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Luitgarda kam im Laufe des Nachmittags von ihrer Wanderung zurück. Ihr ein wenig fleischiges Gesicht war von Sonne und Luft gerötet, aber seltsamerweise wirkte diese Tönung gezwungen, gewaltsam und nicht zu ihr passend. Sie hatte keine Fröhlichkeit aus der Natur mit heimgebracht.
Als sie allein mit Narcissa beim Tee saß, begann diese unvermittelt zu erzählen:
»Im letzten Kriegsjahr waren wir doch einmal bei Ernst Wilhelm zu Besuch, und da hörten wir eines Tages, als wir in der Bibliothek saßen, du erinnerst dich an den langen Schlauch von seinem Arbeitszimmer, wie Ernst Wilhelm zu seiner Frau sagte: Heute mittag empfange ich einen Schriftsteller! Und dann sahen wir, daß Ernst Wilhelm und die Großherzogin Karoline einübten, wie er empfangen werden sollte. Wir Kinder, Laura Eugenie und ich, saßen in dem Winkel auf dem Boden, wo der große Globus steht, und suchten auf ihm nach, ob das Großherzogtum eigens draufgezeichnet sei. Ernst Wilhelm setzte sich an den Tisch beim Fenster, der immer mit den großen Büchern überladen war. ›So‹, sagte er, ›jetzt wird der Gast gemeldet. Du stellst dich zu mir …, so und schaust mit in das Buch.‹ Es war eines mit Bildern, wahrscheinlich über Kunst, sein Steckenpferd; dann fuhr er fort: ›Und dann also geht die Tür auf. Der Gast kommt herein. Eine Zeitlang sehen wir nicht, daß er eingetreten ist. Wir sind ganz unter uns. Er soll sich mit seinen Augen überzeugen, daß wir keine Krone auf dem Kopf und kein Zepter in der Hand haben, wenn wir allein sind …, sondern daß wir nichts anderes verrichten als die … die Untertanen. Darauf kommt es an. Er soll uns sozusagen dabei ertappen. Du stehst leicht an mich angelehnt. Dann merken wir plötzlich, daß jemand da ist, und Du trittst rasch ein bißchen von mir weg, lächelst. Ich stehe auf. Ich gebe dir einen leichten Klaps auf die Schulter; der Klaps ist gut ausgedacht. Du lächelst mich nochmals an und dann gehst du davon, an ihm vorbei. Er wird dir nicht vorgestellt. Der Besuch soll möglichst persönlich und unoffiziell vor sich gehen. Du lächelst ihm zu und nickst liebenswürdig; in der Sprache, die sie uns andichten, würde es heißen: leutselig. Was für ein Wort! Denk dir es einmal aus! Den Leuten ist unser selbstverständlich freundliches Benehmen gegen sie seligmachend. Die Bibliotheksgestelle sollte man hinanklettern! Komm, noch einmal probieren …‹
Sie wiederholten es, und das machte uns Kinder, Laura Eugenie und mich, mächtig aufgeregt. Wir beschlossen, aus einem Versteck den Empfang mitzuerleben. Wir glaubten es nämlich nicht. Vielleicht erinnerst du dich, daß die Bibliothek einen fensterlosen Nebenraum hatte, der ebenfalls mit Büchern vollgestellt war. Er hatte keine Tür. In der Öffnung stand ein Büchergestell, das ihn zum Hauptraum hin abschloß. Neben dem Gestell war ein schmaler Durchlaß. Wir standen also hinter diesem Gestell im Dunkeln, unsere Herzen klopften, und über eine Bücherreihe hinweg sahen wir zum Fenster hin, wo der Großherzog und die Großherzogin waren. Es ging dann, wie sie es eingeübt hatten.
Aber dann kam das, was uns einen so unerhörten Eindruck machte: Das Gespräch mit dem Schriftsteller! Der dreht uns seinen breiten Rücken zu, während ich mir bis dahin unter einem Schriftsteller immer einen abgemagerten Menschen mit langen Haaren vorgestellt hatte. Und weißt du, was Ernst Wilhelm ihm sagte? Ich habe es in der Hauptsache behalten. Damals war ja noch der Krieg, und das Land gehörte ihm. Er sagte:
›Ihr seid es, die uns einsam machen, ihr sondert uns aus der allgemeinen Gesellschaft aus, isoliert uns, statt den Weg zwischen uns, unserer Stellung, unserer Sendung, wenn wir uns feierlicher ausdrücken wollen, aufzuschließen und ihn begehbar zu machen. Wir sind von Adam her aus keinem andern Material als ihr, und glauben Sie mir: So ein Thrönchen ist nicht so hoch, wie es von unten aus ausschaut …‹ Das hat er ihm gesagt. Was hältst du davon? Ich habe nie darüber nachgedacht, ob es wahr sein kann, was Ernst Wilhelm dem Schriftsteller gesagt hat. Glaubst du, es ist wahr?«
»Ich war doch auch im Schloß. Du hast mir damals nichts gesagt davon«, antwortete Luitgarda.
»Wir waren beide zu erregt über das, was wir erlebt hatten. Es war ein Geheimnis für uns: Die Berührung mit einer neuen, ganz unbekannten Welt. Ja, es war in seiner seltsamen Weise neu, ein gefährlicher Zauber, sag ich Dir.«
Luitgarda schwieg und grübelte nach. Weshalb sagt Narcissa das so unvermittelt jetzt, nach Jahren, zum erstenmal? Sie verstand die Wirkungsfähigkeit der Aussprache zwischen Fürst und Schriftsteller auf ein Kind. Aber diese Wirkung mußte sich dann bei Narcissa verloren haben, da sie nie davon sprach. Und erst heute, weshalb so unvermittelt heute?
Ja, ich weiß, weshalb gerade heute!
Das Ahnungsvermögen, das jeder Frau bei allen Dingen, die das Herz angehen, in so starkem Maß gegeben ist, stellte bei Luitgarda die unterirdische Verbindung her. Gestern hatte Narcissa auf dem Dampfer mit Doktor Bühler allein unter den fallenden Sternen gestanden. Heute sucht sie nun eine Brücke, aber niemand will diese Brücke sehen, eine Brücke aus diesem Hause heraus an das Ufer, auf dem »er« zwischen den Menschen geht und an die das Schloß der Prinzessin keinen innern Anschluß hat …
Narcissa schien nicht auf eine Antwort zu warten, denn sie sprach gleich von etwas anderem.
»Glaubst du«, fragte sie, »ob wir es erreichen, daß unser Vater beim Nachtmahl die Kandelaber wegläßt? Wozu überhaupt immer die geschlossenen Läden? Der elektrische Kronleuchter wäre ja heller; es ist schon so heiß. Die Kerzen sind wie ein Ofen!«
»Laß ihn!« sagte Luitgarda traurig. Sie fühlte, daß dieser Wunsch zu demselben Ziel ging wie die Erzählung vom Besuch des Schriftstellers beim Großherzog; am andern Ufer hatte man beim Nachtessen auch keine Kandelaber. Ach, Luitgarda wußte Bescheid in dem geliebten Herzen der Schwester, das nun, ohne es zu wissen und zu wollen, gegen das ihre aufstand. Der Aufruhr, den sie sich tagsüber ein wenig aus dem Blut gelaufen hatte, war wieder da.
Es war Zeit, sich zum Nachtessen umzukleiden, das Abend für Abend als eine Zeremonie, die letzte, die sich im Schloß erhalten hatte, vor sich ging. Bald erklang das kleine Glockenspiel aus Silberplatten, das in der Halle angebracht war, Geschenk eines Verwandten, der eine Reise nach China gemacht hatte. Die beiden gingen gleich hinab.
Das Speisezimmer lag im Erdgeschoß. Seit Kriegsende war dieses Erdgeschoß abgeschlossen, nie mehr war ein Fensterladen geöffnet worden. Dieser Speisesaal wurde nur einmal am Tag benutzt, zum Nachtessen, das pünktlich um Viertel nach sechs Uhr begann.
Als die Schwestern eintraten, brannten auf der langen Tafel, wie täglich, die beiden Kandelaber. Der Herzog saß bereits am Kopfende in seinem großen Sessel. Er stand auf, blieb aber an seiner Stelle und wartete. Die Schwestern traten zu ihm heran und boten ihm die Stirn hin, und er drückte seine Lippen darauf. Unter den Bewegungen, die dadurch entstanden, gerieten die Kerzenflammen in ein heftiges Wehen, und eine Weile schien es, als schwankte der große, halbleere Raum. Die Silbergeräte warfen verborgene Zornesblitze. Die Schatten der beiden Weinflaschen, einer Rhein- und einer Burgunderflasche, die jeden Abend nebst den passenden Gläsern dastanden, doch nie angerührt wurden, schienen sich auf dem weißen Damast ein paarmal aneinanderzulehnen. Jean-fait-tout trug schon auf. Er hatte weiße Zwirnhandschuhe über den Händen, an denen die Gärtnerarbeit, die Beschäftigung mit den Pferden und dem Jagdwagen und mit den Bürsten und Besen des Hauses hing. Von seinen Schläfen perlte Schweiß auf die Wangen.
Narcissa sah es. Draußen war die Luft des freien Sees, brandete an die Front der sechs Fenster, die der Saal hatte. Es war jetzt noch taghell draußen. Was für ein Gespenst richtete sich in der stickigen Luft des nie gelüfteten Raums gegen diese Läden, die verdammt worden waren, nie mehr ihren Zweck zu erfüllen! Die Kerzen brannten wie an einem Sarg.
Der Herzog pflegte bei diesen Nachtessen in einer spielerisch gleitenden und wie körperlosen Form Unterhaltung zu machen, als säße er inmitten von Infantinnen, Prinzen und Botschaftern, die alle mit blitzenden Augen seinem gewandten Mund anhingen. Das war die letzte Bindung an seine Stellung, die er am Hof des königlichen Vetters jedes Jahr vier Monate lang ausgefüllt hatte, bevor der Vetter das Land hatte heimlich verlassen müssen.
Aber heute war der Herzog einsilbig, und das waren die Prinzessinnen erst recht. Sie hatten ohnehin die Gewohnheit, in dieser Stunde, in der die Erinnerung an verflossenen Glanz erhalten wurde, dem Vater die Verfügung ganz allein zu überlassen. Heute kam noch die Verfassung ihres Gemütes, der schwere Druck ihres Blutes hinzu.
In das lange Schweigen hatte das sachte Berühren der Eßgeräte auf dem Porzellan trockene kleine Geräusche, einem halblauten, geisterhaften Trommeln ähnlich, in den Saal getragen. Endlich fragte der Herzog, wie es gestern auf der Fahrt nach Lindau gewesen sei. Narcissa antwortete hastig, scheu und entfliehend:
»Schön!«
Der Hall ihrer Stimme wehte in den Raum wie in ein Grabgewölbe.
Ob der Geheimrat Lantz auch dagewesen sei?, fragte der Herzog nach einer Weile.
»Ja.«
Der Geheimrat sei außerordentlich reich und tüchtig, habe aber eine unbequeme, unruhige Art des Verkehrs.
Und der Doktor, der junge … der mit der Erfindung mit dem Kohlstrunk … der Doktor … Doch fand der Herzog den Namen nicht.
Narcissa und Luitgarda hätten den Namen und Vornamen sagen können. Der Herzog sah sie hilfesuchend an. Da aber auch die Prinzessinnen den Namen nicht gemerkt zu haben schienen, unterließ er es, sich weiter um ihn zu bemühen. Einmal noch raffte er sich auf.
»Der Geheimrat Lantz spricht, als sei er ein König, doch ein König aus einem Land, in dem es nur Untertanen gibt, denen man, wie den Hunden auf der Jagd, zuzupfeifen pflegt. Weil er so tüchtig und reich ist, vermutlich. Sehr fremd für uns! Aber wenngleich, er ist mir ein sympathischer Mann, und er gehört nicht zu denen, die ›Königliche Hoheit‹ im Mund haben, als sei das bei ihnen täglicher Kaviar.«
»Er auch nicht!« ergänzte Narcissa für sich und schaute mit einem kleinen Schrecken zu ihrem Vater auf, als sei es möglich gewesen, daß er ihre Ergänzung hätte hören können.
Das Gesicht des Vaters spiegelte keine Erkenntnisse dieser Art wider. Aber zum erstenmal bemerkte Narcissa, wie schmal seine Züge geworden waren. Sie schienen zu einem Bündel Falten aus entnervter Haut zusammengeschrumpft zu sein und an den stark hervorgewölbten Backenknochen nur lose aufgehängt. Der Bart, sonst nur ein verbindliches Ornament des hohen Kopfes, war zum bestimmenden Bestandteil des Gesichts geworden. Diesen Bart spürte sie dann mit einem überleichten Wehen an ihrer Stirn, als der Herzog die Tafel aufhob, und sie ward von etwas gestreift, das sich in einen unendlichen Schatten zu verlieren strebte.