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Frau Bühler war in einer bösen Not. Wenn sie ihrem Doktor nicht von dem Besuch des Direktors sprechen sollte, was sollte sie ihm denn sagen? Sie zerbrach sich den Kopf. Ja, es gab etwas, von dem sie ahnte, es könnte ins Richtige treffen. Wenn sie ihm über die Prinzessin sprechen würde. Aber sie traute sich die Verantwortung nicht zu, etwas so Gewagtes anzugehen. Als aber immer wieder dieser Gedanke in ihr aufstieg, beschloß sie, ihre Freundin, die Frau Bloos, um Rat zu fragen. Sie machte sich gleich auf den Weg.
Nun hatte aber von ihrer Kindheit an stets etwas scheu Gebietendes um das mauernumschlossene rote Schloß in dem Park und die Herzogsfamilie gestanden, und als sie an dem Gittertor angelangt war und dieses mit seinen eisernen Stäben, Blumen und Barren fest zugeschlossen war, brachte sie es nicht über sich, an der Glocke zu ziehen, die an dem Steinpilaster hing. Sie stellte sich ängstlich vor, der laute Klang, den sie mit dem Ziehen hervorbringe, scheuche einen Geist auf.
Entschlußlos und schüchtern ging sie eine Weile auf und ab und warf suchende Blicke zwischen den Eisenstäben durch. Wenn ein Zufall ihr wohlwollte und die Frau Bloos aus der Türe treten, über den Hof gehen ließe, so würde sich Frau Bühler bemerkbar machen, Frau Bloos träte heraus zu ihr, und sie Frau Bühler, käme daran vorbei, an der unheimlichen Klingel zu läuten.
Eine Weile pendelte sie, nach diesem Zufall ausspähend, hin und her. Dann begann es zu regnen. Sie hatte in der Aufregung keinen Schirm mitgenommen und ging, so rasch es die alten Beine erlaubten, unverrichteter Dinge nach Hause.
Kurz, nachdem sie eingetreten war, hörte sie Lorenz an der Haustür. Sie stand noch im Flur, und ihr erster Gedanke war, vor ihm zu fliehen. Aber sie hatte ihren Mantel noch nicht aufgehängt. Diese Arbeit beanspruchte schon bei ruhiger Gemütsverfassung Zeit, und jetzt zitterten ihre Arme und Beine. Sie kam nicht zurecht, fand zuerst die beiden Schlingen nicht, dann verfehlte sie den Haken, der Mantel fiel auf den Boden, und Lorenz stand vor ihr.
Sie mußte sich gegen die Wand stützen und begann zu weinen. Bühler leitete sie zu einem Sessel und bemühte sich besorgt um sie. Er fragte. Er wollte Wein holen, sie in ihr Zimmer führen.
Mit trockenem Aufschluchzen sagte die alte Frau:
»Es isch it das!«
»Ja, was ist es denn? Kann ich Dir nicht helfen?« fragte Bühler betroffen.
»Es isch halt, es geht um Dich!«
Um mich? dachte Bühler. Um mich weint sie? Im nächsten Augenblick war ihm klar, daß entweder die Schule oder Concordia die Ursache des Kummers waren, der die alte Frau so mitnahm, und daß während seiner Abwesenheit jemand zum Schwatzen und Tratschen dagewesen sein mußte.
Als er vor wenigen Augenblicken den Schlüssel in der Tür umgedreht, hatte ihm der Zwiespalt der Lage, in der er sich befand, trotz des »Beatrice«-Briefes, das Bewußtsein verschärft, daß er in der Einsamkeit seines Zimmers mit sich allein sein mußte. Und nun sah er an dem Zustand seiner Mutter, daß fremde Mäuler an seinen Dingen mitkauten und auch seine Mutter noch in die Angelegenheiten hineinzogen, mit denen er sich herumschlug. Er wird die zurechtweisen, die sich dazwischendrängen wollten. Seine Mutter hatte seinetwegen ein Leben hinter sich, für dessen Schluß er ihr Ruhe zu sichern hatte. Er wird nicht dulden, daß, von wem es auch sei, diese Ruhe gestört werde. Er sagte streng, fast zornig:
»Ich muß alles wissen!«
An dieser Stimme wurde sich die alte Frau schlüssig. Sie tupfte mit dem Tuch auf die Augen:
»Wirscht mir it bös sei, gel?« sagte sie.
»Du mußt alles sagen, Mutter. Ich dulde nicht, daß jemand …«
»Aber bischt still, es ischt ja kei Mensch, der eppes gege sie sagt«, sprach Frau Bühler dazwischen, die die Bemerkung mißverstand und glaubte, Lorenz meine, jemand habe etwas Böses über die Prinzessin erzählt.
»D' Frau Bloos, weischt, d' Frau Bloos aus dem Schloß, die Dir selle Brief bracht hat, die hat mirs g'sagt, und sie war ja dabei und hat keinem andere Mensche eppes g'sagt, ganz g'wiß it. Und sie isch doch zu mir komme am selle Tag, wo sie fortg'fahre isch, d' Prinzessin, weil d' Frau Bloos sie zur Bahn hat bringe müsse, und d' Frau Bloos hat g'sagt, d' Prinzessin müsse fort aus'm Schloß, weil sie der Geischt im Schloß it mehr verträgt, und … bischt mir aber g'wiß it bös, Lorenzle? G'wiß it? Und weil sie dich als lieb habe tät, dafür sei d' Prinzessin fort aus 'm Schloß. Und sell wisse die Frau Bloos für sicher und g'wiß. Und es sei seit seller Nacht, wo du mit dem Segelboot bischt am Schloß vorbeig'fahre …«
Im nächsten Augenblick geschah etwas vor dem Frau Bühler bis auf den Tod erschrak. Lorenz warf sich vor seiner Mutter in die Knie und barg seinen Kopf in ihren Schoß. Weinte er etwa? Sie sagte nichts weiter und strich ihm über das Haar.
Am nächsten Morgen fuhr er mit Lantz nach Frankfurt.