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Hinter einem Vorhang

Drinnen wurde Licht gemacht, das in die Tür eingelassene Fenster geöffnet, und eine Frauenstimme fragte:

»Isch's der Herr Generaldirektor?«

»Nein«, antwortet Narcissa, »ich bin eine Bekannte von Herrn Doktor Bühler und möchte ihn in einer dringenden Angelegenheit sprechen.«

Seine Mutter, sagte sie für sich, seine einfache, glückliche Mutter.

Die Tür ging auf. Eine behäbige, hell und schlicht gekleidete alte Frau stand im Licht vor Narcissa.

»Es ischt nämlich, Fräulein«, sagte die Stimme weich und freundlich, stockte aber mit einem erschrockenen Seufzer und stammelte:

»Fräulein Prinzessin …«

Narcissa trat ein und lächelte die alte Frau an.

»Frau Bühler?« fragte sie.

»Ich habe … die Ehre«, stammelte die alte Frau, »gleich, ich will …, wenn das Fräulein Prinzessin …«

Sie war weg und in eine Tür verschwunden. Narcissa stand im Flur grade unter der elektrischen Lampe, die von einer gelbgetönten Schale gebildet wurde. Sie hörte Stimmen. Dann fiel ein Stuhl um in dem Zimmer, in das die Frau verschwunden war, und nun kam durch dieselbe Tür Doktor Bühler heraus.

»Prinzessin?« fragte er atemlos.

»Ich wollte Sie besuchen. Ich möchte mit Ihnen sprechen«, antwortete Narcissa und hörte wieder ihr Herz klopfen. Es schlägt viel zu laut, er muß es ja hören!

Er sagte: »Ja!« Unbeholfen und hastig ging er vor ihr zur Tür und ließ sie eintreten. Die alte Frau war nicht mehr zu sehen. Die Tür fiel ins Schloß. Das Zimmer war übermäßig hell, nicht nur von der einzigen großen Birne, die mit einem steinblauen Licht unter einem grell durchstrahlten Glasschirm brannte, auch hell von Möbeln, wie sie Narcissa nie gesehen hatte. Die Stühle waren aus glatten, glänzenden Metallröhren, die Tische von fast weißem Holz und ebenso die Bücherschränke. An keinem Möbel war der geringste Zierrat. Im Schloß knäuelte sich alles an den Truhen, Schränken, Stühlen, Sofas und Tischbeinen von Früchten, Blumen, Löwenköpfen, Wülsten …

Was soll das und was will ich hier?, fragte sich Narcissa betreten. Sie vermochte diesen neuartig-kalten Anblick nicht einzuordnen, der ihr nackt vorkam. Plötzlich sehnte sie sich nach den verschnörkelten Staubfängern im Schloß. Hier war alles so kalt, daß es frösteln machte. Auch von ihm ging diese Kühle aus, die sie in diesen drei Tagen schon öfter empfunden hatte. Und wieder fühlte sie es: hier war etwas unbestimmt Drohendes, das bereit war, sie aus all ihrer Geborgenheit zu reißen und sie in das gefürchtete Draußen zu stoßen, sie auszusetzen in eine Verlassenheit, die kalt und feindlich war und weder Träume noch Prinzessinnen kannte.

Da war es, als sei sie in ihrem Innern, das doch eben noch so von stürmischem, blutrotem Leben angefüllt war, völlig ausgeleert. Ich hätte daheim bleiben müssen. Mein Gott, was tue ich hier?

Sie nahm sich zusammen, und sie glaubte, die Angst würde vergehen, wenn sie spräche, nur irgend etwas sagte. Diese Leere war schrecklicher als alles, was sie kannte. Sie mußte sie füllen mit dem Klang ihrer Stimme. Aufs Geratewohl sagte sie:

»Sie haben eine Erfindung gemacht, Doktor Bühler?«

Kaum hatte sie es ausgesprochen, als sie sich selbst eingestand: Bin ich meiner Sinne nicht mehr mächtig? Was soll diese törichte Frage? Jetzt? In dieser Umgebung, dieser Stunde, diesen Umständen?

Unsicher sah sie zu Bühler hin und gewahrte, wie dieser ihren Blick fast streng erwiderte, während er antwortete:

»Es geht nicht um Erfindungen!«

Dann ließ er einen Augenblick verstreichen, in dem sich die Strenge seiner Augen ein wenig milderte, und mit dem Anflug eines Lächelns fuhr er fort:

»Vielleicht geht es um …«

Da klingelte es.

Er erschrak. Er hatte sagen wollen: um Sterne, und dann lachen und ihre Hand nehmen wollen, ihre beiden Hände. Aber die Glocke brach über Wort und Absicht herein und Bühler sagte statt dessen hastig:

»Es ist der Geheimrat Lantz. Ich habe ihn erwartet. Es ist Ihnen wohl nicht recht, wenn Sie ihn hier treffen. Kommen Sie in das Nebenzimmer! Der Besuch dauert nicht lange.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, nötigte er sie durch eine mit einem Vorhang aus weißen dicken Schnüren verhängte Türöffnung. Hier saß sie nun in der Dunkelheit in dem Sessel, den ihr Bühler ans Fenster geschoben hatte, und war zornig gegen Bühler und sich selber, daß sie sich in diese Heimlichkeit hatte treiben lassen. Durch den Vorhang fiel bläuliches Licht zugleich mit schwarzen Schattenstreifen in den Raum herein.

Narcissa hörte gleich die Stimme des Geheimrats, von der sie zu Luitgarda einmal gesagt hatte: sie klingt, als ob sie sich polternd von einem Hausdach herab über einen stürze. Und diese Stimme sagte laut und ein wenig unwillig:

»Haben Sie sich's nun überlegt? Also zweihunderttausend Mark Abfindung für die Auswertung Ihrer Erfindung auf den Tisch des Hauses, morgen, und eine Anstellung bei uns mit entsprechendem Gehalt, selbständig, eigenes Laboratorium, Pension, aber …«

Da nahm Bühler ihm das Wort ab:

»Aber ich gehöre nicht mehr mir selber, sondern Ihnen!«

»Ja, also, etwas müssen wir ja auch für die Moneten haben, die wir Ihnen anlegen.«

»Verübeln Sie es mir nicht, Herr Geheimrat, aber ich ziehe vor, mich selber in mir anzulegen.«

»Witze!« rief Lantz ärgerlich. »Zwei-hundert-tausend Reichsmark … Ein hundert … zwohundert … tausend …«, skandierte er, »ein Jahresgehalt, sagen wir von fünfzehn – steigend – Pensionsberechtigung –.«

»Und meine Selbständigkeit glitscht unter Banknoten davon.«

»Ach, Ihre Selbständigkeit! Wer ist denn selbständig? Bin ich selbständig? Das sind mittelalterliche Begriffe. Es geht eine Sage, daß es das vor fünfhundert Jahren gegeben hat. Sicher ist es auch nicht!«

Dieses Gespräch über so große Summen und vor allem der achtungslose Ton, in dem es gehalten wurde, erfüllte Narcissa mit einem erschrockenen Staunen. Geld, in winzigen Zahlen, im Schloß der tägliche Gegenstand sorgenvoller Nöte, Laufereien, Verhandlungen, Aufregungen … Hier in dem kleinen Häuschen, in den Räumen mit den erfrorenen Möbeln wurden Riesensummen zurückgewiesen wie ein Teller mit unreifen Pflaumen.

Ihre Einbildungskraft war ein wenig betäubt. Sie wurde von lockenden Vorstellungen durchschwärmt; zauberhafte Möglichkeit, mit Doktor Bühler und dem Geheimrat über diese Summen gemeinsam bestimmen und einen Teil ihrem Vater zur Verfügung zu stellen … wie die gute Fee. Das Gespenst der nie ruhenden Sorge vertreiben, das im Schloß in allen Räumen und zu allen Stunden nistete. Narcissa schaute selbstverloren durch das offene Fenster in die Nacht. In den Bäumen wetterleuchtete es erregt und jedesmal drang ein hastiger grüner Schein bis zu ihr und überfunkelte ihre Augen und ihr Gesicht.

»Stellen Sie sich das eindringlich vor, Bühler«, hörte sie den Geheimrat weiter sprechen. »Sie sind wirtschaftlich selbständig mit den zweihunderttausend und mit einem Gehalt von fünfzehntausend im Jahr können Sie dann auch mal heiraten, Menschenskind, warum heiraten Sie eigentlich nicht? Mit den fünfzehntausend können Sie sogar Schlösser erstürmen. Es gibt nicht weit von hier eine kleine Märchenprinzessin Narcissa …«

Narcissa hörte einen Schrei und wußte nicht, kam er von dort oder von ihr selber.

In die angenehme Gaukelei ihrer Vorstellungen hatte die Stimme des Mannes drinnen ein Wort geworfen, das Narcissa selber in brutalster Art mitten hineinstieß in Dinge, für die es jetzt noch kein Wort geben durfte.

Ja, sie war es, die bei dem unvermuteten harten Zusammenstoß mit den Dingen aufgeschrien hatte. Sie war auch nicht mehr auf dem Stuhl am Fenster. Sie war zwischen Buschwerk, Rasen und Bäumen an einem unbekannten Ort, wo sie noch nie zuvor gewesen war. Zweifellos war das Wort gefallen zur Strafe, daß sie als heimliche Horcherin am Fenster sitzen geblieben war, und sie war vor dem Überfall des Wortes durch das Fenster hinausgesprungen. Sie wußte später nicht, wie sie aus dem Garten herausgefunden hatte. Zitternd stand sie bei Frau Bloos.

In völligem Schweigen eilte sie zum Schloß zurück. Frau Bloos lief mit. Auch sie sagte nichts.

Narcissas Gedanken schwirrten durcheinander. Ich kann ja nicht mehr atmen. Jetzt wird gleich das Gewitter losbrechen. Es gibt nicht weit von hier eine kleine Märchenprinzessin. Sie haben eine Erfindung gemacht, Doktor Bühler? Wie soll das enden? Wie kann das enden! Jetzt ist es zu Ende.

Auch Frau Bloos dachte: wenn das nur gut ausgeht! Sie war Narcissa heimlich bis an die Ecke nachgegangen, sie wußte, in welches Haus sie eingetreten war, und da war ja auch noch das Segelboot in der Nacht gewesen. Nun wohl, ob Prinzessin oder nicht, junge Mädchen und junge Männer sind füreinander da. Das wäre schließlich in der Ordnung. Und eine schöne Stelle hat er auch, eine sichere, und Pension nachher … man hat schon öfter gehört, daß Prinzessinnen … nun gewiß, wohl, und unsere Prinzessin Habenichts, und da wäre ja gewiß alles recht. Nur, weshalb läuft sie jetzt, als sei sie ein Geist geworden, nicht ein Sterbenswörtchen, nur husch! husch! heim ins Schloß Habenichts zurück?

Das war es, was Frau Bloos Kummer machte, und zu fragen getraute sie sich nicht. Die Prinzessin war schon als Kind manchmal eigenartig gewesen. Wissen durfte es keiner, das war klar. Frau Bloos würde schon schweigen. Aber das hätte die Frau Bloos doch gern gewußt, was sich in den wenigen Minuten in dem kleinen Haus abgespielt hatte und weshalb die Prinzessin durch den Garten geflohen war.

Narcissa fand Luitgarda am Fenster. Diese hatte das Kleid noch an, das sie zum Nachtessen getragen hatte. Es war ein helles Kleid mit großen gelben und malvenfarbenen Blumen, für Luitgarda unvorteilhaft, weil Form, Anordnung und Farben zu kühn waren und nicht zu ihr paßten.

Weshalb hat sie sich nicht umgezogen?, fragte sich Narcissa, von der Tatsache, daß es nicht geschehen war, aber auch von dem Bild des ungeschickten Kleides auf eine unbegreifliche Weise erregt. Was für eine Absicht war dabei, daß Luitgarda sich nicht umgezogen hatte und Narcissas Rückkehr erwartete?

Luitgarda wandte sich um und Narcissa schaute ihr zornig in die Augen. Doch die Schwester blieb am Fenster stehen. Sie blickte starr an Narcissa vorbei, und diese sah, daß Luitgardas Gesicht wie von Fieber glühte, daß in den Zügen ein Ausdruck war, den sie nie an ihnen gesehen. Es war der Ausdruck einer qualvollen Spannung, schmerzhaft, und in diesem stummen Verharren von einer so unmittelbar auf Narcissa selber übergehenden Wirkung, daß sie auf Luitgarda zustürzte, sie umschlang und wild zu schluchzen begann.

In Luitgardas Augen stiegen große Tränen auf und rollten schwer über die Wangen. Sie streichelte mit einer Hand über Narcissas Kopf und preßte sie mit der andern an sich. Sie fragte nicht und sprach nicht und auch Narcissa blieb dem Ausbruch der Verzweiflung stumm verfallen.


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