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Die Augen einer Prinzessin

An einem Nebentisch saß der Prinz Ernst Eduard zwischen seinen Schweizer Freunden. Nur der sicheren Gegenstandslosigkeit, mit der seine jungen hellen Augen in den Saal blickten, konnte man vielleicht anmerken, daß hinter ihnen das Bewußtsein seiner Abstammung stand. Man hatte seine Bitte erfüllt, und er wurde nicht mehr beachtet, als irgendein anderer der Geladenen.

Eine Ausnahme machte Narcissa. Sie war dem Prinzen noch nie in Gesellschaft begegnet, denn die Familie aus dem Süden hatte kaum Verkehr mit denen des Nordens. Narcissa erkannte, wie er voll abwesender Fremde zwischen den einfachen Männern saß, denen er sich angeschlossen hatte. Sie sah eine Ähnlichkeit zwischen ihrer und seiner Lage in dieser Stunde.

Es formte sich ihr zum Bild: ein schönes Fabelwesen aus der Einsamkeit des nördlichen Eismeers ist unvermutet mit einer Märchengestalt des Südens zusammengetroffen, und zwar in einem Zwischenland, inmitten einer fremden Luft; aber dieses Zwischenland hat keinen Belang für sie. Eigentlich sind beide ganz allein auf der Welt, und nur ein törichter, nicht abzuwehrender Zauber läßt die Wirklichkeit nicht zur Geltung kommen.

Man sieht, die junge Prinzessin wird zur Poetin, wenn sie auf einen richtigen Prinzen trifft.

Wie schön und traumhaft ist diese Begegnung, sagt sie zu sich selbst. Prinz und Prinzessin im Märchenland, schon die alten Lieder singen davon. Man darf nur nicht erwachen aus dem Traum. Sie fühlte die Gegenwart des Prinzen, des Artgenossen aus einsamem Gefild, in dem Schimmer ihrer Augen widerglimmen. Das wollte sie sehen, die neugierige Märchenträumerin, und so beugte sie sich über das Weinglas, um das Bild ihrer Blicke auf dem Spiegel des Weins glänzen zu sehen. Sie fragte sich: Sieht auch der Prinz, was ich sehe? Sieht er, daß meine Augen kreisrund und doch in den Winkeln ausgeschwungen sind wie Lilienblätter? Und sieht er auch das andere dahinter, das Wesentliche?

Sie kannte ihre Augen, sie trieb einen Kult mit ihnen, und sie hatte Zeit dazu. Sie wußte, daß in ihnen das Geheimste, Seltsamste und Innerlichste ihres Wesens nach außen treten konnte. Diese Augen waren das Ergebnis einer ausgesuchten Verbindung vieler stolzer Familien und mancher Zeitalter in den Ländern Europas.

Als sie sechzehn Jahre alt war, hatte der Erzherzog Karl sie einmal angehalten und ihr gesagt:

»Prinzessin, ich weiß nicht, von welchem Jahrhundert oder Jahrtausend Sie Ihre Augerln bekommen hat. Sie sind wie ein Brunnen, in dem man durch Geschlechterreihen hinabschauen kann bis zur Nofretete.«

Seitdem vermißte sie die Hermelinschleppen nicht mehr, auch nicht die pelzverbrämten Brokatgewänder, denn das gab es wegen der kärglichen Vermögensverhältnisse des Hauses Mont'Alto seit langem nicht mehr. So hütete sie denn wenigstens den Besitz ihrer Augen und hielt sie stetig unter Beobachtung. Sie wurden ein Studium, dem sie ganze Stunden nachhängen konnte.

Einmal hatte Luitgarda, ihre um sechs Jahre ältere Schwester, zu ihr gesagt, als sie Narcissa lange regungslos in den Spiegel blicken sah:

»Du schaust so lange mit deinen Augen in deine Augen, bis aus dem Silbergeheimnis hinter dem Glas ein Brüderpaar davon herauskommt. Dann hat Sie Ihr Leben lang vier Augen zu verwalten. Paß Sie nur auf!«

Die Schwestern wandten manchmal, wenn sie sich einander sehr nahe fühlten, die Anredeform mit »Sie« und der dritten Person an, die sie von österreichischen Verwandten her kannten. Sie taten es sehr selten und dann im Scherz, aber es gefiel ihnen auch. Es war ein kleiner Entgelt für manches andere, das sie vermissen mußten. Es betonte die Besonderheit ihrer Stellung in der Gesellschaft, und es war für sie ein Ausgleich ihrer Armut. Unverbesserlich hochmütiges Volk! hatte Geheimrat Lantz einmal dazu gemeint, als er sie so sprechen hörte. Er hatte es halb scherzend, halb grollend ausgesprochen.

Als Luitgarda ihr das mit dem Spiegel gesagt, hatte sich Narcissa vor dem Geheimnis eines solchen Vorgangs ein wenig entsetzt. Nun sah sie im Badhotel in Überlingen auf dem seidig-grünen Spiegel des Weins mitten aus dem verschimmernden Abbild ihrer Gesichtszüge den Glanz ihrer Augen herausdringen. Erschreckend erinnerte sie sich an die Worte der Schwester und verjagte sich selbst von der Spiegelscheibe des Weins.

Sieht er es auch? So hatte sie sich gefragt, und sie hatte »ihren« Prinzen damit gemeint, der jetzt in die Welt hinausging, um einen Beruf zu ergreifen und die Kunst des Geschäftemachens zu lernen. Der Prinz aber hatte es nicht gesehen. Ein anderer war Zeuge geworden des romantischen Spiels zwischen Augen und Wein und Einsamkeit. Als sie aufsah aus ihrem Traum, fiel ihr Blick unmittelbar in die Augen eines großen jungen Mannes, der schräg gegenüber am andern Ende des Tisches saß und gerade zu ihr herübergeschaut hatte. Es war der, der die Regatta so geistesgegenwärtig und glücklich beendet hatte, eben der, über den ihr Doktor Baumann etwas Störendes gesagt, und eben der, der sie dann so unverständlich vertraut angelächelt hatte.

Nun war der Zauber zwischen Prinz und Prinzessin mit einem Mal zerrissen. Ein anderer, den sie nicht kannte und nicht kennen wollte, verwehrte ihr das Märchenland und versetzte sie in eine Unruhe, die sich erst zu legen begann, als der Geheimrat sie, den Vater und die Schwester in seinem Motorboot über den nächtlichen See nach Hause brachte.


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