Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
In der »Thurgauer Zeitung« las Lantz folgende Nachricht aus Mannenbach:
»Holzfäller fanden heute in der Frühe in dem Tobel oberhalb Salenstein die Leiche der in Konstanz beheimateten Prinzessin Luitgarda von Mont'Alto. Das letzte Hochwasser hatte den Steg fortgerissen, der oberhalb der Schlucht über den Bach führte. Es ist anzunehmen, daß die Verunglückte, die die Gewohnheit hatte, lange Fußwanderungen zu unternehmen, öfter in diese Gegend kam und gegen fünf Uhr in Mannenbach gesehen wurde, dies nicht wußte, einen Fehltritt tat und in die Tiefe stürzte. Der Tod muß sofort eingetreten sein. Die Verunglückte wurde nach Konstanz in das herzogliche Schloß übergeführt, weil der Vorgang durch die Landjäger unzweideutig als Unglücksfall erkannt wurde. Die Tote war wegen ihrer Bescheidenheit und Leutseligkeit bekannt und allgemein beliebt.«
Lantz rief Bühler in Frankfurt an und las ihm den Zeitungsbericht vor.
»Ich komme nach Konstanz!« sagte Bühler.
+++
Narcissa kam mittags mit dem Schnellzug in Konstanz an. Frau Bloos stand auf dem Bahnsteig. Als sie Narcissa auf sich zuschreiten sah, begann sie zu weinen. Narcissa eilte zu ihr.
»Tot?« fragte sie blaß.
Schluchzend schüttelte Frau Bloos die beiden Hände in der Luft, als wollte sie das Übermaß an Unglück und Hoffnungslosigkeit von sich halten.
»Mein Vater ist tot«, sagte Narcissa still.
»Nein, aber …« Frau Bloos konnte nicht weitersprechen und verneinte nur verzweifelt mit dem Kopf.
»Was ist mit Luitgarda?«
Frau Bloos nickte stumm.
Narcissa wankte der Boden unter den Füßen. Sie nahm den Arm der Dienerin.
Als sie die Halle des Schlosses durchging, schallte es unter jedem Schritt, als trete etwas Unsichtbares neben ihr mit auf. Sie lief auf die Tür zu den Gemächern ihres Vaters zu, stürzte ins Zimmer und sah das Gesicht des Kranken alabastergelb, leblos und starrend. Sie sank an dem Bett nieder und hüllte das Gesicht in die Tücher, um das Schluchzen nicht hörbar werden zu lassen, das sie anfiel.
Eine Weile lag sie in dieser Stellung, dann spürte sie, wie eine Hand langsam und mühevoll, aber mit der Gewichtlosigkeit einer Flocke ihren Kopf hinantastete und mit einem kaum hörbaren Druck liegen blieb.
Er segnet mich!
In dem Dunkel ihrer Qual schimmerte in weiter Ferne ein kleines tröstliches Licht auf.
Luitgarda lag in einem verschlossenen Sarg in der Kapelle. Blumen umstanden ihn mit schwerem Duft. Der Schimmer der Kerzen vergoldete sie. In einem unterirdischen Raum der Kapelle war das Erbbegräbnis der Familie. Darin sollte sie übermorgen beigesetzt werden. Der Monsignore wird die Einsegnung und die Totenmesse halten. Die Feier ist nicht öffentlich. Nur ein paar Verwandten ist die Beisetzung mitgeteilt worden und Hansi Paasche wird für diesen Tag aus Freiburg erwartet.
Narcissa kniet am Sarg. Ihre Augen, schwer von Trauer und Tränen, versuchten das starre Holz zu durchdringen, das das Geheimnis der Toten barg. Eine verzweifelte Zärtlichkeit zu ihrer Schwester ergriff sie. Als sie in die Verlassenheit der Zimmer kam, die sie mit ihr geteilt hatte, trieb es sie wieder hinaus in die Nähe der Toten.
Hatte sie, Narcissa, die Schuld? Sie hatte die Schwester verlassen um eines Mannes willen, und sie hatte Luitgarda in einer grenzenlosen Einsamkeit zurückgelassen. Ganz erfüllt von den eigenen Kämpfen, hatte Narcissa geglaubt, auch die Schwester von sich fernhalten zu müssen. In der verwirrten Inbrunst der reuigen Gebete am Sarg woben sich der Tod Luitgardas und das Schweigen Narcissas ineinander. Es war ihr, diese beiden Zustände seien von nun an in ihrem Gemüt unzertrennlich; daraus schuf sich eine Empfindung, als habe sie die Zärtlichkeit und Schwesternliebe, die sie zu Lebzeiten Luitgardas hatte missen lassen, nun nach deren Tod nachzuholen.
In diese Vorstellungen verstrickt, war sie immer auf der Suche, eine stärker und stärker werdende Nähe ihrer Seele mit der Toten herbeizuführen.
Immer mächtiger wuchs der Gedanke in ihr empor, die einzige Stelle, an der sie ihr eindringlich nahe sei und an der sie am hingebungsvollsten bei ihrem Gedächtnis weilen könne, sei der Ort, an dem Luitgarda das Leben verließ. Von den Verstrickungen der Seele Luitgardas, die zu Lorenz Bühler führten, ahnte sie freilich nichts.
Vielleicht muß ich zu ihr hingehen, zu dieser Stelle …, vielleicht kann ich dort inniger mit ihr sprechen, malte sie sich als schmerzvolle Tröstung aus.
Seit Narcissas Ankunft heftete sich Frau Bloos in geteilten Gefühlen der Anteilnahme und einer ungewissen Bangigkeit, die ihr aus dem gewaltsamen Verschwinden der Prinzessin Luitgarda geblieben war, heimlich an alle Wege, die Narcissa ging. Sie wartete darauf, gebraucht zu werden und zu helfen. Sie kam in die Kapelle in dem Augenblick, in dem bei Narcissa der Entschluß gereift war, auf den Spuren ihrer Schwester in die Schweiz zu gehen.
»Frau Bloos«, wandte sich Narcissa, vor dem Sarg kniend, an die Eintretende, »es ist das beste, ich gehe hin! Dort komme ich ihr noch einmal so nahe, daß ich glaube, sie kann mein Herz hören. Was meinen Sie?«
»Ich gehe mit, Fräulein Narcissa«, sagte Frau Bloos.
»Seien Sie mir nicht böse, liebe gute Frau Bloos; ich muß diesen Gang allein gehen.«
Eine Weile, nachdem Narcissa das Schloß verlassen hatte, ergriff Frau Bloos eine starke Unruhe. Lange kämpfte sie sie mit ihrer Vernunft zurück. Aber dann machte sie sich plötzlich auf und ging zum Geheimrat Lantz. Sie wäre zum Doktor Bühler gegangen, wenn der noch in Konstanz gewesen wäre. So war der Geheimrat der einzige, von dem sie Unterstützung erwarten konnte, und auch der einzige, dem sie die Besorgnisse anzuvertrauen vermochte, die sie bei diesem unheimlichen Gang der Prinzessin fühlte.
Narcissa war nach Mannenbach gefahren und ging den Weg um das Schloß hinauf, von dem sie annahm, auch Luitgarda sei ihn gegangen. Sie fand den Pfad, der aus den Wiesen in den Wald und aufwärts führte.
Als sie über der Schlucht stand, wo jetzt ein neues Brett die Stelle kennzeichnete, an der es geschehen war, wagte sie es nicht, in die Tiefe zu schauen. Drunten lag etwas, das lauerte und wartete, etwas zugleich Fremdes und Vertrautes, zugleich Lockendes und Entsetzliches. Mit einem Schauer faßte es sie an. Sie fühlte sich in das Geheimnis hineingetrieben, in dem die Schöpfung tätig war, und sie stand an dem Punkt, an dem Tod und Entstehen zu einem und demselben werden. Die Empfindung dieses Gefühls war so unmittelbar, daß sich Narcissa auch selber mit Leib und Seele an dieser furchtbaren, dämonenhaften Scheide stehen sah, die keine Trennung war, sondern ein Ineinanderschwingen.
Halb ohnmächtig sank sie, instinktiv vor der Tiefe zurückschaudernd, gegen einen Baum, der nahe am Abgrund stand. Mit dem ganzen Körper klammerte sie sich an ihn, preßte sich gegen ihn, von einer wilden Angst ergriffen.
Sie hatte in ein Aufschimmern des Geheimnisses von Luitgardas selbstgewähltem Tod hineingeschaut.
Sie schrie auf, stieß sich von dem Baumstamm ab und jagte den Pfad wieder hinunter, hinaus aus dem furchtbaren Reich, das von ihr Besitz zu nehmen drohte.
Ich laufe um mein Leben, dachte sie. Die Bäume griffen mit den herunterhängenden Ästen nach ihr und wollten sie aufhalten und zurückführen an den Abgrund. Ihr war, als folgten ihr in einem unerbittlichen Flehen die Augen Luitgardas. Du hast mich einmal verlassen, sprachen diese Augen, jetzt komm zu mir. Zitternd rannte Narcissa weiter abwärts.
So geriet sie bis zur Landstraße. Dort trat ihr aufatmend Lantz entgegen, der seinen Wagen verlassen hatte und eilig auf sie zukam. Als sie ihn sah, hatte sie die Empfindung, sie sei in einem undurchsichtigen Versinken aufgehalten worden. Sie lehnte sich hilflos ergeben an den großen Mann an, der ihre Hand streichelte und sie neben sich in den Wagen setzte. Er fuhr langsam nach Konstanz zurück. Beide schwiegen, bis Narcissa leise zu weinen begann.
»Narcissa«, sagte der Geheimrat und legte im Fahren sacht seine Hand auf ihre Schulter.
Sie schluchzte:
»Es ist viel schwerer, als wir es wissen.«
»Bald werden Sie erkennen«, erwiderte Lantz, »daß man von den Menschen, die man geliebt hat, mehr im Tod besitzt als im Leben. Sie werden es erfahren, wie ich es erfuhr. Erst der Tod offenbart uns ihr Bestes. Sie sind vom Leben gereinigt. Und dann wird auch Luitgarda nicht mehr tot sein für sie. Sie ist losgesprochen.«
Wie verändert ist die Stimme des Geheimrats! Sie ist gar nicht mehr, als stürze sie sich von einem Dach herab zwischen die Menschen. Es ist etwas in ihr wie der Klang einer Glocke, und sie trifft in Narcissas Herz.
Narcissa weint leise weiter. Aber der Krampf ihrer Seele ist gelöst. Dann hört sie, wie der Geheimrat vorsichtig tastend sagt:
»Doktor Bühler kommt heute nacht.«
»Ja«, antwortete Narcissa still.