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Ohne zu zögern, wandte auch Bühler um. Er schaute ihr nicht mehr nach. Jetzt nehm ich den Teufel bei den Hörnern und beim Schwanz, sagte er laut, fuhr zur Rheinbrücke zurück, hinüber. Was ausgerissen werden muß, soll bis auf die Wurzel ausgerissen werden! Er ließ den Wagen bis an den Gebäudekomplex der chemischen Werke hinablaufen, steuerte in den Hof und eilte in das Büro von Lantz. Kaum ließ er sich Zeit zum Gruß.
»Ich habe mir die Sache überlegt, Herr Geheimrat. Ich bin bereit, den Vertrag mit Ihnen zu unterschreiben.«
»Aha, Bühler«, rief Lantz, »da haben Sie mal einen vernünftigen Gedanken gehabt, an denen Sie in letzter Zeit, wie mir scheint, keinen Überfluß besitzen.«
Er fischte eine große ovale Blechdose mit grünen breiten Steuerstreifen aus einem in den Schreibtisch eingebauten Zigarrenschränkchen.
»Oder … wollen Sie nicht mehr?« fragte Bühler.
»Sagen Sie Doktor, weshalb sind Sie so aufgeregt?«
»Ich bin nicht im mindesten aufgeregt. Ich habe alles reiflich überlegt.«
»Auch was Sie unterschreiben?«
»Alles.«
»Daß Sie der Sklave der Chemischen AG. werden?«
»Unsinn. Alles.«
»Sie haben seit einiger Zeit keinen guten Gedanken mehr gehabt. Heute haben Sie den ersten. Hier ist der Vertrag. Lesen Sie ihn noch einmal durch. Das gibt Ihnen Gelegenheit, sich nochmals zu überlegen. Es würde mir wenig Spaß machen, wenn Sie sich heute auf eine Laune hin an etwas binden, was Sie morgen bereuen. Es kommt mir nämlich vor, Sie erleben augenblicklich einen Roman, und man könnte ihm den Titel geben: Ein Mann gerät in die Irre!«
Wenn schon, dachte Bühler bei sich. Ich bin mein eigener Sklave. Was kommt es da noch darauf an, der einer Aktiengesellschaft dazu zu sein.
»Ich kenne ihn ja. Ich habe zu Hause eine Abschrift.«
»Wie Sie wollen! Zwar hat das Schuljahr bereits begonnen, und wir können wohl bis Ostern nicht auf Sie zählen …«
»Das ist erledigt. Ich gehe nicht mehr in die Schule.«
»Ach so«, machte Lantz nicht übermäßig erstaunt. »Dann setzen wir das Datum des heutigen Tages, 10. September.«
»Jawohl.«
»Da ich die Gabe des Vorausahnens habe, sind diese Exemplare schon unsererseits unterzeichnet, wie Sie sehen.«
Damit schob Lantz ihm die Verträge und eine Füllfeder hin, und Bühler unterschrieb. Er reichte die Papiere wieder zurück.
»Aber eines gehört ja Ihnen«, sagte Lantz.
Bühler faltete ein Exemplar zusammen und steckte es ein. Lantz reichte ihm die Hand:
»Auf gedeihliche Zusammenarbeit, Bühler. Ich kann nicht sagen, daß ich unglücklich über Ihre Unterschrift bin. Wir haben nämlich einen Haufen Geld frei und eine geradezu mordsmäßige Unternehmungslust. Wären Sie bereit, morgen oder übermorgen mit mir nach Frankfurt zu fahren? Kürzlich habe ich nämlich dort von Ihrer Erfindung erzählt; die Leute interessieren sich.«
Bühler zögerte einen Augenblick, überrumpelt. Dann sagte er:
»Lieber gleich morgen!«
»Ein Bravo und ein Kirsch diesem Eifer«, erwiderte Lantz und füllte zwei Schalen. »In Frankfurt werden wir ja Zeit und Gelegenheit haben, unser neues Verhältnis in richtiger Form zu feiern. Oder wollen wir lieber heute abend bei Concordia Schinken schon eine Vorfeier halten?«
»Ich gehe nicht mehr hin!« stieß Bühler hervor.
»Ach was! Welche Neuigkeit!« machte der Geheimrat.
»Deshalb habe ich ja unterschrieben.«
Lantz warf ihm einen Blick zu. Er entschloß sich, der Angelegenheit eine heitere Fassade zu geben, als er das Gesicht Bühlers verfinstert und voller Wirrsal sah.
»Man kann das eine ja tun, ohne das andere zu lassen. Und da wir jetzt in einer neuen Bindung zueinander stehen, erlauben Sie mir die Frage: Haben Sie Nachricht aus dem Schloß und was mit ihm zusammenhängt?«
»Nein.«
Bühler sagte es kurz, schroff und abgewandt.
»Aber ich!« entgegnete der Geheimrat.
Bühler zuckte zusammen.
»Ich habe Ihnen kürzlich geraten, aufzupassen, mit dem Hause Mont'Alto seien die Sachen nicht so, wie Sie sich das etwas eilfertig einbildeten. Erinnern Sie sich? Und nun lesen Sie diesen Brief. Es ist ein Liebesbrief, nicht von Narcissa, sondern von einer kleinen Freundin von mir. Ich bin sozusagen ihr väterlicher Liebhaber. Sie ist augenblicklich bei Bekannten zu Besuch auf der Rauhen Alb. Vielleicht muß sie sich da ein bißchen von mir erholen. Ich bin zwar ein väterlicher, aber auch ein ziemlich unbequemer Liebhaber. Jedenfalls also kennt sie den Grafen Färg, weil sie ganz in der Nähe wohnt und da schreibt sie nun … halten Sie mal, den Anfang brauchen Sie nicht zu lesen, das ist für Sie nur undefinierbares Liebesgestammel. Hier beginnt das, was Sie interessiert.«
Bühler las im unteren Teil der ersten Seite, wohin der Finger des Geheimrats zeigte:
»Hier ist es still und langstielig, wenn man so wenig Neigung zu einsamen landschaftlichen Reizen hat wie ich. Außerdem regnet es in Strömen. So koste ich hier doppelt aus, daß endlich eine Sensation Einzug hielt, die das Tagesgespräch der ganzen Umgebung bildet. Ein bißchen Hofklatsch ist doch immer schön. Klaus Edmund Graf Färg hat sich gestern mit seiner …«
Hier endete die Seite, und Bühler, rot über das ganze Gesicht flammend, warf den Brief aus den Händen, als habe er sich daran verbrannt. Seine Augen schmerzten ihn. Er griff schwankend nach der Lehne des Sessels, neben dem er stand.
Aus! Aus! Alles zerschlagen! klang es in ihm.
Lantz, der die unerwartete und ihm unverständliche Wirkung sah, trat zu ihm und drückte ihn in den Sessel.
»Bühler, was haben Sie? Es ist doch alles gut!«
Bühler zeigte auf den Brief am Boden und ließ den Kopf in die Hände fallen. Lantz hob den Brief auf, las selber nochmals, was er Bühler zu lesen gegeben hatte, sah nun, daß die Mitteilung seiner Freundin durch einen allerdings seltsamen Zufall auf der Seite mit dem Beginn eines Satzes endigte, dessen natürliche Fortsetzung etwa hätte lauten können:
»Graf Färg hat sich gestern mit seiner Schwägerin Narcissa verheiratet.«
Er schlug Bühler so fest auf die Schulter, wie er nur konnte, und lachte wie ein Bär. Bühler bekam darüber etwas Fassung und las nun in dem Brief, den Lantz ihm auf der zweiten Seite aufgeschlagen vor die Augen hielt:
»… Cousine, der Komteß Beatrice, verlobt. Das ist noch ein ganz junges Ding, ein Backfischlein, das dort seit Kindauf ganz unbeachtet …«
Bühler las nicht weiter. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen. Es war ja auch gleichgültig, was noch kam.
»Haben Sie richtig gelesen?« fragte Lantz hinter ihm. »Färg hat sich mit seiner Cousine verlobt. Beatrice heißt das Kind, ein hübscher Name, nicht wahr? Das hat auch was mit Petrarca zu tun – ach nein, die hieß ja Laura. Dante meine ich, Dante und Beatrice, Sie wissen doch?«
Aber Bühler hörte ihm gar nicht zu. Als er Lantz verlassen hatte, kamen ihm wieder Zweifel. Er konstruierte alle möglichen Zusammenhänge aus der Nachricht; er züchtete neue Zweifel. Niemand kannte die Zusammenhänge! War die Mitteilung in dem Brief dieses gelangweilten und eingeregneten Mädchens nicht vielleicht nur die Wiedergabe einer müßigen Erfindung, eines bloßen Geschwätzes bösartiger Nachbarn, die da entdeckt hatten, daß aus dem Kind Beatrice das Fräulein Komteß Beatrice geworden war und die sich daraus gleich einen Roman zusammenspannen?
Und so war es genau wie vorher. Das Ungewisse war nicht weniger lastend, als es vor einer Stunde das Wissen gewesen war.