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5

Robert Flemming stand an der Sperre und holte Constanze ab. Constanze übersah ihn, obgleich er alle überragte, denn er stand zwischen den Bauern eingekeilt und gleich ihnen mit Lederhose und Kniestrümpfen angetan. Weiß Gott, man konnte ihn, wenn man nicht näher zusah, wirklich für einen oberbayrischen Bauern halten, von denen er ja abstammte. Aber der durchgeistigte Kopf – Flemming würde diese Betrachtungsweise unterbrechen und sagen: No – jo, a Bua bin i schon, aber oana mit an Köpferl, net so a saudumms Luder wie ihr allesamt!

Er hatte eine abenteuerliche Laufbahn hinter sich und war nun Leiter des Volkstheaters in München.

»Mei Viecherl ist immer noch das alte«, meinte Flemming und deutete auf seinen brüchigen kleinen Wagen. Constanze stieg ein, und Flemming kurbelte an. Der Wagen sauste los – die Ecken wurden knapp genommen – ein Schutzmann schimpfte – kleine winklige Straßen stürzten an ihnen vorbei, giebelige dunkle Häuser, ein alter Brunnen – ein Bach wurde überrannt – der Wagen tobte, knarrte, fauchte – er war wie ein kleines böses Tier – und hielt. Robert Flemming stoppte so plötzlich, daß Constanze fast vom Sitz fiel.

»So, hier bist du, mach dir's bequem. Ich setz' mich derweil unter die Tannen. Da steht ein guter Kaffee und Kipferl und Honig.«

Und dann saß sie neben ihm auf dem Abhang und holte tief Atem.

»Komisch, Robert, ich bin doch gar nicht fromm, aber wenn ich die Berge sehe, wird mir immer leichter ums Herz, und ich denke dann immer an die Worte, von denen ich nicht mal weiß, wo sie stehen: Ich schaue auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt.«

»Ich kann es schon verstehen, Constanzerl, Mäderl, aber ich kann nicht so viele Umschweife machen, muß gleich hineinspringen ins Ganze. Ich muß dich sprechen … Also neulich, da habe ich den Bergner getroffen, den Bergner, du weißt schon, den Architekten, und später hab' ich noch diesen und jenen gesehen, die dich und den Christian kennen. Und die haben alle dasselbe gesagt: daß der Christian mit der Terwin herumläuft und daß die Person überall erzählt, daß er, der Christian, sie heiraten will – stimmt das?«

Constanze war blaß geworden. Ihre Hände umklammerten die schmalen Leisten des Liegestuhls, als ob sie sich festhalten wollten.

»Robert, mein Gott, ich weiß wirklich nicht, ob das stimmt. Wenn die Elena Terwin das schon erzählt, so wird es wohl wahr sein.«

»Weißt du denn nichts von der Geschichte?« Flemming schaute sie fast böse an.

»Doch, Robert, schon, aber ich dachte, der Christian weiß es selber noch nicht, ob er sie heiraten will. Er ist versessen und besessen von ihr, das sehe ich schon. Wenn er sie heiraten will und glaubt, daß das sein Glück ist, so muß er es halt tun.«

»Schockschwerenot, Constanze, das ist ja, weshalb ich dich herbat. Das muß verhütet werden, wenn ihr nicht beide unglücklich werden wollt. Das wäre die größte Dummheit, die Christian begehen könnte.«

»Da kann man halt nichts machen!«

»Nichts machen«, schrie Robert Flemming, »nichts machen!« Er sprang auf, so unmittelbar, so kraftvoll, daß sein Liegestuhl unter ihm zerbrach. »Das muß verhütet werden«, schrie er noch einmal, ohne den Stuhl nur eines Blickes zu würdigen. »Du tust ihm da auch nichts Gutes an, wenn du ihn freigibst.«

»Ich hänge mich an keinen Mann, der mich verlassen möchte«, sagte Constanze.

Sie saß da, blaß und verschlossen, den Kopf im Nacken, und sah ins Leere.

»Constanze, jetzt will ich dir was sagen, und das ist noch ein Grund, warum ich dich herbat. Ihr kennt meine Geschichte. Ich meine, ihr wißt, daß ich elf Jahre verheiratet war – weiter wißt ihr nichts. Siehst du, ich habe über die Geschichte nicht gesprochen, aber heute tue ich's, da ich andere in dieselbe Dummheit hineintrudeln sehe und das verhüten möchte. Ich hab' auch mal solche Person wie die Elena beim Theater kennengelernt und habe geglaubt, daß ich ohne sie nicht leben könnte, und meine Frau, die habe ich gar nicht mehr angesehen. Ich habe auch nicht gesehen, daß sie immer blasser und blasser wurde von Tag zu Tag. Und ich habe nur immer gebohrt und dahergeredet, daß sie mich freigeben möchte … Und da hat sie gesagt: Ich täte es schon, wenn ich wüßte, daß es dein Glück wäre, aber ich glaub's nicht. Da bin ich aufgefahren, du weißt ja, was für ein temperamentvoller Bursche ich bin, und habe gesagt: das verstehst du nicht, aus dir redet die Eifersucht. Und da ist die Maina gegangen, die Maina mit den zwei Buben, und ich habe noch gedacht, daß ich ein anständiger Kerl bin, weil ich sie nicht habe darben lassen … Und dann nach ein paar Jahren ist die Maina gestorben, und die Buben haben von mir nichts wissen wollen. Ich habe es nicht wahrhaben wollen für lange Zeit, bis es soweit war, daß ich gesehen habe, was ich für ein Weibsbild auf der Maina ihren Platz gestellt habe. Aber als ich's sah, war's dann zu spät. Solche Sachen kann man nicht zurückkurbeln, Constanze.«

»Und deine zweite Frau?« fragte Constanze scheu. Sie wußte von all dem nichts trotz ihrer langjährigen Freundschaft.

»Na, die hat mich hinten und vorn betrogen, und die habe ich wieder hinausgeschmissen. Die ganze Herrlichkeit hat keine drei Jahre gedauert.«

»Ach, Robert –«

»Ja, Constanzerl – und jetzt«, seine Stimme klang plötzlich fremd und brüchig, »da lieg' ich oft nachts wach und sehne mich nach der Maina und könnte mich verdammichten Kerl prügeln, daß ich so saudumm war … Siehst, Maderl, da hab' ich oft gedacht, die Maina hätt' mich trotz meiner blöden Besessenheit nicht gleich aufgeben sollen, obgleich ich es ihr nicht verdenken tue, daß sie so stolz war, wie du es nennst … Und nun seh' ich, daß du und der Christian in dieselbe Geschichte hineinrennt, und wie ich das gehört habe, da war mir, als ob ich schreien müßte und rufen und warnen: Kinder seht mich an!« …

Constanze war erschüttert. Sie wagte nicht, den Freund anzusehen, der neben ihr saß und sich preisgab, um ihnen zu helfen.

Sie legte nur ihre Linke auf seinen Arm. Sie schwiegen beide – bis Constanze leise sagte: »Ich danke dir, Robert, für all deine selbstlose Freundschaft. Ich werde dir's nie vergessen, wie es auch ausgehen mag. Übrigens«, sie zögerte – »gestern war eine Aussprache zwischen mir und Christian, und da sagte er mir: Elena sei nicht seine Geliebte.« Die Worte klangen scheu, sanft, entschuldigend, als ob sie beide in Schutz nehmen müsse, sie verteidigen, immer in dem Bestreben, ihnen wenigstens gerecht zu werden.

Robert Flemming lachte. Er lachte dröhnend. Es klang ungezogen: »Die Terwin nicht seine Geliebte?«

»Du glaubst es wohl nicht?« Constanze war verletzt.

»Glauben – jawohl, glauben tu ich's schon, aber nun habe ich eine Bestätigung mehr für meine Annahme, was für eine Person die ist.«

»Ich verstehe dich wirklich nicht.« Constanze war befremdet.

»Das glaub' ich schon, daß du mich nicht verstehst. Solche Gedankengänge kämen dir auch nicht, dazu bist du viel zu sauber. Also Constanzerl, die Terwin, die kennt das Leben, und sie hat auch Männer gekannt. Das ist kein Werturteil. Im Gegenteil, sie könnte ein Prachtkerl sein, denn alles, was aus Liebe geschieht … na, du weißt ja, Constanzerl, du weißt ja, ich bin kein Moralprediger in der Wüste. Aber wenn ich nun weiß, daß die Terwin, die kein unberührtes Jungfräulein ist, sich ausgerechnet dem Christian so gibt, als ob sie nicht die Seine werden könnte, ehe sie nicht verheiratet sind, so weiß ich auch weshalb: Bei der ist die Keuschheit nichts weiter als ein Fangmittel. Wenn die seine Geliebte war', so wäre die ganze Geschichte schon aus.«

Es klang zynisch, aber Constanze, die benommen zuhörte, wußte, es waren nur bittere Erfahrungen, die der Freund da preisgab, eine bittere Medizin, die ihr, die Christian helfen sollte. Er wollte sie klarsehen lassen, damit sie gewappnet war.

»Also Constanzerl«, sagte Flemming, er erhob sich und stand nun vor ihr: »Nun weißt du, was ich dir zu sagen hatte, du sollst und mußt durchhalten, – warten – so schwer es dir ankommt! Glaub mir, ich würde nicht so reden, wenn ich euch beide, eure Ehe nicht kennte. Ich wüßte genug Fälle, wo ich sagen würde: Kinder – in Gottes Namen – geht auseinander, laß ihn laufen. Aber bei euch – nein – nein – glaub es mir! Versprich mir, nichts Übereiltes zu tun … Ich hab' dir nicht umsonst meine Geschichte gebeichtet …

Aber nun mußt du ruhen, Fraule, auch ich gehe hinein und haue mich aufs Ohr. Aber vorher hole ich dir ein paar Decken und du versuchst ein bißl zu schlafen … Nachher kommt die Bäuerin von der Försterwiese und macht uns ein kleines Essen. Und später, dann bring ich dich zur Bahn.«

Durch die Tannen jenseits des Tales sah man die blauweißen Abhänge ganz deutlich. Und darunter lagen graue, kahle Flecke, winzig von hier und fast unbesteigbar in Wirklichkeit. Und wiederum tiefer kamen die dunklen Wälder, die sich in der Ebene auflösten.

Alles lag greifbar nahe, aber es schien nur so. Es war die glasklare Luft, die alle Konturen scharf umriß und nahe brachte.

Bis über die Schultern eingepackt, müde durch das Gespräch, durch die abebbende Erregung, schloß Constanze die Augen. Aber bald öffnete sie sie wieder und blinzelte, um den Blick immer wieder in sich aufzunehmen, und entdeckte einen Raubvogel, der über der Zugspitze kreiste. Immer größer, immer ferner wurden seine Bogen. Hin und wieder ließ er sich fallen, – dann erhob er sich wieder, und das Spiel begann von neuem.

Constanze konnte ganz deutlich erkennen, wie er, den Kopf nach unten gewandt, auf die Erde hinabäugte, auf die Rießerseeterrasse, die schwarz von Menschen war. Dann stieg er wieder … Es war ein wunderbarer Anblick. Und Constanze, die wie alle Menschen den Tieren menschliche Gedankengänge andichtete, hatte die unbestimmte Sehnsucht, jener Raubvogel zu sein, der sich so hochmütig und einsam da oben bewegte, als ob er zum Ausdruck bringen wollte, wie überlegen er dem menschlichen Leid und den menschlichen Freuden sei.

Und dann rollten die Jahre zurück wie die Kugeln einer Kette, und Constanze sieht sich und Christian an einem glasklaren, sonnigen Wintertag mit den Skibrettern auf dem Rücken langsam jene graue Fläche dort drüben erklimmen. Ihre Beziehungen sind schon einige Jahre alt. Sie sind Freunde, aber heiraten können sie sich nicht. Davon wird nicht gesprochen, denn Christian kann keine Versprechungen machen. Er verdient kaum etwas, lernt noch und ist halbtags in einem Architektenbüro angestellt. Und der alte Kapitän Schlüter, Constanzes Vater, der mit seiner alten Schwester in Emden lebt, spart sich jeden Groschen ab, damit sein einziges Kind in München studieren kann.

Aber sie sind jung – sie haben sich lieb und glauben an ihre Zukunft. Jedes Zusammensein trägt dasselbe hoffnungsvolle Gesicht: Conny – wenn ich eines Tages … Christian – wenn ich erst einmal … Und jeden Sonnabend wandern sie in die Berge.

An jenem Tage ist Constanze schweigsam, anders als sonst. Sie hat eine Vermutung – mag sie Christian nicht mitteilen, um ihn nicht zu beunruhigen. Ehe sie nicht volle Gewißheit hat, will sie Christian nichts sagen, denn helfen kann er ihr doch nicht. Es wird ihn höchstens belasten und seine Arbeit beeinträchtigen.

Christian geht voraus. Es ist kein gefährlicher Anstieg, die unsicheren Stellen kommen später. Wie immer ist er lebhaft, diese jungenhafte Lebhaftigkeit und Unbeschwertheit, obgleich er sich durchquälen muß und sie beide die letzten Tage im Monat buchstäblich ihre Groschen zusammennehmen, um noch Brot und weißen Käse zu erstehen oder etwas Obst vom Wagen; aber beileibe nicht resigniert, sondern voll Humor. »So gesund leben wir den ganzen Monat nicht wie diese letzten Tage«, meint dann Christian strahlend. Und Constanze glaubt es, wie sie auch an ihn glaubt, seitdem sie eine ganze Nacht hindurch kritisch und ernsthaft seine Arbeiten durchgesehen hat.

»Wenn du nicht durchkommst, Christel, wer schafft's dann!«

»Ach, Conny – Liebste, wenn du es wirklich glaubst!«

Und während sie langsam die Bergwand ersteigen, ist Constanze mit ihren Gedanken hinter Christians Rücken beschäftigt, wie sich ihr Leben entwickeln wird, wenn … daß ihr beider Schaffen keine Unterbrechungen, keine erneuten Erschwerungen mehr trägen darf – denn Christian – mein Gott, sie hatte eigentlich noch gar nicht gesehen, wie Christians Anzug bei Licht aussah! Wie sie ihm auch verheimlicht, daß sie ihm oft neue Wäsche einschmuggelt, wenn er ihr die gewaschene zum Stopfen bringt …

Da stolpert Christian. Es ist ein harmloser Bergpfad, aber Christian muß auf einem nassen Stein ausgeglitten sein. Er schlägt hin – so unglücklich hin, daß er mit dem Kopf auf einen felsigen Grat aufschlägt. Nie wird Constanze das Geräusch dieses Aufpralls vergessen. Wie eine Schale, die zerbricht. Noch ehe Constanze zuspringen kann, ist Christian wieder auf den Füßen. Mein Gott, ist sie erschrocken! »Es ist nichts«, sagt Christian. Er ist ganz weiß. – »Wir können weitergehen.« Aber dann sieht Constanze, daß er torkelt – es sind nur wenige Schritte – und dann fällt er. Er fällt erst auf die Knie und dann auf das Gesicht. Noch ehe Constanze es fassen kann, rollt er zur Seite, und nun sieht sie, daß Christian bewußtlos ist …

Sie weiß später kaum, wie unvorsichtig und blind sie die Bergpfade hinabgestürmt ist, um Hilfe zu holen. Natürlich trifft sie keine Bergsteiger oder Skiläufer. Und das an jenem Tag, wo so viele auf den Höhen sein mögen. Endlos erscheint es ihr, bis der Transport der Rettungskolonne sich auf den Marsch macht, um Christian zu holen. Endlos, bis man ihn gegen Abend hinabträgt, endlos, bis man in einem Sanitätsauto nachts das Münchner Krankenhaus erreicht und der Arzt, der Nachtdienst hat, nach flüchtiger Untersuchung ihre Befürchtung bestätigt: Schädelbruch …

Sie bleibt die Nacht bei ihm, um da zu sein, falls er erwacht. Sitzt frierend und zusammengekauert in dem Strohsessel, den man ihr gebracht hat. Aber Christian kommt nicht zum Bewußtsein. – Später erinnert sie sich nur noch wie hinter Schleiern der Monate, die dann folgen. Die gründliche Untersuchung am folgenden Tage klingt hoffnungsvoll: ja – Schädelbruch, aber Herr Andergast wird schon durchkommen. Christian hat keine nahen Verwandten, nur eine Schwester, die ihm fernsteht.

Constanze geht nicht mehr in die Werkstatt: »Lieber Michaelis … Sie verstehen – der Christian – – –« Und Michaelis – er versteht. Er weiß, daß es Bindungen gibt, die stärker sind als die amtlich beglaubigten: »Aber Fräulein Constanze – hoffentlich müssen Sie mit der Arbeit nicht zu lange aussetzen.« …

Als Christian nach zehn Tagen die Augen aufschlägt, hat Constanze das beglückende Gefühl, gerade diejenige zu sein, durch die sein wandernder, befremdeter Blick zur Ruhe kommt. Es geht bergauf. Die Ärzte sehen heiter aus. Die Schwester Christians kommt, bleibt zwei Tage, sieht Constanze argwöhnisch und neugierig an. Jedes Wort, jede Frage, die sie an sie richtet, ist aber mit einem leichten Ton der Geringschätzung gemischt, als ob sie denkt: Ach so – wohl das Gspusi vom Christian, so nennt man ja wohl hier unten diese Künstlerliebschaften …

»Wir kommen finanziell gut durch, Christian«, sagt Constanze, als Christian die ängstliche Frage an sie richtet, wieso er allein und somit zweiter Klasse liege. Es gibt ja noch immer Dinge, die sich verkaufen lassen – die Leica, die ihr der Vater schenkte, die Skibretter, der Rundfunkapparat, und in drei bis vier Wochen wird Christian vielleicht schon entlassen …

Aber eines Morgens trifft Constanze den Gefährten fiebrig an. Die Ärzte sehen besorgt aus, das Fieber steigt, es steigt schnell und ununterbrochen. Am dritten Tage zeigt das Thermometer einundvierzig Grad und Christian verliert das Bewußtsein. Was ist geschehen – man weicht ihren Fragen aus – fragt sie barsch, was sie eigentlich wolle, ob sie eine Angehörige sei – nein – nun – dann –.

»Aber er hat doch niemand auf der Welt als mich!« sagt Constanze verzweifelt.

Man läßt sie gewähren. Sie kommt früh um acht Uhr, früher läßt man sie nicht in sein Zimmer, und abends um acht Uhr mahnen die weißen Hauben zum Aufbruch …

Und dann fällt ein Wort: Wundrose. Nun weiß sie es. Eine Bluttransfusion wird gemacht – erfolglos. Tagelang rast das Fieber, dann fällt es, und Christian wird klar und sieht sie beunruhigt an: »Was fehlt mir – was ist geschehen?« – »Ein kleiner Ausschlag, der hohes Fieber erzeugt«, tröstet sie ihn. Aber wenige Tage später bebt Christian vor Kälte. Heiße Tücher werden ihm auf die Brust gelegt. Das Bewußtsein verwirrt sich von neuem. Das Fieber klettert wieder über vierzig Grad und schüttelt und rüttelt den geschwächten Körper.

Aber auch diesen schweren Ansturm überwindet er … »Nicht wahr, wir haben schon Februar?« fragt Christian besorgt. »Ja, Anfang Februar«, antwortet sie beruhigend, obgleich es schon Ende April ist.

Es wird Frühling, und schon lange hat Constanze die Gewißheit, vor der sie bangte. Sie weiß, daß sie Mutter wird. – Immer, wenn sie den abgeschabten Mantel auszieht, schlüpft sie schnell in einen weißen Krankenpflegerkittel, damit Christian ihren Zustand nicht bemerkt …

Und an einem Abend setzt das dritte Mal das Fieber ein – wütend – unbarmherzig.

Professor Leprés, der Chefarzt, läßt Constanze kommen. Sie ist so müde, so unbeschreiblich müde. Sie kann kaum die endlos langen Gänge dieses Mammutkrankenhauses mit zweitausend Betten entlang schleichen … nur einmal richtig schlafen können – etwas essen können. Aber Tag und Nacht würgt sie die ständige Angst um Christian.

Sie steht in dem Sprechzimmer des Arztes und hört plötzlich eine sehr gütige, sehr menschliche Stimme: »Fräulein Schlüter, die barmherzigen Schwestern machten mich darauf aufmerksam … Sie erwarten ein Kind?«

»Ja«, sagt Constanze. Sie will es stolz und glücklich sagen, denn es ist das einzig Tröstliche, was ihr verblieben, zu wissen, daß sie wenigstens Christians Kind trägt, wenn er sterben muß. Aber es kommt sehr müde – sehr leise. Sie ist so ausgehöhlt von den vielen Monaten der Pflege, des Mutmachens, der Angst um den Gefährten. Sie ist so erschöpft, daß die Sonne ihr weh tut, die durch die großen Scheiben auf sie fällt.

»Ja – Fräulein Schlüter … der Grund, warum ich Sie herbitte, ist der: es steht ernst, sehr ernst – und Ihr Zustand – – weiß Herr Andergast davon?«

»Natürlich nicht!« sagt Constanze und strafft sich, es klingt fast ablehnend, »und er darf es auch nicht erfahren.«

»Darf es nicht?«

»Nein, weil es ihn nur beunruhigen und eine neue Quelle der Sorge für ihn bedeuten würde. Das muß verhütet werden.«

»Ja, aber ich muß jetzt ganz offen mit Ihnen sprechen, Fräulein Schlüter. Wenn Herr Andergast stirbt, stehen Sie da mit einem unehelichen Kind. Es wäre richtig, man brächte es dem Patienten vorsichtig bei, in welcher Lage Sie sind, und Sie lassen sich trauen.«

»Nein«, sagt Constanze, »nein!« Es klingt fast hart – unerbittlich.

Professor Leprés stutzt, ist befremdet.

»Aber Herr Geheimrat«, erregt sich Constanze. »Er kann mich jetzt nicht heiraten. Er ist viel zu arm – studiert noch. Es würde schon in gesundem Zustand eine große seelische Belastung für ihn bedeuten – jetzt aber in der Verfassung, mit dem Tode ringend, würde dieser Vorschlag ihn nur erkennen lassen, wie ernst, ja hoffnungslos es um ihn steht. Und mein ganzes Bestreben, meine ganze Pflege beruht ja nur darin, ihn glauben zu machen, daß er durchkommt, daß er es schafft.«

»Sie sind ein fabelhafter Kerl!«

»Ach, bitte – nein –«, wehrt Constanze verlegen ab, »wenn Sie mich verstehen, das allein genügt mir schon … Ich bin hier fast fremd, und außer meinem Lehrer habe ich niemand in München. Auch Christian – Herr Andergast«, verbessert sie sich, »hat keinen Menschen außer mir. Niemand kann mich ablösen. Ich muß – muß also durchhalten.«

Und wieder die furchtbaren Fieberkurven. Nur, daß das Herz immer schwächer wird und Christian mit versteiften Gliedern, in Schweiß gebadet, mutlos, ja todessüchtig in den Kissen liegt. Er ist skelettartig abgemagert. Das Gesicht trägt keine andere Farbe mehr als die Kissen, die ihn stützen.

Hin und wieder schlägt er die großen fiebrigen Augen auf, die jede Bewegung verfolgen, die Constanze macht. Jeden Abend der Abschied, ohne zu wissen, ob es ein neues Begegnen gibt – jeden Abend die ängstliche Frage: »Ach, Liebes, wann bist du wieder da?«

Tage – Wochen – Monate gehen dahin. Eine entsetzliche Zeitlosigkeit hat diese beiden Menschen umschlossen. Constanze weiß selbst nicht mehr, welchen Wochentag man zählt, welches Datum man rechnet …

Warum heißt es plötzlich, daß eine Aufmeißelung gemacht werden soll? … Warum sind Leprés und die Ärzte plötzlich einsilbig, da sie um Christians Bett stehen, der fast teilnahmslos vor Schmerzen und ständigem hohem Fieber den verbundenen Kopf hin- und herwirft. Seine glänzenden Augen sehen verquält und leer aus, aber schauen niemanden an.

»Warum liege ich jetzt in einem verdunkelten Zimmer?« sagt er verängstigt und versucht vergeblich sich aufzurichten.

Constanzes Herz setzt aus.

»Es ist besser für die Ausheilung«, hört sie Professor Leprés lügen. »Es ist besser, Ihre Augen werden einige Zeit geschont.«

Er fährt begütigend über die abgezehrten Hände des Kranken. Christian läßt sich in die Kissen fallen, scheint beruhigt.

Constanze, die am Fußende des Bettes steht, hält sich fest. Sie schwankt wie eine Betrunkene.

Nur das nicht, nur das nicht, denkt sie …

Hat sie es laut gedacht? Sie spürt plötzlich, wie Schwester Martina den Arm um ihre Schulter legt und sie vorsichtig stützend hinausführt.

»Er ist erblindet, Schwester Martina? Sagen Sie mir die Wahrheit«, fleht sie.

»Es ist wahrscheinlich ein Bluterguß, der auf die Sehnerven drückt. Professor Leprés hofft, durch eine Aufmeißelung Luft zu schaffen. Er glaubt, daß das Blut sich aufsaugt, dann wird Herr Andergast wieder sehen können.«

Wenige Tage später klingt das Fieber ab. Christian ist ohne Lebensgefahr. Es ist nun Juni. Aus den großen, tiefen Gärten, die das Haus des Schreckens umgeben, dringt der Duft des Flieders. Constanze sitzt noch immer an Christians Bett, der nun weiß, daß er blind ist, aber daß er hoffen darf.

Constanze ist ganz klein und schmal, blaß und unförmig geworden. Sie sitzt an Christians Bett und muß Tag und Nacht die furchtbare Bitte hören: »Ach, Conny, wenn ich blind bleibe, bitte – bitte – gib mir Gift!«

Und immer und immer wieder Hoffnung in diese zerrüttete Seele gießen, diesen lebensmüden Körper stützen – es ist fast über menschliches Vermögen. Constanze kommt sich selbst vor wie ein leerer Krug, der nichts mehr spenden kann …

Es ist Juli. Aus den Gärten dringt nächtlich der schwere, berauschende Duft des Jasmins. Sie kommt jetzt schon in frühester Morgenstunde, weil Christian nicht schlafen kann, und schleicht abends gegen zehn Uhr durch die Gänge, die ihr endlos erscheinen – endlos – endend in ein Nichts. Sie bleibt jetzt oft bis in die späte Nacht, da Christian ohne Constanzes Gegenwart der Verzweiflung preisgegeben ist. Sie sitzt mit einem Buch an seinem Bett, aber ihre Stimme ist klanglos – ihre Kräfte aufgezehrt – – nur noch sechs Wochen, dann kommt das Kind. Sie sitzt oft noch nachts, wenn er schon eingeschlafen, weil sie keine Kraft mehr für den Heimweg aufbringt. Sie hockt in dem großen, grünen Ohrenstuhl, vergrübelt, überlegend, wie sich ihrer beider Zukunft nun gestalten soll: Es steht für sie fest, daß sie Christian nie und nimmer verlassen wird. Aber ein blinder Mann und ein Kind – – wie und wann soll sie dann arbeiten?

Aber eines Morgens kommt die alte Schwester Lätitia ihr bedeutungsvoll entgegen und schiebt die befremdete Constanze in das Zimmer.

Und da sitzt Christian – weiß Gott, da sitzt Christian und sieht sie an und lacht – lacht ein Lachen, das fast wie ein Schluchzen klingt – erkennt Constanze, erkennt ihren Zustand – sieht das ganze kleine, vernachlässigte, verhärmte, geliebte Wesen.

»Ach Conny – meine Conny –«, ist alles, was er hervorbringt.

Constanze kann das Glück noch gar nicht fassen. Sie geht jetzt fast selbst wie mit Blindheit geschlagen und tastet sich vorwärts, Schritt für Schritt, zu seinem Bett.

Das Kind wartet nun doch nicht, bis die standesamtlichen Papiere eingegangen sind, und kommt etwas verfrüht.

Constanze liegt nun in demselben Krankenhaus, in der Frauenabteilung. Das Kind ist zwar sehr zart, doch gesund. Sie selbst ist aber so über alle Maßen geschwächt, daß sie zu ihrem Kummer mehrere Wochen liegen muß.

Man bringt ihr gute Nachrichten, daß Christians Befinden sich bessert, daß er bald aufstehen darf und daß ein junger Schauspieler aus der dritten Klasse ihm täglich Gesellschaft leistet.

Noch ehe Christian das Krankenhaus verlassen kann, dringt er auf eine Trauung. Der junge Schauspieler, der Robert Flemming heißt, ist Trauzeuge und Pate zugleich … Was dann kommt, ist ein Aufbauen, gemeinsames Aufbauen zweier Menschen gewesen – Steinlein um Steinlein, um das Ziel – eine gesicherte Existenz zu erreichen.

Constanze öffnet die Augen. Sie sieht sehnsüchtig nach dem Vogel, der in die bläulich-silberne Ferne stieg, aber er ist verschwunden.

Aber dann mußte sie doch eingeschlafen sein, denn sie erwachte von einem sanften Rütteln an der Schulter und hörte Robert Flemming erschreckt sagen: »Mein Gott, Conny, hast du aber fest geschlafen! Nun komm schnell, auch ich hab verschlafen. Wir müssen sofort essen, wenn du den Siebenuhrzug noch erreichen willst.«


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