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Es ist indiskutabel

Narcissa setzte sich auf die nahe Kaimauer und begann ihre Lage durchzudenken. Ja, sie erkannte abermals die Wahrheit: Es war immer wieder diese Umgebung, der Geist, der droben in der dunklen Ecke verharrte, blind und tyrannisch. Sie konnte ihm nicht weglaufen. Sie blieb mit ihm gezeichnet. Aber ebenso wirklich war das Andere, war das Neue, war die Welt draußen, zu der »Er« gehörte. Es durften keine Unklarheiten, es durfte nichts Ungelöstes zwischen dem bleiben, was sie war, und dem, was sie sein wird, zwischen Mont'Alto und der »Fügung«, die über Hecken und Mauer zu ihr gekommen war.

Ich werde es dem Vater sagen!, beschloß sie.

Der Geist hatte keine Ohren und keinen Mund, hörte nicht und konnte nicht ja und nicht nein sagen. Ihr Vater war der leibliche Stellvertreter dieses Geistes, er konnte und mußte hören und reden.

Es war die Zeit, da er von der Ausfahrt zurückzukommen pflegte. Narcissa ging zu dem Stall. Jean-fait-tout versorgte grade die Pferde.

»Ist mein Vater schon lange zurück?«

»Königliche Hoheit ist grade ins Schloß gegangen«, antwortete der Diener.

Nun zieht er sich um, sagte sich Narcissa. Ich warte zwanzig Minuten.

Der Herzog pflegte sich sehr umständlich umzukleiden, wenn er von der Ausfahrt zurückkam. Er hatte die Gewohnheit, einen bequemen Anzug mit einer Flanelljoppe anzuziehen, in das Rauchzimmer zu gehen, das an die Bibliothek angrenzte, und, eine Zigarre rauchend, die Zeitungen zu lesen, die mit der Morgenpost gekommen waren. Es war ein ähnlicher Anlauf, der Narcissa zu ihrem Vorhaben trug, wie der mißglückte, der sie in Bühlers Haus geführt hatte.

Diesmal hatte sie sich besser vorgesehen. Um nichts zu versäumen und keine Zeit und Ablenkung sich dazwischenschieben zu lassen, entschloß sie sich, lieber gleich in das Rauchzimmer zu gehen und auf ihren Vater zu warten.

Als er kam, trat sie rasch vom Fenster bis ganz in seine Nähe.

»Ich möchte mit dir sprechen über mich«, sagte sie.

»Über dich?« fragte der Herzog erstaunt. Er liebkoste auf die salbungsvolle Art, die er sich angewöhnt hatte, seine langausgezogene Nase und blickte mit müden Augen in das Licht des Fensters.

»Nun ja«, entgegnete Narcissa, »über mich! Ich bin 23 Jahre alt, und ich kann nicht weiter so hinleben.«

»Hinleben?« wiederholte der Herzog mechanisch, wie ein Echo.

»Weshalb nicht?«

Narcissa sprach mit einer eifrig erhöhten Stimme, die dem Herzog ein wenig unpassend vorkam:

»Da unten liegen die Versteinerungen, die Tante Josephina mitgebracht hat. Wohl, sie haben Jahrtausende gebraucht, um in diesen Zustand zu gelangen. Aber bei mir habe ich das Empfinden, daß es rascher geht, bis ich auch ein Fossil bin.«

Der Herzog blickte sinnend weiter in das grelle Fenster, immer noch mit seiner Nase beschäftigt.

»Und«, fuhr Narcissa fort, »ich will das nicht werden. Ich spüre mein Blut in mir.«

Weitläufig, mit einer zweifelnden Trauer wiederholte der Herzog das Wort: »Blut?«

Narcissa schwieg und schaute ihn herausfordernd an. Sie lehnte sich jetzt dagegen auf, daß er gleichsam nur als eine Erscheinung neben ihren Nöten stand und daß sein Wesen durch das helle Licht und das Fenster zu verstrahlen schien.

»Hör mir zu, bitte!« sagte sie streng.

Er zog mühsam seine Augen aus dem Licht und fragte ein wenig schläfrig:

»Was willst du mit diesem Blut machen?«

Jetzt ist es soweit, sagte sich Narcissa, und die Kraft ihres Gemütes und ihres Willens kamen ihr helfen, kühl zu sein. Mit großer Ruhe und in einer leichten Sicherheit antwortete sie, als sei es etwas durchaus nichts Ungewöhnliches:

»Die Frau des Doktor Bühler werden.«

Sie wandte ihre Augen mit einem liebenswürdigen Zuwarten zum Gesicht des Vaters. Der beendete die liebkosende Beschäftigung mit der Nase.

»Doktor Bühler? Das ist doch der Segler?«

In den Zügen malte sich ein heftiges Erstaunen, dann eine Spannung und ein flüchtiger Schmerz. Aber all das war einen Augenblick später verschwunden. Er öffnete weit die Augen. Mit einer wehmütigen Höflichkeit, aber sehr entschieden, sagte er ganz ruhig:

»Nein!«

Im gleichen Augenblick wandte er sich um und verließ den Raum mit einer Gehaltenheit, als sei nicht mehr als der übliche Morgengruß zwischen ihm und seiner Tochter gewechselt worden.

Auch Narcissa ging gleich davon. Sie schob die Unterlippe etwas vor, rückte den Kopf weiter aufwärts. Es bleibt dabei!, dachte sie. Der Auftritt mit Bühler erschien ihr nun als etwas Unwesentliches, als etwas, das Eile hatte, zu verschwinden. Wirklich war nur, daß die Fügung ihn und sie zusammengeführt hatte. Sie wußte, daß sie die Kraft haben würde, alle Prüfungen dieser Fügung zu überwinden.

Als der Herzog allein in seinem Schlafzimmer war, in das er sich nach dem Auftritt mit Narcissa zurückgezogen hatte, kam ihm erst voll zum Bewußtsein, was sich begeben hatte.

»Indiskutabel!« sagte er ein paarmal hintereinander.

Er war eigentlich ein bescheidener Mann und liebte es, sich abseits zu halten, so daß er den weitaus größten Teil seiner Zeit in einer eingesponnenen Einsamkeit verbrachte, in der er gern die Schemen der glanzvollen Periode am Hispanischen Hof beschwor. Die Uneinigkeit mit Narcissa schmerzte ihn. Doch stärker quälte ihn, wie es überhaupt möglich geworden war, daß Narcissa zu solchen Plänen hatte kommen können. Er hatte kein Vermögen, gewiß nicht, aber er hatte sein Blut und es war auf seine Kinder übergegangen. Und dieses Blut war geadelt durch lange Ahnenreihen, gesiebt durch Jahrhunderte, die seine Familie über den anderen erhoben gehalten hatten. Seine Kinder waren eingeboren in die erhabene Tradition. Luitgarda, die ältere Tochter, mußte bleiben, was sie war. Sie war dazu durch ihr Äußeres vorbestimmt. Ihr vorgeschrittenes Alter und die Armut hatten den Zustand sozusagen zu einer Einrichtung gemacht. Seine zweite Tochter hatte früh und standesgemäß den Grafen Klaus Edmund Färg geheiratet und war bald danach gestorben.

Für Narcissas Zukunft hatte er keine bestimmten Pläne, aber doch die unabwendbar feste Erwartung, daß mit ihr, die ausgesprochen reizvoll in ihrer seltsamen und eigenartigen Erscheinung war, die sich aber vor allem, was ihm das wichtigste schien, als Ergebnis einer adligen Hochzüchtung darstellte, wieder der verlorengegangene Glanz in das Schloß einziehen würde.

Er versuchte sich vorzusagen: Frau Doktor Bühler! Er schüttelte den Kopf, wies sich dann aber in seiner Bescheidenheit selber zurecht. Ihm stand es nicht zu, über diesen Herrn Bühler zu spotten, der sicher ein tüchtiger und ehrenwerter Mann war. Aber die Sache schien ernst zu sein. Die Gefahr lag darin, daß die Familie durch eine solche Verschmelzung, die seine Tochter dem Umtrieb der »ordinären« Welt überantwortete, aus ihrer Tradition gleiten und dabei jenen überlieferten Grundsätzen untreu werden müßte, die ihr Geheimnis, ihr Glauben, ihre Religion waren. Für den Herzog bedeutete dieses Wort »Familie« eine ganz bestimmte Einordnung in die Schöpfung, ja einen Teil des Willens, der bei der Erschaffung der Welt zutage trat. Der Fortbestand dieser Schöpfungsordnung war gefährdet, wenn die Blutsbande der »Familie« nicht mehr geachtet wurden von ihr, auf der alle Hoffnung ruhte.

Der Herzog fühlte sich vor sich selber sicher über die Unbeugsamkeit seines Widerstandes. Keinen Augenblick konnte ihm auch nur der Gedanke kommen, daß man über all das auch anderer Ansicht sein könnte als er. Seine Jüngste hatte sich in diesen Mann vernarrt, das war peinlich, aber so etwas kam vor. Gerade von Narcissa hätte er es freilich nicht geglaubt. Nun, das ließ sich ändern. Es mußte sich ändern lassen.

Ja, er war sich sicher über die Unbeugsamkeit seines Willens, aber er war sich weit weniger sicher über die Art und Weise, wie er ihn gegen seine Tochter geltend machen konnte. Eine Weile dachte er die Hilfe Luitgardas zu beanspruchen. Dann gab er diese Absicht auf, als ihm auf einmal zum Bewußtsein kam, daß ja schließlich auch noch der andere, dieser Doktor Bühler nämlich, mitbeteiligt war. Er hielt es für ausgesprochen »unpassend«, ein weibliches Wesen gegen ihn zu Hilfe zu rufen.

Er versuchte sich vergeblich, Gesicht und Erscheinung dieses Doktor Bühler zu vergegenwärtigen. Wenn Narcissa den Namen nicht genannt hätte, so wäre auch der vergessen gewesen.

Ich werde Klaus Edmund herbitten, beschloß er. Als er zufällig in einem Spiegel sein Gesicht sah, erschrak er fast. Er fühlte sich matt und wie ausgehöhlt und meinte, dies müsse in seinen Augen irgendwie in Erscheinung treten. Aber er sah keine Veränderung in seinem Gesicht. Es fließt alles nach innen davon, dachte er wehmütig und legte sich auf das kleine Sofa, das er mit einem Schemel verlängerte, weil seine langen Beine keinen Platz darauf fanden.

Am Morgen des nächsten Tags ging er in das Zimmer seiner Töchter und teilte ihnen mit:

»Wir werden heute den Besuch von Färg haben! Ich bekam grade ein Telegramm.«

Als der Herzog eine Stunde später als gewöhnlich anspannen ließ, weil er seinen Schwiegersohn vom Karlsruher Schnellzug abholen wollte, gewahrte Narcissa, daß Jean-fait-tout ihm auf den hohen Bock hinaufhalf. Das war das erste Mal, daß das geschah. Sie ging mit einem belasteten Gemüt zur Schwester zurück, die sich wieder hingelegt hatte.

»Hat Vater Dir von diesem Besuch schon vorher gesprochen?« fragte sie.

Luitgarda verneinte.

»Es ist doch sonst nicht die Gewohnheit des guten Klaus, ein Telegramm zu schicken und gleich schon da zu sein.«

Sie war durch die Plötzlichkeit dieses Besuches ein wenig beunruhigt, sah aber nicht, daß dies in irgendeiner Weise mit den Dingen zusammenhängen könnte, mit denen sie zu tun hatte.

»Soll ich Dir vorlesen?« fragte sie Luitgarda.

»Nein, nein, ich danke Dir. Ich will ein wenig selber lesen.«

Sie hatte auf ihrem Nachttisch die Novellen von Storm liegen und nahm sie. Aber Narcissa, die sie beobachtete, bemerkte, daß sich Luitgarda zum Lesen nicht zu sammeln vermochte.

»Was mag Klaus hier wollen?« fragte Narcissa.

Luitgarda ließ das Büchlein sinken. Eine plötzliche Röte ging über ihr Gesicht, und unbeholfen, fast flehend sagte sie:

»Narcissa!«

»Was ist, Liebste?«

Da stammelte Luitgarda, indem sie mit einer Hand ihre Augen bedeckte:

»Willst Du es mir nicht sagen?«

Erst blieb sich Narcissa unklar, was diese Frage bedeuten sollte. Sie hatte Luitgarda ja selber gefragt, um sich über die Ursache des plötzlichen Erscheinens Färgs klar zu werden. Aber dann merkte sie an dem Benehmen der Schwester, daß dieser Besuch mit Doktor Bühler zusammenhing und daß Luitgarda von der Aussprache mit dem Vater wußte.

Da neigte sie sich über Luitgarda, küßte sie und ließ ihre beiden Hände auf den kalten, von der Arbeit etwas großen Fingern liegen, während sie sagte:

»Sie weiß, daß mir niemand auf der Welt in der Seele so nahe ist wie sie … und er … Aber helfen, das kann ich mir nur selber!«


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