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Drei mal vierzehn macht zweiundvierzig

Der Dampfer fuhr durch die Nacht nach Konstanz zurück. In Lindau hatte er die Segler mit an Bord genommen, die ihre Boote im Hafen des dortigen Clubs ließen. Bühler hatte ganz und gar nicht die Absicht, an den Tisch zu gehn, an dem Lantz mit den beiden Prinzessinnen saß. Dort war ein vierter Platz frei. Gerade der Stuhl war es, der neben Narcissa stand. Für wen bestimmt? Wen hatte die Königliche Hoheit für würdig befunden, neben ihr zu sitzen? Vielleicht ist wieder ein Inkognito-Prinz da, höhnte er. Ich gehe nicht hin, das bin ich meinem Stolz schuldig. Oder war es Notwehr vor der Vorstellung, daß ein anderer diesen lächerlichen leeren Stuhl besetzen könnte?

Aber ihm war nicht wohl dabei. Den ganzen Tag über hatte er Narcissas Anblick vermißt. Er hatte schlecht gesegelt, weil er sich nicht nach dem Wind, sondern nach der Nachbarschaft des Dampfers richtete. Die sieggewohnte »Babette« war als vierte durch das Ziel gegangen.

Als er sich in Lindau bei Lantz, ihrem Eigner, deswegen entschuldigte, hatte er ihm lächelnd auf die Schulter geklopft und gesagt:

»Ich weiß!«

Was wußte er? Das, was war, konnte er nicht wissen. Was sollte dieses seltsame »Ich weiß«? O nein, er hatte sein Herz nicht verraten, und er würde es auch nicht tun. Prinzessinnen gingen wohl früher mit Hofnarren um, aber er war keiner.

Da sah er, daß Lantz auf ihn zukam. Er zuckte wie unter einem Schlag. Lantz nahm ihn beim Arm, führte ihn an den Tisch, und mit den Worten: »Wer will sich so braven Hoheiten entziehen?« setzte er ihn neben Narcissa auf den Stuhl, der Bühler so bösen Anstoß gegeben hatte.

Gutes, braves Stühlchen! sagte Bühler bei sich; er war seit eh und je mit diesem Stuhl brüderlich befreundet. Mit diesem Stuhl, der da nun also doch auf ihn gewartet hatte.

Narcissa jagte ein blasser Schatten durch die Haut, und Luitgarda errötete über und über.

Lantz hatte Sekt bestellt. Luitgarda wußte, daß es Sekt gab, der vierzehn Mark die Flasche kostete, und rechnete die drei, die in zwei Eiskühlern an den Tisch gestellt wurden, sofort zu dem Hafergeld zusammen, das im Schloß Sorgen machte.

Narcissa hatte noch nie Sekt getrunken. Sie sträubte sich in ihrem Innern dagegen. Sekt verband sich für sie mit der Vorstellung von sittlichen Bedrohungen. Sekt war das Zeichen einer leichtfertigen Lebensart, die Geld vergeudete, um Vergnügen zu erkaufen, an denen Dunkles und Seltsames war.

Widerstrebend berührte sie aus Höflichkeit gegen den Gastgeber die Flüssigkeit mit der Oberlippe. Aber ihr ging es wie anderen Mädchen auch, die zum ersten Male Sekt trinken. Sie fühlte die Perlchen prickeln, senkte verlockend die Lippe tiefer hinein und streckte dann, endgültig verführt, auch die Zunge dem Wein entgegen. Er schmeckte wie ein Zwillingsstrom von Eis und Feuer. Dann schaute sie dem bewegten Spiel des anscheinend unversiegbaren goldenen Springbrunnens der Perlen zu, die aus dem Schoß des Glases so hastig den Wein durchstoben. Woher kamen sie, diese Perlen, und wo bleiben sie?

Luitgarda bekam von ihrer Schwester einen raschen heimlichen Blick, aus dem sie die Frage sehen sollte:

Ist das auch Ihr so? Aber Narcissa konnte sich selber keine genaue Rechenschaft geben, wie es war und was sie überhaupt meinte. Da lächelte sie und schaute in die Nacht hinauf, in der auch Undeutliches lagerte.

Der Nachtraum war offen über dem Tisch. Er fuhr als eine bestirnte unendliche Kuppel feierlich mit.

Lantz, von dem Hinaufschauen des Mädchens angeregt, legte ebenfalls den Kopf zurück und sah die Venus in einer schillernden Eindringlichkeit über dem Schweizer Ufer leuchten. Er nannte ihren Namen. Da schoß eine Sternschnuppe, als werde sie von dem Munde des Sprechenden geleitet, aus der Raumlosigkeit in einer jähen Kurve auf die Venus zu. Bevor sie sie erreichte, stob sie auseinander und warf einen ganzen Wurf leuchtender Körper zwischen die Sterne. Das wiederholte sich.

»Richtig, es ist ja der erste August!« sagte Lantz, der den großen grauen Kopf weit hintenüber gelehnt hielt, sich nun unvermittelt vorbeugte, zu Narcissa hinüberschaute und fragte:

»Weiß Prinzessin Narcissa, daß diese Sternschnuppen des ersten August einen Namen haben und daß dieser Name uns hier am Tisch angeht?«

»Einen Namen«, erwiderte Narcissa schnell, »ja! Man nennt sie die Tränen des heiligen Laurentius.«

»Dann sind es vielleicht die, die unser Doktor Lorenz Bühler heimlich über die Niederlage der ›Babette‹ weint?« meinte Lantz lächelnd.

Die Damen lachten, und mitten im Lachen sagte sich Narcissa: Jetzt weiß ich auch schon, daß er Lorenz heißt. Sie hörte Lorenz Bühler sagen:

»Gewiß möchte ich manchmal feurige Tränen weinen.«

»Tränen, die ein Herz verbrennen!« fügte der Geheimrat hinzu, und obgleich niemand erkannte, in welchem Zusammenhang dies gesagt wurde, übte es eine Wirkung aus, die eine kleine Unruhe hinterließ. Narcissa war es, als sei das Gespräch an einen Bezirk getrieben, in den niemand mit ihr eintreten dürfe – an einen Bezirk, der zu meiden war, vor dem man zur eigenen Sicherheit die Augen schließen mußte. Diese Empfehlung wurde so körperlich in ihr, daß sie es wirklich tat. Sie saß Augenblicke lang mit fest zugepreßten Augen da.

Als sie sie wieder öffnete, sah sie Lantz lachen.

»Sie wollen die Tränen unseres Lorenz wohl nicht sehen, Prinzessin?« fragte er. »Oder haben Sie die Augen geschlossen, um sich besser die Wünsche memorieren zu können, die Sie der nächsten Sternschnuppe zur Erfüllung anempfehlen wollen?«

Die schweigsame und sonst schwer wendige Luitgarda antwortete an Narcissas Stelle:

»Welche Wünsche, Herr Geheimrat, sollten einem an einem Abend bleiben wie diesem, den wir Ihrer Liebenswürdigkeit verdanken?«

»Heimliche!« lächelte Lantz.

Jetzt meint er meine Wünsche, empfand Narcissa, und sie war auf eine unerklärliche Art fröhlich und in ihrem Innern ganz unbeschwert. Sie steckte die Zungenspitze in den Sekt, lachte leise und sagte wie zur Entschuldigung:

»Das ist der erste Sekt, den ich trinke.«

»Und er ist …?« Lantz schaute sie erwartungsvoll an.

»Und er ist …« Narcissa wollte ein ganz kühnes, ganz einzigartiges Wort sagen, das der Hochstimmung ihres Gemüts, dem behenden Zug ihrer Vorstellungen die Waage halten sollte. Aber im letzten Augenblick war es, als werde ein Riegel zugeschoben. Ihr schien, als ob ihr Vater, der sich gar nicht an Bord befand, in ihrem Rücken seine etwas starre, hohe, dünne Gestalt über sie vorneigte, und sie ergänzte gezügelt:

»… gut.«

Und ich?, fragte sich derweil Doktor Bühler, der schweigsam geblieben war. Wer bin ich jetzt hier neben ihr?

Da schob Baumann einen Stuhl an den Tisch. In dem Augenblick, wo er sich niedersetzte, stand Bühler auf und ging davon. Lantz schaute ihm nach und ein Lächeln, das nur in den hellen Augen sichtbar wurde, begleitete ihn.

Bühler ging zu der einsamsten Stelle des Schiffs. Die war ganz hinten, über dem Steuerruder. Kaum gelangte das Licht des Decks bis hierhin. Er schraubte die Hände an das Geländer und starrte in das Kielwasser, das rauschend rückwärts wallte. Es lag als eine breite Bahn, dunkel zu erkennen, in der Nacht und zog in einem erregten Strudeln, in einer zornigen Gehaltenheit über den See zurück ins Ungewisse. Ja, weiter hinten schien es in die Nacht hinaufzutauchen, als sei es in einem Geheimnis der Erde eine lebendige Straße, die sich zum Himmel erhob und verlor, wie die Wünsche, wie die geisterhafte Kraft und Gewalt des Willens, da drinnen in der Brust, in der das Herz als die wilde, starke Quelle des Daseins schlug.

»Herr Doktor Bühler!« hörte er hinter sich.

Er wandte sich in einem jähen Glücksschreck um. Gegen das Licht im Aufbau stand die Gestalt Narcissas. Sie war in seinen Augen, die mit den ersten Blicken vom Licht geblendet waren, völlig schwarz, wesen- und formlos …, eine dunkle Flamme, und das Deck war kein Boden, war nichts Festes, Abgrenzendes mehr.

»Der Geheimrat Lantz läßt fragen, weshalb Sie weggegangen sind«, sagte Narcissa mit einer fast hochmütigen Stimme.

»Sie wissen es!« antwortete Bühler.

»Wegen des Arztes! Was er gesagt hat gestern?«

»Nicht, was er gesagt hat. Weil er es gesagt hat. Darauf kommt es an.«

»Worauf kommt es an?« fragte Narcissa jetzt mit einer Stimme, die weicher geworden war. »Sagen Sie es mir!«

Sie trat zu ihm an die Reling, und beide schauten nebeneinander in die Bahn, die das Kielwasser in der Nacht aufwühlte, und Bühler stellte sich vor, dort, ganz hinten, wo sich diese Straße himmelwärts zu heben schien, begegneten sich ihre Augen, da fielen sie ineinander und zogen inmitten des geheimnisvollen Verschimmerns vom See aufwärts in die Sterne.

»Und daß er es Ihnen gesagt hat«, fuhr Bühler fort.

»Wir sprechen von Ihnen!« mahnte Narcissa.

Eine plötzliche Kühle fiel in sein Herz. Ja, es wird notwendig sein, ihr einiges zu sagen! Er maß durch die Dunkelheit hindurch mit ruhigen Augen ihr Gesicht. Das ist recht, dachte er. Diese kleine Prinzessin hat man in eine Sternenwelt gesetzt. Ich will ihr etwas von unserer Luft hinaufbringen, daß sie atmen lernt, wie wir atmen; ich will ihr klarmachen, was Leben ist und wo in ihm das Prinzessinsein steht. Gestern nacht hatte ich sie auf den Gipfel des Säntis führen wollen. Vorher soll sie mit mir noch diesen anderen Weg gehen, der nicht so phantastisch, aber notwendig ist, und ich will sehen, ob sie mir glaubt oder ob ich mit ihr streiten muß.

»Worauf kommt es an?« hörte er sie nochmals fragen.

»Hunderte von Millionen Menschen waren überflüssig, wenn es darauf ankäme, wo sie in der Gesellschaft der menschlichen Gemeinschaft stehen«, antwortete Bühler. Er hatte etwas Schroffes in der Stimme, als zöge darin ein versteckter Grimm mit. »Aber wie sie drinnen stehen und wie jeder seinen Platz verwaltet! Ein Arzt kann minderwertiger sein als ein Sackträger. Mein Vater war ein bescheidener Mann. Sie haben gehört, daß er bei der Dampfschiffahrt an den Landungsplätzen die Schiffe festgemacht hat. Nur die letzten fünf Jahre seines Lebens war er als Kapitän beschäftigt. Was an Stolz in ihm war, legte er aus sich heraus auf mich. Ich war ihm das Ziel, nicht er selber. Warum, weiß ich nicht. Er wird die Ursache gekannt haben. Aber es ist nie einem Schiff etwas geschehen, das er angebunden hat. Und für sein Ziel hat er sich die strengsten Opfer auferlegt bei dem bescheidenen Einkommen, das er hatte. So hat er doch seine Haut zu Markt getragen; er hat etwas für das gewagt, was in seinem Innern war und der Menschheit gedient. Er wollte nicht sitzen bleiben. Und wenn meine Mutter, die jetzt mit mir zusammen lebt und der ich die Entbehrungen vergelten kann, die sie sich meinetwegen auferlegte, auch eine bescheidene Frau geblieben ist, so ist doch auch in ihr etwas von dem Ferment, aus dem die Zukunft wirksam wird. Ich weiß, sie wird im Augenblick der Gefahr und der Drohung an der Stelle stehen, wo sie gebraucht wird, sollte dies einmal von ihr verlangt werden. Darauf kommt es bei den Menschen an.«

In der Nacht über den beiden suchten die Sterne neue Wohnräume. Der See lag beiderseits in undurchdringlicher Ruhe. Und Narcissa, die nie einen Menschen anders als gehalten hatte sprechen hören, die in einer Umgebung lebte, der als einziger Besitz Haltung und Gefaßtheit geblieben war, war auf einmal in etwas Neues hineingeglitten. War das der Begriff: Brüderlichkeit, den sie nie hatte kennen lernen? Ein Mensch zeigte sich inmitten eines unbekannten Vertrauens. Dieser Klang hatte sich nie in ihr angestimmt. Alle die Menschen ihrer eigenen Herkunft wie auch der bürgerlichen Gesellschaft hatten sich bisher wie zugenagelte Kisten an ihr vorbeigetragen. Es war, als besäßen sie die Verfügung über die Sprache nur, um sich möglichst oft »Königliche Hoheit« sagen zu hören. Er aber hatte noch nicht ein einziges Mal, auch gestern nicht, »Königliche Hoheit« gesagt. Vielleicht wußte er es nicht besser, da sein Vater Angestellter auf einem Schiff gewesen und seine Mutter eine einfache, bescheidene Frau war. Doch das war es gerade, was das Schöne und Warme gab. Eine neue Wahrheit …

Darüber stießen ihre Vorstellungen auf den Steinhaufen der Fossilien im Park.

Hatte eine solche neue Wahrheit die Kraft, sie ungültig zu machen?

Bühler hatte nicht auf eine Antwort gewartet. Dies hatte gesagt werden müssen. Dies mußte hingenommen werden. Dies war der Untergrund, der unverrückbar blieb.

»Heute sieht man den Säntis nicht!« hörte er Narcissa sagen.

»Nicht wie gestern!« entgegnete er, und mit dem Wort erschien in ihm, wie auf einen Wink, auf den er heimlich schon lange gewartet hatte, das erleuchtete Fenster im Schloß und die Gestalt, die in ihm stand.

»Das waren Sie?« fragte er ohne weitere Erklärung.

»Und auch Sie?« antwortete Narcissa.

»Hinter der Trauerweide!«

In das dunkle Wort rauschte das Kielwasser hinein. Gestern brach der Säntis zu den Sternen auf. Jetzt war es der vom Schiff aufgepflügte See. Und die Sterne schwangen sich durch den Raum, als verlange es sie nach der Erde und schickten unaufhörlich fallende Körper herab, wie Abgesandte oder Vorboten.

Als Bühler die Prinzessin hinaufschauen sah, sagte er lächelnd, aber seine Stimme bebte:

»Die Tränen des Laurentius scheinen etwas auf der Erde zu wollen …«

Narcissa, kühn auf einmal, wollte mit der Bemerkung des Geheimrats entgegnen:

Ein Herz verbrennen!

Aber da stand Luitgarda neben ihr.

###

Lantz brachte in seinem Wagen die beiden Prinzessinnen zum Schloß. Dann fuhr er mit Doktor Bühler zu dem Häuschen im Grüngang, in dem dieser mit seiner Mutter wohnte. Er hielt beim Abschied Bühlers Hand eine Weile und sagte:

»Erobern Sie diese herzogliche Burg! Man muß sich Ziele stellen, die unerreichbar scheinen. Zerschellt man unterwegs, so war es die Probe, daß es nicht schade um einen war.«

Bühler beachtete die Worte kaum. Er eilte in sein Zimmer, riß das Fenster auf und ließ seine Augen in das Gewirr der Anlagen wandern bis dort, wo sie sich in der Nacht verloren. Er sagte sich dabei etwa das Folgende:

Wenn ich, der Sohn eines Mannes, dessen Ohr das Anprallen des Schiffes an die Anlegepfähle zur täglichen Musik hatte, in dieser unrettbaren Weise von solchen Kräften ergriffen bin, dann bin ich neugierig, zu wissen, wie es jetzt in der Tochter des Herzogs von Mont'Alto aussieht, der die Pflege ihrer langen Abstammung verfeinerte Auswirkungsorgane anerzogen hat.

Ja, ich bin neugierig …, wiederholte er.

Einen Augenblick noch schaute er unentschlossen in das finstere Gitterwerk. Dann griff er mit beiden Händen hinein und kletterte durch das ebenerdige Fenster in den Garten, um das Haus zu verlassen; dieser Weg war rascher als der durch die Haustür. Anfangs, nachdem er sich über das Gitter auf die Straße geschwungen, ging er in einem wohl raschen, aber in Ungewißheit stets wieder zögernden Schritt. Unvermittelt begann er zu laufen. Er wollte die durch die hemmende Unentschlossenheit verlorene Zeit wieder einholen. In vier Minuten war er an der Stelle, wo sein Boot an der Boje pendelte. Der Kahn, mit dem man sonst an das Boot anfuhr, lag an der Kette, und er hatte den Schlüssel des Malschlosses nicht bei sich. Er sprang mit den Kleidern ins Wasser und schwamm zu dem Boot.


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