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Segel in der Nacht

Die beiden Schwestern hatten ein gemeinsames Schlafzimmer, das mit einem Wohnraum verbunden war. Oft des Nachts, wenn Luitgarda bereits schlief, stand Narcissa an einem der Fenster des Wohnzimmers und blickte hinaus in die Einsamkeit und die Finsternis über dem See. Das war die Stunde, die ihr allein gehörte. Sie wachte eifersüchtig über diesen Besitz. Wenn sie hörte, daß Luitgarda sich im Bett auch nur regte, schloß sie das Fenster und nahm ein Buch zur Hand, das sie zu diesem Zweck bereitgelegt hatte.

Luitgarda arbeitete seit Jahren tagsüber im Haushalt mit, um eine Angestellte zu ersparen. Sie war 29 Jahre alt. Vor der Zukunft riegelte sie sich in Scheu und Verschlossenheit ab. Für die Gegenwart fand sie die Kraft in der Bescheidung und Ergebung, mit der sie sich ihren einfachen Aufgaben unterzog. Abends war sie, mit ihrem schwerfälligen Körper, immer müde. Sie pflegte nur noch ein paar Worte mit der Schwester zu wechseln und sich dann gleich zu Bett zu legen.

Aber heute, da sie mit dem Vater und Narcissa von dem Fest in Überlingen in einer unbekannten Erregtheit heimgekehrt war, schaute auch sie lange auf den nächtlichen See hinaus und suchte den Riegel ihres Wesens zu öffnen. Schweigsam und grübelnd hockte sie am Fenster, beide Arme auf das Fensterbrett gestuft.

Narcissa wartete hinter ihr vergeblich darauf, daß Luitgarda ihren Platz frei mache. Gerade in dieser Nacht schien ihr, als geschehe ein Unrecht an ihrer Seele, wenn sie nicht dort am Fenster mit sich allein sein durfte. Schließlich ergriff sie einen auf dem Tisch liegenden Handspiegel und betrachtete aufmerksam ihr Gesicht.

Wenn ich, sagte sie sich nach einer Weile, die äußern Augenwinkel noch weiter betonen und mit einem dünnen schwarzen Strich ausziehen würde? Was bringt denn das Leben? Entweder Armut oder Glanz! Luitgarda hat sich auf die Armut eingestellt; sie räumt auf und kocht. Wenn ich es nun mit dem Glanz aufnehmen würde! Wenn ich diese Augen, durch die man, wie in einen Brunnen, die Mitwirkung der Jahrhunderte und von mehreren Rassen sieht … ja, was wäre, wenn ich die leichten schwarzen Striche, mit denen ich die Augenwinkel zart verlängere, wenn ich diese Striche weiter ausmalen würde …

Auf dem Tisch lag ein Bleistift. Selbstvergessen und spielerisch ergriff sie ihn und führte ihn sacht von den Augenwinkeln aus zu den Schläfen.

… Wenn ich die Augenbrauen über den Schläfen zu einem Schlingwerk auslaufen lasse, zu einem Gerank, zu einem Rosenhag, der sich bis in die Haare hinein wirrt … und nicht nur schwarz, auch grün und rot, amarantrot … Was ist das, amarant? Ich weiß nicht, wie es aussieht, aber es hat den richtigen Klang. Ein klingender Rosenhag aus Amarant über den Schläfen – ein Dornröschengerank, das der Prinz durchbricht.

Sie zeichnete hingenommen, aber unter der scharfen Spitze des Bleistifts erschienen nur weiße Striche, die sofort wieder vergingen. Sie hörte Luitgarda vom Fenster her fragen:

»Was machst du denn da?«

»Ich möchte meine Augen mit einem Rosenhag umgeben«, antwortete sie.

Luitgarda lachte ein wenig und sagte leise:

»Ist die maurische Prinzessin wieder eingekehrt?«

»Gut! Schluß!« rief Narcissa und legte den Bleistift hin. Sie ergänzte bei sich: Wie ein Backfisch, der vom Märchenprinzen träumt – Schluß!

Sie begann sich umzuziehen. Luitgarda trat vom Fenster und räumte nach ihrer Gewohnheit noch auf.

»Der Doktor Bühler saß bei Tisch neben mir«, plauderte sie. »Hast Du seine Augen gesehen?«

»Woher sollte ich?« fragte Narcissa zurück.

»Er hat starke Augen! Der Geheimrat Lantz hat erzählt, daß er eine Erfindung gemacht hat, durch die man Dinge, die jetzt verloren gehen, wieder in Gebrauch bringen oder auf eine andere Weise weiter benutzen kann. Das ist für unser Land jetzt eine bedeutende Erfindung, nicht?«

»Pö!« machte Narcissa. »Es gibt soviel Dinge auf der Welt, daß man froh ist, wenn mal welche verschwinden. Wenn seine Erfindung nichts weiter ist!« Sie schlüpfte in einen Nachtmantel.

Eine Maschine bauen … man setzt sich hinein, da am Fenster, drückt auf einen Knopf, und sie fliegt mit einem in fünf oder zehn Minuten auf den Säntis oder in einer halben Stunde nach Madrid. Das würde Narcissa eine Erfindung nennen.

Luitgarda nahm Narcissas Strümpfe vom Boden auf und versorgte sie in dem Schrank.

»Oder eine Maschine, der man sagen könnte: Bitte, blaue Strümpfe anziehn, oder heute graue Strümpfe, genau zu diesem Rock passend, und die Maschine macht sich sogleich daran, sie zusammenzustricken, und streift sie über das hingehaltene Bein …«

Narcissa war über die Erfindung des Seglers enttäuscht.

»Da unten segelt ein Boot durch die Nacht!« hörte sie Luitgarda sagen, die beim Aufräumen einen Blick durchs offene Fenster geworfen hatte. Jetzt trug sie Narcissas Bluse zum Schrank, blickte wieder hinaus, wollte etwas sagen, erschrak und wandte sich rasch ab. Erst als sie sich über das Schrankfach beugte, sagte sie:

»Es scheint, es ist das Boot, mit dem der Doktor Bühler die erste Regatta gewonnen hat. Geh, schau einmal!«

»Nein!« lehnte Narcissa ab, etwas heftig. »Es interessiert mich nicht!«

Sie versuchte die Augen des Prinzen Ernst Eduard in die Ecke des Zimmers zu zwingen. Dort, wo vor einem runden weißen Ofen ein alter Schirm stand, sollten sie erscheinen, wie sie selbstsicher und in stolzer Gegenstandslosigkeit durch die Gesellschaft hindurch in eine nur ihnen beiden vertraute Gegend geschaut hatten. Es war schwierig zu erreichen. Was erschien, waren hin und her schwebende Scheiben, aus denen sich keine Augen bilden wollten, und schon gar nicht die des Prinzen. Bald spürte sie, wie sich hinter den haltlosen Erscheinungen unablässig etwas anderes vorzudrängen suchte. Und dieses andere war der Blick, mit dem sie dieser Segler so vertraut angelächelt hatte, und nachher die Augen, auf die sie unvermutet nach dem Weinspiegelspiel zusammengetroffen war.

Was hatte sich überhaupt dieser Segler mit seiner überflüssigen Erfindung dabei gedacht? Nun, ihr konnte es ja gleichgültig sein, was er dachte, sagte und träumte.

Aber er war ihr offenbar nicht gleichgültig. Träumt er auch?, fragte sie sich.

Die Frage brachte sie in Unsicherheit und Beklemmung. Was gingen sie Doktor Bühlers Träume an? Gab es denn was Gemeinsames zwischen ihr und ihm? Wie war es möglich, daß aus einer verborgenen Schicht eine Hand auftauchte und ihn an das Reich heranführte, das bisher allein das ihrige war und in das sie heute abend bereit gewesen war, den einsamen Märchenprinzen hineinzugeleiten? Der aber hatte die romantische Stunde nicht wahrgenommen. Sie stand auf und ging rasch ans Fenster. Das Segel zog drunten hin wie eine aufragende Hand, die aus der Dunkelheit gegen sie gerichtet war. Die Hand war gespensterhaft entfärbt und kaum von der Erde gelöst, ja wie in einem und demselben Atem mit der Nachterde. Narcissa sah das Segel lautlos nahe dem Schloß vorbeistreichen. In dem ungewissen Licht der Nacht, das von dem ruhigen Spiegel des Sees in schwärzlich-milchigen Kreisen abstrahlte, war es zuweilen, als löse es sich von der Berührung mit Wasser und Erde. Es schien aufzuschweben und in die Höhe hinauf zu ihr zu greifen. Narcissa fuhr zusammen. Aber gleich war es wieder mit dem dunklen Leib des Wassers verbunden und so wesenlos in der Finsternis, daß es verschwunden zu sein schien. Wenige Augenblicke später jedoch wurde es wieder sichtbar.

Wenn der Schein eines Sternes es trifft … dachte Narcissa.

Sie stand jetzt allein am Fenster. Luitgarda war ins Schlafzimmer gegangen. Narcissa hatte es nicht gemerkt.

Das Segel wurde von der großen alten Trauerweide verdeckt, die sich als eine schwarze Kuppel über der Kaimauer aufbaute. Der See lag weit und allein. Narcissa, ein kleines, nachtberauschtes Mädchen, gab sich der Einsamkeit von Wasser und Himmel hin. Der Glanz der Sterne war klar und kalt. Sie flammten aus der Unendlichkeit in die Unendlichkeit und wollten sie über ihre Grenzen hinauslocken.

Über der Trauerweide, wo eben noch die Hand des Segels sich zu ihr aufgerichtet hatte, erhob sich im Süden ein fast unwirkliches Gebilde, ein feierlich nebliges Gebäude. Ein tempelhaftes Gewölbe stieg mit grausilbernem Walmen in die Nacht. Es war von körperloser Dichte, Kälte und Glut zugleich.

Es war, wie das Segel, in einer schwankenden Traumhaftigkeit, auf Augenblicke unsichtbar und gleich wieder da, verwehte und entstand. Die Nacht wurde zu einem Strahlenkranz, der von ihm in alle Richtungen des Himmels steil und schwarz hinaufwogte. Ein jeder Strahl nahm einen Stern gefangen. Und die Erscheinung erhob sich über die Welt in einer Einsamkeit, die furchtbar und gotthaft war, weil in der Umwelt kein Maßstab für sie blieb.

Es war der Gebirgsstock des Säntis.

Da sehnte sich Narcissa, das kleine Segel wieder zu sehen. Sie hätte es anfassen mögen, um sich hineinzuhüllen, um sich in ihm vor der Einsamkeit und der Erscheinung des Gebirges zu verbergen.

Narcissa, du träumst schon wieder. Dir scheint dieser nebelhaft-unwirklich aufsteigende Berg wie eine Mahnung an den Sündenfall. Nicht an den der Bibel, aber an einen andern, durch den in unser Herz eine drohende Lockung gesenkt wird, an jenen Sündenfall, mit dem die Sterne die Menschen über ihre Grenzen zu verführen suchen.

Das Begehren, diesem Zwang zu entrinnen, wurde so stark, daß sie durch das Fenster die Arme gegen die finstere Kuppel der Weide ausstreckte, die ihr das Segel genommen hatte, als vermöchte sie es mit dieser beschwörenden Gebärde wieder zurückzuholen. Aber sie führte die begonnene Bewegung nicht zu Ende. Plötzlich ließ sie die Hände sinken. Unvermittelt überfiel es sie. Sie lehnte sich mit ihrem ganzen Körper und ihrer ganzen Seele dagegen auf.

Was beschäftigt mich denn dieser Mensch?, fragte sie sich. Das kann doch nicht möglich sein! Das kann doch nicht möglich sein, daß ich ihn …

Sie wagte den Satz nicht zu Ende zu denken.

Sie sank am Fensterbrett in die Knie, legte den Kopf in die Arme und begann zu weinen.


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