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15

Sonderbar, daß der letzte und entscheidende Abschied in einem Gewirr von Banalitäten ertrank …

Wagen – Träger – Koffer – Reisende – das hellerleuchtete Zifferblatt der Bahnhofsuhr – der schwarze Zeiger, der unerbittlich Sprünge machte … alles in dem fahlen Licht des späten Septemberabends.

Christians Gesicht, halb im Schatten, die Hand erhoben, unschlüssig lächelnd, bemüht – um was bemüht? dachte Constanze …

Worte – Worte – Worte.

Es war auch nichts mehr zu sagen. Worte sagten doch jetzt nur etwas Falsches, Unwichtiges. Man verschleierte mit Worten das, was dahinter lag: das Tatsächliche – und darüber sprach man nicht.

Constanze sagte noch dies und das, sie stand in der offenen Tür des Waggons, hörte angestrengt zu, was Christian sagte und vernahm doch nichts.

Dann wiederholte sie die üblichen Sätze: »Grüß mir noch alle – vergiß nicht die Rechnung vom Schuhmacher –«, alles Dinge, die sie schon gesagt hatte und die nun so unwichtig wurden …

Sie sah Christian zurücktreten, der Schaffner warf eilig die Tür zu … und dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Sie betrachtete Christian noch einmal ernsthaft. Er erschien ihr blaß und nervös.

Geliebtes Gesicht, dachte sie. Sie lehnte die Stirn an die Fensterscheibe, sah ihn aber nicht mehr.

Sie wunderte sich, gar nicht das Empfinden zu haben, daß bald unermeßliche Weiten zwischen ihnen liegen würden.

+++

Ich fahre nach Mexiko – ich fahre nach Mexiko – wiederholte sie sich mit künstlicher Munterkeit. – – Und die Räder schlugen den Takt … Mexiko – – Mexiko – – Mex–i–ko – Mex–i–ko …

+++

Bremerhaven sah aus, als ob es nie etwas anderes gekannt hätte als unaufhörlichen Regen. Alles glänzte von Nässe, die breite Rampe, auf der sich Hunderte von Angehörigen in durchnäßter Kleidung drängten, die Schirme, die steile Schiffstreppe und die Mütze des Trägers, der mit ihren Handkoffern zur »New York« hinaufging.

Es regnete noch immer, als sie an Bord war. Himmel und Meer waren von austerngrauer Farbe und verschmolzen in der Ferne.

Der ganze Abschied, die Ausreise eines Überseedampfers, die soviel Heiteres und soviel Wehmütiges zugleich haben konnte und die sie unzählige Male miterlebt hatte, trug dieses Mal ein trostloses Gesicht. Die Musik spielte wie immer: Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus. Es klang dünn und verweht.

Dann löste sich das Schiff langsam vom Festland. Constanze ging nach rückwärts. Sie stellte sich an die äußerste Kante, gegen die Reling gelehnt, abseits von allen Reisenden, die noch immer winkten.

Es regnete immer noch. –

Ich will noch hier stehenbleiben, solange ich das Stück Küste sehe, von der ich weiß, daß es meine Heimat ist, dachte sie. Sie verharrte stundenlang fast regungslos, solange das Schiff die Weser hinabfuhr.

Die Reisenden waren zum größten Teil in ihren Kabinen verschwunden. Aus dem Salon hörte man leichte Musik.

Einige Herren, die Mantelkragen hochgestellt, fingen schon mit ihren Bordmärschen an. Zwei Matrosen gingen vorüber und lachten. –

Das Schiff hatte die Wesermündung erreicht und nahm nun den Kurs westwärts. Es wurde schnell Nacht. Hier und dort sah man rote und grüne Lichter. Blinklichter tauchten aus der Dunkelheit auf und verschwanden, tauchten auf und verschwanden …

Constanze konnte noch mit geschärftem Auge in weiter Ferne eine schmale schwarze Linie sehen. Ihre Gedanken grüßten ein letztes Mal die Heimat. Die ganze Zeit vor zehn Jahren, ihr Kampf um Christians Leben, stand unwahrscheinlich klar vor ihren Augen.

Auf einmal war auch der schwarze Strich verschwunden, und mit jedem Wellenberg, den das Schiff nahm, entfernte es sich schneller und schneller von Europa …

Constanze öffnete die Tasche, um ihr Taschentuch zu suchen. Aber – ich weine ja gar nicht, dachte sie, als ob sie sich entschuldigen müßte – ich weine ja nicht, es ist nur die Nässe der See, die mein Gesicht feucht macht … Sie legte das Tuch zurück, und dabei streifte ihre Hand etwas Glattes, Rundes. Constanze erinnerte sich Elenas Geschenk und nahm es heraus.

Ohne es anzusehen, schob sie ihre Hand langsam über die Reling und ließ es hinabgleiten.


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