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Eine bleierne Müdigkeit überkam Constanze, als der Zug Mexiko-City verlassen hatte. Sie ordnete ihr Gepäck, kletterte die Leiter hinauf zu ihrem oberen Bett und sank fast unmittelbar in einen totenähnlichen Schlaf. Den folgenden Tag verbrachte sie auch in einem dämmernden Zustand. Sie schlief viel. Das Herabkommen aus dreitausend Meter Höhe verursachte bei allen Reisenden Erschlaffung. In allen Abteilen sah sie Schlafende oder Reisende, die ermüdet und teilnahmslos aus dem Fenster blickten.
Die Gegend – das Plateau, das in unheimlicher Geschlossenheit dalag, die monotone sandige Wüste, die in ihrer Einförmigkeit schon einschläfernd wirkte, der Horizont, eingezäunt von purpurnen, kahlen, gerippten hohen Gebirgsketten, der Gedanke, daß dahinter die Cañons, Abgründe, Schlünde, Urwalddickichte und Sümpfe unbekannter Indianerstämme lagen, unerforschte Kulte, ungesehene, unberührte Welten – hatte etwas Faszinierendes, Mystisches und wiederum Furchterregendes.
Ein Mexikaner, blaß, beleibt, mit fettem schwarzen Haar, teilte das Abteil mit Constanze. Er sprach etwas Englisch. Er hatte oft in Texas zu tun und reiste in Geschäften dorthin.
»Ich will froh sein«, sagte er und hob vielsagend die Augenbrauen, »wenn wir heil in die Staaten kommen.«
»Weshalb?« fragte Constanze befremdet.
»Nun«, er blinzelte bedeutungsvoll hinüber in das andere Abteil, in dem ein kleiner dicker Soldat mit einem Riesensombrero und einem breiten Patronengürtel um den Leib saß: »Wir fahren im Zug mit dem berühmten oder vielmehr berüchtigten General Petrus Samora. Ich erfuhr soeben, daß er nach Torreon fährt, dem Aufruhrgebiet. Da brodelt es wieder …«
»Ein General?« fragte Constanze und sah neugierig nach dem Soldaten.
Ich würde ihn einen Banditen nennen, dachte sie und betrachtete den riesigen Revolver, den er auf der Hüfte trug.
»Nun, unsere Generäle können meist noch nicht mal ihren Namen schreiben«, sagte der Mexikaner und lachte verächtlich.
»Ja – aber – was tut er in Torreon? Gegen wen –?«
»Fragen Sie nicht, Señora, hier weiß man nie, wer gegen wen – und weshalb. Es sind alles Banditen, diese verfluchten Generäle. Haben Sie nicht gesehen, sonst hat dieser Zug ungefähr fünfunddreißig Soldaten zur Bewachung gegen Überfälle – dieses Mal sollen es sechzig sein. Ja – ja, solch Leben ist kostbar«, sagte er wieder und lachte höhnisch.
Gegen Abend hielt der Zug längere Zeit in Zacatecas. Man ging auf und ab. Man schöpfte Luft. Die armselige, in Lumpen gekleidete Wüstenbevölkerung kam an den Zug und bot schweigend und unaufdringlich Tortillas und Frijoles an.
Der General und seine Frau – der Mexikaner erklärte ihr, daß alle Soldaten ihre Frauen mit ins Feld nähmen, diese blieben dann in der Etappe – kamen auch aus dem Zug geklettert. Die Frau war weißgepudert und mit mißverstandener amerikanischer Eleganz gekleidet. Constanze machte heimlich einige fotografische Aufnahmen und dachte daran, wie sie Anna und Robert Flemming diese Bilder zeigen würde.
Die Sepiatöne der Dämmerung gingen dann sehr schnell in pechschwarze Schleier über. Constanze kletterte wieder in ihr Bett. Obgleich sie immer noch sehr müde war, konnte sie nicht einschlafen. Sie lauschte dem Stampfen der Maschine und dem Stoßen der Räder. Die Lampe flackerte auf und nieder. Der Zug fuhr schaukelnd und in unregelmäßigen Stößen. Man kam nach dem Staat Chihuahua.
Sie überlegte: Nun – in zwei Tagen bin ich in den Vereinigten Staaten – in sieben Tagen in New York – in knapp drei Wochen in Deutschland. Sie versuchte an das Rehlein zu denken, aber das Gesicht entglitt ihr immer von neuem. Sie beschwor Annas Antlitz, aber sie sah nur ihre Hände. Auch Robert Flemming ließ sich nicht erfassen, und wenn sie an Christian dachte, dann sah sie nur Elena – Ich bin zu müde, zu müde, daher kommt es, murmelte sie gequält und löschte die Lampe über ihrem Kopf. Nun vernahm sie über allem Stoßen, Brausen und Keuchen und Klirren des Zuges den Ventilator, der über ihrem Kopf sang. Es war ein vertrautes Lied, das sie einschläferte. In der Nacht hatte sie, im Halbschlaf befangen, den Eindruck, als ob der Zug sprang, Ja, er sprang in den Schienen. Dann vernahm sie das Klirren und Krachen von Stahl auf Stahl und versank wieder in den bleiernen Schlaf, der sie seit ihrer Abreise überkam. Das ist eben Mexiko, dachte sie noch, ehe ihr die Sinne schwanden. Sie wachte noch einmal auf, bemerkte, daß der Zug stand, schlief wieder ein – wachte auf … Stand der Zug noch immer oder von neuem? Sie sah nach ihrer Uhr, es war vier Uhr morgens. Sie schob die grüne Rollmarkise empor und schaute hinaus. Es war taghell. Die Gebirgsketten am Rande der Wüste sahen fahl, gerippt, trocken aus. Am Horizont lag ein rötliches Licht. Sie zog die grünen schweren Vorhänge beiseite und sah hinab in den Pullmanwagen, und da war ihr plötzlich, als träumte sie. Der Wagen mit seinen sechsunddreißig Betten war leer, war verlassen. Fluchtartig mußten die Reisenden aus dem Zug davongestürmt sein. Kopfkissen lagen auf dem Gang, die Lichter brannten noch in den Schlafstätten, die Ventilatoren sausten.
Ich träume, dachte Constanze … ich träume, ich werde gleich erwachen. – Es ist doch ausgeschlossen, daß der Zug überfallen wurde und ich nichts davon gemerkt habe, daß ich die einzige bin, die man nicht gefunden hat.
Sie lauschte und hörte flüstern …
Aber Banditen konnten auch flüstern. Doch dann hörte sie ganz deutlich: man sprach englisch.
Da rief sie …
»Ja«, sagte der junge Mann, der unter ihrem Bett lag, »heute nacht gegen elf Uhr entgleiste der Zug. Man fand die Schienen aufgerissen. Man hatte es wohl auf den General abgesehen, der hier mit uns im Zug war und den man fassen wollte …«
»Entgleiste der Zug?« wiederholte Constanze ganz benommen, »und ich habe nichts gemerkt?«
Der junge Amerikaner lachte. »Ja, Sie schliefen so fest. Alles flüchtete, als der Zug stand. Der General zuerst. Alles flüchtete durch die Wüste nach Torreon, das wenige Meilen entfernt von hier liegen soll … Wir sind sechs Weiße im Zug, alles Amerikaner aus den Staaten. Wir beschlossen, hierzubleiben und zu warten, bis man uns holt, und ließen auch Sie darum schlafen.«
»Nein, merkwürdigerweise niemand. Drei Wagen sind umgeschlagen, die Lokomotive ist aus dem Gleis, die Schienen verbogen. Nur der Gepäckwagen und der Kohlenwagen sind zertrümmert.«
Da liegt mein letzter Brief an Christian, dachte Constanze. Es schien ihr wie ein Symbol ihrer Ehe – das Ende ihrer Ehe.
Unterdessen kletterte noch eine junge Frau aus dem unteren Lager, und der junge Mann, der den ganzen Überfall fröhlich als Abenteuer buchte, stellte sie als seine Frau vor.
Es war unterdessen ganz hell geworden. Nach und nach fanden sich noch vier Herren ein, jene Amerikaner, von denen der junge Mann gesprochen hatte. Sie kamen alle aus ihren Wagen. Man blieb zusammen.
»Wir werden hoffentlich bald geholt«, sagte der junge Mann fröhlich …
Gegen Mittag erschien wirklich eine Lokomotive aus Torreon und brachte einen riesigen Kran und Schweißmaschinen.
»In vier Stunden sollen die neuen Schwellen und Gleise fertig sein«, berichtete der junge Mann nach kurzem. Er verstand etwas Spanisch und stand viel bei den Streckenarbeitern, die mitgekommen waren, aber reichlich hilflos wirkten. Sie standen unter dem Befehl eines Monteurs, der nur ein Bein hatte, auf Krücken herumhüpfte und in diesem Zustand, die Krücken unter den Arm geklemmt, auf die Lokomotive kletterte.
Die wenigen Reisenden, zu denen Constanze zählte, waren aus dem Zug gestiegen. Sie saßen auf der Böschung und warteten.
Hin und wieder kam ein kleiner zerbrochener Fordwagen durch den Wüstensand geschaukelt mit finsteren wilden Gesellen in großen Sombreros, eingehüllt bis zu den Augen in ihre Sarape. Sie kamen an den Zug und fragten die Reisenden, ob sie nach Torreon gebracht werden wollten für nur einen Peso …
»Nicht umsonst«, warnte der junge Mann, der sich Gordon nannte. »Sie werden im günstigsten Falle beraubt. Aber in einem Lande, wo man, um eine grüne Sonnenbrille zu rauben, ermordet wird, wo einem die Finger abgeschnitten werden oder die Ohren, weil es zu lange dauert, den Schmuck davon abzuziehen – lassen Sie sich bloß auf keine Verhandlungen ein.«
Ein Teil der sechzig Soldaten, von denen der Mexikaner gesprochen hatte und die alle geblieben waren, kletterte aus dem Zug. Einige machten auf dem Abhang ein Feuer an und rösteten Maiskolben. Die meisten schliefen, sie lagen – die Beine über die Lehnen hängend oder der Länge nach auf den Bänken – und schnarchten … Sie rochen stark nach Pulque.
Die Hitze war groß. Man konnte ohne Kopfbedeckung nicht lange auf der Böschung sitzen.
Morgen ist Weihnachten, dachte Constanze, die die Hände über der großen grauen Tasche gefaltet hielt, die ihr im Schoß lag. Constanze war von merkwürdigen Gefühlen übermannt.
Morgen ist Weihnachten – morgen ist der 24. Dezember.
Aber es war ihr unmöglich, hier in der Wüste Mexikos, auf dem Wendekreis, in der brütenden Sonne, sich zu vergegenwärtigen, daß in Deutschland Winter sei, daß Schnee lag, daß es ein München gab mit einer Frauenkirche und nassem Nebel und Tauben am Odeonsplatz …
Es war ein ebenso hoffnungsloses Beginnen, diese Bilder hervorzuzaubern, wie heute nacht, als sie an Anna – an das Rehlein – an Christian und die anderen denken wollte.
Es war alles so tot – so vergangen – so weit hinter ihr liegend, als ob es in einem anderen Leben geschehen, einem Leben, dem sie nicht mehr angehörte, das ihr genommen war.
Ja, es war schon so, grübelte sie. Dies Leben war abgeschlossen. Es war etwas Ganzes, Einmaliges, Starkes, Erfülltes gewesen. Wenn sie zurückkehrte, mußte sie ein neues Leben aufbauen. Ein neues Leben in einer fremden Stadt mit neuen Menschen.
Dies hatte etwas so Beängstigendes für sie, als ob sie noch einmal geboren werden, noch einmal wiederkehren müsse, ohne die zu treffen, die ihrem Herzen nahestanden. Auf einmal fielen ihr die Gedanken ein, die sie auf dem Flug nach Warschau überfallen hatten, daß ein jedes Leben seine Erfüllung habe und daß es danach gleichgültig sei, ob man noch weiterlebe.
Sie grübelte immer noch darüber nach, als schon alle zur Ruhe gegangen waren.
Es war ein unheimliches Gefühl, so allein in der Wüste festgefahren zu sein, nur bewacht von farbigen Soldaten, die sie argwöhnisch und kalt beobachteten.
Das Essen war schlecht geworden, und das Wasser schmeckte schal und staubig, da das Eis geschmolzen war. Man hatte sich hungrig zu Bett gelegt.
Sie hörte die junge Frau schluchzen – die Stimme des Mannes beruhigende Worte sprechen. Dann schlief sie ein.
Am nächsten Morgen saßen sie wieder alle auf der Böschung und warteten. Ihre Augen waren entzündet von dem feinen Sandstaub, der alles durchdrang. Ihre Kehlen waren ausgetrocknet und schmerzten. Es war sehr heiß. Hin und wieder kam ein kurzer winziger Wirbelwind, der den Sand schlug, aber keine Kühlung brachte. Constanze beobachtete die Soldaten. Sie sahen finster aus und hatten alle diesen dunklen, unheimlichen pupillenlosen Abgrund in ihren Augen, dem man ausweichen mußte, weil er zu schwer zu ertragen war. Man saß nun schon achtunddreißig Stunden im Staate Chihuahua – man hungerte – man wurde bereits ungeduldig – ängstlich.
Und auf einmal verlor die kleine Frau ihre Nerven. Sie schrie, sie schluchzte: »Ich halte es nicht aus, ich habe Angst. Seht ihr denn nicht, daß diese Mestizen und Indianer uns nie und nimmer beschützen werden, wenn wir über Torreon kommen? Und in Torreon lodert der Aufruhr! Sie hassen uns, seht ihr das nicht? Wir kommen nie mehr zurück!« Sie weinte herzzerbrechend.
Bis jetzt hatten alle Reisenden die Nerven bewahrt. Man hatte sich in der Not zusammengefunden. Man half sich mit Kleinigkeiten aus, äußerte gegenseitig die Hoffnung, daß es bald weiterginge, sah abwechselnd nach, wie weit die Arbeit an den Schienen gediehen war. Aber die Schreie der jungen Frau nahmen den Reisenden die Hoffnung auf baldige Befreiung. Man sah jetzt, was man nicht sehen wollte, worüber man wohlweislich nicht sprach: der gefahrvolle Zustand, in dem man sich befand, würde noch länger anhalten, auch wenn der Zug endlich weiterfahren sollte.
Constanze ging zu der jungen Frau: »Sie dürfen nicht weinen. Sie brauchen keine Angst zu haben. Die Soldaten sind zuverlässig«, sagte sie ernst und gegen ihre Überzeugung. »Wenn Sie jetzt so schreien, verlieren wir die Nerven. Dann sind wir verloren, denn das spüren die Indianer. Um Gottes willen beherrschen Sie sich!«
Mrs. Gordon ließ sich ins Bett legen, und ihr Mann blieb bei ihr.
Constanze ging wieder hinaus, saß wieder stundenlang auf dem Abhang und ließ den Sand durch die Finger gleiten. Sie hörte plötzlich Malintzin leise sagen: »Eine Frau, die ihrem Manne untreu ist, wird getötet, sie verfällt dem Gesetz indianischen Blutes …« Ein Schauer überkam sie, aber dann dachte sie: aber ich war ja nicht untreu, ich umarmte nur ihn …
Die übrigen Weggenossen setzten sich abwechselnd zu ihr oder standen bei den Arbeitern. Man sah nun wirklich, daß es voranging. Sie hatten ein neues Gleis gelegt, über das der Zug langsam geschoben werden sollte. In einer Stunde sollte es weitergehen.
Constanze öffnete ihre Tasche, las zum soundsovielten Male Rehleins letzten Brief … besah sich ihren Paß, und plötzlich entfiel diesem eine kleine braungewordene Blüte.
In diesem Augenblick sah Constanze ganz klar den Hofgarten vor sich – den Schein der Bogenlampen – das Veilchensträußchen. Aber es lag weit – weit zurück …
»Einsteigen – einsteigen!« riefen plötzlich die Soldaten. Alles kletterte in den Zug – so eilig, als ob es nun auf Minuten ankäme.
Auch Constanze stand auf – langsam – völlig versponnen in ihre fast erloschenen Erinnerungen. Sie stand auf; die große Tasche unter den Arm gepreßt, kletterte sie die eiserne Treppe hinauf … Sie bemerkte nicht, daß ihr der Paß entglitt und das Veilchen im Staub der Wüste sich verlor …
Der Zug fuhr langsam über die neuen Gleise … man fuhr immer noch langsam, man war nur noch wenige Meilen von Torreon entfernt.
Wir werden dort nicht halten, sondern durchfahren, hatte Mr. Gordon am Morgen berichtet.
Constanze stand am Fenster, die Stirn gegen die Scheibe gepreßt. Auch in den anderen Abteilen standen die wenigen Reisenden und schauten hinaus, denn jeden Augenblick mußte Torreon kommen. Die Soldaten standen auf den Trittbrettern, die Gewehre zur Hand. Einige saßen vorn auf der Lokomotive.
Constanze hörte, wie Gordon nebenan scherzend sagte: »Sechzig Soldaten beschützen uns arme Weiße«, und vernahm das verängstigte Geflüster der jungen Frau, ohne zu verstehen, was sie sprach.
Constanze hatte die Stirn fast schmerzhaft hart gegen die Fensterscheibe gepreßt und sah blicklos hinaus.
Immer noch sann sie nach über den Sinn ihres Lebens …
Sie sah in die unermeßliche, unabsehbare Wüste, durch die sie glitten, und erblickte vorne, nahe am Abhang, einen winzigen verstaubten Kaktus – einsam, verloren in dieser Unendlichkeit. Und da fielen ihr die Worte Shelleys ein: »Ich muß – muß lieben, und wenn ich in der Wüste lebte, so würde ich den Kaktus lieben als das einzige lebende Wesen. Ach, was ist denn Liebe? Frage den, der lebt, was Leben ist – frage den, der anbetet, was Gott ist.« – Man wußte es also nicht. Auch Shelley hatte es nicht gewußt. Also gibt es keine Erkenntnis der Liebe, dachte Constanze. Ihr Bemühen um die Erkenntnis des Herzens, über die sie Zeit ihres Lebens nachgedacht hatte, ergab: daß es keine Erkenntnis der Liebe gab – ebensowenig wie eine Erkenntnis Gottes. – Es hatte etwas wunderbar Beruhigendes, dies nun zu wissen. Für sie gab es also keine Fragen mehr, die sie beschäftigten. Denn die Frage, was Liebe sei, war ihr, die sie ihr Leben nur auf Liebe aufgebaut hatte, als die einzige Frage erschienen, die ihr wichtig dünkte.
Und weiter erkannte sie, daß sicher die Erfüllung des Lebens darin bestand, daß man zu der Erkenntnis durchdrang, die einem die wertvollste schien. –
In diesem Augenblick fuhr der Zug durch Torreon. Auf dem schmalen Raum vor dem kleinen schuppenartigen Bahnhofsgebäude standen wilde Gesellen, bis unter die Augen in scharlachrote Sarape gehüllt. Riesige Sombreros verdeckten den Rest ihrer Gesichter. Nur Augen waren da – Augen voll Haß – Augen voll Verachtung und unergründlicher tierhafter Tiefe. Einige hielten blutrote Fahnen in den Händen, andere Gewehre, die sie blitzartig auf den Zug richteten …
Da aber die Indianer Soldaten waren und es darum gleichgültig war, ob es farbige oder weiße Soldaten waren, so taten sie ihre Pflicht. Ihr Kommando klang schrill wie ein Peitschenhieb: Fort von den Fenstern!
Aber ob Constanze den Ruf nicht verstand, weil sie des Spanischen nicht mächtig war, oder ob sie in überirdischer Ruhe verharrte, wie sie den erfüllt, der zur letzten Erkenntnis gelangt ist – das wird man nie erfahren …
Sie blieb stehen, hob noch einmal die grauen, ernsten Augen, und das letzte, was sie erblickte, war der Lauf der Gewehre, die auf sie gerichtet waren.