Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Vier Tagereisen weit begleitete uns die Eskorte, deren Führer, Solang Undü, Anna Tsering und der alte Dakksche, außergewöhnlich angenehme, liebenswürdige Menschen waren, und schon am ersten Abend verkehrten wir wie gute Freunde miteinander. Anfangs wurden wir streng bewacht und hatten vor uns, hinter uns und auf den Seiten Reiter, und beim Lagern schlugen sie ihre Zelte unmittelbar neben dem unseren auf; aber nach und nach wurde uns immer größere Freiheit gelassen. Allerdings war es langweilig, auf demselben Wege zurückkehren zu müssen, aber die Eskorte machte uns sehr viel Spaß, und ich wurde es nie überdrüssig, diese halbwilden Bergbewohner mit ihren langen, schwarzen Gabelmusketen, Speeren, Lanzen und Säbeln zu beobachten. Oft begegneten wir kleinen Kavalleriepatrouillen, die sicher das Hauptquartier rekognosziert hatten und die sich bisweilen unserem Zuge anschlossen. Bei uns befanden sich auch zwei ehrwürdige Lamas, die beim Reiten ihre »Korle« oder Gebetmühlen schnurren ließen und in singendem Tone ihr ewiges »Om mani padme hum« herunterplapperten.
Wenn es galt, das Lager aufzuschlagen, fragten sie stets höflich an, ob ich noch weiterzureiten wünschte; ich ließ sie gewöhnlich die Nachtquartiere bestimmen, da sie es ja am besten wissen mußten, wo es Weide und Wasser gab. Mit bewundernswerter Schnelligkeit schlugen sie ihre Zelte auf, gruben mit dem Säbel drei Erdschollen aus, auf die der Kessel gestellt wurde, und setzten mittelst eines Blasebalges den angezündeten Argol in Brand. Sättel, Säcke, Gewehre Säbel, Lanzen und Hausgeräte liegen überall umhergestreut, und das Lager ist ebenso malerisch wie gemütlich. Ich pflegte abends bei den tibetischen Offizieren zu speisen, die sich an meiner Taschenuhr nicht satt sehen und hören konnten; jedesmal, wenn ich sie hervorzog, lauschten sie ihrem Ticken. »Das ist mein Gawo«, sagte ich, »und der Gott, der darin sitzt, betet Tag und Nacht sein ›Om mani padme hum‹.« Sie blickten einander mit ernster Miene an und fanden, daß ich ein höchst eigentümlicher Mensch sei.
Abends ertönte ein sausendes, murmelndes Getöse, wenn die Tibeter ihre Abendgebete sprachen. Dasselbe Stimmengewirr, nur unendlich viel stärker, hatte der Lama unzählige Male in Lhasa gehört und mit Wehmut erinnerte er sich dessen jetzt in dem Gedanken, daß er es wohl nie wieder hören würde.
Einschläfernd wirkte auch das Schellengeklingel bei Tage; alle Soldatenpferde trugen nämlich Schellenringe um den Hals. Schnell ritten sie nicht, und die Tagemärsche waren kurz. Ich hatte aber nichts dagegen, denn, wenn sie uns erst verlassen haben würden, wollten wir sehr lange Ritte machen, um möglichst schnell durch die Räubergegenden zu kommen. Solang Undü riet uns, bei einem nächtlichen Überfalle sofort zu schießen, – mit Pferdedieben steckten sie augenscheinlich nicht unter einer Decke.
Der alte Dakksche wurde unser besonderer Freund; es war zu köstlich, wenn er uns begrüßte, indem er die Zunge, so weit er nur konnte, herausstreckte, die Daumen in die Luft hielt und den Kopf zurückwarf, eine Artigkeit, die ich auf dieselbe Weise und so nachdrücklich erwiderte, daß Schagdur sich jedesmal totlachen wollte.
Der Satschu-sangpo war jetzt so zusammengeschrumpft, daß der Übergang sich ohne den geringsten Unfall bewerkstelligen ließ, um so mehr als die Tibeter die Lage der Furt kannten. Der 15. August war der Tag der Trennung, und mit wirklichem Bedauern und aufrichtig betrübt sagten wir unseren Hütern und der Eskorte gerade an der Stelle Lebewohl, wo wir Sampo Singi getroffen hatten.
Die fünf Tagereisen, die uns noch von unserem Hauptquartiere trennten, waren schwer und anstrengend, und die Nächte waren, wie gewöhnlich, am allerschlimmsten, denn nun mußten wir unsere Tiere wieder selbst hüten und vermißten sehr die Tibeter, die uns von dieser schweren Arbeit befreit hatten. Schon der erste Abend gab uns einen Vorgeschmack von dem, was kommen sollte. Unheimliche Wolken stiegen über den Bergen im Südosten auf, brandgelb und dick, wie wenn sich in der Wüste ein Sandsturm zusammenzieht. Ein rasender Wind fegte über das Hochland hin, und die durch die Hagelböen hervorgerufene Finsternis machte die Nacht ein paar Stunden länger als gewöhnlich. Während der ganzen Nacht goß es, und der Mond, der auf dem Hinwege unser einziger Freund gewesen war, ließ sich jetzt nicht sehen. Ich sollte die Mittelwache haben und ging um 11 Uhr hinaus, um mich nach Schagdur umzusehen. Er saß mitten in Nässe und Regen zwischen den Tieren und bat mich, scharf hinzuhorchen, denn er habe soeben Tritte gehört, die er für die eines Menschen halte. Ich ging nach der verdächtigen Seite und fand, daß es der gute Malenki war, der uns irregeführt hatte. In einer solchen Nacht kann man sich nur nach dem Schalle richten, man sieht seine eigene Hand nicht, und wenn man sie sich vor die Augen hält. Die Lage wird nicht gemütlicher, wenn, wie es oft vorkommt, unser guter Lama anfängt, im Schlafe zu sprechen und mit klagender Stimme Sirkins Namen ruft, als wäre er in Not und bedürfte der Hilfe.
Ich wählte einen anderen Weg als auf der Hinreise, um noch mehr von dem Lande zu sehen. Infolgedessen gerieten wir jedoch in ein Gewirr von Bergen mit sumpfigem, tückischem Boden hinein. Einmal brauchten wir mehrere Stunden, um über einen greulichen Hügel, wo die Tiere bis an den Bauch einsanken, hinüberzukommen. Man ist ganz erschöpft von den Nachtwachen, den langen Märschen und den Niederschlägen. Am 18. August setzte der Regen jedoch ein paar Stunden aus, und wir rasteten auf einem Hügel. Die Luft war klar und ruhig, und die Temperatur stieg bis auf 19°; es war so heiß, daß man einen Sonnenstich befürchten konnte. Wir lagen lang ausgestreckt müßig auf der Erde, während die Tiere grasten. Schrecklich langsam und schwer ging es mit dem Aufbruche von diesem freundlichen Rastplatze. Kaum waren wir wieder in Gang, so brach auch der Hagelsturm von neuem los, der Sommer verwandelte sich mit einem Schlage in den Winter, und die Pelze wurden angezogen.
An einem Hügel blieb Malenki stehen und begann wütend zu bellen. Ich ritt dorthin und befand mich dicht vor einem Bären, der eifrig damit beschäftigt war, eine Murmeltierhöhle aufzuwühlen. Als er mich erblickte, fuhr er zusammen und lief im Galopp davon, hinter ihm drein die Hunde, die dem Petz tüchtig zusetzten und uns ein erheiterndes Schauspiel gaben.
Und dann kommt wieder die Nacht mit ihren Wachen. Jeder von uns hat seine eigene Art und Weise, sich während der Wache die Zeit zu vertreiben. Ich sitze bei einem Lichtstumpfe schreibend in der Zelttür, mache aber alle fünf bis zehn Minuten eine Runde um das Lager. Schagdur setzt sich, in seinen Pelz gehüllt, zwischen die festgebundenen Tiere und raucht seine Pfeife. Der Lama streift umher und murmelt Gebete in singendem Tone. Jetzt fehlen uns nur noch 35 Kilometer. Wir wollen sehen, ob wir sie ohne Unterbrechung zurücklegen können; aber unsere Tiere sind von den zurückgelegten 500 Kilometern erschöpft, nur die beiden tibetischen Pferde sind munter und müssen sorgfältig bewacht werden, damit sie uns nicht durchbrennen und nach Süden zu ihren Kameraden zurücklaufen. Der Lama bildet sich ein, das Hauptquartier sei von Tibetern umzingelt; die harten Schicksale, die wir hinter uns haben, haben ihn nervös gemacht.
Endlich erblicken wir von einem niedrigen Passe herab zu unserer Freude das große, offene Tal, durch das wir am ersten Tage geritten waren. Die Gegend lag still und öde da, nichts kündete an, daß Menschen sich in der Nähe aufhielten. Da das Pferd, das ich geritten hatte, seitdem mir mein weißer Liebling gestohlen worden, stürzte und nicht wieder aufstehen wollte, mußten wir lagern. Von Dschallokk an hatte ich eines der neuen Pferde geritten, und der alte Gaul hatte keine Last getragen. Am folgenden Morgen war er wieder munterer und humpelte mit.
Es war der 20. August; natürlich goß es in Strömen. Wir hatten unseren ersten Lagerplatz auf der Hinreise hinter uns zurückgelassen, als einige Flintenschüsse ertönten und wir einen Yak einen Hügel hinauflaufen sahen. Wir schlugen sofort den Weg dorthin ein und gewahrten zwei schwarze Punkte, die sich bald zu Reitern entwickelten. Waren es Tibeter? Nein, sie ritten gerade auf uns los, und nach einer Weile erkannten wir Sirkin und Turdu Bai! Wir stiegen ab und warteten, bis sie, vor Freude weinend, heransprengten – eine solche Beute hatten sie nicht vermutet, als sie am Morgen ausgezogen waren, um für frisches Fleisch zu sorgen.
Eine Weile später saß ich wieder in meiner bequemen Jurte. Welch schönes, behagliches Gefühl es war, wieder »daheim« zu sein, läßt sich nicht beschreiben. Mein Wunsch, Lhasa zu sehen, war freilich nicht erfüllt worden, aber ich fühlte mich sehr befriedigt in dem Bewußtsein, daß ich das Abenteuer bis zu Ende gewagt hatte, bis sich mir unüberwindliche Hindernisse in den Weg gestellt hatten, die alle menschlichen Berechnungen durchkreuzten, daß ich meinen Mut auf die Feuerprobe gestellt und meine Ausdauer in wahnsinnigen Strapazen erprobt hatte. Was jetzt noch von der Reise übrigblieb, mußten reine Bagatellen sein im Vergleich mit dem, was wir hinter uns hatten.
Tschernoff hatte sich froh und munter mit der Nachhut zu den Unseren gesellt und seine Sache so gut gemacht, daß er nur zwei Pferde und zwei Kamele verloren hatte; eines von diesen war mein treuer Veteran von 1896.
Nachdem ich das Lager inspiziert hatte, mußte mir Tscherdon ein warmes Bad bereiten, – hatte ich mich doch einen Monat lang nicht gewaschen, – und er mußte das Wasser dreimal erneuern, ehe ich rein wurde. Auf ewig sagte ich meinen mongolischen Lumpen Lebewohl und trat wieder in europäischer Kleidung auf. Die Lhasa-Reise schwebte mir schon nur noch wie eine Erinnerung vor, wie eine flüchtige Episode, eine kleine Einschaltung in dem Verlaufe der großen Reise.
Bereits am folgenden Tage zogen wir nach der Stelle, wo die Trennung stattgefunden hatte und wo noch an den Abhängen die Kadaver einiger während unserer Abwesenheit gefallenen Pferde lagen. Die Kamele hingegen hatten sich außerordentlich erholt. Am schlechtesten ging es Mohammed Tokta, der noch immer über sein Herz klagte und dem ich vollständige Ruhe verordnete.
Nach Ördeks Rückkehr hatten alle das Schlimmste gefürchtet, aber jetzt herrschte wieder fröhliche Stimmung. Die Kosaken verfertigten sich ein heimisches Saiteninstrument, eine Balalaika, und mit ihr, einer tibetischen Flöte, einer Tempelglocke, zwei umgekehrten Kasserollen, der Spieluhr und vier hellen Kehlen wurde am letzten Rasttage mitten im Platzregen ein großartiges Konzert gegeben, das den größten Jubel erweckte.
Am 25. August verließen wir endgültig das Hauptquartier; Ladak war jetzt unser nächstes Ziel. Ich hatte aber beschlossen, nicht westwärts zu ziehen, ohne noch einmal nach Süden vorgerückt zu sein. Die drei Kosaken, die noch keine Tibeter gesehen hatten, hörten den Erzählungen des Lama und Schagdurs mit größtem Interesse und Staunen zu, und als ich ihnen versicherte, wir würden in wenigen Tagen auf ein ganzes Kriegsheer von Tibetern stoßen, harrten sie mit wachsender Spannung und Sehnsucht der Dinge, die da kommen sollten.
Ein trauriger Anfang des jetzt angetretenen langen Zuges durch Innertibet war es jedoch, daß wir schon beim Aufbrechen drei Pferde, die einen ganzen Monat Ruhe gehabt hatten, verloren. Zwei stürzten gleich beim Lager, und das dritte kam nur noch über den ersten Paß hinüber. Hinsichtlich des Terrains war dieser Tagemarsch einer der schlimmsten, die wir je gehabt. Es hatte nachts geschneit und am Morgen regnete es in Strömen. Das ganze Land sieht aus, als bestände es aus lauter Straßenkot, in den man einsinkt; vergeblich sucht man darin festen Fuß zu fassen. Alle müssen zu Fuß gehen auf die Gefahr hin, die Stiefel im Schlamm zu verlieren.
Wären unser nicht so viele gewesen, so hätten wir mehrmals die Kamele, die bis zur Hälfte in den nassen Schmutz einsanken, einfach zurücklassen müssen. Die Lasten werden ihnen sofort abgenommen und auf einigermaßen tragfähigen Boden gestellt, damit sie nicht ebenfalls verschwanden. Darauf wird der Schlamm mit Spaten weggegraben, das Kamel wird auf die Seite gelegt, die Beine herausgezogen und mit Hilfe von Filzdecken bringen wir das Kamel wieder auf die Beine. Unterdessen regnet es so, daß es von den Abhängen widerhallt.
Als ich am 28. geweckt wurde, wurde mir gemeldet, daß Kalpet aus Kerija vermißt werde. Er war am vorhergehenden Tage zurückgeblieben, aber alle hatten fest angenommen, er sei nach Einbruch der Dunkelheit unbeachtet angelangt. Ich schickte ein paar Leute zu Pferd aus, um ihn zu suchen. Nach einigen Stunden kehrten sie mit dem Ärmsten zurück, der erkrankt war und jetzt aufs beste gepflegt werden sollte.
Gefrorenes Wild.
Auf den Lagerplätzen wird jetzt sorgfältig Wache gehalten, und einer der Kosaken bringt die Nacht auf dem Weideplatze zu; ich pflege nachts ihr Singen und das Klingen der Saiten der Balalaika in der Ferne zu hören.
Das Lager Nr. 68 lag 5068 Meter hoch; noch war kein Niedrigerwerden des Hochlandes zu merken. Nachts sank die Temperatur mehrere Grade unter Null herab und stieg am Tage nur bis auf 10°; der Herbst hatte seinen Einzug gehalten, aber noch ahnten wir nicht den grimmigen Winter, der uns erwartete. Spuren von alten und neuen Lagerplätzen waren jetzt häufig, aber dennoch gab es viel Wild. Bei dem zuletzt erwähnten Lager zog sich eine Herde von 50 Kulanen bei unserem Herannahen zurück. Yake, Wildschafe und Hasen kamen massenhaft vor. Zwei »Kökkmek«-Böcke und eine hübsche kleine »Jure«-Antilope wurden erlegt. Vermittelst einiger Pflöcke und Schnüre stellten die Kosaken sie vor ein paar Lasten in der natürlichen Haltung auf, die sie im Laufe annehmen, und am Morgen waren sie, nach einer kalten Nacht, so steif gefroren, daß sie wie Turnböcke allein stehen konnten. Dies geschah, damit ich sie photographieren konnte. Nachts heulten die Wölfe unheimlich im Gebirge. Adler waren ebenfalls zahlreich, am Ufer eines kleinen Sees horstete eine ganze Gesellschaft; die Jungen waren noch nicht flügge und wurden von den Hunden angegriffen, verteidigten sich aber so tapfer mit Schnäbeln und Krallen, daß der Angriff siegreich abgeschlagen wurde.
Von einem Passe, den wir am 1. September überschritten, hatten wir nach Süden eine erfreuliche Aussicht. Das Land war mehrere Tagereisen südwärts ganz flach. Die Weide war gut, der Boden schimmerte sogar grün, und bei der ersten Quelle wurde das Lager aufgeschlagen.
Am Nachmittag wurde es im Lager lebendig. Eine Herde, die wir anfangs für Wildyake gehalten hatten, erwies sich, durch das Fernglas betrachtet, als eine Schar Pferde, Menschen aber konnten die rekognoszierenden Kosaken nicht entdecken. Erst am folgenden Morgen zeichneten sich auf einigen Hügeln fern im Süden wohl tausend Schafe ab. Sofort ritten der Lama, Schagdur und Sirkin dorthin. Nach einigen Stunden kam der Lama mit einem »Domba« Milch wieder, während die Kosaken sich eine Weile später einstellten, drei Tibeter vor sich hertreibend, die zu Fuß gingen und ihre Pferde und ein Schaf führten. Die Kosaken hatten ein Zelt mit 13 Bewohnern gefunden, die beim Herannahen der Fremdlinge die Flucht ergriffen hatten, aber, da sie ihre Pferde nicht zur Hand gehabt, leicht eingefangen worden waren.
Sie waren sehr verschüchtert, wagten es aber dennoch, sich auf das entschiedenste zu weigern, uns etwas Eßbares zu verkaufen, weil sie von ihrem Bombo Befehl erhalten hätten, uns auf keine Weise zu helfen. Erst nachdem Schagdur einen der Männer mit der Reitpeitsche traktiert hatte, wurden sie gefügig und ließen einen Napf Milch und ein Schaf ab. Sie erklärten, Untertanen des Bantsching Bogdo in Taschi-lumpo zu sein; mit den Behörden von Lhasa hätten sie direkt nichts zu tun.
Im Lager bewirteten wir sie mit Tee, Brot und Tabak, die Eßwaren wurden ihnen mit Geld aus Lhasa bar bezahlt, und außerdem erhielten sie eine Porzellantasse. Als wir genug von ihnen hatten, konnten sie gehen; im Handumdrehen saßen sie im Sattel. Aber ich wollte ihr Bild haben; der Lama hielt sie dadurch auf, daß er das eine Pferd am Zügel packte. Sobald er es losließ, stürmten sie wie Tollhäusler davon und beruhigten sich erst, als sie sich außer Schußweite glaubten, worauf sie lebhaft miteinander redeten und sich gewiß fragten, was wir denn eigentlich für sonderbare Menschen seien, daß wir so freundlich gegen sie gewesen.
Von Sirkin erlegter Kökkmek.
Wir konnten sie durchaus nicht dazu bringen, uns ein paar Pferde zu verkaufen. Sie führten als Grund an, daß sie nur die Hüter, nicht die Besitzer der Tiere seien. Es wäre für uns natürlich eine Kleinigkeit gewesen, den Pferdehandel gegen ihren Willen abzuschließen, aber dazu konnte ich mich nicht entschließen, so eifrig die Kosaken auch dafür stimmten. Was die Tibeter von meinem Zuge durch ihr Land auch später sagen würden, an meinem Andenken sollte nicht der Fleck haften, daß ich Pferde gestohlen und mich wie ein Räuber und Dieb betragen hätte. Der gute Eindruck, den sie hierdurch möglicherweise von den Europäern erhalten hatten, sollte jedoch leider nicht lange vorhalten. In diesen Tagen wird ihr Land von europäischen Eindringlingen im großen verheert.
Als wir am 3. September durch verhältnismäßig dicht von Nomaden bevölkertes Land nach Süden weiterzogen, begannen wieder bald rechts, bald links von uns berittene Soldaten gleichsam aus der Erde zu wachsen; sie sammelten sich allmählich und umkreisten uns unter wildem Kriegsgeschrei. Ihre Absicht war natürlich, uns aufzuhalten; aber in dieser Beziehung wurden sie von unserem alten Bekannten, dem Satschu-sangpo, übertroffen, dessen Wassermassen unserer Wanderung nach Süden Halt geboten. In unserer Nähe ließen sich die Tibeter an einem Feuer nieder.
Am nächsten Morgen besuchte uns der Bombo der Gegend mit seinem Stabe. Er flehte und bat, wir möchten doch umkehren, und er versprach, uns Proviant, Pferde, Schafe und alles, was wir irgendwie wünschten, zu geben, wenn wir nur so gut wären, schleunigst nach Ladak zu ziehen. Hätten wir aber die Absicht, nach Lhasa zu gehen, so müsse er erst einen Kurier dorthin senden, um Verhaltungsmaßregeln zu erbitten. Als ich ihn höflich bat, dahin zu gehen, wo der Pfeffer wächst, und seine Nase nicht in meine Angelegenheiten zu stecken, erklärte er resigniert und unerschrocken: »Ihr könnt uns töten, aber solange wir noch am Leben sind, werden wir euren Zug nach Süden zu verhindern suchen.«
Inzwischen war die kleine Jolle in Ordnung gebracht worden, und nachdem ich den Kosaken befohlen hatte, mit der Karawane am rechten Ufer flußabwärts zu ziehen, bestieg ich mein altes Fahrzeug und trieb, mit Ördek als Besatzung, in schwindelnder Fahrt den gewaltigen Fluß hinunter. Auf dem Gipfel eines senkrechten Felsens hatten die Tibeter ihr Lager. Das Boot trieb gerade unter ihnen hin; in diesem Augenblick stießen sie, mit Armen und Beinen gestikulierend, ein wildes Geheul aus. Sie hätten uns leicht durch herabgewälzte Steinblöcke töten können, aber nein, jetzt sind wir über den kritischen Punkt hinaus und stürmen auf den Flußwindungen zwischen diesen hohen, unbekannten Ufern weiter. Ich hatte mich auf Kissen und Filzdecken gesetzt und saß wie in einem Lehnstuhle. Es war eine herrliche, erquickende Fahrt.
Der Lama als Gehilfe beim Photographieren der Hirten.
Tibetische Hirten in unserem Lager im Gespräch mit Schereb Lama.
Nachdem wir die Nacht mit den Unseren und den Tibetern am Ufer zugebracht hatten, setzten wir unseren Weg auf dieselbe Weise fort. Der Fluß erweiterte sich nach und nach zu einer Breite von 500 Meter. Im Süden scheint sich ein Weltmeer auszudehnen, in dieser Richtung ist kein Land sichtbar. Nur zur Linken zeigt sich der Gebirgsast, der auf dem Ostufer des gewaltigen Sees Selling-tso liegt. Bei dem schönen warmen Wetter, das Luftspiegelungen hervorruft, scheint die ganze Kette über der Erde zu schweben, und unsere Kamele, die in der Ferne zu sehen sind, scheinen auf hohen, schmalen Stelzen zu gehen. Jetzt ist der Fluß ein paar Kilometer breit, und schließlich treten die Ufer zurück. Mit einer großartigen trompetenförmigen Mündung ergießt sich der Satschu-sangpo in den Selling-tso. Ein entzückendes Panorama entrollt sich vor uns; noch weit draußen im See schaukelt die Jolle auf trübgrauem Flußwasser, dahinter aber erglänzt der See in einem herrlichen blaugrünen Farbentone.
Es ist spät und starker Seegang herrscht, wir machen also einen Bogen nach der Stelle am Ufer, wo einige von den Unseren uns mit Pferden erwarten, um uns nach dem neuen Lager in der Nähe von drei tibetischen Zelten zu führen.
Die Karawane war während meiner Flußfahrt von tibetischen Reitern umschwärmt worden, welche die Kosaken unaufhörlich gehindert hatten, in den am Wege liegenden Zelten Eßwaren zu kaufen. Die Kosaken, die hitziger waren als ich, ließen ihnen durch den Lama sagen, der erste Tibeter, der sich künftig auf Schußweite nähere, werde einfach niedergeschossen werden. Die gute Landmiliz hielt sich denn auch während des Restes des Tages in angemessener Entfernung von uns, und wir benutzten die Gelegenheit, um unseren nächsten Nomadennachbarn mehrere Schafe und alles, was sie an Milch hatten, abzukaufen.
Es war die höchste Zeit, denn schon am folgenden Morgen langte eine Schar von mehr als 50 Reitern an, die ihre Zelte in unserer Nähe aufschlugen. Einige von ihnen unterhandelten mit dem Lama auf neutralem Gebiete, ich aber ließ sagen, wenn ihr vornehmster Anführer sich nicht persönlich in meinem Lager einfinde, werde aus einer Verhandlung nichts werden.
Er hielt dies wohl für eine harte Bedingung, denn er überlegte sich die Sache drei Stunden, ehe er es über sich gewann, zu Fuß mit einem Gefolge von zehn Bewaffneten im Lager zu erscheinen, wo er in das Küchenzelt geführt wurde. Er war ein sehr sympathisch und freundlich aussehender alter Mann. Um seine Furcht zu vertreiben, ließ ich die Spieluhr gehen, aber nicht einmal die Marseillaise konnte ihn dazu bringen, eine Miene zu verziehen; wahrscheinlich hielt er die Spieluhr für eine Höllenmaschine oder Kugelspritze oder sonst für ein für gute Gesellschaft unpassendes Spielzeug. Gerade als die schleppenden, wehmutsvollen Töne der Cavalleria seine gefühllosen Ohren umschmeichelten, bat er mich flehentlich, umzukehren; ich solle alles haben, was zum Rückzuge nötig sei. Wenn nicht, so bitte er mich, wenigstens zu warten, bis er vom Dewaschung, dem »Heiligen Rate« in Lhasa, an den er sofort einen Eilboten senden werde, Antwort erhalten habe. Die Antwort werde in vier Tagen hier sein. Ich antwortete nur, daß wir geradeswegs nach Lhasa gehen würden.
»Dann werden wir euch folgen und euch daran hindern«, erwiderte er, »wir erhalten bald Verstärkung.«
»Wenn ihr uns hindern wollt, müßt ihr schießen; bedenkt aber, daß auch wir Gewehre haben!«
Älterer Tibeter.
Nun schüttelte er den Kopf: Wir haben nie daran gedacht, zu schießen; so harte Worte brauchen nicht zwischen uns gewechselt zu werden, wir sind ja Freunde.«
Dann kehrte er, niedergeschlagen und bekümmert, nach seinem Zelte zurück.