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Frau Bloos hat keine Angst

Frau Bloos ging nicht gleich ins Schloß zurück, als sie den Bahnhof verließ. Die entschlossene und verzweifelte Handlungsweise der Prinzessin setzte jetzt ihr Gemüt, das bisher durch das Gefühl der Notwendigkeit, Narcissa Hilfe leisten zu müssen, vollauf beschäftigt gewesen war, in eine starke Bewegung. In ihren Gedanken fielen recht unfreundliche Bemerkungen über Mont'Alto, während sie mit dem Entschluß, zur Frau Bühler zu gehen, der Rheinbrücke zustrebte.

Ich hab's als sehr needig, mich ausz'schwätze!, stellte sie bei sich selber fest. Sell Mädle isch mir arg ans Herz g'wachse.

Sie sah keinen Vertrauensbruch darin, daß sie ihrer Freundin, der Frau Bühler, erzählte, was sich gerade unter ihrer Mithilfe mit der Prinzessin begeben hatte. Denn Frau Bühler war seine Mutter, und in dem Brunnen schwamm der Fisch, und das war der Frau Bühler ihr Doktor.

Sie setzte sich mit der alten Frau in das Stübchen im ersten Stock. Aber Frau Bühler nahm die Nachricht gelassener hin, als Frau Bloos sich vorgestellt hatte. Sie sagte nur:

»Ja mei, sell wisset Ihr, Frau Bloos, besser als unsereins. Mei Mann selig isch nur bei der Dampfschiffahrt gewese, und Frau Bloos isch im Schloß und hat ein anderer Verkehr. Sell wisset Sie besser.«

Frau Bloos war erstaunt. Ischt's die Möglichkeit, dachte sie sich, Frau Bühler ahnt nicht, wo der Fisch im Brunnen schwimmt und daß der Fisch ihr Herr Doktor ist.

»Ha, Frau Bühler«, sagte sie, »habe Sie it so ein Gedanke, daß Ihr Herr Doktor damit zusammehänge tät?«

Erschrocken wehrte Frau Bühler ab:

»Naa, naa! Saget Sie bloß it so eppes.«

Aber Frau Bühler bestand darauf:

»In selle Brunne schwimmt der Fisch. Sell könnt Ihr mir ruhig glaube!«

»O mei, o mei!« machte Frau Bühler immer wieder, zwischen Erschrecken und dem uneingestandenen Glauben an etwas Wunderhaftes.

Frau Bloos ging schließlich, und im Schloß lief sie gleich der Prinzessin Luitgarda in den Weg.

»Frau Bloos, wo waren Sie auch verschwunden?« fragte sie.

»Nu mei, Königliche Hoheit!«

Frau Bloos sagte es nicht übermäßig freundlich, denn sie gab dem Schloß immer mehr Unrecht und der Entfernten immer mehr Recht.

»Ja, es ist gut«, sagte dann die Prinzessin. »Ich habe ja leicht alles allein fertig machen können. Graf Färg ist ja schon abgereist. Haben Sie meine Schwester nicht gesehen?«

Frau Bloos hatte sich noch nicht auf die Wirkung eingestellt, die die Flucht der Prinzessin im Schloß hervorrufen, und auch nicht darauf, wie sie selber ihre Beteiligung darstellen und wie man sie aufnehmen würde. Von der Plötzlichkeit dieser Frage war sie erst erschrocken und verwirrt. Ungewiß, wie sie sich zu benehmen hätte, biß sie die Lippen aufeinander und antwortete nichts.

Luitgarda bestand aber auf einer Antwort:

»Die Prinzessin ist nicht zum Essen gekommen. Auf dem Zimmer ist sie auch nicht. Ich habe sie im Park gesucht, und Jean weiß ebenfalls nichts von ihr. Vielleicht hat sie Ihnen gesagt, wo sie hinging?«

Da schwenkte die Verlegenheit in Trotz um. Sie wird es ihnen schon klar machen, diesem Hochmut, diesen Königlichen Hoheiten, ein Herz zu plagen. Herz ist Herz, und das Wort kommt nicht von Herzog, scheint's, denn die scheinen im Gegenteil nichts davon zu wissen, dachte sich Frau Bloos.

Bockig schaute sie beiseite, und mit einem drohenden Unterton sagte sie:

»Doch.«

Luitgarda erschrak.

»Frau Bloos«, mahnte sie, »wo ist die Prinzessin Narcissa?«

»Fort!« antwortete Frau Bloos feindlich.

»Fort? Was heißt das?«

»Fort!« sagte Frau Bloos noch einmal auf demselben Ton.

»Ja, wohin fort?«

Da wurde Frau Bloos aufgeregt:

»Sell darf i it sage, und sell werd i it sage, und wenn mich Königliche Hoheit der Herr Vater aushorchet, so werd' i rappelköpfisch. Sell möcht i wahr habe! Sell kann Königliche Hoheit Königlicher Hoheit dem Herrn Vater sage von der Frau Bloos.«

Sie sagte es lauter als es notwendig war, und Luitgarda trat zu ihr und beruhigte sie:

»Aber Frau Bloos, doch nicht so aufgeregt. Ich frage ja nur.«

Luitgarda ging. Sie wußte es jetzt. Sie nahm alle Kraft der Beherrschung zusammen und stieg die Treppe hinan zu ihren Zimmern, die sie nun allein hatte. Aber als sie die Tür hinter sich ins Schloß gedrückt, trugen ihre Beine sie nicht mehr. Ihr wurde schwarz vor den Augen. Nur einen Gedanken hatte sie: ich muß um Vergebung der Sünde bitten, mit der sich Narcissa belastet hat. Wer gibt mir die Kraft, es dem Vater zu sagen?

Als sie so viel Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte, daß sie sich den Gang zum Vater zutrauen konnte, begab sie sich hinab. Aber Frau Bloos kam aus der Tür der Bibliothek. Sie blieb vor Luitgarda stehen. Sie sagte in ihrem besten Hochdeutsch:

»Königliche Hoheit brauchen sich nicht mehr zu bemühen. Königliche Hoheit«, dabei zeigte sie mit dem Daumen auf die Tür, »weiß es.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ sie die Prinzessin stehen und stampfte mit energischen Schritten zum Wirtschaftsflügel des Schlosses.

Frau Bloos hatte sich plötzlich entschlossen, zum Herzog zu gehen. Sie fühlte sich jetzt mitverantwortlich sowohl für die allgemeinen Zustände im Schloß, die Narcissa zur Flucht getrieben hatten, wie auch für den Schritt der Prinzessin. Sie war ohne eine der sonst vorgeschriebenen Formen beim Herzog eingetreten und hatte folgendermaßen zu ihm gesprochen:

»Daß es it heischt, die Frau Bloos hat heimlich … und hinter unserm Rücken … und was man als so schwätzt, wenn so eppes geschieht, wenn man selber schuld ischt und es it wahr habe mag … und ganz recht hat sie g'hätt, daß sie durchbronne isch …«

»Schweigen Sie!« hatte der Herzog gesagt.

»Naa …«, hatte Frau Bloos sich gewehrt. »Da kommt Euer Gnaden letz. Erscht das Kind in sell Bad tunke und dann das Bad mit 'm Kind umschütte …«

Und sie hatte ihre empörte, anteilnehmende Seele einer guten Frau, der durch die vielen Jahre im Schloß dessen Leben zu einer eigenen Angelegenheit geworden war, vor den herzoglichen Ohren bis zur Neige geleert.

Als sie dann schwieg, hatte der Herzog gesagt:

»Frau Bloos, Sie meinen es gut. Ich weiß es. Jetzt lassen Sie mich allein. Ich muß nachdenken. Weiß es die Prinzessin Luitgarda?«

»Wenn Sie mich verstande hat, so weiß sie's!« hatte Frau Bloos geantwortet und war gegangen.


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