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Hansi Paasche führte Narcissa am Morgen nach ihrer Ankunft in Freiburg zu dem Professor, der die bakteriologische Abteilung des Krankenhauses leitete und mit dem sie beruflich zu tun hatte. Sie erklärte ihm, die junge Dame sei eine Freundin, wolle einen Beruf ergreifen und sich als Laboratoriumsassistentin ausbilden. Der Professor zeigte einige Bedenken. Auch dieser Beruf sei stark belagert, wie er sich ausdrückte.
»Von wo sind Sie, mein Fräulein?« fragte er dann.
»Aus Konstanz.«
»Aber in Konstanz wohnt mein verheißungsvollster Schüler«, rief er in einer plötzlichen Lebhaftigkeit aus. »Leider ist es mir nicht gelungen, ihn bei unserer Abteilung zu behalten. Er hat sich der technischen Chemie zugewandt. Konstanz ist ja nicht so groß. Vielleicht kennen Sie Doktor Lorenz Bühler. Er hat eine Zukunft.«
Hansi Paasche sah, wie eine heftige, flüchtige Röte über Narcissas Gesicht zog. Siehe da, dachte sie, Lorenz Bühler heißt er.
Bei der Erinnerung an das Telefongespräch mit Frau Bloos hatte sie Narcissas unerwartetes Erscheinen in Freiburg ohnehin in Zusammenhang mit einer Herzensangelegenheit gebracht, und da der Betreffende nun ein einfacher Doktor Bühler war, konnte sie sich leicht zusammenreimen, daß eine Vereinigung Mont'Alto – Bühler im herzoglichen Schloß auf Widerstände gestoßen war, die in ihrer Auswirkung Narcissa zur Flucht getrieben hatten.
Aber im Augenblick war es wichtiger, den Professor für Narcissas Wünsche zu gewinnen. Er schien keine Lust zu haben.
Sie hörte, wie Narcissa antwortete:
»Ja, ich kenne ihn flüchtig.«
»Es ist nämlich so, Herr Professor … Narcissa, du erlaubst, daß ich offen spreche. Meine Freundin ist die Prinzessin Mont'Alto, und gewisse Umstände zwingen sie, einen Beruf zu ergreifen.« Der Herr Professor möge bedenken, daß das Besondere der Lage und der Zeit einem jungen Mädchen, das in abgeschlossenen Kreisen aufgewachsen sei, es schwer mache, den richtigen Weg zu finden.
»Mont'Alto!« summte der Professor vor sich hin.
»Schön anzuhören! Welchem Komponisten könnte man es anpassen? Ich spiele in den Mußestunden nämlich eifrig Klavier, Prinzessin Mont'Alto …«
Er summte weiter und sagte dann plötzlich:
»Mozart, Eingangsakt der Sonate mit dem Türkischen Marsch! Mozart, das paßt doch gewiß!«
Er sang mit weicher, wohlklingender Stimme ein paar Takte auf den Namen Mont'Alto. Plötzlich brach er ab:
»Verzeihung, Prinzessin. Ja nun, weil Ihre Gegenwart mir dann öfter Gelegenheit gibt, mich musikalisch zu produzieren, und weil vor allem Sie eine Landsmännin meines tüchtigen Freundes Bühler sind, will ich schauen, was sich machen läßt. Wenn Sie die Güte haben wollen, fünf Minuten zu warten. Ich will mit meinem Assistenten den Fall besprechen.«
Als der Professor gegangen war, umarmte Narcissa ihre Freundin und sagte, indem sie sich eng an sie schmiegte und ihr ganz nah in die Augen blickte:
»Ach, Hansi, ich arme Prinzessin Habenichts! Ich bin dir so dankbar!«
Hansi nahm ihre Hände:
»Wenn jemand einem so in die Augen schauen kann, und mit solchen Augen, so ist man eine Prinzessin, ohne einschränkenden Zunamen. Übrigens haben wir das Spiel gewonnen. Ich kenne den Professor. Aber sage!« – dabei blickte Hansi die Freundin verschmitzt und anzüglich von unten herauf an – »findest du diesen Zufall, daß jener Doktor Bühler nun gerade aus Konstanz sein mußte, um deine Sache damit in Ordnung zu bringen, nicht ein wenig übertrieben?«
Narcissa richtete sich auf und schaute mit glänzenden Augen in das Licht des Fensters. Welch ein schöner, beseligender Zufall!
Bald hörte sie dann auch das Ja! des Professors. Nach ihrer Rückkehr in Hansis Wohnung schrieb Narcissa einen kurzen Brief an ihren Vater. Sie entschuldigte sich nicht, sagte auch nichts über ihre Absichten, teilte nur mit, sie sei nach Freiburg gereist und in das Bakteriologische Laboratorium eingetreten. Für Luitgarda legte sie ein Blatt bei, auf dem sie bat, die Schwester möge ihr ihre Kleider und Wäsche schicken, da die Dauer ihrer Abwesenheit nicht im voraus zu bestimmen sei.
Gleich am nächsten Morgen begann sie im Laboratorium. Ihre Tätigkeit übte nur eine mittlere Anziehungskraft auf sie aus. Sie erledigte ihre Arbeit gewissenhaft, aber schwunglos, erfüllte mit ihr eine sachliche Pflicht. Dieselbe Kargheit besaßen ihre Mußestunden. Sie gönnte sich nichts. Bei der Sparkasse in Konstanz hatte sie ein kleines Guthaben, das bei irgendeiner Gelegenheit von wohlhabenden Verwandten für sie dort eingezahlt und nie angerührt worden war. Dieses Geld ließ sie nach Freiburg kommen.
Als ein Brief kam, auf dem sie die Handschrift ihres Vaters erkannte, hatte sie die Empfindung, es sei unnütz, ihn zu öffnen. Sie tat es dennoch und begann in der Mitte der Seite zu lesen:
»… nicht weiß, was eine Mont'Alto ihrer Familie und sich schuldig …«
Da las sie nicht weiter. Sie faltete den Brief ruhig in den Umschlag zurück und legte ihn in eine Lade. Sie schrieb ihrem Vater nicht wieder. Mit Luitgarda tauschte sie Briefe, die langsam gingen und nur tatsächliche Mitteilungen enthielten. So oft sie einen Brief aus dem Schloß kommen sah, war sie von einem feindseligen und widerstrebenden Gefühl gestört, etwas wollte gegen ihre Ruhe und Sicherheit an.
Mit Hansi Paasche sprach sie nie über die Ursache ihrer Flucht. Sie war anfangs bedrückt darüber, daß es ihr unmöglich war, vertrauter zu der Freundin zu sein, der sie doch die Grundlage ihres jetzigen Lebens verdankte. Aber die ganze Erlebnisreihe von jenem Tag im Badgarten in Überlingen an, an dem jener Doktor Baumann ihr zuerst in unfreundlicher Absicht den Namen zugebracht hatte, bis zum Augenblick des Entschlusses zur Flucht, lagerte wie ein Block in ihr. Es ließ sich nichts abbröckeln, und sie besaß den Glauben, sie hätte auf ein Ereignis zu warten, das den ganzen zusammengeschweißten Block in einem Stück wegfegte.
Hansi fragte auch nie.
So verließ sie jeden Morgen ein Viertel vor acht das Haus und war abends ein Viertel nach fünf wieder dort und zwischen diesen Stunden war sie in die Strenge ihrer Arbeit eingespannt.
Die Zeit außerhalb der Arbeit im Laboratorium gehörte der Kargheit ihrer Mußestunden und dem Schlaf. Die Nadel ihres Kompasses verrückte sich nie. Narcissa wartete. Dieses Warten, über das sie sich jedoch keine Rechenschaft ablegte, war im Grund ihre einzige Beschäftigung. Sie lag ihr ob in einer stillen Traurigkeit, von der ihr schien, daß sie weit aus ihr hinausging und Ausschau haltend in der Ferne stand. Dann sah sie den Geliebten hoch und verloren in ihren Vorstellungen, wie einen farbigen Luftballon, der einer Hand auf der Erde entflohen war und gewichtlos durch den Sonnenhimmel schwebte.
Und manchmal, wenn sie allein in ihrem Zimmer dem Andrang der ungelösten Zustände standzuhalten hatte, nahm sie die »Zwei Menschen« und las immer wieder, fünfmal, zehnmal nacheinander, als ein Zeichen des geliebten Mannes:
»So klar, so starr ergriff mich Dein Gelüst,
Mit mir, gleich zwei erschütterten Kristallen,
Die mächtig warm das ewige Licht beschlich,
In einen Tropfen zusammenzufallen.«
Sie erfaßte es nicht bis in die letzte Klarheit. Aber es war mehr für sie. Es war die Musik der Liebe, in der sie sich Lorenz zugehörig fühlte.
Und wenn Sie sich in diese seltsame Atmosphäre gehoben fühlte, dachte sie an die Worte, die er damals in der Nacht auf der Fahrt von Lindau nach Konstanz unter den fallenden Sternen zu ihr von seiner Mutter gesagt hatte und die ihr damals von einer solchen Neuheit gewesen waren, daß sie Wunder und Schrecken brachten:
»Ich weiß, sie wird auch in Augenblicken der Drohung und Gefahr an der Stelle stehen, wo sie gebraucht wird, sollte dies einmal von ihr verlangt werden.«
Sie, Narcissa, selber, stand jetzt auch an dieser Stelle und wartete, daß ihre Stunde sie rufen sollte. Ja, heute glaubte sie, aus jenen Worten heraus sei ihre Liebe geboren worden.