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Dreizehn Worte

In der Nacht des Tages, da Luitgarda dieses Zwiegespräch geführt und diese Betrachtungen angestellt hatte, rief der Herzog nach Jean-fait-tout. Seitdem sein Herr bettlägerig war, bezog Jean das Dienergelaß, zu dem, aus einem Winkel des Schlafzimmers, eine Tapetentür führte.

»Klopf an die Tür der Prinzessin«, wurde Jean befohlen. »Sie möchte entschuldigen, daß ich sie zu mir herabbitte, wenn sie schon schlafen sollte. Ich habe etwas mit ihr zu besprechen, das ich nicht aufschieben möchte. Gehe gleich, Jean!«

In einer Gegenwirkung auf die Unterhaltungen mit Luitgarda, in denen nichts geschah, als daß Worte vor die Erscheinung Narcissas gebaut wurden, war in ihm die Sehnsucht nach Narcissa immer drängender und haltloser geworden. Dieses Verlangen war von einer Angst begleitet, die oft hastig anstieg. Gelockert durch den Zwang, Narcissa entbehren zu müssen, und durch das Verhalten Färgs, das er immer noch nicht ganz erfaßte, hatte sich die starre Haltung in der Angelegenheit des »indiskutablen Doktor Bühler« langsam gelockert. Er war sich in diesen schlaflosen Nachtstunden über einen Plan schlüssig geworden: Luitgarda zu bitten, sie möge Sorge tragen, daß Narcissa so bald wie möglich herkäme. Er würde ihr noch einmal seine Gegengründe darlegen. Gab sie dann noch immer nicht nach, wollte er einwilligen und nur die Bedingung stellen, sie solle den Namen ändern und etwa als eine Komtesse Werdenheim-Mindingen (ein Name, den sie mitführten) heiraten.

Bei diesem Punkt war er sich nicht ganz sicher. Auch darüber wollte er Luitgardas Ansicht hören. Deshalb und in einem Augenblick, in dem das Angstgefühl in einem unerträglich werdenden Maß gestiegen war, hatte er Jean zu ihr geschickt.

Da stand Jean-fait-tout wieder vor ihm. Jean hielt die Arme hilflos ein wenig auseinander, hatte den Mund auf und schaute mit einem Gesicht her, auf dem unverkenntlich der Ausdruck eines großen Schreckens stand.

Der Herzog sah es. Stumm blickte er auf seinen Diener. Der sagte schließlich:

»Die Prinzessin ist nicht da! Ihr Bett ist nicht berührt.«

»Frau Bloos fragen!« ordnete der Herzog an.

»War ich. Sie weiß nichts. Die Prinzessin ist um vier Uhr aus dem Schloß gegangen. Die Frau Bloos hat auf sie gewartet.«

»Wie spät?«

»Gleich zwölf Uhr.«

Da sagte der Herzog, der seit seinem Krankenlager stets flüsternd sprach, auf einmal laut, in einem Schrei: »O mein Gott!« Und mit diesem Wort hing seine linke Gesichtshälfte leblos hernieder. Der Augendeckel schloß zu zwei Drittel das Auge, der Winkel des Mundes machte einen toten Haken, die Wange war wachsfarben und ohne Spannung.

Jean bemerkte es sofort. Er eilte entsetzt hin:

»Hoheit!« stotterte er. »Kann ich etwas tun? Kann ich helfen? Ich werde den Arzt rufen.«

Er legte den linken Arm, der vom Bett gefallen war, zurück, und da er nochmals herabfiel, steckte er ihn unter die Decke. Das Gesicht wusch er mit Lavendelwasser, das der Herzog immer benützte. Zugleich sprach er, versichernd und tröstend, ohne Unterlaß auf den Kranken ein. Das rechte Auge des Herzogs leuchtete groß, traurig und stumm gegen die Decke, der Mund machte winzige Bewegungen.

Jean eilte zu Frau Bloos, die in der Küche saß, wo sie noch immer auf Luitgardas Rückkehr wartete. Diese telefonierte dem Arzt und gab danach ein Telegramm an Narcissa durch den Fernsprecher auf:

»Prinzessin Narcissa Mont'Alto, Schloßbergstraße 12a, Freiburg. Kommen Sie um Gotteswillen gleich. Frau Bloos.«

»Dreizehn Worte«, sagte das Amt.

Dreizehn, wiederholte Frau Bloos bei sich … Unglück!

Dann hörte sie:

»Soll es nachts zugestellt werden?«

»Ja, nachts.«

»Vierzehn Worte. Schluß.«

Frau Bloos ging zu den Räumen des Kranken zurück und warf durch die einen Spalt weit geöffnete Tapetentür des Kammerdienergelasses einen Blick auf den Kranken. Sie zog sich wieder zurück und, indem sie auf einen Stuhl niedersank, fing sie still an zu weinen.

»Ich gehe die Prinzessin suchen«, flüsterte Frau Bloos im Weinen zu Jean, der durchging.

»Und wenn die Prinzessin Luitgarda inzwischen kommt?« fragte Jean ratlos. »Sie sind fort. Ich kann nicht vom Kranken weg. Wer öffnet?«

Frau Bloos schüttelte den Kopf.

»Ich bleibe schon, Jean. Ich gehe die Prinzessin nicht suchen. Aber ich will dir etwas sagen, Jean: Unsere Prinzessin Luitgarda kommt nicht mehr.«

»Ja, ist denn die Prinzessin Luitgarda nun auch weg wie die Prinzessin Narcissa?«

»Nein, Jean, so nicht. Narcissa kommt wieder, aber Luitgarda wird niemals wieder kommen.«

Jean schüttelte den Kopf. Das verstand er nicht. Noch nicht.


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