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Einmal hatte ein Mann Narcissa, nachdem sie öfter zusammen getanzt hatten, die Hand geküßt. Es war einer der entfernten österreichischen Vettern. Sie hatte ihn befremdet angeschaut. Da hatte er mit einem Lachen in einer kecken Selbstverständlichkeit auch ihre zweite Hand genommen und wollte seinen Mund ebenfalls zu ihr beugen. Aber das Befremdende des ersten Vorganges ging in ein Gefühl von Beschämung und Entrüstung aus; sie zog die Hand weg und begann ein gleichgültiges Gespräch. Sie tanzte nicht mehr und war bedrückt. Das war so ziemlich die einzige Erfahrung, die Narcissa mit einem Mann hatte, bevor sie in Überlingen den Regattasieger kennen lernte und die Dinge jenen verwirrenden Verlauf nahmen, der sie abends in das dunkle Zimmer eines fremden Hauses und zum Anhören der Bemerkung des Geheimrats geführt hatte.
Der Besuch des Geheimrats und seine letzten Worte hatten das nun einmal Geschehene erneut in das »Draußen« gestellt, aber diesmal in einer befreienden, klärenden Art. Jetzt erst war alles Wirklichkeit. Ihr hatte sich Narcissa zu stellen. Das Dunkel war geschwunden, es war nicht zu Ende, es gab noch einen Weg.
Alle Schuld lag bei ihr. Diese Schuld war dadurch entstanden, daß sie sich aus dem natürlichen Anlauf, in den die Not ihres Gemüts sie zu der Aussprache geführt, vor dem Erscheinen des Geheimrats in die Heimlichkeit des Zimmers hatte nötigen lassen; nur so war sie zur unfreiwilligen Lauscherin geworden. An ihr war es nun, den Boden wiederzufinden, den sie unter den Füßen verloren hatte. Mache ich es wieder falsch, fragte sie sich. Nach dem, was geschehen ist, kann ich nicht wieder zu ihm gehen. Schließlich kam sie auf einen Gedanken, von dem sie wußte, er war ein Notbehelf, armselig und unbeholfen, vielleicht kindisch. Dennoch führte sie ihn aus.
Sie schrieb Doktor Bühler das folgende Briefchen:
»Sehr geehrter Herr Doktor!
Mein törichtes Benehmen trägt die Schuld daran, daß ich die Absicht, die mich zu meinem Besuch bei Ihnen führte, nicht ausführen konnte. Da ich mir nach dieser Ungeschicklichkeit nicht mehr zutraue, den Versuch zu wiederholen, bitte ich um die Erlaubnis, Ihnen schriftlich mitteilen zu dürfen, worum es sich handelt. Ich will Chemie studieren. Ich fühle mich gedrängt, mich der Zeit einzufügen. Und da wollte ich Ihren Rat und vor allem mir von Ihnen ein Buch ausleihen, das mich über diesen Gegenstand zunächst im allgemeinen zu unterrichten vermöchte. Wenn Sie in der Lage sind, meine Bitte zu erfüllen, so seien Sie der Dankbarkeit der Unterzeichneten versichert.
Als sie zu dem Geheimrat von ihrer Absicht sprach, Chemie zu studieren, war es eine gesellschaftliche Notlüge. Aber warum mußte es eine Lüge bleiben? War es nicht ein guter Gedanke, einen Beruf zu erlernen, um aus der Unwirklichkeit des Schlosses in die Wirklichkeit des Draußen vorzustoßen?
Darüber freilich gab sich Narcissa keine Rechenschaft, daß dieser chemische Einfall ja nicht so chemisch rein war und daß sie nur eine Verbindung zwischen sich und Doktor Bühler herstellen wollte – eine chemische Verbindung.
Sie wußte, dieser Brief konnte kein anderes Ziel erreichen, als höchstens ein Mittler zu werden. Er mußte wenigstens helfen, daß die Dinge, die durch ihre Flucht abgerissen waren, die Möglichkeit fanden, wieder zueinander zu kommen.
Während sie den Brief schrieb, nahm ihre Notlüge immer mehr lockende Gestalt an. Und wenn es Wirklichkeit würde?, fragte sie sich … wenn ich es täte? Wenn ich Chemie … einen Beruf … Ihre Vorstellungen überstürzten sich. Wie in einem Vogelzug ließ sie sich von der Phantasie entführen, ihre Einbildungskraft malte immer neue Bilder: dies alles hier verlassen … die Welt … das Draußen angehen … Ein neuer Mensch werden … eine Verantwortung … ein Ziel!
Sie hielt die Hand auf den Brief gepreßt.
Ein jähes Glücksgefühl überkam sie. Mit weitgeöffneten Augen blickte sie durch das offene Fenster in eine silbrige Weite, in die Zukunft, in der die Erfüllung auf sie wartete.
So sah sie Luitgarda, als sie eintrat. Zugleich bemerkte sie den Brief. An der Verzückung, an die sie Narcissa verloren sah, ahnte sie, wem er galt, und sie hielt sich stumm an der Tür.
Narcissa hatte sie kommen hören. Sie richtete sich auf, und als sie sah, daß es die Schwester war, rief sie ihr aufgeregt zu:
»Luitgarda! Komm her! Ich muß dir etwas sagen, etwas Großes und Neues! Daß ich glücklich bin! Ich will mich der Zeit stellen. Ich will etwas lernen. Was meint Sie dazu? Hier schwebe ich ohne Boden herum …«
Wie schlafwandelnd kam Luitgarda heran. Sie hatte nichts, nur Narcissa und den Vater, und der Vater war ein verehrter Schemen, eine mit der Würde und Feier der Familie gegenstandslos durchstrahlte Erscheinung. Er hatte keine Bindekraft an das Dasein, an den Tag. Man konnte nicht nach ihm fassen. Man konnte sich nicht an ihn hängen, wenn einmal die Zeit so traurig und trostlos würde, daß man einen Halt brauchte. Wer kann davon leben, daß er, um zu sparen, kocht und in einem Schloß mit aufräumen hilft und Gemüse im Garten zieht? Und sonst nichts! Und daß man alternd, gedrückt und mittellos, selber ja auch nur ein Schemen, neben dem Leben dahergezogen wird und nach nichts die Hand ausstrecken darf und mit »Königliche Hoheit« abgespeist wird und nur eine Magd ist. Wenn nun auch Narcissa ginge, wäre sie ganz allein.
Sie fühlte sich von Narcissas Mitteilung wie erdrückt. Sie lag in einem Schatten, über den nie eine Sonne aufgehen wird. Und da war ja noch das andere: daß sie die Hüterin eines Geheimnisses in ihrem Herzen war und daß sie, solang sie lebte, nie etwas anderes sein durfte als die stumme Hüterin dieses Geheimnisses. Und daß es gerade die Schwester war, die schuldlos für sich nahm, was in einem späten Aufbruch des Herzens Luitgardas Blut auftaumeln ließ, statt daß Scheu und Bescheidenheit, in die sie sich ergeben hatte, sie hätte schützen sollen. Sie wußte nicht erst durch diesen Brief, daß da einer um die Schwester kämpfte und daß Narcissas Gegenwehr schon erloschen war. Sie hatte im Garten des Geheimrats Bühlers Augen auf Narcissa gerichtet gesehen mit dem Blick, den sie selber zu erfahren wünschte.
»Was meint Sie dazu?« hörte sie Narcissa wiederholen. Und tonlos antwortete sie:
»Ich bin mit allen Wünschen bei dir!«
»Ich will nämlich Chemie studieren!« fuhr Narcissa fort. »Ich habe Doktor Bühler um Rat gebeten.«
Und sie zeigte auf den Brief.
Wenn ich doch schreien dürfte!, begehrte es in Luitgarda auf. Aber sie entgegnete in gleicher Tonlosigkeit:
»Gewiß wird Dir niemand lieber helfen.«
»Was hast du?« fragte Narcissa, die jetzt erst gewahrte, daß ihre Schwester anders war als sonst. Die Nacht mit dem zweiten Segel kam ihr in Erinnerung. Narcissa nahm ihre Hände. Aber Luitgarda wandte all den Widerstand an, zu dem sie ihr Verzicht geschult hatte, und beruhigte Narcissa:
»Es ist nichts. Ich muß mich erkältet haben.«
»Du hast Fieber?«
»Nur ein wenig. Ich werde mich etwas legen.«
Narcissa half ihr ins Bett. Die Hände, die Luitgarda so zärtlich besorgt um sich fühlte, waren Diebe an ihr und wußten es nicht. Luitgarda war entsetzt über sich selbst. Wenn sie die Augen schloß, gehörten diese zarten, schmeichelnden Hände in verwehenden Tausch zu dem Zauber der körperlosen Annäherung des Mannes, den sie liebte und der ihrer Schwester bestimmt war.
Narcissa schickte Frau Bloos mit dem Brief und dem Bescheid nach Konstanz, sie solle auf Antwort warten, sie bekäme ein Buch mit.
Die Mutter Bühlers öffnete.
»Ich bin die Frau Bloos«, sagte die andere. »Unsere Prinzessin Narcissa bekommt ein Buch von Herrn Doktor und ich soll es mitnehmen.«
»Mein, mein!« sagte die alte Frau Bühler ein wenig erschrocken, daß es sich schon wieder um die Prinzessin handelte.
»Ist er da?« fragte Frau Bloos.
»Das isch es ebe; nei.«
»Und wann kommt er vielleicht zurück?«
»Nehmet Sie Platz, Frau.«
»I will aber it störe! I bin so frei, Frau Bühler.«
Sie ließ sich massig nieder und saß in dem Sessel der kleinen Diele, so schwer und breit, als gelte es, nun einige Tage lang nicht mehr aufzustehen. Und das war Frau Bühler recht. Es war aber auch Frau Bloos recht, daß jetzt die Aussicht auf ein Plauderstündchen bestand, bei dem vielleicht etwas herauskäme. Denn wenn eine Prinzessin in der Dunkelheit zu einem jungen bürgerlichen Doktor ging, der vor einigen Nächten am Schloß vorbeigesegelt war und sie ihm heute einen Brief brachte, so war seit dieser Nacht einiges weitere geschehen, das zu wissen gut für die Neugier war.
»Ja, unsere Prinzessin …«, begann sie und schaute beschwörend gradeaus, als warte sie darauf, die gewünschten Meldungen kämen jetzt da oben aus der Ecke, in die sie ihre Augen heftete.
Aber auch Frau Bühler setzte ihre bestimmten Erwartungen auf diesen Besuch, und sie entgegnete mit ihrer weichen Altfrauenstimme:
»Ja, mei' Herr Doktor!«
»Wisset Sie, Frau Bühler, was i mir als so denk! Sell Blut von einer Prinzessin isch auch kei' Wasser!«
»Wie meint Sie das, Frau?«
»Ho, i mei', sell wär it ausg'schlosse, daß Ihr Herr Doktor und unsere Kö …« Sie unterbrach sich, sie hatte sagen wollen: unsere Königliche Hoheit, fand es aber an diesem Ort und in diesen Umständen unpassend und fuhr fort:
»I mei' halt, unsere Prinzessin, wisset Sie … ein Paar …«
Frau Bühler rief erschrocken:
»Wo denket Sie au hi' Frau …, wie war doch Ihr werter Name?«
»Frau Bloos!«
»Wo denket Sie als bloß hin, Frau Bloos!«
Aber sie kicherte hinterher, wie in einem Einverständnis, das sich versteckt hielt und lustig um die Ecke hervorlugt.
»Passet Sie auf!« rief Frau Bloos. »Unsereins, der in selle Häuser aus- und eingeht, weiß, daß auch da ebe nur mit Wasser gekocht wird. Glaubet Sie's nur, Frau Bühler!«
»Nu ja, mei Herr Doktor isch … wisset Sie … er hat doch selle Erfindung … die Sach' mit …« Ihre Worte überstürzten sich. »Und er sieht den Herr Geheimrat Lantz fascht jede Tag, und in sellem Zimmer dort wird dischkuriert von dene Herre, und Summe werdet g'nannt, 's schauert mir, wisset Sie, so viel …«
Mitten im Wort brach sie ab. Ein Schlüssel wurde in die Haustür gesteckt.
»Still!« flüsterte Frau Bühler. »Das isch mei Herr Doktor!«
Frau Bloos purzelte aus dem Sessel auf. In der Verwirrung vergaß sie den Brief zu geben. Sie stammelte:
»Das Buch … sollet Sie … ich soll ein Buch …«
Da erinnerte sie sich an den Brief, den sie in der Hand hielt, und gab ihn Bühler.
»Von unserer Prinzessin Narcissa«, sagte sie dazu.
Bühler zuckte unmerklich zurück. Er ging gleich mit dem Brief in sein Zimmer, schaute ihn scheu an und hatte eine Weile den Mut nicht, ihn zu öffnen. Mit einem plötzlichen Entschluß riß er ihn auf und las. Er stand lange, das Papier in der Hand, unentschlossen am Fenster. Was war dies? Aus dem Brief fand er keine klare Lösung der Begebenheiten des gestrigen Abends. Die Prinzessin war durch das Fenster entflohen. Das war sicher. Was aber nicht sicher war: Hatte nur die zweideutige Lage, sich in dem Nebenzimmer versteckt zu halten, sie vertrieben, oder hatte sie die Bemerkung des Geheimrats noch gehört? Und stimmte im ersten Fall dieser Brief? Dieser dumme, einfältige Brief. War sie gestern wirklich nur gekommen, um ein Buch über Chemie zu holen? Er hatte gemeint, es sei das Märchen gewesen, das aus dem Unerwarteten, aus der Gleichgültigkeit des Unbekannten die Gnade der Liebe ihm hätte widerfahren lassen wollen. Dieser ver… Brief sprach dagegen. Und dennoch drückte Bühler plötzlich die Schriftzüge und das Papier berauscht an die Augen. Ihre Fingerspitzen, ihr Handballen hatten es berührt, ihre Augen es angeschaut. Dann aber schalt er sich »Primaner!« und las sachlich noch einmal.
Er ging zu den Büchergestellen. Mit dem Zeigefinger der Rechten strich er langsam und geduldig von Buchrücken zu Buchrücken, las die Namen der Bücher, bis er auf Richard Dehmels »Zwei Menschen« stieß und es herausnahm. Stehend blätterte er das Buch auf. Auf der vierten Seite fand er mehrmals das Wort »Fürstin«, und er strich es mit einem Bleistift ganz sacht an der Stelle an, in deren Verlauf die Verse folgten:
»… so klar, so starr ergriff mich dein Gelüst,
mit mir, gleich zwei erschütterten Kristallen,
die mächtig warm das ewige Licht beschlich,
in einen Tropfen zusammenzufallen …«
Darauf packte er das Buch sorgsam in einen schönen roten Bogen ein und brachte es der Botin hinaus. Er gab es ihr ohne weiteres Wort, mit einem flüchtigen Lächeln.