigend zugleich, die Indios zu sehen, wie sie an Sonntagen, wenn sie in die Stadt kamen, jene Freskengemälde betrachteten, die sie »aufklären« sollten, die ihnen den Rachegedanken einprägten. Wie sie stumm von einem Wandgemälde zum anderen schritten, den hohlen Glanz in den schwarzen, furchtbaren Augen. Was mochte in ihrer halb bewußten Seele vorgehen?
Die Gemälde waren oft von abstoßender Brutalität: Niemand wurde geschont. Da war der katholische Priester, fett, ungeistig, der die Hand nach dem Gelde des armen Indianers ausstreckte und mit der anderen Hand … ihn segnete. Da war die Frau des reichen Mannes, deren weiße Haut entblößt wirkte, – Cocktails trinkend.
Da war überall der Indio in allen Phasen seines Lebens abgebildet – seine Lehmhütte, seine Gebräuche, seine religiösen Kulte, die Zeremonien des Lebens und des Todes. Da sah man ihn wie ein gequältes, getriebenes Tier in den Bergwerken und Fabriken oder wie einen Maulesel beladen dahintraben. Die Bilder symbolisieren in herrlichen Farben mit künstlerischer Kraft den Kampf eines unterjochten Volkes. Der Kampf ging um Erleuchtung, Fortschritt, Befreiung. Und es waren nicht wenige und nur bedeutende Maler, die alle Wände nationaler Gebäude mit diesen Liedern revolutionären Geistes schmückten. Wer Augen hatte zu sehen, mußte erkennen, wie stark der Geist des Hasses das gequälte Volk bereits beherrschte.