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Doktor Bühlers Froschkönigstraum

Doktor Bühler segelte von Überlingen allein nach Konstanz durch die Nacht zurück. Der Wind fiel vom Ufer, und er mußte das Boot in dessen Nähe halten, um ihn abzufangen. Es war nicht allein der Wind, der diesen Kurs vorschrieb. Doch lehnte er sich gegen den zweiten Grund auf, denn der packte ihn an einer empfindlichen Stelle. Er verspürte es, als in den alten Bäumen des Parks das rötliche Gemäuer des Schlosses sichtbar wurde. In seiner Front stand ein einziges Fenster erhellt und offen und zeigte in seinem beleuchteten Ausschnitt eine weiß gekleidete Gestalt.

Bühler erkannte sofort Narcissa. Er biß die Zähne aufeinander und knurrte zornig: »Prinzessin auf Schloß Habenichts!«

Aber auch darüber ärgerte er sich. Die Fahrt über den See, nach der Befreiung von der Last und dem Zwang der vielen Menschen, hatte sich unter hohen Sternen und in einer Einsamkeit vollzogen, die dem Andrang der Natur alle Wege in sein Gemüt geöffnet hatte. Er war durchtränkt von ihrer Reinheit und Kraft, ihrem Rausch und ihrer Schwermut. Den ganzen Weg hatte er inmitten dieser Übernähe der Natur zurückgelegt und konnte sich dabei nicht von der Grübelei über die widerspruchsvolle Begegnung mit der Tochter des Herzogs von Mont'Alto freimachen. Es war wie ein Traum, dem er sich widerwillig hingab, daß ihn die Fahrt zu diesem Schloß führte, von dem er nichts – und alles wissen wollte.

Jetzt brannten seine Augen hinauf zu dem beleuchteten Fenster und zu der weißen Gestalt, die dort stand.

Wenn sie nun dasteht, weil ich hier unten vorbeisegle … Welch ein Unsinn! Ich habe meine Gedanken nicht beisammen!

Er starrte in das Wasser, in dem sich zitternd die Sterne spiegelten. Dort gestaltete sich ein Bild: die Prinzessin ganz jung und kindlich, mit einem silbernen Krönchen. Er hatte es so einst in einem Märchenbuch seiner Kindheit gesehen. An der Hand führte sie den Prinzen im Brautzug. Dann fiel ihm ein: der Prinz war der Froschkönig, der die Prinzessin erlöst hatte. Er, der Doktor Bühler, als Froschkönig …

Hart schlug er mit der Faust auf den Bootsrand. Es tat gut, denn es schmerzte. Es war die Wirklichkeit und kein alberner Froschkönigstraum.

Er blickte auf, und nun sah auch er den aus der Erde zu den Gestirnen aufstrebenden Säntis. Dort jetzt hinauf in das Reich der Gipfel – mit ihr, und der Druck, in dem er ihre Finger in die seinen einschlösse, wäre ein Stempel, dem kein Baumann und keine Königliche Hoheit und kein Grande gewachsen wäre.

Die Trauerweide nahm ihm das Fenster mit der Erscheinung der weißen Gestalt. Er fühlte einen feinen, fernen Schmerz, ganz anders als der, den ihm der Faustschlag auf das Holz des Bootes gegeben hatte.


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