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20

Mexiko war eine spanisch-amerikanische Stadt ohne Gesicht, ohne Ausdruck. Das Haus, in dem Dr. Reinhardt wohnte, lag in einem Vorort, in Chapultepec. Es war ein belangloses Haus in europäischem Stil.

Marianne kam die Stufen herab, als sie das Hupen des Autos hörte. Und Constanze fand, daß Reinhardt nicht zuviel gesagt hatte, als er ihr in Warschau erzählte: meine Frau ist die zierlichste Frau, die ich kenne. Wie sie so die Stufen herabkam – diese kindliche Gestalt mit dem Gespinst blonden Haares, – den großen blauen Augen, das schwere Kind auf dem Arm, sie selbst im Zeichen werdender Mutterschaft – es war ein rührendes, ein reizendes Bild. Und in Constanze erwachte gleich die Künstlerin: ja natürlich, weißes Gold und Türkisen muß sie tragen.

Schon am zweiten Tage – Constanze fühlte sich merkwürdigerweise gar nicht müde und führte es zurück auf die bald dreitausend Meter Höhe, in der Mexiko liegt und die etwas Stimulierendes hat – fuhr Reinhardt mit ihr zum Nationalmuseum, um ihr die Goldarbeiten zu zeigen, von denen er ihr erzählt hatte.

»Ich sollte Sie eigentlich ruhen lassen, aber ich will Ihnen auch nur den Schmuck zeigen«, sagte er fanatisch, wie die meisten Forscher.

Es waren die erst 1932 entdeckten Funde eines Mixtecischen Grabes in der Nähe von Oaxaca, goldgeschlagene Ornamente von seltener Schönheit, verarbeitet mit Türkisen oder Jade, dann Alabastergeräte, Messer aus Obsidian, Schalen aus Bergkristall, die Szenen trugen. Goldarbeiten mit Perlen oder Seemuscheln, Brustplatten aus purem Gold, herrlich gehämmert und verziert, Gegenstände aus Jade, aus Onyx, die man in den Pyramiden oder Gräbern gefunden hatte. Das goldene Bild Quetzalcoatls aus der Pyramide von Papantla zeigte künstlerische Vollendung. Es waren Arbeiten der Maya, Totonaca, Mixteca, Zapoteca, Tolteca, Azteca, Tarasca und anderer mexikanischer Völker.

Constanze war benommen. Diese Schätze übertrafen alles, was sie je gesehen. Reinhardt hatte nur allzu recht, wenn er sagte: Sie werden Anregungen daraus empfangen, die für ein ganzes Leben reichen. Sie beschloß, mehrere Male in der Woche hierher zu gehen.

Briefe waren aus der Heimat schon angekommen, als Constanze eintraf. Ein dicker Brief von Christian brachte als Einlage ein Telegramm Reinhardts: »Fahren Sie keinesfalls über El Paso hierher – zu gefährlich und unmöglich durchzukommen.« Das Telegramm war wenige Tage nach ihrer Abreise in München eingetroffen. Man konnte sich nun vorstellen, in welcher Sorge Christian und Anna um sie sein mochten, und ein »Glücklich angekommen« würde sie sehr beruhigen. – Sonst brachten die Briefe nichts, was Constanze besonders interessierte. Sie las zwischen den Zeilen – aber was sie suchte, fand sie nicht. –

Die Zeit, die nun folgte, trug eine gewisse Einteilung. Constanze erkannte schon in den ersten Tagen, daß sie ohne einen Satz Spanisch zu sprechen sich nicht einmal in der Stadt zurechtfinden konnte. Marianne erbot sich, Constanze Stunden zu geben, um ihr wenigstens soviel beizubringen, daß sie die notdürftigsten Fragen zu stellen vermochte. Ehe Constanze, die wenig Sprachbegabung hatte, soweit war, nahm sie jeden Morgen einen Zettel mit, auf den Marianne ihr alle Worte geschrieben hatte, alle Fragen, deren sie wohl im Laufe des Tages bedurfte.

Sie ging jeden Morgen allein fort. Marianne war schwerfällig und müde, was wohl durch ihren Zustand bedingt war, und begleitete sie nie. Erst gegen sechs Uhr abends kehrte Constanze stets zurück. Dann wurde gegessen und sie mußte berichten, und Dr. Reinhardt führte sie ein, erklärte ihr alles, sie bereitete sich vor für das, was sie am nächsten Tage besichtigen wollte, und nachts brannte ihre Lampe oft stundenlang. Auf dem Tisch in ihrem kleinen Zimmer häufte sich Lektüre über Mexiko, seine Geschichte, seine Kultur.

Ein Tag glich dem anderen. Ja, es war das Land ewigen Frühlings. Es gab keinen Winter. Nie gab es eine weiße Stille, nie Zeiten kahler, toter Bäume, die auf ein Erwachen warteten, keinen Wechsel der Jahreszeiten. Ja – die Tatsache, daß die Natur ihr nie zu sagen vermochte, ob es Mai oder Dezember sei, – das Land selbst, das in seiner Großartigkeit den Stempel des Unvergänglichen, Ewigen trug, das Volk, das so primitiv lebte wie zu Montezumas Zeiten und in der Erwartung Huitzlipochtlis, des Messias verharrte, verstärkten in Constanze das gefährliche Gefühl der Zeitlosigkeit.

War sie mit Reinhardt zusammen, kamen Gäste ins Haus, sah sie Briefe aus der Heimat, so erwachte sie gleichsam und dachte: es ist ja auch für mich nur ein Übergang, ein Warten auf eine Entscheidung, zu dem ich verurteilt bin, ein Zustand, der bald wieder in das feste Gefüge meines arbeitsreichen, geregelten Lebens übergeht. – Aber jetzt – jetzt laß ich mich fallen – laß ich mich erfassen von dem, was stärker ist als alles: Mexiko.

Sie begriff schon in den ersten Tagen die von Reinhardt ausgesprochene Warnung, sich nicht allein hinauszuwagen und vorsichtig zu sein.

Wie sie so in dem Kanu durch die schwimmenden Gärten Xochimilcos dahinglitt … wenn das Leben überhaupt in einen Traum überzugehen vermochte, so geschah es hier.

Es war schon Anfang November. Sie saß in einem dünnen Leinenkleid in einem Kanu, das ein Indio mit einer langen Stange durch die Kanäle trieb. Tenochtitlan, die Zeit Montezumas, war hier noch gegenwärtig. Nichts hatte sich geändert seit jenen Tagen, da die Azteken auf Matten kleine Gärten anlegten, die sie auf den See hinausgleiten ließen und die sich mit der Zeit am Seeboden verankert hatten. Kanus und Chalupas glitten entlang, mit Blüten beladen. Die Matten hatten sich zu Inseln entwickelt, Inseln, die Veilchenfeldern, Margeritenbeeten, Nelken- und Rosengärten glichen. Blumengärten von unwahrscheinlicher Üppigkeit und berauschendem Duft, der über die Kanäle daherkam. Pinhos und Pappeln spiegelten sich filigranartig in den obsidiandunklen Lagunen. Dunkelgesichtige Indios in ihren weißen Baumwollhosen und riesigen Sombreros kamen ihr in blütenbeladenen Kanus entgegen. Nie hatte Constanze so etwas Zauberhaftes gesehen wie solch ein Kanu, nur mit riesigen blauen Veilchen gefüllt; am oberen Ende stand ein kleines schwarzes Lamm, das in dieser duftenden Habe dahinglitt. Kanus mit roten Nelken – Kanus mit Margeriten – Kanus mit Stiefmütterchen von seltenem blauen Sammet – so beladen, daß man den Bootrand nicht mehr sah, Berge von Rosen kamen daher und verschwanden lautlos in dem verzweigten Gewirr der Kanäle. Türkisblaue Libellen schwirrten über den Blütenstraßen, Schmetterlinge von ungewöhnlicher Größe und seltsam leuchtenden Farben taumelten trunken von all der Schönheit von Kanu zu Kanu. Man fuhr zum Blumenmarkt nach Xochimilco. Man war so zur Zeit der Azteken gefahren – es hatte sich nichts geändert.

In den Kanälen sollte der Goldschatz Montezumas versenkt sein. Es sollten noch alte Indios hier auf den Blüteninseln leben, die den Ort kannten, aber sie würden sich gleich Gratimozin die Füße verkohlen oder sich erhängen lassen, ehe ein Wort über ihre Lippen käme. Aber auch ihre Götter lagen in den Kanälen. Hin und wieder kamen sie zum Vorschein, kleine, grauenerregende Scheußlichkeiten. Wie mochte die Seele jener Menschen sein, deren Vorfahren diese Götter schufen? grübelte Constanze, die durch jene schweigende Herrlichkeit glitt und immer wieder den Blick zu den schneebedeckten Vulkanen des Popocatepetl und Ixtaccihuatl hob.

Aber warum konnte man in dieser überwältigenden Schönheit nie den Alpdruck loswerden, nie das Grauen überwinden, das hinter dieser Welt lag! Die Eingeborenen anderer Länder – romanische Völker, die zu den Märkten fuhren, sangen, lachten, riefen sich einen Gruß zu, wenn sie einander begegneten. Aber immer wieder, wenn Constanze ihren Blick auf den Bootsmann richtete, der sie stumm gleich Charon stundenlang durch die gespenstisch anmutende Schönheit geleitete, sah sie in ein dunkles, unbewegliches Gesicht, sah die Augen, die pupillenlos wirkten und darum etwas Unmenschliches hatten. Augen, denen sie auswich, da sie ihren Blick nicht ertragen konnte. Ja, es war der Blick eines Wesens, das an der Schwelle menschlichen Bewußtseins stand. Wo sollte es da eine Brücke geben zwischen ihr und ihm? – Und doch funkelte etwas Grausames, Glitzerndes in jenen Augen. War es Haß? – Constanze vermochte es nicht zu deuten … Aber diese tierhafte Stummheit hatte etwas Furchterregendes. Reinhardt hatte wohl recht; sie durfte sich nicht allein und ohne jegliche Sprachkenntnisse aus der nächsten Umgebung der Stadt entfernen. Sie atmete erst wieder auf, als sie an Land stieg.


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