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Bei einer Segelregatta geht es nicht so rasch wie bei einem Autorennen, und gerade der Bodensee hat seine besondere Tücken. Er stellt die Segler und vor allem auch die Zuschauer bei langen Flauten auf allerlei Geduldsproben – bis dann irgendwann urplötzlich eine Bö einfällt. Man muß den Bodensee aus jahrelanger Erfahrung kennen, und wer bei einer Regatta Erfolg haben will, muß zugleich ein »Windriecher« sein.
Doktor Bühler gehörte zu ihnen. Seit einer Stunde lag er in Ufernähe im Überlinger See mit sieben Konkurrenten kurz vor dem Ziel in der Flaute. Sie alle lauerten auf das bißchen Wind, das sie über die Ziellinie bringen sollte: lauter erfahrene Regattasegler, die wohl wußten, was sie bei einer Bö zu tun hatten. Aber Doktor Bühler spürte die Bö, ehe er sie sah. Er ließ sich nicht wie die anderen von ihr übertölpeln.
Als er sie auf Steinwurfnähe vor sich aufs Wasser niedersetzen sah, hatte er sie bereits erwartet, fing den Wind im Segel, kurvte einen raschen Schlag und ließ sich von ihr übers Ziel werfen, während die Konkurrenten bei dem unvermuteten Windangriff eine Sekunde verloren. Diese Sekunde genügte für Doktor Bühlers Regattasieg.
Im lauten Beifall ging die Lautsprecheransage am Ufer unter. Auf der begleitenden Motorjacht des Segelclubs wurde der forsche Zugriff des Siegers von der Regattaleitung fachmännisch erörtert. Dort standen aber nicht nur die Sportexperten, sondern auch die geladenen Gäste aus der großen Welt: gewichtige Generaldirektoren und Leute, die mit einem klingenden alten Adelstitel – vielmehr als den besaßen sie nicht und es gab ihrer in und um Konstanz genug – zur Staffage der Regatta gehörten.
Auf dem Hinterdeck der Jacht wandte sich der Herzog von Mont'Alto an den Geheimrat Lantz.
»Ein forscher Bursche, dieser Bühler! Was ist das für ein Doktor?«
»Der Chemie!« antwortete Lantz.
»Also für den Generaldirektor der Chemischen Aktiengesellschaft der richtige Doktor. Ein Angestellter von Ihnen?«
Der Herzog hatte schwere Lamaaugen, ein Erbe des hispanischen Teils seines Blutes. Er lächelte mit ihnen wesenlos einen Punkt in der Ferne an.
Lantz kannte diese herzogliche Gewohnheit. Mit ihr pflegte Mont'Alto »Distanz zu nehmen«. Er war ein bescheidener, ja ein scheuer Mann; ein Teil dieser Scheu und Bescheidenheit fiel dem Unbehagen zur Last, das ihn in der noch immer ungewohnten bürgerlichen Gesellschaft nie losließ. Er wußte, daß die »reichen Bürger« mit einem Gemisch von Hochachtung und Herablassung auf ihn als den »armen Herzog« blickten, und er hatte diesen »Reichen« gegenüber ähnliche Gefühle. Wenn er in eine Unterhaltung geriet, kam meist sehr bald ein Zeitpunkt, wo er, wie Lantz es ausdrückte, eine eingebildete Insel in der Ferne anpeilte, auf die sich die herzogliche Seele zurückzog. Dem Gesprächspartner blieb dann allein die Hülle des herzoglichen Körpers. Lantz ärgerte sich jedesmal, wenn er dieses Verfahren beobachtete. Da es nun wieder geschah, antwortete er eine Weile nicht, um dem Herzog Zeit zu lassen, von seiner Insel zu ihm zurückzukehren.
Das Lächeln auf Mont'Altos faltigem und langnasigem Gesicht fror ein. Er strich mit einer schmeichelnden Bewegung seiner feinen langen Finger auf eine etwas salbungsvolle Art die Nase herab. Von dieser Nase wurde gesagt, es sei eine Rückkehr der Nase Karls V. Der Herzog trug auch den abgerundeten breiten Bart Karls V. Die Mont'Altos stammten irgendwie und irgendwo von den spanischen Habsburgern ab.
Geheimrat Lantz wußte, wie man den Herzog von der Insel zurückholen konnte. Er tat, als hätte er sich mit ihm über eine große Entfernung zu unterhalten, nämlich bis zu dem bewußten Punkt, zu dem die herzogliche Seele sich in ihrer etwas unhöflichen Einsamkeit zurückgezogen hatte. Ein Beobachter – es war aber keiner da – hätte sich der Komik des Auftritts nicht erwehren können. Lantz schrie den Herzog an:
»Nein! Er ist zunächst noch Studienreferendar an der Realschule. Aber ein Stück Zukunft unseres Landes.«
Der Herzog sah sich ertappt wie jemand, der sich heimlich entfernen wollte und nun energisch zurückgerufen wird. Er besann sich auf seinen Gesprächspartner und antwortete sofort:
»Wenn Sie das sagen, Herr Geheimrat, Sie, eine Kapazität … Nun, dann ist anzunehmen, daß er sich nicht mehr lange von seinen Schülern plagen läßt, sondern bald in den Laboratorien Ihres Werkes …«
Wieder entwichen die Lamaaugen zu der körperlosen Schicht in die Ferne, während die Finger feierlich dem Nasenrücken schmeichelten.
»Nein, im Gegenteil, denken Sie sich«, schrie Lantz, »er will nicht. Bei uns könne er nicht mehr über sich verfügen, sagt er.«
»Diese jungen Leute sind heute selbstbewußt. Mir kommt vor, sie wollen ihre Welt von der unsern abreißen lassen«, bemerkte der Herzog mit einer wehmütigen Herablassung. »Und welche Erfindung, mein lieber Geheimrat, gibt dem jungen Mann das Recht …?«
»Immerhin eine Leistung! Er ist dabei, eine neue Industrie zu erfinden, nämlich ein Verfahren, durch das Abfälle mannigfacher Art nutzbar gemacht werden können. Man hat sie bisher, um sie loszuwerden, entweder verbrannt oder ins Meer geschwemmt. Berge von nutzbaren Produkten, die bis jetzt zerstört wurden, will er durch ein Carbonisationsverfahren wieder der Wirtschaft zuführen. Unübersehbar! Ich sage: eine neue Industrie! Besonders in unserer Zeit wertvoll, in der wegen des wirtschaftlichen Zwickzwacks derartiges importiert werden muß. Wir hätten es dann billig im eigenen Lande.«
»Sagten Sie nicht ein Stück Zukunft unseres Landes? Wenn ich recht verstanden habe, liegt also ein Stück der Zukunft unseres Landes in den Müllkästen … Sehr romantisch und poetisch ist das wohl nicht, Herr Geheimrat?«
»Die Wirtschaft ist weder romantisch noch poetisch, wie das Geldverdienen überhaupt«, gab Lantz achselzuckend zur Antwort.
Der Herzog dachte nach. Er sah vor sich das Bild eines Abfalleimers, in dem auf einem Haufen von unerkennbarem Wust der faulige Strunk eines Kohlkopfes lag. Er kam zu dem Schluß, dieser Doktor Bühler wolle mit seiner Erfindung solche Kohlköpfe wieder eßbar machen. Seine Neugier über den Sieger der Regatta war damit gestillt. Er behielt von ihr als Rückwirkung etwas, das ein wenig unappetitlich und jedenfalls dunkel war, wandte sich zur Seite und entblößte die großen elfenbeinfarbenen Zähne unter einem anmutvoll schmelzenden Lächeln, das der Frau des Regimentsobersten a. D. galt. Rasch war er mit ihr in einem Gespräch.