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Die Schwestern gingen, nachdem sich Lantz von ihnen verabschiedet hatte, gegen ihre Gewohnheit in völligem Schweigen die Treppe zu ihrem Zimmer empor. Nur als Narcissa das Licht anknipsen wollte, sagte Luitgarda:
»Laß doch! Zum Ausziehen ist es ja hell genug.«
Narcissa antwortete nicht. Was hatte die Schwester? Sie konnte freilich nicht ahnen, daß deren Gesicht von einer flammenden Röte übergossen war. Das wollte sie nicht sehen lassen, um allen Fragen aus dem Wege zu gehen. Rasch entkleidete sie sich und schlüpfte ins Bett. Sonst hatte sie immer noch als braves und ordnungsliebendes Hausmütterchen alle Kleidungsstücke, auch die der Schwester, peinlich genau versorgt.
Als ob Narcissa etwas erblicken konnte, obwohl diese kein Licht gemacht hatte, barg sie ihr Gesicht in die Hände und versuchte in ihnen auch das versteckt zu halten, was sie vor sich selber unsichtbar machen wollte.
Sie wußte nicht, was dies war – was dort verborgen bleiben sollte. Sie fühlte nur eine Versuchung, etwas Dämonisches, das von ihr Besitz ergreifen wollte – etwas, das Wünsche und Regungen aus ihrem Herzen lockte, die in der Wirklichkeit nie Gestalt annehmen durften.
Ich will morgen zehn Stunden zu Fuß gehen, nahm sie sich vor. Sie hatte die Gewohnheit, halbe Tage lang am Schweizer Ufer entlang oder im Hegau über die Berge zu wandern. Ich will die zweiundvierzig Mark für das Hafergeld zusammenbringen. Wir kochen morgen wieder fleischlos, wir müssen sparen. Drei Flaschen Sekt kosten zweiundvierzig Mark. Er hatte eine bedeutende Erfindung … Nein, nein! Sie faltete die Hände, schlug sie aber gleich wieder vor dem Gesicht zusammen. O Mutter Maria, hilf mir doch! Du warst stets mit mir, mit uns allen. Er stand allein mit Narcissa, und die Sterne fielen über ihm zusammen. Sein Kopf ragte hinauf. Ich muß morgen eine lange Wanderung machen, Mutter Maria!
Die Himmelsmutter beachtete das Flehen und die Marter des Prinzessinnenherzens nicht.
Auch für Narcissa, die angezogen auf dem Bettrand sitzen geblieben war, hatte sie keine Zeit.
Die Augen fest zugepreßt vor den Bildern, die ruhelos vor ihr auftauchten und wieder schwanden, fiel sie haltlos in das Chaos der Finsternis. Es ist ja keine Sünde, stammelte es in ihr, daß ich ihn vor mir sehe und daß die Tränen des Laurentius nicht so glühend sind wie meine. Mein Herz ist verbrannt von ihm. Ich begreife es nicht, es ist alles so voll Geheimnis, Drohung, Rausch und Betörung. Ist dies das Leben draußen vor der Hecke? Es ist böse, dieses Leben, es birgt Angst und Unruhe. Ich hätte nicht durch die Hecke gehen dürfen, ich muß bei den Rosen bleiben und vom Leben nur die Blutstropfen begehren, die ihre Dornen verursachen. Aber ich muß doch zu ihm, damit er mich in den Armen … Wenn doch wenigstens Luitgarda etwas sagen würde!
Narcissa wandte die Augen zum Fenster, das in halber Helligkeit im Raum stand. Sie gab den nur in undeutlichen Umrissen zu erkennenden Gegenständen im Raum etwas Unwirkliches, Verschwebendes, Unheimliches. Sie begannen sich zu bewegen, lautlos und gespenstisch und aus der Ecke stand das Dunkel bedrohlich auf, kam näher, griff nach ihr – –
Narcissa fuhr zusammen, drückte sich geräuschlos mit den Händen am Bettrand auf und glitt zum Fenster. Dort stand sie lange. Eine Minute oder eine Stunde, sie wußte es nicht: eine Ewigkeit für sie. Leise hörte sie die Wellen des leicht bewegten Sees an die Ufermauer schlagen.
Plötzlich durchzuckte es sie, als ob ein glühender Pfeil sie durchbohrt und an den Boden genagelt hätte: drüben zog das Segel wie gestern auf die Trauerweide zu, streckte die Hand, die in geheimnisvoll verwehender Helligkeit aus der Finsternis auftauchte, noch einmal zu ihr her und verschwand in dem Baum.
Alles geschah lautlos. Nur der See rauschte in eintöniger Gelassenheit herauf, in langen, gleichmäßigen Atemzügen. Dieser Atem – oder war es der ihre – hing sich in die Äste der Trauerweide, von der die Blätter über die Mauer zum Wasser hinabtropften wie Tränengehänge. Das ist der Baum der Versuchung, flüsterte es in ihr. Er ist dunkel und süß wie die Nacht, wie der Schmerz, wie das Leben.
Narcissa sah die Stelle, an der das Segel, heut wie gestern, verschwebt war. Ihr war, die Stelle draußen sei gezeichnet, sie sei mit einem geisterhaften Mal gezeichnet, und dasselbe Mal sei auch zugleich ihrer Seele eingedrückt. Sie war betäubt von einem neuen Wissen. Nicht nur die Hecke, auch dieser Baum am Wasser führte ins Leben. Dieses Draußen, das bisher so friedfertig fern und weit von ihr gelagert war, von dem sie nie etwas gewollt noch geahnt hatte – es richtete nun auf einmal seine Stirn gegen sie und verlangte herausfordernd und drohend nach ihr.
Sie wich davor zurück und wandte sich wieder in das halbdunkle Zimmer. Da sah sie Luitgarda in ihre Hände eingepreßt und verloren liegen.
»Luitgarda!« sagte sie leise und erschrocken.
Luitgarda raffte sich auf. Der Kampf um die innern Bilder zerbrach. Sie schluchzte trocken auf und vergrub den Kopf im Kissen.
Ich kenne Luitgarda nicht mehr, sagte sich Narcissa, vom Eigenen abgelenkt. Aber sich selber kannte sie ja auch nicht mehr.