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Das Haus Juarez des Gonzales' lag außerhalb der Stadt in Guadalupe, dem Wallfahrtsort der berühmten schwarzen Indianermadonna. Es war ein niedriges einstöckiges Haus mit Ziegeldach und rauhen, roten Fliesen in einem kleinen Patio, der von hohen weißen Mauern umschlossen war. Hibiskusblüten und amethystfarbene Bourgainvilleas standen als farbige Flecke gegen die weißen, grellen Wände. Fremde Blumen blühten um ein Wasserbecken. Die breiten zerfetzten Blätter eines Bananenbaumes bewegten sich leise und raschelten, wenn der Wind sie berührte.
Sie hatte sich angemeldet. Gonzales kam ihr entgegen und führte sie über eine steinerne Wendeltreppe außerhalb des Hauses auf das flache Dach. Aber ehe sie das Dach erreichte, mußte sie noch eine kleine Plattform überschreiten, und dann lag das Dach vor ihr. Wie gebannt blieb sie stehen. Und Gonzales, der Wirkung gewiß, betrachtete sie gleichsam lauernd und stolz mit seinen undurchdringlichen schwarzen Augen. Aber es war auch ein Anblick, der den Unvorbereiteten bannen mußte. Das Dach hatte vier Eckpfeiler und keine Brüstung, war aber überdeckt von einem zweiten Dach. Dieser luftige Altan war durch schwere, mächtige, tiefblaue Seidenvorhänge zu einem Raume gestaltet. Aber die Vorhänge hingen nur an der einen Seite herab und wirkten wie eine Wand. An der Hauptseite waren sie zur Seite gerafft und bildeten den Rahmen zu einem berückenden Bild. Gegen den grünblauen Himmel – im Hintergrund der zweiundzwanzigtausend Fuß hohe schneebedeckte Kegel des Orizaba –, gegen eine heroisch und vorweltlich anmutende Landschaft mit blaugerippten Bergketten saß auf einem hochlehnigen Stuhl eine dunkelgesichtige Frau, eine Indianerin von seltsamer Schönheit. Sie war in die Tracht von Vera Cruz gekleidet, trug einen blumigen Rock und eine Batistbluse. Ein grauseidener Schal, als Brusttuch gebunden, war im Rücken verknotet. Um den Hals lag ihr eine Kette aus silbernen Kugeln und Jadesteinen. Doña des Gonzales war weder geschminkt noch gepudert wie sonst die mexikanischen Frauen. Ihr bräunliches kleines Gesicht hatte etwas Bildhaftes. Die großen Augen wirkten wie alle, denen Constanze begegnete, scheinbar pupillenlos und keiner Gefühlsregung Raum gebend. Sie saß da wie eine wunderbare Statue gegen diese Landschaft, die sie hervorgebracht hatte, gleichsam ein Teil dieser Landschaft. Das Haar war gescheitelt und lag in zwei dunklen Zöpfen über ihrem Rücken. Auf ihrer Schulter saß ein kohlschwarzer kleiner Spinnenaffe, wohl ihr Spielzeug, der die Eintretenden mit wilder Freude begrüßte …
»Meine Frau spricht Englisch«, sagte Gonzales, Constanze vorstellend. Er sagte es stolz, und es erschien Constanze auch verwunderlich, daß diese schöne Indianerin einer ihr verständlichen Sprache mächtig war.
Eine Dienerin, auch eine Indianerin, war lautlos auf dem Terrassengang erschienen und stellte einen schöngeformten Tonkrug und ebensolche Becher hin.
Constanze bat Gonzales, einige Skizzen, von denen er ihr erzählt hatte, sehen zu dürfen. Gonzales ging nach dem Atelier, an dem sie vorbeigekommen waren, und brachte eine große Mappe. »Die Arbeiten sind alle auf chinesischem Tuschpapier gemalt«, sagte er erläuternd.
Es waren alles Skizzen in Sepiatönen. Und jene braungelben Töne gaben so gut die Atmosphäre Mexikos wieder –, der Peone –, den gelbbraunen Ton der Adobes – der Lehmerde – der Lavaabhänge. Alles versinnbildlichte die Einheit des Indio und seiner Erde.
Doña des Gonzales, die den Namen der Geliebten von Cortez, Malintzin, trug, war zunächst sehr schweigsam. Sie stand zierlich und mit fast demütiger Haltung neben der blonden Frau und betrachtete regungslos die Bilder ihres Mannes. Später ging sie mehr aus sich heraus, als Gonzales die Mappe fortlegte und sich zu den Frauen setzte.
Die Landschaft als Gemälde – die schöne demütige Indianerin – der Maler –, alles schien Constanze traumhaft – unwirklich – verzauberte sie.
Malintzin reichte ihr einen Becher mit einer merkwürdigen milchigen Flüssigkeit. »Sie müssen Aole – ein echt indianisches Getränk – kosten«, meinte sie. »Wenn Sie es nicht mögen, so sollen Sie es aber nicht trinken.«
»Es schmeckt ausgezeichnet«, sagte Constanze ehrlich. »Woraus ist es bereitet?«
»Aus Milch und zwanzig Kräutern und Säften von Früchten, Blüten und Pflanzen.«
»Es löscht ausgezeichnet den Durst«, unterbrach der Maler, »übrigens, wissen Sie eigentlich, daß der Kakao aus Mexiko stammt und sein Name ein aztekisches Wort ist, das in alle zivilisierten Sprachen übergegangen ist?«
»Ach, wie merkwürdig!«
»Ja –, Kaiser Montezuma trank ungefähr fünfzig goldene Täßchen Schokolade täglich … Haben Sie schon beobachtet, auf den Märkten bieten Indianerinnen in großen Tonschüsseln Schokolade an? Und haben Sie schon das Nationalgetränk Pulque probiert?«
»O nein –.« Constanze machte eine fast ablehnende Bewegung mit den Schultern. »Ich finde, es riecht – riecht irgendwie sehr schlecht.«
»Ich verstehe, was Sie meinen«, erwiderte Gonzales. »In den Camions riecht der Indio oft danach. Das ist schlimm. Der frische, weiße, molkige Agavensaft ist sehr erfrischend und berauscht nicht. Aber in den unzähligen Pulquerias, die in den Städten errichtet sind und die der Staat verbieten müßte, ist der gegorene Saft noch mit anderen Ingredienzien gemischt und gefährlich. Er trinkt sich leicht wie Wasser, und plötzlich ist man berauscht. ›Er nimmt den Kummer von der Seele‹, heißt ein altes indianisches Sprichwort.«
»Ich glaube, jedes Land hat ein Getränk, das den Kummer von der Seele nimmt«, erwiderte Constanze leise und dachte an Fritz Müller in New York, der zu ihr gesagt hatte: Nicht wahr, wir haben alle etwas zu vergessen, und man lernt – man lernt bald, wieviel Whisky man zu trinken hat – um zu vergessen. – – –
»Wir sollen aber nicht zu vergessen suchen und dabei unsere Kräfte zerstören«, nahm Gonzales wieder das Gespräch auf. »Wir müssen erstarken, sonst erreichen wir nicht unser Ziel.«
»Sie meinen, die Rückindianisierung Panamerikas?« fragte Constanze.
»Ja – sie muß und wird kommen. Aber nicht durch die gegenwärtige Regierungsform wird es gelingen«, sagte Gonzales. »Wir wollen ein schöneres, reicheres, besseres Land schaffen. Porfirio Diaz verkaufte das Land an Amerikaner und Europäer. Die gegenwärtige mexikanische Regierung tat allerdings recht daran, das Land zu konfiszieren, wenn seine landlosen Bürger es benötigen. Die Vereinigten Staaten übernahmen das englische Recht. Das englische Recht aber, sowie das vieler anderer europäischer Völker ist vorwiegend römischen Ursprunges. Das römische Recht erkennt Privateigentum, Grund und Boden an und erklärt es für unverletzlich. Nicht so das alte spanische Recht. Dieses geht von der Voraussetzung aus, daß ein Volk oder ein Staat ohne Land kein Volk und Staat ist und sein kann. Land ist Voraussetzung für die Existenz des Staates, darum gehört alles Land dem Staat, oder sagen Sie: dem Volke.«
»Ja, ich verstehe.«
»Nun, der Staat oder sein Verwalter kann jedoch Land an Privatpersonen abgeben, wenn dieses Land für das Volk als Ganzes zur Zeit nicht benötigt wird. Solches Land aber ist Lehen, das jederzeit vom Staat zurückgefordert werden kann, wenn es doch für das Volk gebraucht wird. Zur Zeit der deutsch-spanischen Herrschaft galt das altspanische Recht auch in Deutschland, wie die Lehnsherrschaft in Deutschland aus jener Zeit beweist. Es ist dies also kein kommunistischer Gedanke bei uns, sondern spanisches Recht, vertieft durch das alte indianische Recht, im Gegensatz zum amerikanischen Recht. Verstehen Sie, Mrs. Andergast?«
Constanze nickte. Das alles interessierte sie sehr.
»Sehen Sie, Mrs. Andergast, wir bekämpfen nicht Europa, sondern wehren uns gegen die Amerikaner, weil ihre Unkultur und ihr Kapitalismus uns verseuchen. Der Zusammenschluß der indianischen Völkerschaften erfolgt ganz von selbst. Sie werden es vielleicht noch erleben. Er ist ganz und gar uneuropäisch. Weil man keine Erklärung dafür finden kann, nennen viele Uneingeweihte diese Bestrebungen Bolschewismus. Sie haben nicht die geringsten Berührungspunkte damit.«
»Auch in China geht es gegen die Herrschaft der Weißen im wiedererwachten nationalen Rassenbewußtsein«, hörte Constanze Malintzins melodische Stimme, »gegen artfremden Einfluß und Macht.«
»Der Bolschewismus im europäischen Sinne ist dem Indianer ebenso wesensfremd wie das Christentum«, bestätigte Gonzales.
»Ich begreife«, sagte Constanze. »Ich begriff schon in der kurzen Zeit, daß die katholische Kirche die Seele des Indianers nicht erreicht hat. Und was in vierhundert Jahren nicht gelang, wird nun auch nicht mehr gelingen in dieser Zeit der allgemeinen Abkehrung von allen Kirchen.«
»Kurz und gut«, sagte Gonzales, und es klang sehr leidenschaftlich, obgleich auch er gedämpft sprach, »es ist eine Rebellion einer nichteuropäischen Rasse gegen die europäische. Ein Erwachen der indianischen Kultur gegen europäische Zivilisation. Eigene Kultur kann sich auch nur auf eigener wirtschaftlicher Basis entwickeln.«
»Und, nicht wahr, Juarez?« warf Malintzin ein und beugte sich vor, so daß die blauschwarzen Flechten ihr über das grauseidene Brusttuch fielen: »Die Revolution von 1910 befreite doch nicht den Arbeiter, sondern den Indianer?«
»Jawohl«, rief Gonzales, »der geistige Führer Francisco Madero war weder Sozialist noch Kommunist. Er wurde ermordet, lange ehe es noch einen Bolschewisten gab.«
»Das Gesetz gegen die Kirche, Mrs. Andergast«, sagte Malintzin in der ihr eigenen demütigen Art, »ist indianischen Geistes. Das wird immer vergessen, ebenso vergessen, daß der rücksichtsloseste Bekämpfer der katholischen Kirche der Präsident Benito Juarez war, und Juarez war Vollblutindianer. Er bekämpfte die katholische Kirche in einer Zeit, als sie noch in ihrer unangetasteten Glorie dastand, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Aus indianischem Geiste ist der Haß gegen die katholische Kirche entstanden, nicht beeinflußt von bolschewistischen Ideen.«
»Ich glaube«, sagte Constanze zögernd, »die Indianer werden mißverstanden, weil sie mit den Augen des Europäers, mit den Gefühlen des Fremden betrachtet werden.«
»So ist es«, bestätigte Gonzales und ließ seinen schnellen reptilartigen, hohlen Blick über Constanzes blasses Gesicht gleiten. »Die Seele des Indianers ist aus Blut. Sein Instinkt höher als der Geist. Aber den Geist, der das Wesen europäischer Kultur ist, lehnt er als dunkel und barbarisch ab.«
»Ich glaube, mit diesen Worten besagen Sie alles«, erwiderte Constanze.
»Ja«, sagte Gonzales mit dunkler, unterdrückter Heftigkeit, »man bringt uns Zivilisation, aber man zerstört unsere Kultur. Und bitte, Mrs. Andergast, betrachten Sie unser Land: Der Handel an der Westküste ist in der Hand der Chinesen. Die Minen und Ölfelder in den Händen der Amerikaner und Engländer, die Banken und Eisenbahnen in den Händen der Kanadier und Engländer, der Eisenhandel, die Drogen und die Chemikalien liegen bei den Deutschen, der Seidenwarenhandel bei den Franzosen, der Kleinkram bei den Arabern, Syriern und Ägyptern, die Speisehäuser bei den Chinesen. Alles, was Geld einträgt, ist in den Händen der Fremden.«
So leise – so verströmt es klang, wenn Gonzales oder Malintzin sprachen, aus allem schwelte Constanze eine Glut entgegen. Sie spürte, hier waren zwei Gebildete eines unterdrückten Volkes, die bei einer Fremden, die zu der Welt gehörte, die sie unterjochte, Verständnis für ihre Lage heischten …
Die Landschaft, die die ganze Zeit vor Constanzes Blicken lag, gewann lavendelblaue Töne. Die Luft ging in Rosarot über. Es lag eine Art Alpenglühen auf dem schneeigen Vulkankegel. Ganz schnell sanken die blauen Schleier der Nacht.
Constanze fiel es schwer, sich zu lösen. Der Blick zwischen der gerafften blauen Seide fügte sich in den Rahmen ein. Der Himmel hatte nun den gesättigten blauen Ton der Seide angenommen und war bestickt mit Milliarden flimmernder Sterne. Es war wie immer eine sehr helle Nacht, die unwirklich, unbeschreibbar war. Es fiel Constanze auch schwer, sich von Gonzales und Doña Malintzin zu trennen. Die Aussprache hatte ihr weiteres Verständnis für Mexiko vermittelt … Und Constanze verwunderte sich nicht, daß Gonzales und Doña Malintzin ihre Gedanken errieten. Sie hatte dies allzuoft erlebt, daß der Indianer mehr sah, hörte und erriet als der Weiße. Und so freute sie sich, als beide sie in einer ihnen eigentümlichen Wärme baten, recht bald und recht oft wiederzukommen.