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Luitgarda spricht mit dem Abgrund

Die Flucht Narcissas war ein Ereignis, vor dem der Herzog völlig verständnislos stand. Die Gewaltsamkeit, der Ungehorsam, die Entäußerung jeder altüberkommenen Form, das Wissen, daß sein Kind, gerade dadurch, daß er es vor der Roheit der Welt hatte bewahren wollen, in sie hineingelaufen war …, diese Dinge quälten seinen Geist. Er stand hilflos vor ihnen und sah keinen Ausweg.

Allmählich begann sich in ihm Zweifel zu regen, ob es sich in dieser Begebenheit nicht um einen Fall von Schuld und Sühne handle, ob das, was sich ereignet hatte und was ihn so wehrlos traf, nicht vielleicht die Strafe für die Lüge sei, mit der er allzu leicht die Schwierigkeiten hatte lösen wollen.

Der körperliche Zustand des Herzogs ließ zu wünschen übrig. Das viele Nachsinnen und die Selbstquälereien machten ihn stets rasch müde. Es konnte geschehen, daß er während der Zeremonie des Nachtessens, die er nun allein mit Luitgarda verwaltete, einschlief.

Dann kam ein Brief von Färg. Der Herzog las ihn und erfaßte zunächst den Inhalt nicht. Auch in diesem Brief stand viel von Reue und von Gewissensqualen, aber es stand auch darin, daß das Schicksal oft seltsame Wege geht, und daß er in seinem Hause gefunden, was er lange gesucht, ohne zu ahnen, wie nah es immer war, daß er die kleine Komteß Beatrice immer nur als ein Kind betrachtet, daß ihm aber plötzlich die Augen aufgegangen seien …

Aber wie geht das zu?, fragte sich der Herzog. Ich dachte, er wollte um die Hand Narcissas anhalten, ich habe ihm doch schon sozusagen mein Jawort gegeben, und nun kann er doch nicht … Beatrice! Natürlich kannte er die kleine Komteß, ein Waisenkind italienischer Verwandter. Gewiß Beatrice war ebenbürtig, aber das war doch ein Kind. Nein, halt, ja – freilich, sie mußte jetzt sechzehn oder achtzehn sein. Was aber erlaubte sich Färg? Er bot Narcissa und jener wählte Beatrice …

Er ward wirr in dem Kopf, der sich auf einmal am Schluß seines Lebens gegen einen solchen Anprall von unerwarteten Seltsamkeiten zu wehren hatte.

Der Herzog legte sich zu Bett und stand nicht mehr auf. Den Arzt wies er zurück. Eigentlich war er ja auch nicht krank. Er hätte nicht sagen können: Hier oder dort spüre ich etwas. Es war nur, als sei ein spröd-trockener Atem in ihm, der ihn aufzusaugen drohte. Von seiner linken Gesichtshälfte ging dieser böse Atem ab und wuchs die ganze Seite seines Körpers hinab. Luitgarda setzte sich oft an sein Bett, und sie unterhielten sich über die alten Dinge der Familie und des Schlosses. Aber Luitgarda merkte, daß diese Gespräche sich nur als ein Damm vor etwas anderm aufbauten. Sie wartete, daß dieses andere den Damm durchbreche, und sie wußte, es war Narcissa.

Ach, Luitgarda war die Tochter ihres Vaters! Nur nicht zeigen, was da drinnen ist … Wenn sie den Vater auf seinem Bett so an sich vorbeireden hörte, nur halb zuhorchte, wie er nur mit halber Hingabe bei den Dingen war, über die er sprach, dann wuchs unter diesen fremden, fernen Unterhaltungen das Bild der Schwester auf. Sie empfand, wie zugleich in ihrem Herzen und in dem des erkrankten Vaters dieses Bild in einem von Schmerz und Trauer umdrängten Zwang zurückgehalten wurde. Keiner von beiden konnte die Scheu überwinden, das Innere preiszugeben. Und so wurde nie über Narcissa gesprochen, obgleich sie wartend hinter jedem Wort stand, das die beiden wechselten.

Luitgarda verließ den Vater stets geschlagen und mutlos. Er ist krank, dachte sie. Bin ich es weniger, weil ich es an der Seele bin? Denn sie hatte an der Seele nicht nur diese eine Fessel.

Seit ihrem Gang zum Steg belagerte die Stunde an dem in die Tiefe schießenden Bach unablässig ihr Gemüt. Das Erlebnis stand mit einer bestimmten und vollständig abgegrenzten Vorstellung in ihr. Sie nannte es »Der Abgrund«, und ununterbrochen meldete er sich bei ihr. Sie, die so viel in ihrem Leben nachgegeben hatte, sich hatte so vieles versagen müssen, fand es zunächst befremdend, daß etwas so zäh auf dem seinigen bestand. In vielen Gestalten wand er sich immer wieder in ihr empor. Sie mochte ihn zurückstoßen, sie mochte den Rest ihrer Lebenskraft zur Wehr um sich bauen, er trat vielleicht einmal zurück, aber er war gleich wieder da. Am häufigsten kam er unter der Erscheinung, sie gehe achtlos auf ihn zu, sehe nicht, daß der Steg fehle, trete hin, als sei er da, und dann hebe der Abgrund seine Arme eilig herauf zu ihr und trage sie verstohlen zu sich hinab.

Wie lange wird es dauern, fragte sie sich, bis man in der tiefsten Tiefe ankommt? Bis man sein Herz erreicht? »Der Abgrund« nahm etwas Menschenverwandtes an.

»Ein paar Augenblicke! Ein paar selige, schöne Augenblicke. Länger dauert es nicht.«

Luitgarda erschrak. Wer hatte das ausgesprochen, sie selber oder – der Abgrund?

Ist es gewiß, daß es nur ein paar Augenblicke dauert? beharrte es weiter in ihr.

Geh' doch auf den Turm mit einem Stein und einer Uhr, wirf den Stein hinab und zähle auf der Uhr mit, und dann ist es nur noch einmal soviel! Wieder hatte der Abgrund gesprochen.

Aber es ist ja auch einerlei, antwortete die Stimme in ihr, denn messe ich diese Dauer an den Jahren, die vor mir stehen und so leer sein werden, wie es der Zwischenraum zwischen der Kante und dem Grund ist, so gibt es kein Maß, klein genug, daß man es aufzeichnen könnte. Und niemand, sprach es in ihr weiter, niemand wird es merken können, daß ich wußte, der Steg ist nicht mehr da. Und niemand wird je eine Ursache finden, weshalb er mich an sein Herz gezogen hat, dieser schöne, tiefe Abgrund.

Wußte sie selber denn die Ursache?

Als Antwort stellte die verborgene Stimme in ihrem Innern, mit der sich zu unterhalten ihr seit jenem Tag unentbehrliche Gewohnheit geworden war, die Erscheinung Bühlers hin. Aber sein Bild stand völlig entkörpert vor ihr. Sie konnte durch ihn hindurchsehen. Wer ist dieser Geist? Ach, sie wußte, er war nur das, was man nie findet. Es ist vielleicht von jeher da, in jedem, und niemand weiß, daß er es sieht. Erst, wenn das Wissen es in ihm bewußt macht, gewinnt es die Macht über uns, der wir nicht mehr entkommen. Narcissa entkommt auch nicht. Es zwingt sie in ihr Glück, und mich geleitet es zum Steg, der nicht mehr da ist. Ich will beten …


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