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Kleine heimliche Bundesgenossin

Nachdem die letzte Regatta abgesegelt war, versammelten sich Teilnehmer und Gäste im Park vor dem Badehotel in Überlingen, um hier auf den Beginn des Festessens und der ersten Siegerehrung zu warten. Man stand umher oder wandelte in kleinen Gruppen um die Bosketts, das Gebüsch und die alten Bäume. Hier wurde Doktor Bühler ungewollt Zeuge einiger Bemerkungen, die der junge Konstanzer Arzt Doktor Baumann auf eine Frage der Prinzessin Narcissa nach dem Regattasieger machte. Die Prinzessin mit dem Blumennamen, die junge Tochter des Herzogs von Mont'Alto, bekam ebenso wie der unfreiwillige Lauscher folgendes von Baumann zu hören:

»Die Behandlung des Wassers liegt in der Familie, Königliche Hoheit. Wenn Königliche Hoheit vor vier, fünf Jahren einmal auf einem Dampfer nach Meersburg gefahren sind, so wäre es möglich gewesen, daß der Vater des kühnen Seglers die Fahrkarte kontrolliert oder den Dampfer angebunden hätte, damit Königliche Hoheit ungefährdet das Schiff verlassen konnte. Tradition, wie gesagt. Von den Ahnen her im Blut! Königliche Hoheit werden mir die Bemerkung nicht verübeln, daß ja jeder Mensch Ahnen haben muß. Es ist nur der Unterschied, daß die einen Schiffe anbinden, die andern Geschichte machen müssen …«

Er verbeugte sich gegen die Prinzessin und lachte. Aber diese lachte nicht mit.

Soll ich ihn zur Rede stellen? fragte sich Bühler. Da bemerkte er, daß das junge Mädchen von dem Sprecher auf eine so deutlich abweisende Art wegschaute, daß er seine Absicht aufschob. Offenbar gestattete die Prinzessin diesem Baumann nicht, Einblicke in das Privatdasein eines Fremden zu geben, die eine unfreundliche Indiskretion bedeuteten und auch eine Taktlosigkeit, da sich der andere nicht wehren konnte.

Es war nur eine weitläufige Empfindung von ihm. Vielleicht irrte er sich. Ja, wahrscheinlich tat er das. Sollte etwa ein versteckter Wunsch ihn das Wegblicken des jungen Mädchens auf eine besondere Weise auslegen lassen, die zu seinen Gunsten und zu Ungunsten des taktlosen Baumann sprach?

Versteckter Wunsch? Wieso? … fragte sich Bühler, plötzlich ein wenig mißtrauisch gegen sich selber.

Er wandte sich weg, um zu verhüten, daß sein Zuhorchen erkannt würde. Aber seine Vorstellungen vermochten sich nicht mehr aus dem Zug zu lösen, in den sie überstürzt hineingeraten waren … versteckter Wunsch? Ja, sein Vater war bis zum Tod Angestellter der Dampfschiffahrtsbehörde gewesen, und in der Gesellschaftsschicht in die er, Doktor Bühler selber, durch die Opfer hineingekommen war, die der schmal besoldete Vater ihm gebracht, stieß er oft wegen seiner Herkunft auf einen versteckten Widerstand voll Unfreundlichkeit und Beschränktheit. Er rief sich zur Ordnung. Was ging ihn das Wegschauen oder Hinblicken, Lachen oder Nichtlachen dieses Mädchens an? Wie albern, Gedankengänge über die Aussichtswege einer Mischung seines von unten aufsteigenden Blutes mit dem des von oben herabsteigenden Blutes eines Mädchens hoher Geburt anzustellen!

Torheit! Seine Chemie hatte andere Ziele, als hübsche Prinzessinnen und gesellschaftliche Bedeutungslosigkeiten. Er war Manns genug, gegen diese Gesellschaft auch einen Vater mit durchzuziehen, der Schiffe festgebunden und Fahrkarten kontrolliert hatte. Der hatte jedenfalls gearbeitet, während die Prinzessin …

Jetzt aber Schluß mit der Prinzessin, befahl er sich.

Er war mit diesen Gedanken auf die Straße vor das Hotel hinausgegangen.

Lantz kam ihm nach.

»Das schwirrt geradezu von kaiserlichen und königlichen Hoheiten heute«, sagte er. »Nicht nur die Herzoglichen von dem hohen Berge Mont'Alto auf Schloß Habenichts sind hier und verlangen das Zeremoniell des Hofes, an dem das alte Kalkbergwerk Grande gewesen … mein Lieber, unter uns weilt auch der Sproß eines früheren Herrschers. Inkognito, hat er gebeten. Die Schweizer haben ihn mitgebracht. Er soll drüben in einem Laden die neue Zeit lernen. Aber wie gesagt, inkognito, kein Kotau, bitte, wenn Sie ihn an der Ähnlichkeit erkennen sollten, was bisher alle hundertzwanzig Geladenen taten. Er ist übrigens ein nett aussehender junger Kerl. Vielleicht entdeckt er die Schönheit der jungen Mont'Alto und es macht sich was! Sagen Sie, Bühler, ich möchte Sie mit den Schwestern bekannt machen. Kommen Sie! Also der Ritus ist so, daß Sie vorgestellt werden und die Pflicht haben, von Ewigkeit her zu wissen, daß die ältere die Prinzessin Luitgarda von Mont'Alto ist und die jüngere die Prinzessin Narcissa. Auf die Gegenmitteilung von ihren Namen, wie es bei uns üblich ist, würden Sie also vergeblich warten. Sodann sagt man ›Königliche Hoheit‹ zu den Damen. Man muß ihnen den Spaß lassen, denn sonst haben sie nicht mehr viel vom Leben. Im übrigen werden sie schon bald dahinter kommen, daß Luitgarda eine gute Haut und Narcissa jung und gefährlich ist. Sie müssen also aufpassen. Die Namen der Schwestern sind ja pretentiös genug, die werden Sie sich merken können.«

»Ich werde mich bemühen!« entgegnete Bühler.

Aber als er vor den Prinzessinnen mit den mittelalterlichen Namen stand, konnte er den Gedanken an das Gespräch, das Baumann mit der jüngeren im Garten geführt hatte, nicht abschütteln. Er war gereizt, verbohrte sich in diesen Zustand und widersetzte sich, ein Gespräch zu finden, das die Damen unterhalten könnte. So sah er sich herkömmlichen Fragen über seinen Regattasieg ausgesetzt, die er sehr knapp beantwortete. Die Augen der älteren schauten ihn mit einer höflich frommen Einfalt aus dem etwas dicken Gesicht an. Die der jungen, rund und fremdländisch, ließen eine kühle Gelassenheit erkennen.

Doktor Baumann trat heran. Er klopfte Bühler auf die Schulter und sagte:

»Ihr Sieg war eine Sensation!«

Diese Art der Gönnerhaftigkeit widerte Bühler an. Er machte eine Bewegung des Abschüttelns und gewahrte, daß die junge Prinzessin dies erkannte. Sie blickte ihn fragend an. Er sagte sich: Schau an, sie hat Augen! Sie sieht etwas! Das Gefühl eines Zusammenhanges in einer vertraulichen Gemeinsamkeit stellte sich ein. Kleine heimliche Bundesgenossin!, sagte er sich und lächelte ihr zu.

Sie errötete, als sei etwas Unziemliches geschehen, und ihr Blick wurde hochmütig und abweisend. In der nächsten Sekunde wandte sie sich von ihm ab und sprach mit Doktor Baumann in gemessener Heiterkeit und weltmäßig-glatter Liebenswürdigkeit.

Bühler kam es vor, als sei er unversehens heftig bei einem Fehltritt gestolpert. Die Prinzessin war keine »kleine Bundesgenossin«, sie stand nicht zu ihm, sondern zu seinem Beleidiger, zu der Masse all derer, die nichts von ihm wissen wollten.

Na also! Um so besser!, sagte er zu sich selber. Aber er merkte wohl, daß es ihn wurmte. Wortkarg saß er neben der älteren Mont'Alto bei Tisch. Nur ein einziges Mal blickte er hinüber zur Prinzessin Narcissa.


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