Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Sam, auch »Grüne Feder« von seiner Mutter geheißen, brachte Constanze am fünften Tage abends nach Santa Fé. Als sie durch die abendlichen Straßen schritten, Constanze neben dem Indianer, der das Pferd führte, begegneten sie Amerikanern, die in Cowboytracht maskiert laut lachend daherkamen, Amerikanerinnen, die vor den Läden standen und sich über die Silberarbeiten, Töpfe und Sarape unterhielten …
Constanze beobachtete, wie der Indianer all dies mit hochmütigem, verschlossenem Gesicht wahrnahm. Er war wieder einsilbig geworden, war auch einsilbig, als sie ihm die Hand zum Abschied bot und dankte. Es tat ihr plötzlich leid, als sie ihn so davonreiten sah, ohne noch ein Wort zu sagen, und das Dunkel der Nacht ihn aufnahm. Aber sie verstand ihn. Sobald die Welt der Weißen wieder von ihr Besitz ergriff, war sie für ihn nicht mehr vorhanden. Nun gehörte sie wieder der Welt an, die er aus tiefster Seele haßte … den Weißen, den Eindringlingen, den Feinden.
Am Nachmittag des nächsten Tages schritt sie durch Albuquerque, die kleine moderne Indianerstadt am Rande der Prärie, die mit den Mitteln der Amerikaner errichtet war, um den Indianer zu bilden. Ihr war, als ob Sam, die »Grüne Feder«, neben ihr herschritt. Sie sah deutlich seinen schwarzen, mit roten Lederstreifen durchflochtenen Zopf, seine höhnischen, weit auseinanderliegenden Augen, den kantigen Mund verächtlich herabgezogen. So schritt er neben ihr, und mit seinen Augen betrachtete sie die »Hochschulen«, das Krankenhaus, die Kinderspielplätze, die der Weiße dem roten Manne errichtet hatte, und wunderte sich nicht mehr, als ein Amerikaner, der in ihr die Ausländerin erkannte, wieder einmal fluchend sagte: »Der beste Indianer bleibt doch der tote Indianer.«
Am nächsten Abend erreichte sie die mexikanische Grenze. Man war in El Paso. Ein roher Mexikaner riß sie fast aus dem Zug. Sie verstand ihn nicht. Man half ihr, man übersetzte – sie könne nicht die Grenze überschreiten, – der Paß, jawohl, der sei in Ordnung, aber Europäer kämen nicht über die Grenze. Das seien neue strikte Gesetze der mexikanischen Einwandererkommission.
Constanze schwindelte. Es war doch unmöglich. Sie konnte doch nicht diesen endlosen Weg gemacht haben, um umzukehren. Sie hatte die Rückfahrkarte für Eisenbahn und Schiff, aber kein Geld, um ein neues Billett zu nehmen und über die Südstaaten New Orleans und mit einem Schiff Vera Cruz zu erreichen. Sie nahm einen Wagen und fuhr über einen kleinen, gelben, schmutzigen Fluß und wunderte sich, daß dies auch der Rio Grande sei, der hier träge und schläfrig und lehmig die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko bildete. Jenseits lagen würfelförmige Lehmhütten, Häuser mit flachen Dächern: Juarez. Aber der beamtete Mexikaner in dem kleinen, schmutzigen, dürftigen Zollhaus am Ende der Brücke ließ sich nicht erweichen. Er gab zu verstehen, er spräche kein Englisch. Auch durch die Vermittlung einer rothaarigen Person, die seine Schreibhilfe war und die ein wenig Englisch verstand, gab es keinen Weg. Nein – Europäer kämen nicht über die Grenze …
Als Constanze fortging, lief jenes Wesen hinter ihr her: gut, wenn sie hundertfünfzig Dollar hinterlegen würde, ließe man sie passieren; sie erhalte das Geld bei ihrer Rückkehr wieder ausbezahlt. Constanze stutzte: Ach nein – es war hoffnungslos – keine dreißig Dollar waren mehr in ihrem Besitz.
Ich muß überlegen, ruhig überlegen, sagte sie sich. Heute nacht kann ich nicht umkehren. Zur Umkehr ist Zeit genug. Eine Umkehr schien ihr gleich einer Niederlage. Sie fragte nach einem kleinen Gasthof, den man in der Nähe des Bahnhofs ihr wies. Er war billig. Sie mußte mit jedem Cent jetzt rechnen.
Auf einmal sah sie im Geist Fritz Müllers Gesicht und hörte ihn beinahe vorwurfsvoll sagen: ›Aber Constanze Andergast, warum denken Sie nicht an mich? Sie wissen, wie gern ich Ihnen helfe!‹ – – Durfte sie es wagen? Es erschien ihr fast unmöglich, aber einen anderen Ausweg sah sie nicht mehr. So ging sie zur Post und gab das Telegramm auf.
Es schien ihr eine Art Räuberhöhle, in der sie gelandet war. Der schmierige unfreundliche Mestize wies ihr ein Zimmer, das verschiedene Türen ohne Klinken besaß. Das Fenster war mit grauem Moskitodraht bezogen, der Raum düster und nur durch eine hängende elektrische Birne zu erhellen. Aber übermüdet wollte sie nicht weitersuchen. Eine Nacht – in Kleidern auf dem Bett – morgen würde sie weitersehen. Vielleicht war das telegraphisch erbetene Geld bis dahin angekommen.
»Sie sagen mir Bescheid, wenn ein Telegramm kommt«, sagte sie dem Wirt und klärte ihn auf. Während sie sprach, stand ein struppig aussehender Mann neben ihr, zahnlos mit langem Haar: »Wenn Sie über die Grenze kommen wollen«, sagte er leise, »ich will Ihnen einen Weg nennen.«
»So?« sagte Constanze mißtrauisch.
»Kommen Sie einen Augenblick hinaus. So – also Sie sind Europäerin – ja – als solche läßt man Sie nicht hinüber. Aber gehen Sie heute nacht gegen 11 Uhr in die Ysleta, ein Wirtshaus an der Paso del Norte … Dort gehen Sie den Mittelgang durch – links in der Ecke sitzt ein Mann mit einem roten Bart. Den sprechen Sie an, der bringt Sie hinüber. Sagen Sie, ich schicke Sie – der Russe – das genügt.«
»Danke«, sagte Constanze beklommen, »danke.« Sie glaubte, in einem Gangsterfilm zu sitzen. »Danke«, wiederholte sie, »es ist sehr freundlich, aber ich hoffe, ich bekomme das Geld telegraphisch.«
»Das sehen Sie dann doch nicht wieder«, grinste der Mann, »ich meine es gut mit Ihnen, ich habe nichts davon …« Er lüftete den Hut und schritt davon. Constanze ging durch die Straßen. Frühestens morgen mittag, hatte der Postbeamte gesagt, könnte das Geld eintreffen. – – Es war ein häßlicher Zustand, in dem sie sich befand. Sie konnte das Geld nicht annehmen, falls es kam, wenn die Gefahr bestand, daß man ihr die hinterlegte Summe nach ihrer Rückkehr von Mexiko nicht wieder aushändigte. Was sollte Sie nur tun? – Nein, sie konnte das erbetene Geld hier nicht als Bürgschaft hinterlegen. Es würde ein Betrug sein gegen den Mann in New York, den sie um Hilfe gebeten hatte.
Vielleicht schickte er auch kein Geld – vielleicht kann er das gar nicht, dachte sie, während sie durch die lärmenden winkligen Straßen wanderte. Der Gedanke machte sie jetzt froh … Aber dann muß ich zurückkehren. Der Gedanke war ebenso beklemmend. Ich will bis morgen warten – vielleicht findet sich doch noch ein Weg. Von diesen zwiespältigen Gedanken benommen schritt sie weiter.
Auf einmal fiel ihr ein, daß sie ihren selbstgearbeiteten Korallenschmuck bei sich trug. Den konnte sie verkaufen – aber hier? Fand sich in dieser Stadt an der äußersten Kante Amerikas, in dieser mexikanischen Grenzstadt ein Mensch, der solchen Schmuck würdigte und kaufte? – Es war unterdessen dunkel geworden. Bewohner dieser lebhaften kleinen Grenzstadt waren meist Männer in Cowboyhüten, gelben offenen Blusen, Breeches und Reitstiefeln, Neger aus den Südstaaten, braunhäutige Mestizen aus Mexiko – wenige Weiße.
Zum ersten Male überkam sie ein Gefühl der Verlorenheit, – wie hinausgeschleudert zu sein aus ihrem bisherigen Leben, hierher geweht durch ein sonderbares Schicksal. Nie hatte sie bisher ein Gefühl der Ohnmacht den Geschehnissen gegenüber empfunden. Sie ging am Ufer eines Stromes entlang, der einen Namen trug, der Abenteuer und Blut und Romantik in sich schloß: Rio Grande del Norte. Dort drüben in Neu-Mexiko hatte sie ihn als einen reißenden wilden Strom gesehen. Hier war er ein böser gelber Drache, der schläfrig die Grenze nur notdürftig schützte. Drüben, jenseits von Juarez, kam Wüste, lebten heute noch die Apachen. Hier – es war wie am Ende der zivilisierten Welt – strömte es zusammen an Abenteurern, Goldsuchern, Cowboys, Indianern, Negern, Weißen und Farbigen.
Der Tag schlich dahin, als ob er müde Füße hätte. Constanze konnte nicht länger herumlaufen. Sie fiel auf, die blonde Frau in der europäischen Kleidung, aber niemand belästigte sie. Diese Erfahrung berührte sie eigentümlich, aber beruhigte sie. Man begegnete ihr stets mit einem besonderen Respekt. Es lag den Männern wohl noch im Blute, daß sie der weißen Frau, die einst als Pionierin mit herübergekommen war, mit besonderer Achtung begegnen mußten.
Constanze ging in ein kleines Kino, saß unter Cowboys mit großen Hüten, aber sie verließ es bald wieder. Nie hatte sie einen so fürchterlichen Film gesehen. Er spielte in Chikago. Es wurde andauernd geschossen, Leichen stürzten die Treppen herab, Autos jagten, es war unerträglich.
Sie landete in einer Caféteria, denn sie war hungrig geworden. Sie kletterte auf einen Barstuhl. Das Licht der Hängelampe beschien ihr blasses, ermüdetes Gesicht. »Etwas Kaffee – custard and sandwiches«, bat sie leise. Sie hatte die große Handtasche fest an sich gepreßt und stützte müde die Hand auf. Neben ihr saß ein Mann, anscheinend ein Amerikaner. Er war in Zivilkleidung, doch ohne Hut, und aß langsam – bedächtig. Auch er schien müde … Sie betrachtete seine Hände, während sie selbst begierig die heiße Flüssigkeit trank, die sie belebte. Es waren geistige und angenehme Hände, Hände, die nicht hierher paßten.
»Good heavens – verzeihen Sie, wie kommen Sie hierher? … Sie sind doch sicher Europäerin …«, sagte er. Er drehte sich mit dem Stuhle um und betrachtete sie. Er hatte ein offenes, klares Gesicht.
»Ja«, sagte Constanze kleinlaut und berichtete ihm.
Er hörte aufmerksam zu. »Und keiner hat Ihnen das in New York gesagt – damn!«
»Nicht wahr, da ist guter Rat teuer?« sagte Constanze verzagt. Sie nahm unwillkürlich ihren Hut ab und legte ihn auf ihre Knie. Sie hockte, die Knie angezogen gleich ihm, auf dem Barstuhl. Das Licht der Petroleumlampe streifte ihr Haar, es sah aus wie mattes Zinn … Die Männer drehten ihre Köpfe um und betrachteten sie. Sie merkte es nicht.
»Nun«, sagte der Mann, »ich will mal sehen – helfen muß ich Ihnen auf jeden Fall. Ein Glück, daß Sie nicht auf den Russen hörten.«
»Ach, ich bitte Sie, ich spürte doch, daß dies Angebot gefährlich war.«
»Mehr als gefährlich«, sagte der Amerikaner und schüttelte den Kopf. »Wissen Sie eigentlich, auf welchem Wege er Sie hinüberbringen wollte?«
»Nein –«
»Nun – mit den Schmugglern, den Whiskyschmugglern, die jede Nacht die Grenze überschreiten. Und von denen ein Dutzend in jedem Jahr über den Haufen geschossen wird.«
»Um des Himmels willen«, sagte Constanze entsetzt, »das ist ja das reine Wildwest …«
Nun lachte ihr Gegenüber. Er lachte so herzlich, daß er sich fast verschluckte: »Aber Mme., Sie sind doch in Wildwest – das ist doch Texas!«
Constanze wurde verlegen. »Mein Gott, Sie haben ja recht. Na, nun wundere ich mich über nichts mehr.«
»Ein glücklicher Stern scheint Ihnen zu leuchten«, sagte er, als sie ihm von den Tagen in Neu-Mexiko berichtete, »aber seien Sie doch in Zukunft vorsichtiger. Sie sind hier in einer anderen Welt … Aber nun wollen wir überlegen, wie Sie auf vernünftige Weise über die Grenze kommen. – Ich weiß schon etwas, heben Sie das Geld einstweilen nicht ab, falls es von New York wirklich kommen sollte, denn darin hat der Russe nicht unrecht. Morgen früh hole ich Sie ab, bringe Sie zum mexikanischen Konsul, dann werden wir weitersehen … Und heute nacht begleite ich Sie in Ihren Gasthof, damit die Leute dort sehen, daß jemand Sie kennt. Ja – ja –, das ist hier schon angebracht! Sie sollen jetzt ruhig schlafen können. Sie scheinen es nötig zu haben.«
Um zwei Uhr nachts wurde sie geweckt. Harte Hände trommelten an ihre Tür. Sie wußte im ersten Augenblick gar nicht, wo sie sich befand. … Sie sah sich angekleidet auf einer häßlichen Bettstatt liegen. Es war heiß und stickig, und vor den Fenstern lag ein graues Drahtnetz … Ach Gott – El Paso …
»Das Postamt hat angerufen. Einhundertfünfzig Dollar und ein Telegramm sind angekommen«, sagte eine rauhe Stimme.
Am nächsten Mittag kam sie über die Grenze, dank der Hilfe des Amerikaners, dem sie nachts begegnet war. Schon früh hatte er sie abgeholt und war mit ihr zum mexikanischen Konsul gefahren, dem er erklärte, daß sie, Constanze Andergast, bestimmt keine Arbeit in Mexiko suche, sondern nur auf Besuch fahre. Und zur Bestätigung zeigte sie ihm die Rückfahrkarten nach Europa. Noch in derselben Stunde ging das Geld telegraphisch wieder zurück nach New York. Nur das Telegramm Fritz Müllers behielt Constanze und legte es vorsichtig in ihren Paß.