Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Das Draußen ist am Telefon

Am nächsten Morgen stand Frau Bloos an ihrem Bett. Frau Bloos war mit Jean-fait-tout die einzige Angestellte, die sich der herzogliche Hausstand noch leistete. Sie war die Witwe des früheren Kutschers, der im Kriege gefallen war, und sie war bereits vor ihrer Heirat im Dienst der Familie gewesen.

»Königliche Hoheit«, sagte sie, »am Telefon ist eine Dame, die Königliche Hoheit sprechen möchte. Sie war mit Königlicher Hoheit im Institut der Englischen Fräulein und sagt, Königliche Hoheit kennen sie gut. Sie sei die Hansi Paasche.«

Narcissa hörte zu, aus einem Schlaf erwachend, der voll schreckhafter Untiefen gewesen war. Ja, Hansi Paasche, sagte sie sich verwirrt. Sie war mit ihr befreundet gewesen.

»Hansi Paasche, ja!« sagte sie laut, unsicher über sich selbst.

»Kommt Fräulein Narcissa ans Telefon?« fragte Frau Bloos.

Da schrie Narcissa:

»Nein!«

Da war es wieder, dieses Draußen, dessen Stempel sie in die Seele geprägt trug. Sie hatte Hansi Paasche gern gehabt. Aber sie wollte sie nicht anhören. Heute nicht, nach dem Tag und der Nacht, die hinter ihr noch immer drohend standen. Hansi Paasche trug die Atmosphäre um sich, die so beharrlich und gewalttätig nach ihr verlangte. Ihr Stolz bäumte sich auf. Sie war in dieses Schloß, in diesen verborgenen, von künstlichen Lichtern webenden Prunkschacht, in diese Gruft von Familien verjagt. Sie gehörte durch Geburt, durch ihre Augen, sie gehörte geschlechterweise zu ihnen. Sie hatte bei ihnen zu verharren. Vorgestern hatte der Straßenjunge es ihr an der Hecke zugerufen: Prinzessin! Und wenn sie auch eine Prinzessin Habenichts war, diese Prinzessin Habenichts gehörte ihr.

»Nein, ich will nicht!«

»Kind!« versuchte Frau Bloos zu sänftigen. »Nicht so aufgeregt! Aber doch nicht so aufgeregt, Kind! Was denn! Was denn!«

Da richtete sich Narcissa auf:

»Wie reden Sie zu mir? Wer hat Ihnen das gestattet? Ich bin nicht Ihr Kind!«

Frau Bloos stammelte:

»Aber es ist doch … ich hab' doch oft schon so mit Königlicher Hoheit gesprochen, wenn Königliche Hoheit … wenn sie … traurig war.«

Narcissa war über sich selbst erschrocken. Unbeherrschtheit, das war nicht ihre Art und nicht die Art dieses Hauses und seiner Geschlechterreihen.

»Kommen Sie, Frau Bloos! Und verzeihen Sie es mir!«

Als Frau Bloos an ihrem Bett stand, zog sie sie an sich und schluchzte:

»Ich fürchte das Leben, weißt du … Ich fürchte das Leben!«

Frau Bloos streichelte zaghaft über ihre Schultern. Sie weinte ein wenig mit und es zitterte in ihren Hängebacken.

»Ich hab's gesehen!«

»Was haben Sie gesehen?« schluchzte Narcissa.

»In der Nacht! Das Segelboot!« plärrte Frau Bloos nun auch selber.

»Ja«, weinte Narcissa, »sie hat's gesehen, ja, ja.«

Und weil Frau Bloos das Segel gesehen hatte, war es, als sei sie von nun an eine Brücke zwischen Narcissa und dem gewalttätig lockenden Draußen.

Narcissa fühlte ihren Kopf an den großen weichen Busen der Frau geschmiegt, als läge er an einem milden Kissen, das aus einer teilnahmsvollen Menschenseele verfertigt sei, und rasch beruhigt fragte sie nun, ob Luitgarda nicht mit Hansi Paasche sprechen könnte. Aber sie hörte, Luitgarda sei ganz in der Frühe schon mit dem Rad weggefahren. Sie wolle in die Schweiz, habe sie gesagt, das Rad einstellen und eine Wanderung machen, wie sie es oft täte. Und was solle sie nun Fräulein Paasche sagen, die am Telefon warte?

»Ach, Frau Bloos, ich möchte …, aber ich kann nicht. Entschuldigen Sie mich bei ihr. Sagen Sie, ein andermal, vielleicht! Ja, vielleicht ein andermal.«

Frau Bloos ging. Narcissa schaute von ihrem Bett einmal scheu in den Winkel rechts von den Fenstern, dorthin, wo in der Nacht die Finsternis aufgestanden war und nach ihr gegriffen hatte. Dort oben, in dem hohen leeren Raum der Ecke, in der das Licht nicht hinaufdrang, wohnte der Geist des Hauses. Er hatte schon da gewohnt, als sie noch ein Kind war. Er war grau wie ein Schwaden. Innen war er von dem Gedunkel etwas bewegt und schwebte in einer tyrannischen Erhabenheit. Er war uralt wie Gott und doch ein Dämon und gut und böse in einem.

Heute war die Ecke leer und nüchtern.

Sie nahm den Handspiegel vom Nachttisch und schaute in ihre runden Augen. Sie sah sie verweint.

»Man sieht durch den Regen nicht durch bis zur Nofretete, der königlichen Schwester«, sagte sie halblaut vor sich hin, verzagt.

Nun kam ihr eine rasche und schmerzvolle Reue. Was hatte ihr denn die Hansi Paasche getan, die sie einmal so gern gehabt hatte? Konnte sie es wieder gutmachen? Sie klingelte und fragte Frau Bloos nach der Adresse von Hansi Paasche. Aber die hatte nicht gesagt, von wo aus sie telefonierte.

Mit dem Zehn-Uhr-Boot fuhr Narcissa vom Waldhaus Jakob zur Stadt und von Hotel zu Hotel. In keinem wußte man etwas von einem Fräulein Hansi Paasche.


 << zurück weiter >>