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Hartmann war kaum eine Stunde da, so rief er schon an: »Kommen Sie zu Sanborn«, meinte er, »dort unterbreite ich Ihnen meine Pläne.«
Ja, es war doch etwas anderes, wenn ein Mann sie begleitete, und vor allem ein sprachkundiger. Man konnte sich nun unbeschwert den Eindrücken hingeben, ohne die Unsicherheit, die sie sonst stets überkam und die ihr oft das Gefühl gab, als ob sie einer gefährlichen fremden Welt ausgeliefert sei.
Schon am ersten Tage fuhr er mit ihr nach San Remedios, zu jenen uralten Wachtürmen und Wasserleitungen der Indianer, wo ein Fest stattfand. Auch hier sah sie die Indios tanzen. Jene uralten Tänze zu dem Dröhnen der Trommeln und den Klängen von Gitarren, die aus den Panzern der Gürteltiere verfertigt waren. Immer wechselnde Tanzbilder, vielleicht vierzig verschiedene Tanzschritte. Grausige Masken trugen die Tänzer vor dem Gesicht. Tigerfelle über den Schultern, Büffelhörner statt Federschmuck. Sie tanzten ununterbrochen von vier Uhr morgens bis Mitternacht.
Er fuhr mit ihr auf die Märkte, die täglich stattfanden. Läden gab es in den Orten nicht, es war ein buntes, malerisches Bild. Die Indios regungslos auf der Pelate, der Matte, hockend, neben sich die Frau und vor sich auf einer sauberen Schilfmatte ihre bescheidenen Waren ausgebreitet: Tortillas, Frijoles, wilde Ananas und wilde Tomaten, eßbare Baum- und Strauchfrüchte und vor allem die beliebten Mangos, Bananen und Kokosnüsse. Merkwürdig war es, daß sie die Früchte stets in Pyramidenform aufgebaut hatten. Dreihundert verschiedene Kräuter, Pflanzen und Wurzeln hielten sie feil. Aber nie boten sie ihre Waren an. Sie zeigten sie nie und sahen sie nicht einmal an. Sie saßen da, gleichgültig, stoisch, und warteten.
Der Salzverkäufer hatte seinen eigenen Platz, wo er das von der Quelle in Salina gewonnene Salz verkaufte. Das Salz war in Zylindern geformt. Der Indio hockte auf seiner Matte mit einer kleinen Handsäge und schnitt Scheiben ab.
Große Sonnensegel waren vielfach aufgespannt, in deren Schatten die Indios eng beieinander hockten. Truthähne, lebendig gebündelt, lagen in der Hitze. Eine Ziege stand im Gedränge. Und überall sah man das geliebte Hündchen, eine seltsame, unbeschreiblich häßliche Kreuzung, wie von einem Coyot, Puma, Waschbär, Skorpion und einer Schildkröte.
Wunderbare feingeflochtene Körbe boten die Indios feil, Tongefäße in guten Formen und Farben. Tagelang suchte Hartmann, bis er für sie einen Korb fand, schöner, feiner, leuchtender als alle bisherigen. Tagelang suchte er, bis er ein Tongefäß fand, das edler war als alle, die sie bisher gesehen.
»Damit Sie mich nicht ganz vergessen, wenn Sie wieder in Deutschland sind«, sagte er nur. Er hielt sein Versprechen: nie kam ein Wort über seine Lippen, das seine Gefühle verriet. Nie begegnete er ihr anders als in herzlicher Kameradschaft.
Aber es gab Augenblicke, da er sich doch verriet, da sie ein Ton traf, ein zärtlicher Blick, daß eine Welle heftiger Leidenschaft ihn überkam. Aber er drängte sie zurück, wie er so vieles in diesen Tagen der Gemeinsamkeit verdrängen mußte.
Ihre Haltung ihm gegenüber ließ trotz aller freundschaftlichen Gefühle, die sie wohl für ihn empfinden mochte, nicht den Gedanken in ihm aufkommen, daß er jemals die von ihr hart umrissene Grenze überschreiten durfte.
Sie übernachteten die ersten Tage in Mexiko-City, dehnten dann aber ihre Ausflüge aus. Sie übernachteten, wo es sich ergab; in kleinen Gasthöfen von Orten mit unaussprechbaren aztekischen Namen, in Hazienden bei Bekannten Hartmanns, bei Deutschen auf einer Kaffefinka im Süden.
Und dann sah sie die Tropen – Urwälder – tropische Küstenniederungen – riesige Bergwelten – Zuckerrohr- und Tabakfelder – meilenweite Agavenplantagen, deren gewaltige Pflanzen in scharfen Lanzen gegen einen kobaltblauen Himmel standen. Und immer sah man irgendwo die schneebedeckten Riesenhäupter der Vulkane. An weltverlorenen Hazienden kamen sie vorbei – das Herrenhaus niedergebrannt –, an Indianersiedlungen, graugelben Lehmziegel-Pueblos, an Wüsten und Kakteenwildnissen. Auf schmalen Indianerpässen ritten sie über die Hängebrücken gewaltiger Gebirgsströme hinab in die feuchten Dschungelniederungen, wo Millionen traumhaft schöner Orchideen wucherten, wo riesige Schmetterlinge gleich geflügelten Blüten dahingaukelten.
Sie trafen Indianer in den Gebirgen, die noch mit Schleudern daherkamen oder mit Bogen und Pfeil. Sie sah in kleinen leblosen Orten nachts Hahnenkämpfe – blutig – grausam – häßlich – niederziehend.
Sie fuhr mit ihrem Begleiter Tag für Tag in den kleinen, wild dahinrasenden Indianer-Camions, die das Land durchquerten von der Sierra hinab bis zum Pazifik nach Acapulco.
Kein Indianer stand auf oder machte Platz, wenn sie beide die Camions bestiegen. Stundenlang oft stand Constanze von Staub überschüttet mit einem Fuß in einem Gemüsekorb, den anderen in dem Gefieder eines lebenden Truthahns, in diesen galoppierenden winzigen Indianerbussen, die so lebensgefährlich dahinbrausten und in denen kein Weißer fuhr, die aber mit unheimlicher Sicherheit und Geschwindigkeit über die Pässe sausten, niedrige Flußbette durchquerten, jegliche Steigung nahmen. Prähistorischen Bildern gleich sah sie einmal Frauen in einem Fluß baden. Ihre nackten bronzenen Körper, ihre blauschwarzen nassen Zöpfe schimmerten. Kein Scherz, kein Lachen erklang von dem Flußbett her. Wie aufgestörtes Wild stob alles davon.
»Sie haben keinen Revolver?« fragte Constanze einmal betroffen, als sie eines Abends verspätet nach Laredo kamen. Unten, in tausend Meter Tiefe, lagen Täler, leuchteten schmale Flußbänder, strömte der Duft der Orchideenwildnis empor.
»O nein«, meinte Hartmann, »dann wären wir erledigt, wir würden bei einem Überfall mit der eigenen Waffe erschossen.«
»Dann rufe ich: Vivera Mexico! – das hat bis jetzt immer geholfen.«
Constanze lachte herzlich. Sie fühlte sich sicher.
An jenem Abend sahen sie winzige grünleuchtende Lichter ihnen entgegenkommen. In der Nähe erkannten sie Indios, die, bis zu den Augen in Sarape gehüllt, schwer beladen dahintrabten. Constanze konnte sich das Licht nicht erklären. Es war ein Insekt, von den Indianern Cucuji genannt, ein dunkelgrüner, drei Zentimeter langer Käfer. Das Licht dieser Käfer war so stark, daß man bei seinem Leuchten die Zeitung lesen konnte. Mehrere Käfer erhellen einen Weg. So befestigten die Indianer zwei Käfer an ihren Sandalen, um ihren Weg zu beleuchten. Indianerinnen steckten sich winzige, aus durchsichtigem Bambus geflochtene Käfige in das Haar, mit einigen Käfern darin, warfen darüber einen dünnen Rebozo –, es war ein traumhaftes Bild.
Kolibris und Affen, Wildkatzen und Pumas begegneten ihnen auf ihren Touren.
»Schade«, sagte Hartmann, »ich trage eine zu große Verantwortung, wenn ich Sie begleite, sonst würde ich Sie durch tropische Wälder führen, wo Sie Leoparden, Tiger, Faultiere, Schlangen, Schildkröten und Krokodile sehen würden.«
»Besser nicht«, meinte Constanze belustigt, »ich muß ja noch nach Hause.« Es sollte als Scherz klingen, aber ein Erinnern flog über ihre heimwehkranke Seele.
Die letzte Nacht – es war der zehnte Tag ihrer Wanderungen – verbrachten sie in der nächsten Nähe von Mexiko-City in Cuernavacca, dem ehemaligen Landsitz von Cortez und Kaiser Maximilian. Sie hatten den berühmten Ort am Nachmittag erreicht und verweilten lange auf der offenen Galerie des Palazzo Cortez vor den Fresken Diego Riveras mit dem Blick über das Tal. Ein weites Tal mit hohen Pappeln, Weiden und Flächen von gelbem, versengtem Mais. In der Ferne sah man Schafe, zottige Ziegen und dahinter wieder Bergrücken und die schneebedeckten Häupter des Popocatepetl und Ixtaccihuatl. Man sah weißgekleidete Peone auf Eseln stumm und gespenstisch dahertraben.
Constanze war müde, und so wanderten sie frühzeitig über die unebenen, holprigen Straßen zu einer ehemaligen Hazienda, die das Sommerhaus eines Ingenieurs war. Er bewohnte es nur für das Wochenende mit seiner Familie, aber eine junge Indianerin hütete es. Hartmann hatte die Erlaubnis erhalten, jederzeit dort zu übernachten. Viele Mexikaner, viele Amerikaner hatten hier ihre Sommersitze – alles flache, flankige Häuser in L-Form gebaut, mit Patios und Brunnen und schönen Gärten, die von hohen weißen Mauern umgeben waren.
Um das Haus lag nach dem Patio zu ein breiter, roter, fliesenbedeckter Gang zu ebener Erde mit Korb- und Liegestühlen und die offene Seite mit Moskitonetzen bespannt. Auf diesen langen Rundgang führten die Türen und niedrigen vergitterten Fenster sämtlicher Räume.
Constanze lag ermüdet auf einem Schaukelstuhl. Die Dienerin, eine junge Frau, die Constanze an Malintzin erinnerte, trug auf Hartmanns Geheiß Kaffee und Speisen auf. Sie bereitete einen Fruchtsalat und eilte lautlos und geschäftig umher.
Der Stuhl wippte … Constanze hatte die Augen geschlossen.
Die Luft schien ihr noch erfüllt von den geschichtlichen Ereignissen, die sich hier abgespielt hatten. Auch hier schien Zeitlosigkeit zu walten. – Man hörte das Rauschen des kleinen Flusses, der an dem Garten vorbeiströmte und über den einst Cortez gekommen war, und fernab das dumpfe, eintönige Dröhnen einer Trommel.
Das Rauschen des Flusses, das Rascheln der Bananenbäume, das Bellen eines Hundes in weiter Ferne, die Nähe des Mannes, dem sie unvergeßliche Eindrücke zu verdanken hatte, lösten glückliche Gefühle, eine glückliche Entspannung in ihr aus.
Und während sie über alles nachsann, was die letzte Zeit ihr gebracht hatte, wurde ihr plötzlich bewußt, daß diese Reise ohne diesen Freund einer Blüte ohne Duft vergleichbar gewesen wäre. Sie sah ganz klar: wenn diese Tage von einem so seltsamen Zauber erfüllt waren, sie verdankte sie dem Manne, der so sehr dem einen Menschen glich, dem sie über die Maßen anhing.
Gerade wie jetzt, wenn sie die müden Augen ein wenig öffnete und den Gefährten dieser Tage betrachtete, der gleich ihr auf einem Schaukelstuhl im Dämmern des scheidenden Tages dasaß, konnte sie dies trügerische und oft geübte Spiel wiederholen: sie schloß die Augen, sie blinzelte, sie schloß wieder die Augen und schlief endlich dabei ein …
Sie sah sehr erschöpft aus. Ihr Kopf war ihr auf die Schulter gesunken. Blaue Ringe lagen um ihre Augen, so daß Hartmann es nicht über sich brachte, sie zu wecken. So saß er geduldig da und wartete. Die Speisen waren auf dem kleinen Tisch zwischen ihnen gerichtet.
Die Nacht brach wie stets schnell über die Sierra herein. Es war eine Vollmondnacht – so überwältigend, wie sie nur in den Tropen zu sein vermag. Sie war so hell und tauchte alles in ein blaues magisches Licht, daß der Garten hinter dem Moskitonetz in einer zauberischen Klarheit dalag.
Der amethystfarbene Bourgainvillea gegen die weiße Mauer, die hohen Palmen, die mit üppigen lila und gelben Orchideen umschlungen waren, die Riesenfarne, die im Nachtwind leise bebten, die zerfetzten Bananenblätter, die versilbert rauschten –, es war fast unwirklich. Ein verirrter riesiger Schmetterling taumelte in dem blauen Licht dahin.
In dem Augenblick schlug Constanze die Augen auf. Sie lag in dem Stuhl, vor ihr, wie durch graue Schleier, lag diese Nacht, berückend in ihrem Zauber, so daß sie nicht zu sprechen vermochte.
Hartmann bemerkte, daß sie erwacht war.
»Sie haben schön geruht«, sagte er herzlich. »Sie Arme, ich mache mir schon Gedanken, daß ich Sie überanstrengt habe. Die Tage waren für eine Frau keine Kleinigkeit.«
»O nein!« wehrte Constanze ab. »Überanstrengt bin ich nicht, aber so müde, daß ich jetzt auch nicht zu essen vermag. Ich will mich gleich zur Ruhe begeben.«
Sie stand auf, aber noch benommen vom Schlaf, schwankte sie.
Er sprang auf. »Wollen Sie nicht doch eine Kleinigkeit zu sich nehmen, ehe Sie schlafen gehen?«
»Nein, danke, ich bin zu müde«, wiederholte sie.
Sie nahm ihre Jacke, die sie sich über die Schultern warf.
»Gute Nacht«, sagte sie und reichte ihm die Hand.
»Morgen ist unsere Reise beendet«, sagte er unvermittelt. »Sie gehört zu den schönsten Tagen meines Lebens«, fügte er ernst hinzu.
Sie sah ihn an, noch befangen und zu benommen, um den Sinn seiner Worte ganz zu ermessen.
»Ich wüßte gern, wie der Mann ist, den Sie so lieben«, sagte er plötzlich. Er hielt immer noch ihre kalte Hand in der seinen –
Sie schwankte. In dem Augenblick glich sie einer Flamme, einer hellen silbernen Flamme –
»Wie du –«, sagte sie entrückt. Ihre Augen, ihr Haar, ihr Mund, ihre ganze Gestalt glich einer Flamme, die plötzlich an ihm emporloderte, und eine stürmische Welle trug ihn, brandete empor und rauschte zurück … Für einen Augenblick erschienen ihre Körper als ein einziger Schattenriß an der weißen Wand.
Dann, ehe er sie zu halten vermochte, war sie davongeeilt. Er hörte das Schließen einer Tür und das Geräusch eines Schlüssels, der sich drehte.
Am nächsten Morgen brachen sie früh auf. In dem klappernden, fauchenden Camion rasten sie über den herrlichen Gebirgspaß hinab, Mexiko-City zu.
An den unzähligen Kurven, wenige Meilen voneinander entfernt, patrouillierten Soldaten, die als Wachtposten gegen Überfälle hier ständig stationiert waren.
Wenn Hartmann Constanze betrachtete, so konnte er sich nur sagen, daß ihn ein Traum genarrt hatte – so gleichmütig begegnete sie seinem Blick, als ob nie und nimmer diese schwerwiegenden Worte in seinen Armen gefallen wären.
Und ebenso unbefangen und ebenso dankbar reichte sie ihm zum Abschied die Hand.