Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Concordia wartet darauf

Am Abend dieses Tages fuhr der niedrige, eidechsenfarbene Wagen des Geheimrats, den er fast immer selber steuerte, vor Bühlers Haus vor. Lantz hupte, und Bühler kam an das Fenster.

»Fahren Sie mit zu Concordia Schinken?«

»Ich komme!« rief Bühler zurück.

Concordia Schinken war die Nichte eines Italieners, der in einem der Schweizer Vororte von Konstanz ein Gasthaus hatte. Den Namen hatte Lantz geschaffen. Er hatte dem Taufnamen des Mädchens den Spottnamen beigefügt, den die Schweizer für die Italiener anwenden, indem sie diese nach dem Zahlwort cinque »d'Schinke« nennen. Schließlich war es für den kleinen Kreis von Konstanzer Herren, die das Lokal regelmäßig als einzige nicht-italienische Gäste besuchten, die Bezeichnung für die Wirtschaft geworden.

Heute saßen Lantz und Bühler allein in der kleinen Nebenstube. Im ersten Raum war es voll. Dort tummelten sich italienische Kleinhändler und Arbeiter durcheinander. Ein buckliger Mann saß am Klavier, und es war ein richtiges Tohuwabohu. Der Bucklige spielte auswendig, Arien und Motive von Puccini, und der Geheimrat sagte:

»Das sollte man einmal bei uns musikalischen Leuten drüben sehen, daß ein Arbeiter oder ein Gemüsehändler, oder was der Buckel ähnliches ist, Wagner spielt. Ich wette, nicht einmal der Herzog von Mont'Alto könnte überhaupt Wagner von Puccini unterscheiden.«

»Der Herzog …«, sprach Bühler noch ein wenig verträumt, denn hinter dem Namen tauchte Narcissa auf und die Verse aus den »Zwei Menschen«, die sie vielleicht in diesem Augenblick vor den Augen hatte.

»So ein guter Mann! Sogar bescheiden!« sagte Lantz. »Aber, wissen Sie, Doktor, dies ist der Ort, um sich von ähnlichen Erscheinungen zu erholen. Dieser Ort und dieser Barbera!«

Er sprach das Wort wie ein Italiener aus, skandiert: Bar … bä … ra, ließ genießerisch das »bä« im Mund aufsingen, während die letzte Silbe fast zu Nichts verhauchte.

Dann kam Concordia, die Nichte des Wirtes.

»Concordia Mollicella!« rief Lantz. »Buon giorno, come sta, herrliche Blume der Po-Ebene!«

Das Mädchen reichte den Herren mit heiterem Anstand die beiden Hände.

»Setzen Sie sich zu uns, Concordia«, bat der Geheimrat. »Ihre Augen leuchten wieder wie der Barbera, wenn ich ihn gegen das Licht halte. Wenn ich dieser Doktor Bühler wäre, ich würde Ihnen, aber sofort, einen Antrag machen.«

»Und selber?« fragte Concordia. »Weshalb nicht Herr Geheimrat selber?«

»Mein Name ist immer noch Lantz, o mia dolcezza. Ich selber? Ich bin gebunden, zwar nicht durch einen Ehering, aber durch meine 65 Jahre. Ja, wenn ich dreißig Jahre jünger wäre!«

»Herr Geheimrat wären dann auch dreißig Jahre dümmer!« antwortete Concordia. Sie sagte es in einem gemessenen Ernst und kaum lächelnd.

»Concordia, Sie sind für eine Jungfrau reichlich keck!« rief Lantz.

Da lachte Concordia unvermittelt und offen heraus, und die Zähne ihres Mundes blitzten groß und weiß in einem gesunden Ebenmaß. Sie warf einen Blick auf Bühler, der stumm und etwas abwesend blieb. Er drehte sein Weinglas am Stengel rundum, hartnäckig und hingegeben, als wollte er es in die Platte des Tisches hineinbohren. Er schaute nicht auf. Seine Augen verloren sich in den dunklen Wein. Seine Gesichtszüge waren gespannt.

»Herr Doktor scheinen nicht in Laune, seinen Antrag jetzt zu machen«, bemerkte Concordia. Dabei war ihre Stimme ruhig und dunkler als sonst. Aber von den schwarzen Augen blitzte es zu Bühler hinüber.

Der hob schwerfällig den Blick aus dem Wein. Er schaute belästigt und abweisend zu dem Mädchen. Dann begab er sich zu der Beschäftigung mit dem Glas zurück und senkte die Augen wieder in den Wein. Concordia lachte nun den Geheimrat an, erhob sich aber gleich und sagte:

»Alle Heiligen! Welches Wetter! Lieber gehe ich dem Blitz aus dem Weg.«

Langsam ging sie davon. Lantz schaute ihr nach.

»Es ist das Abenteuer selber, dieses Mädchen«, sagte der Geheimrat ihr leise nach. »Ich würde Ihnen raten, ihr nachzuschauen, Bühler, wenn ich nicht wüßte, daß Ihre augenblickliche Beschäftigung, den Fuß des Glases in den Tisch zu bohren, Ihnen das verbietet.«

Er lachte laut auf. Bühler antwortete mit einem mühsamen kleinen Lächeln und stellte die Arbeit am Glas ein. Concordia ließ sich nicht mehr sehen.

Plötzlich sagte Lantz:

»Es ist Ihnen bekannt, Bühler, daß ich weiß, wer gestern abend bei Ihnen war, während wir über Ihre Sache verhandelten?«

Bühler fuhr auf:

»Nein, woher?«

»Auf meinem Stuhl fand ich, als ich aufstand, ein kleines Taschentuch mit einer Krone und einem N. Sie haben es nicht bemerkt, weil Sie aufgeregt waren, und ich habe es Ihnen nicht gesagt. Ich wußte auch, warum ich es nicht tat, es hat seinen guten Grund gehabt. Sozusagen einen unterirdischen … Ich habe der Prinzessin heute morgen einen Besuch gemacht. Sie erinnern sich, daß ich sie in einer unzarten Bemerkung in unsere Unterhaltung hineingezogen habe, und da diese Bemerkung burschikos war, und den beteiligten heimlichen Horcher verletzen konnte …«

»Und?« machte Bühler, als der Geheimrat stockte.

»Geduld, Doktor. Sie wissen, wie ich zu Ihnen stehe und daß ich nie etwas unternehme, was in irgend einer Weise unfreundlich gegen Sie oder Ihren Interessen feindlich wäre. Im Gegenteil, ich möchte ja diese Interessen mit zu den meinen machen. Nun, und ebenso verhalte ich mich zu dieser Prinzessin.«

»Und sie hat Ihre Bemerkung mit angehört?«

»Das müssen Sie ja wissen.«

»Nein, eben nicht. Das ist ja der Zwiespalt für mich. Sie ist durchs Fenster geflohen, ob vorher oder nachher, das weiß ich nicht.«

»Nun, dann kann ich Ihnen sagen, daß ich wohl daran tat, sie zu besuchen, denn sie hat die Bemerkung gehört.«

»Sie haben sich mit ihr ausgesprochen. Wie war sie?«

»Der Besuch bestand aus zwei Teilen. Im ersten war sie die Herzogin von Mont'Alto, und zwar vom Scheitel bis zur Sohle. Im zweiten wurde sie dann ein richtiges Mädchen, ein Menschenkind wie andere auch, denen ihr Herz Kummer bereitet.«

Bühler spürte ein sachtes Zittern in den Handgelenken. Weshalb wirkt sich die Erregung meines Herzens gerade in den Handgelenken aus?, fragte er sich. Geht das andern auch so? Und wie ist es bei Narcissa?

Da war es, als ob Lantz die Antwort auf die Frage brächte, die er doch nicht kennen konnte, denn er sagte:

»Sie müssen eine starke Hand zeigen. Denn dieses Kind findet von selber nicht aus dem Irrgarten von Mont'Alto heraus.«

»Weshalb?« fragte Bühler unsicher.

»Sie kann nichts dafür. Aber ich habe mir einmal sagen lassen, daß die Mont'Altos schon mitrührten, als Heinrich VI. da unten in Sizilien sein Leben und die damalige Politik Europas aufmixte. Und wenn siebenhundert Jahre voll Ahnen einem an den Füßen hängen, dann kann man nicht über die Schloßmauer fliegen. Dieses Mädchen muß zuallererst in unsere Welt gesetzt werden. Haben Sie bemerkt, daß der Herzog, wenn er mit einem spricht oder einen anlächelt, nur mit seinem Astralleib sozusagen neben Ihnen auf den Boden tritt? Seine Wirklichkeit aber etwa an der Seite des Geistes Karl V. oder von etwas ähnlichem schwebt, das seit fünfhundert Jahren aufgelöst ist? Oder daß er sich auf eine ferne Insel zurückzieht? Dasselbe bringt auch Narcissa zuwege.«

Jetzt schwiegen sie und tranken.

»Concordia läßt sich nicht mehr sehen!« sagte Lantz einmal.

Plötzlich stand Lantz auf:

»Fahren wir! Heute ist nichts los mit Ihnen.«

»Nein!« lächelte Bühler.

»Und hören Sie: Stürmen Sie bald die herzogliche Burg oder erfinden Sie etwas, was die Politik lächerlich macht. Aber Sie können sich auch für Concordia entscheiden. Denn auch die wartet drauf!«

Von diesem Abend an – wahrscheinlich trugen der Barbera und die Concordia und der Puccini spielende Bucklige dazu bei – erschien ihm Narcissas Gesicht, ihre Gestalt, ihr Wesen ihm immer unter dem Bild eines Waldes süßer Kastanien. Auf einer einsamen Fahrt durchs Bergell hatte er einmal seinen Wagen an einem solchen Wald halten lassen und hatte sich in den Schatten unter die Bäume gesetzt. Es war an einem Oktobertag, der schwer und reif draußen lag, und ab und zu platzten reife Kastanien neben ihm auf, sprangen aus der stacheligen Kugel ihrer grünen Hülle, und eine jede schien ihm in dem dunkel polierten Glanz ein verzaubertes Seelchen des Landes zu sein. Zum erstenmal erfüllte sich in ihm der Süden in dieser Stunde. Der Süden, das war: das Andere, die Sehnsucht, das ungreifbar Fliehende, die unbegreifliche Süße des Wartens, das nach Unbekanntem gerichtet im Gemüt stand und über den Alltag hinaufstieg.


 << zurück weiter >>