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Das Telegramm kam schon aus Gdingen. Das ihrige mußte ihn also noch im letzten Augenblick erreicht haben. Es zeigte nur wenige Worte: »Herrlich – zu schön – freut mich sehr. Kommen Sie bald! Reinhardt.« Dieses Telegramm mit ihren vorausgeschickten Worten lag sauber und bedeutungsvoll auf Christians Tisch, als er abends heimkam.
Constanze stand in der Werkstatt. Schon als sie den Schlüssel in der Vorsaaltür hörte, begann ihr Herz zu hämmern. Es hämmerte hart, schmerzhaft hart … Constanze legte das Lötrohr aus der Hand, da diese zitterte. Sie versuchte ihre Arbeit fortzusetzen, aber sie tat sinnlose Dinge, räumte die Steine fort, die sie soeben herbeigeholt hatte, wischte die Stahlplatte ab, die – – –
»Conny – Conny!« hörte sie Christians Stimme.
Und dann stand sie ihm gegenüber. Es war gerade so, wie sie es sich gedacht hatte. Sie konnte seine Züge nicht erkennen, denn er stand gegen das Licht, das Telegramm in der Hand …
»Conny – ist das dein Ernst?«
»Ja«, sagte sie – »ja –«, sie wiederholte es, denn es kam erst zu matt und unhörbar.
»Hm – – – hm – –« Christian sah auf das Telegramm. Er schaute es an, unentwegt – – –! »Hm«, sagte er, immer noch die Augen auf das weiße Papier geheftet. »Vielleicht tust du recht daran, diese Einladung anzunehmen … vielleicht – vielleicht – ist es gut – für uns beide.«
»Ja«, sagte Constanze. Sie merkte plötzlich, daß der Boden, auf dem sie stand, sich hob – senkte – hob und senkte. Um Gottes willen, dachte sie: nimm dich zusammen.
»Ja – –«, wiederholte sie – es klang dieses Mal ganz klar, fest, unbeirrt: »Ich dachte das auch, Christel.«
*
Man kam einfach nicht zur Besinnung, so viel war zu bedenken, zu erledigen. Dr. Reinhardt hatte gesagt: wenn ich heimkomme, ist die Regenzeit vorbei, dann haben wir wieder Frühling, eigentlich haben wir ewigen Frühling. Die Sommersachen mußten also wieder hergerichtet werden, und eines Abends – es war kurz vor ihrer Abreise – kam Christian verlegen, sehr verlegen zu ihr. Er trug eine Pappschachtel unter dem Arm: »Etwas für die Reise«, sagte er nur. Es war ein Fohlenmantel, ein Stück, das sie so oft neidlos an anderen Frauen bewundert hatte, ohne auf den Gedanken zu kommen, daß er es ihr jemals kaufen könnte. Es war wieder einmal so ganz seine großzügige Art, daß er nun, da er verdiente, sofort schenken mußte.
Constanze mußte mehrfach in das Reisebüro in der Theatinerstraße. Sie beriet sich mit den Herren stundenlang über den breiten Tisch gebeugt, der unter Glas die Erdkarten trug. Es war ein abenteuerliches, erregendes, beschwingendes Gefühl, so mit dem Finger über endlose Weiten dahinzureisen – den Globus zu drehen, sich zu orientieren. Nicht nur, wie sie es früher getan hatte, wenn sie von Reisen, Fahrten, Expeditionen las, die andere ausführten. Nein, dieses Mal ging es sie an – ja sie …
Auf einmal brach ein Gefühl in ihr durch, das ihr von ihrem Vater her im Blute lag, das aber durch ihr bisheriges sorgenvolles Leben, das ein ständiger Existenzkampf war, niedergehalten wurde: die Sehnsucht in die Weite. Es wurde wachgerufen durch die Beratungen, durch die Aussicht, einen anderen Erdteil, andere Kulturen kennenzulernen. Jetzt, nach so vielen Jahren, kamen ihr wieder Worte ins Gedächtnis, Erzählungen des alten Kapitäns Schlüter, wenn er abends mit Tante Henny und ihr um den runden Tisch saß. Sie sah deutlich wieder das alte versessene rote Plüschsofa, die grüne Tischdecke mit den Fransen, das Grogglas, das immer nachgefüllt wurde, Tante Henny, die immer ein Umschlagetuch trug, weil es sie ständig fröstelte. Sie sah das ausgetrocknete kleine Krokodil, das zu Tante Hennys Ärger an der niedrigen Zimmerdecke hing und sich dank seiner Schuppen so schlecht abstauben ließ, die verblichenen Photographien von Hafenstädten, die kleinen, billigen, oft häßlichen Andenken: ein Chinesenskalp mit einem Zopf aus der Zeit des Taiping-Aufstandes, ein zerknicktes, unsagbar fein geflochtenes Körbchen, das ihm, wie er schmunzelnd erzählte, eine Südseeschönheit geschenkt hatte. Sie sah getrocknete Blütenleis aus Hawaii, die an der Wand hingen und nach dem Gesetz des Verfalls vertrockneten und zerbröckelten, aber beileibe nicht angerührt werden durften! Bunte Tapas hingen da aus Bali – Indianerpfeifen – ach, das ganze, immer etwas verräucherte Wohnzimmer war vollgepfropft mit häßlichen, wertlosen Erinnerungen. Diese hatte der alte Schlüter – der Typ des Kapitäns aus dem Bilderbuch: klein, breitschultrig, mit angegrautem Knebelbart – sich von seinen fast vierzig Jahren Seefahrt mitgebracht. Und dann sah sie sich als Schulkind ihm gegenübersitzen, mit weißblonden Zöpfen, die straff nach hinten genommen waren, die Ellbogen auf dem Tisch, das eifrige Gesichtchen in den Händen, Seefahrt mit Segelschiffen, Seefahrt um das Kap Horn, eine Umschiffung, die monatelang dauerte, Seefahrten, die noch die Romantik der unbekannten Ferne, des Abenteuers verkörperten …
Und nun würde sein Kind auch einmal hinausfahren, wenn auch unter ganz anderen Umständen. Zwar nicht so bequem wie die meisten Amerikareisenden in sechs Tagen auf einem riesigen Schiff mit Schwimmbad und Tennisplätzen und Hunderten von Bediensteten, sondern in der Touristenklasse. Denn das war das Ergebnis der langen Beratungen im Reisebüro, – dies war der billigste Weg. In New York würde sie wenige Tage bei ihrer Jugendfreundin Betty wohnen und dann durch Mittelamerika – Kansas-City, New Mexiko nach Texas fahren. Dort in El Paso würde sie dann die mexikanische Grenze überschreiten.