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31

Sie rief jeden Morgen bei Marianne an. Die Nachrichten lauteten schlecht. Das Kind war schwerkrank. Sie hörte Mariannes schluchzende Stimme Auskunft erteilen.

Wenn das Kleine stirbt, dachte Constanze, so wird Marianne sagen: »Das ist Mexiko«, und wird das Land noch tiefer hassen als zuvor.

Die weitergeleitete Post brachte einen Brief vom Rehlein mit guter Nachricht. »Im März werde ich entlassen«, schrieb es. Im März, wann war März? – Wie viele Ewigkeiten war sie schon hier? Wie viele zeitlose Monde waren dahingeglitten, seitdem sie das Rehlein nicht gesehen? – Aber es war erst Mitte Dezember. Mitte Dezember? Ja, sie war noch keine drei Monate hier … Robert schrieb nur Karten – lakonisch, verhalten: »Schön, daß es Dir gut geht.« – »Ich will froh sein, wenn Du wieder hier bist.« – »Ich denke viel an Dich.« … Anna, Robert, Christian – sie schrieben oft, aber nie erreichte sie ein Wort, das eine Entscheidung enthielt.

Und eines Tages kam die Entscheidung. »Ich zögerte«, schrieb Anna, »als Du mich batest, Dir Bericht zu geben über Entwicklungen, die in Deiner Abwesenheit stattfänden. Auch dachte ich, daß es Christian zukäme, Dir zu schreiben, wenn sein Herz entschieden. Aber ich entsinne mich auch, daß Du ein stolzer Mensch bist und eine verlorene Festung nicht länger verteidigen willst. Ich traf Christian selten, und selbstverständlich berührte ich nicht das eigentliche Thema, und er selber erwähnte es nie. Nun kam gestern Robert Flemming zu mir und erzählte mir, daß er des öfteren Christian und Elena getroffen habe, die das Wochenende gemeinsam im Gebirge verbrächten. Elena sei seine Geliebte. Er, Robert, habe Christian eines Tages darauf gestellt und ihm scharf gesagt, daß sein Verhalten zu einer definitiven Entscheidung dränge. Man könne Dich unmöglich länger in Ungewißheit lassen. Zunächst sei er ausgewichen, aber auf Flemmings Drängen habe er dann gesagt: ja – er wolle Elena heiraten; aber es fiele ihm so schwer, es Dir zu schreiben.« –

Constanze las nicht weiter. Erst später nahm sie den Brief wieder zur Hand. Merkwürdig, dachte sie: nun ist alles – alles entschieden … Ich habe gewartet – gewartet – und nun erscheint es mir so plötzlich, kommt einem Einbruch in meine Seele gleich.

Sie hatte den Brief in der Hotelhalle in Empfang genommen und ging auf die Straße. Seltsam, dachte sie, daß trotz allem das Leben weiterging und daß die Sonne so hell schien. Sie tat so weh. – Wie immer ratterten die Camions vorbei, wie immer hörte sie das Klingeln der Bahnen, das Hupen der Autos, das Brausen der geschäftigen Stadt. Wie immer hockten die Tortilla-Verkäufer an den Ecken, die Türen der Pulquerias waren wie immer geöffnet. Was hatten die Azteken gesagt? »Er nimmt den Kummer von der Seele.« Wie immer lag der Zocalo im blendenden Licht der heißen Luft und atmete in dunklem, schwerem reptilischen Schweigen. Wie immer hockten da die unheimlichen stummen Indios, sie hockten wie große dunkle Tiere, den Sarapo über die Schulter geworfen, den schrecklichen hohlen Blick in das Unsichtbare gerichtet …

Sie ging und ging – kreuz und quer durch die Straßen. Sie sah nicht, daß sie die Avenida des Maderos hinabging – an der Allameda vorbei. Sie wanderte die breite Allee Paseo de la Reforma hinab nach dem Chapultepec-Park. Es waren um diese Zeit wenig Menschen hier. Einige Studenten gingen lesend auf und ab. Auf den aus Majolikakacheln gebauten Rundbänken an dem kleinen Don-Quichotte-Brunnen saß nur ein alter Mann und las. Der kleine Brunnen plätscherte. Die öffentliche Bibliothek, die in die Brunnenwände eingebaut war und aus der jeder im Park Weilende sich ein Buch entnehmen konnte, bot in beredtem Schweigen ihre geistige Habe dar. Der alte Mann stand auf, stellte das Buch ein und schlurrte davon …

Die hohen Bäume gaben tröstenden Schatten. Constanze setzte sich auf die verlassene Bank und zog nochmals Annas Brief hervor. Sie las ihn immer wieder, aber es veränderte sich nichts. Sie las noch: »Flemming sagte, er möchte es Dir nicht schreiben, aber ich solle es tun. Und als er aus dem Zimmer ging, fügte er noch hinzu: Frau Grautoff, wir hätten Constanze vielleicht doch nicht reisen lassen sollen. – Aber ich denke, daß man Schicksale nicht aufhalten kann. Man muß sie nur tragen und nicht schleppen. Das ist das einzige.« – – –

Constanze verließ bald wieder die kühle Majolikabank und irrte erneut durch die Straßen. Sie wanderte und wanderte stundenlang … Erst abends in der Dunkelheit kehrte sie in das Hotel zurück. Sie war nun von einer seltsamen Ruhe und Gelassenheit …

+++

Daß es Sonnabend war, wurde ihr erst bewußt, als sie vom Portier den Bescheid erhielt, Hartmann habe angerufen, er käme dieses Mal erst Sonntag aus Pachuca. Er sei nicht früher abkömmlich. Es hätten Unruhen stattgefunden, die Indios hätten gestreikt.

Sie aß mechanisch und schweigsam und ging früh zu Bett. Nie hatte sie die Einsamkeit, nie die Verlassenheit in diesem Maße empfunden.

Constanze lag da, bedrängt von dem tiefen Schweigen der mexikanischen Nacht, fühlte, wie das Grauen sich erhob und sich verdichtete und sie umklammerte. Fühlte sich uferlos preisgegeben den furchtbaren Mächten des indianischen Kontinents und dachte: ja, man darf hier nur weilen, wenn man stark verwurzelt ist in seiner eigenen Erde. Aber jetzt –? Ich will heimkehren, überlegte sie und griff nach diesen Worten wie nach einer rettenden Hand. Aber als sie das Wort »Heim–kehren« erfaßte, schlugen wieder die Wogen dieser fremden, gefährlichen, starken Welt über ihr zusammen, da dies Wort für sie ja der Kraft gebrach.

Und doch werde ich heimkehren – zurückkehren, sagte sie sich. Sie rief es sich gleichsam zu, als sie auftauchte aus dem Strom der Verzweiflung und irgendwo Ufer erblickte – ein Ufer, zu dem sie gelangen mußte, wenn sie nicht völlig ertrinken wollte in dieser Erde …

Am nächsten Morgen rief sie bei Reinhardts an. Marianne kam nicht an das Telefon, nur ihr Mann.

»Es steht nicht gut«, sagte er heiser.

»Mein Gott«, sagte Constanze bestürzt. »Ich wage dann gar nicht, Ihnen mit meinem eigenen Kummer zu kommen. Ich habe keine guten Nachrichten von Zuhause. Ich muß abreisen.«

»Jetzt –?« sagte das Telefon erschreckt.

»Ja, ich wollte in den nächsten Tagen fahren – Ende der Woche. Mein Billett via El Paso-New York habe ich ja, brauche nur ein Bett zu belegen.«

»Ich komme – komme gleich zu Ihnen«, erwiderte Reinhardt.

Constanze hielt noch immer den Hörer gegen das Ohr gepreßt, als Reinhardt schon längst abgehängt hatte. Sie stand da, den Hörer in der Hand. Ihre Augen zeichneten die Umrisse der Reiseprospekte ab, die vor ihr lagen: How to see Mexiko, World-Travel-Service, Wagon Lit Cook. Sie sah Neuangekommene in die Halle treten, Diener mit Koffern zum Fahrstuhl gehen, sah durch die offene große Tür die starke Helle des mexikanischen Morgens. Sie legte den Hörer behutsam auf die Gabel, begegnete dem fragenden Blick des Portiers und fuhr zu ihrem Zimmer.

+++

Dr. Reinhardt saß Constanze in der Halle gegenüber, in demselben weiten grauen Mantel, in derselben grauen Mütze und mit demselben nervösen, etwas müden Gesicht, wie sie ihm zum ersten Male auf dem polnischen Flugplatz begegnet war.

»Steht es wirklich so ernst mit der Kleinen?« fragte Constanze bestürzt, »die arme, arme Marianne!«

»Die Ärzte hoffen ja immer noch. Aber Sie können sich Marianne vorstellen. Das ist in ihren Augen keine Krankheit, die dem Kinde zustieß. Das ist Mexiko! Das mußte so kommen! Es ist furchtbar. Und nun wollen Sie auch fort?«

Constanze suchte nach Worten. »Ich werde Ihnen später – später von Deutschland aus alles schreiben. Ich kann noch nicht darüber sprechen«, sagte sie leise.

Er sah sie an. Ihr Gesicht hatte sich verändert, war durchsichtiger geworden, sah überanstrengt und sehr traurig aus …

Er hatte plötzlich das Gefühl, daß er sie nicht mehr halten durfte.

»Jedenfalls bleibe ich noch hier, bis es sich mit der Kleinen entschieden hat. Ich lasse Marianne jetzt nicht allein«, fügte sie hinzu. »Wenn alles gnädig abgeht, dann reise ich sofort.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Reinhardt. Er erkannte zum erstenmal, daß das, was ihm immer schmerzlich gewesen – Mariannes Abwehr –, letzten Endes die unbewußte Schutzmaßnahme war, die seine Frau, dies zarte kindhafte Wesen, ergriffen hatte, um sich zu retten und zu erhalten. Erkannte erschreckt und bestürzt, daß Constanze dieser Welt unterliegen würde, wenn sie noch länger blieb.

»Ich verstehe, daß Sie reisen müssen, so schwer es mir wird«, sagte er darum. »Ich hatte mich so darauf gefreut, Ihnen Yucatan und Chichen zu zeigen …«

»Vielleicht später einmal«, sagte Constanze und versuchte zu lächeln. Sie wußte, es war eine Phrase. Sie würde Mexiko nie wiedersehen.

»Nun, wir sehen uns ja noch. Sie rufen morgen früh doch wieder an?«

»Ja, alles hängt vom Befinden der Kleinen ab«, sagte Constanze und ging mit ihm durch die Halle.

Sie stand mit ihm vor dem großen Tor, das ins Freie führte. Starkes Licht und starker Lärm fluteten herein.


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