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Auf den Hochebenen des nordwestlichen Tibet und des östlichen Pamir sammelt sich von Gletschern und schmelzenden Schneefeldern, von Quellen und Regengüssen all das Wasser an, das nachher vereinigt in einem prachtvollen Durchbruchstale den großen Fluß bildet, der in verschiedenen Teilen seines Oberlaufes Serafschan, Raßkem und Jarkent-darja heißt. Durch seine Nebenflüsse verstärkt, wird er groß genug, die ganze ostturkestanische Wüste, eine Strecke von 1500 Kilometern, zu durchziehen und sich in den See Kara-koschun zu ergießen.
Hört nun meinen Reiseplan! Warum, so dachte ich, soll ich den Weg durch die Wüste einschlagen oder den längs der Wüste, die ich schon so gut kenne? Warum soll nicht dieser Fluß, der seine Wasserkraft Jahrtausende lang nutzlos verschwendet hat, jetzt endlich einmal Nutzen bringen und in meinen Dienst treten? Seine lehmigen Wassermassen strömen doch gerade nach Osten; warum sollten sie mich nicht auf ihrem Rücken tragen können, da auch ich nach derselben Seite will? Wohl hatte die vorsichtige Klugheit, die nicht meine Eigenschaft ist, mir gesagt: »Du bist verrückt; begreifst du nicht, daß die Wasserfälle dein Fahrzeug umkippen werden, daß du unaufhörlich auf Sandbänken festsitzen mußt und daß du, wenn dir irgendein Hindernis den Weg versperrt, in diesem. unbekannten Lande, wo es weder Menschen noch Pferde gibt, rettungslos verloren bist?« Und ich hatte geantwortet: »Alles das ist wahr, alles kann vorkommen, doch die Abenteuer und die Gefahren sind gerade die Würze, deren ich bedarf, um mich wirklich wohl zu befinden, und trotz deiner guten Ratschläge, liebe alte Klugheit, werde ich die 2000 Kilometer, die mich noch trennen von dem Punkte, an welchem der Fluß in seinem Kampfe mit der Sandwüste unterliegt, mit der Strömung hinabtreiben.«
Das gab ein Leben in Lailik wie nie zuvor, als unsere große Karawane am linken Flußufer lagerte! Die Bevölkerung der ganzen Gegend mußte natürlich herbeiströmen und sich die seltsamen Fremdlinge ansehen, von deren Tun und Lassen man nur sehr dunkle Begriffe hatte. Schon am ersten Morgen gab ich Befehl, daß eine große, prächtige Fähre angeschafft werde, von der Art, wie sie in der Nähe der Stadt Jarkent zur Beförderung der Karawanen und Waren über den Fluß benutzt wird, – sonst würden die Häuptlinge der Gegend es mit meinem Freunde, dem Dao Tai, dem chinesischen Gouverneur in Kaschgar, zu tun haben.
In Erwartung dessen probierte ich mit Sirkin die kleine Segeltuchjolle. Sie schwamm leicht und angenehm auf den tanzenden Wasserringeln des Flusses und glitt lautlos mit der Strömung abwärts. Man wird das Opfer einer eigentümlichen Gesichtstäuschung. Die Jolle bleibt ja im Verhältnis zu der grautrüben Wassermasse absolut bewegungslos, aber der Buschwald an den Ufern eilt schnell an uns vorüber. Alles um uns her ist so still und stumm, und dennoch geht es mit rascher Fahrt vorwärts. Es gab mir einen herrlichen Vorgeschmack von der bevorstehenden Reise. Ein Eisenbahnwagen, ein Dampfer oder eine Jacht könnten nie ein relativ so regungsloses Beförderungsmittel abgeben, nur die Gondel eines Ballons, der durch die Lüfte schwebt, ließe sich mit dem schnellen und doch so ruhigen Gleiten unserer Jolle vergleichen.
Doch die Entfernung wächst, und wir denken gar nicht daran, daß wir mit dem Boote wieder zurück müssen. Wir landen, Sirkin eilt in den Wald und kommt mit einem Pferde wieder. Er steigt auf und bugsiert das Boot an einem Seile in einem Seitenarme nach dem Lager zurück. Das Wasser wird immer tiefer, es reicht ihm bis zur Mitte, ihm schwindelt, als das Pferd auf einmal den Grund unter den Füßen verliert und von der Strömung ergriffen wird, er springt ab und sucht schwimmend das Boot zu erreichen, verschwindet aber unter der Wasserfläche! Ich fühlte, wie ich erblaßte und wie es mich ganz kalt überlief. Soll mein prächtiger Kosak gerade jetzt, da alles so schön und vielversprechend ist, ertrinken, wird er vom Strudel hinabgezogen werden, um in diesem mächtigen Flusse zu verschwinden, soll ein Menschenleben vergeblich vor meinen Augen vernichtet werden? Nein, Gott sei Dank, nach ein paar Sekunden taucht er wieder auf und nähert sich dem Boote, ich halte ihm das Ruder hin, er ist gerettet!
Die Werft.
Als wir schließlich das Lager erreichten, herrschte dort Leben und Bewegung. Die Fähre lag bereit und wurde nach dem rechten Flußufer geschoben wo eine Werft angelegt werden sollte. Es war jedoch leichter gesagt als getan, dieses schwere Ungetüm auf das ziemlich starke Ufer hinaufzuziehen. Doch gelang es schließlich etwa hundert Leuten, sie mit Hilfe von Bretterschienen hinaufzuschleppen. Dabei sangen sie, um ihre Kräfte anzufeuern, und Hakim Bek, der Häuptling, stand mitten auf der Fähre, nicht um sie leichter zu machen, sondern um mit seiner hohen Gegenwart zu imponieren; er hielt eine lange Gerte in der Hand und klatschte, schlug und kommandierte wie ein Zirkusdirektor.
Ehe man es sich versah, war die Einrichtung der Fähre in vollem Gang. Ich wollte sie nach meinem eigenen Kopfe eingerichtet haben, bequem und praktisch, ein gemütliches Heim während der langen Monate, die sie mir als Wohnung dienen sollte. Schreiner zimmerten tagelang und sangen im Takte mit dem Knirschen der Säge in den Planken. Funken stoben von den eisernen Krampen, die in einer improvisierten kleinen Schmiede zwischen den Büschen zurecht gehämmert würden. Kleine Karawanen kamen mit Planken, und notwendigem Bauholz. Unzählig waren die Leute, die sich nur einstellten, um unser stolzes Drachenschiff genauer in Augenschein zu nehmen, und unausgesetzt lösten sie einander im Laufe des Tages ab. Sie brachten gewöhnlich Obst, Brot, Reis, Eier und Schafe mit als Geschenke, erhielten aber stets dafür Bezahlung. Schließlich wurde mir ihre Freigebigkeit zu teuer und als wir auf diese Weise Proviant für längere Zeit erhalten hatten, mußte ich feierlich erklären, daß wir mit größter Dankbarkeit keine weiteren Gaben annähmen.
Jetzt will der Leser wohl hören, wie die Fähre aussah, als sie fertig gebaut war? Vorn war ein Deck gelegt, auf dem mein Zelt aufgeschlagen wurde; in der Mitte erhob sich eine würfelförmige Kajüte von dünnen Latten, mit doppelten schwarzen Filzdecken belegt. Auf dem Achterdeck wurde ein großer Teil des Proviants aufgestapelt; hier hatten meine eingeborenen Diener ihren ständigen Aufenthalt. Während der langen Tagereisen flußabwärts saßen diejenigen, welche nicht von Navigationsarbeiten in Anspruch genommen waren, um einen kleinen gemauerten Herd herum, auf dem sie ihr Frühstück bereiteten; als im Spätherbste und Winter die Kälte fühlbar wurde, loderte auf dem Herde ein gewaltiges Holzfeuer.
Die schwarze Kajüte war mein Laboratorium, wo photographische Platten entwickelt wurden. Längs der Wände liefen Bretter und Borde, die mit einer ganzen Batterie von Büchsen, Flaschen und anderen Dingen besetzt waren. Auf dem Fußboden standen mehrere Holzwannen mit Wasser und aus dem Dache eine große Kufe, von der das Wasser mit einem Schlauche in einen Samowar, wie die russischen Teekessel heißen, hinabgeleitet würde, worin ich die Platten wusch. In die Wände der Kajüte wurden drei Fenster mit Glasscheiben eingesetzt, für den Fall, daß die Kälte mich im Herbste aus dem Zelte dorthin treiben würde.
Ganz vorn im Zelte standen zwei Koffer aufeinander, die mir als Schreibtisch dienten, und das Futteral des photographischen Apparats war mein Stuhl. Hier saß ich wie festgenagelt während der ganzen langen Fahrt und zeichnete eine Karte von dem gewaltigen Flusse, seinen Ufern und Inseln, seinen Wäldern und Bergen von Flugsand. Das Deck, auf dem das Zelt stand, war mit einem prachtvollen Teppich aus Chotan belegt; im übrigen bestand die Einrichtung aus meinem bequemen Feldbette und ein paar Kisten mit wichtigen Instrumenten.
Eine kleine Fähre, die in Lailik gebaut wurde, sollte unseren gröberen Proviant, wie Mehlsäcke und Brot, Gemüse und Obst, Schafe und Hühner, befördern. Idyllisch wie ein Landgut, tanzte diese kleine Fähre den Tarim hinunter, und ihre Passagiere gewöhnten sich bald daran, die Ufer vorbeieilen zu sehen. Die Hühner versorgten mich mit Eiern zum Frühstück, der Hahn weckte mich zur Tagesarbeit und zeigte dabei eine so überlegene Sicherheit, als sei er Oberadmiral der ganzen Flottille.
Bevor wir Lailik verließen, wurden alle Vornehmeren aus den Nachbardörfern und unsere Arbeiter zu einem großen Gastmahle geladen, bei dem es Schaffleisch, dampfenden Reispudding und brühheißen Tee im Überfluß gab. Bei Eintritt der Dunkelheit wurden chinesische Papierlaternen zwischen den Zelten aufgehängt, und ein aus Trommeln und Saiteninstrumenten bestehendes Orchester erklang eintönig und wehmütig durch die klare, stille Abendluft. Für mich war diese anundfürsich sympathische Musik mit traurigen Erinnerungen verknüpft. Dieselben Leute, die jetzt mit Lust und Liebe auf ihre Trommeln schlugen, hatten vor vier Jahren auf dieselbe Weise meinen Aufbruch zu dem unheimlichen Wüstenzuge gefeiert. Wie so ganz anders als damals waren die Geschicke, denen wir jetzt entgegengingen! Wir brauchten wenigstens nicht vor Durst zu sterben, Tag und Nacht würde das Rauschen des Wassers unsere Worte und Gedanken begleiten. Unsere Lungen würden sich nicht mit Flugsand und Staub füllen, sondern reine Luft atmen, die durch die Wälder an den Ufern des Tarim filtriert war.
In dem matten Scheine der Laternen traten jetzt Tänzerinnen zum Ringeltanze an und drehten ihren Leib mit ruckweisen, wenig graziösen Bewegungen. Sie trugen lange weiße Hemden, und dicke schwarze Flechten hingen ihnen den Rücken herab. Lautlos schwebten sie wie Elfen langsam, feierlich, aber leicht zwischen den Laternen umher; sie boten ein Bild des Lebens, das, ehe wir es ahnen, an uns vorbeigetanzt ist. Bald glichen sie dunkeln Schatten, bald weißen Gespenstern mit schwingenden, ausgestreckten Armen. Die Musik, der Gesang, der Tanz, – es waren vergängliche, aber dennoch ewig junge Vergnügungen. Über uns aber wölbte sich der gewaltige Himmelsdom mit seinen funkelnden Sternen; nicht ein Windhauch zog flüsternd durch das Buschholz.
Ob sie hübsch waren? Ja freilich, Tänzerinnen sind immer hübsch. So glaubte ich wenigstens, als der matte Lichtschein auf ihre Züge fiel. Am Tage darauf sollten sie auch auf ein paar Platten verewigt werden, und ich bat sie höflich, sich einzufinden. Doch da lüftete die Sonne unerbittlich und grausam den Schleier, der sie in der Dämmerung verschönernd umwoben hatte, – es waren alte Hexen, die nie anders als bei Mondschein tanzen sollten!
Am 17. September war der große Tag der Abreise, der Tag, an dem ich eine Fahrt antrat, die ich nie vergessen werde, eine Fahrt, so idyllisch und bequem, so reich an frohen Erinnerungen und wichtigen Erfahrungen, eine Fahrt, die alle jene überzeugen sollte, die nie hatten glauben wollen, daß man die Wüsten des innersten Asien zu Wasser durchqueren könne. Ich trat diese Fahrt jedoch nicht ohne ein gewisses Beben an, denn von nun an würde ich drei Monate lang von der Karawane, dem größten Teile des Gepäckes, beinahe allem Silber, meinen Dienern und den beiden prächtigen Kosaken getrennt und abgeschnitten sein. Ich hatte nur Islam Bai bei mir und einen Jungen namens Kader, der des Schreibens kundig war und deshalb mein türkischer Sekretär wurde.
Doch wird es uns je gelingen, unser schweres Fahrzeug 2000 Kilometer flußabwärts nach dem verabredeten Zusammenkunftsorte zu lotsen? Werden wir überall durchkommen oder auf halbem Wege jämmerlich festsitzen und dann gezwungen sein, die Fähre zu verlassen und zu Fuß menschliche Wohnungen aufzusuchen? Gab es nicht vielleicht auf dieser langen Strecke irgendwo Stromschnellen und Wasserfälle, wo wir Schiffbruch leiden und all unsere Habe verlieren konnten? Und werden nicht der Eintritt des Winters und das Eis uns ein unerschütterliches »Halt« zurufen, ehe wir unser Ziel erreicht haben?
Tänzerinnen und Musikanten beim Abschiedsfest in Lailik.
Alles dieses waren Fragen, die nur die Zukunft beantworten konnte und die uns daher in ständiger Spannung hielten. Einstweilen schien die Spätsommersonne noch warm und freundlich, das Flußwasser war warm und verlockte uns oft zu einem Sprunge direkt von der Reling der Fähre in den Fluß, noch standen die Wälder grün und lachend auf beiden Seiten unserer breiten, blanken Wasserstraße.
Ich erteilte den Karawanenleuten und ihrem Führer Nias Hadschi, einem alten Manne, der zum Grabe des Propheten gepilgert war, meine letzten Befehle; ich sagte ihnen und den eskortierenden Kosaken Lebewohl, und als der Klang der Kamelglocken in den jungen Wäldern verhallt ist, besteigen auch wir unser stolzes Drachenschiff, das an einer Sandbank lag und an seinen Vertäuungen zerrte.
Der Tag war schon weit vorgeschritten, als alle Knoten gelöst waren und die Fähre auf dem beweglichen Rücken der schweren Wassermasse von der Strömung ergriffen wurde und mit guter Geschwindigkeit den majestätischen Fluß hinunterglitt.
Wie es jetzt an Bord aussah? Auf dem Vorderdecke vor meinem Schreibtische steht Palta, ein hochgewachsener, sehniger Türke, der in seinen starken Händen eine 6 Meter lange Stange hält, um uns abzustoßen, wenn uns die Strömung gar zu schnell gegen das unterwaschene Ufer treibt. An jeder Ecke des Achterteils steht ebenfalls ein Mann mit einer Stange. Die Besatzung ist vollzählig, wenn ich noch Kasim nenne, der allein auf der Proviantfähre residiert und beauftragt ist, oft die Tiefe zu messen, um uns rechtzeitig vor seichten Stellen warnen zu können. Die Passagiere bilden Islam und Kader, die plaudernd auf dem Achterdeck sitzen. Doch nein, sie sitzen noch nicht, sie stehen und schauen flußabwärts, voll Verwunderung über diese seltsame Art zu reisen; erst nach einigen Tagen, als sie sich daran gewöhnt hatten, beruhigten sie sich darüber. Wir dürfen auch nicht vergessen, in die Passagierliste die Namen Jolldasch und Dowlet einzutragen, meine lieben Hunde, die mir im Zelte treu Gesellschaft leisten, wenn es nicht gar zu heiß ist, denn dann liegen sie unter dem Vorderdeck, wo eine kühle, feuchte Kellerluft herrscht.
Auf dem Schreibtische liegen Kompasse, Diopter, Uhr, Fernglas, Zirkel und Federn in beschaulicher Unordnung um ein großes Stück weißen Papieres herum – die erste Karte des Flusses, auf der sich in dem Maße, wie wir weiter treiben, eine Krümmung nach der anderen entwickelt. Und hier sitze ich, lauernd wie eine Spinne in ihrem Netze, damit kein Gegenstand an den Ufern und keine Sandbank im Flusse meiner Aufmerksamkeit entgehe.
Wir waren noch nicht weit gelangt, als Gruppen von Landleuten und Frauen, mit Melonen, Brot, Eiern und anderen guten Dingen beladen, die Ufer besetzten, aber wir haben übergenug Proviant und lassen uns nicht aufhalten. Eine tiefe Stromfurche von einigen Metern Breite trennt uns von ihnen, und mit langen Gesichtern stehen sie da als die Fähre schnell an ihnen vorübergleitet. Aller Brandschatzung sollten wir jedoch nicht entgehen, denn bei der nächsten Biegung kamen uns ebenfalls eine Menge Leute mit Eßwaren entgegen. Vergebens suchten wir ihrer zweideutigen Freigebigkeit auszuweichen und die Fähre in tiefes Wasser hinauszuschieben; bevor wir uns dessen versahen, waren sie in den Fluß gewatet, hatten die Fähre erreicht und geentert und legten nun ihre Gaben auf Deck vor meinem Schreibtische nieder. Nachdem sie bezahlt worden waren, plätscherten sie denselben Weg zurück, unter Lachen und Scherzen über ihre gelungene List.
Lager am Strand.
Noch ein paar Flußbiegungen verschwinden hinter uns; jetzt aber nähert sich die Sonne dem Horizonte, und es wird Zeit, ans Lagern zu denken. Nie war mir diese Prozedur so einfach erschienen wie jetzt. Der Leser wird später hören, wie lästig und beschwerlich das Lagerschlagen ist, wenn man zu Lande mit einer großen Karawane reist, alle Lasten losmachen und ordnen muß, die Zelte aufschlagen und »möblieren« soll und sein Abendessen zu kochen hat. Jetzt hingegen brauchte ich nur, wenn eine passende Landungsstelle in Sicht war, »Halt« zu rufen. Palta stemmte seine Stange auf den Grund und seine Fersen gegen das Vorderdeck und zwang mit seiner ganzen Kraft die Fähre mit dem Achter einen Bogen nach dem Ufer zu beschreiben; mit einem Taue in der Hand springt einer der anderen aufs Land, und im Nu liegt das Fahrzeug an einem Baumstümpfe festgemacht; dann wird es mit noch zwei Sicherheitsleinen vertäut, damit es über Nacht nicht ins Treiben gerät.
Nun herrscht in unserem kleinen Staate Leben und Bewegung. Kisten, Proviant und Küchengeschirr werden an Land gebracht; mit Spaten und Beilen wird ein offener kleiner Platz im Gesträuche ausgerodet, wo die Leute ihre Schlafdecken im Kreise um das Feuer ausbreiten, das bald hell und munter auflodert. Die kupfernen Kannen werden mit Wasser für den Tee gefüllt und in die Glut geschoben, und über das Feuer wird ein eiserner Dreifuß für den offenen Kessel gestellt. Inzwischen wird das erste Schaf geschlachtet; die Beine werden ihm mit einem Strickende zusammengebunden und während der Schlächter es mit der linken Hand an der Nase festhält, sticht er ihm den kalten, scharfen Stahl in die Kehle; das Leben entflieht mit dem warmen Blutstrome und wenn die Todeszuckungen aufgehört haben, wird das Opfer abgehäutet. Es geschieht auf die Weise, daß man an der inneren Seite des einen Hinterbeines ein Loch in die Haut schneidet; in dieses Loch bläst der Mann so viel Luft hinein, wie seine Lungen hergeben. Das Schaf schwillt auf und liegt schließlich dick und rund wie ein Ball da; wenn man dann zum Messer greift, löst sich das Fell mit größter Leichtigkeit von den Bindegewebehäuten ab. Darauf wird der Schafleib zerstückelt und einige der besten Stücke in schmale Streifen und Würfel zerschnitten, um als wichtigstes Ingredienz in den landesüblichen Asch oder Reispudding getan zu werden, welches Gericht fast drei Jahre lang meine tägliche Nahrung bilden sollte und dem deshalb die Ehre einer kurzgefaßten Beschreibung zuteil werden soll.
Nachdem der Kessel reingescheuert und auf den Dreifuß über das Feuer gestellt worden ist, legt man einige Fettstücke von dem soeben geschlachteten Schafe hinein, und wenn diese nach gewaltigem Brodeln geschmolzen sind, gehen die Fleischstücke denselben Weg; ihnen folgen die Gemüse, vorzugsweise Zwiebeln, Möhren und weiße Rüben, die alle fein gehackt fein müssen. Unterdessen wäscht der Koch den Reis in einem Holztroge und schüttet ihn dann in den Kessel, der zum Schlusse bis an den Rand mit Wasser gefüllt wird. Das Gericht wird hierauf mit einem Deckel zugedeckt, um das Hineinfallen von Staub und anderen Dingen zu verhindern. Erst wenn alles Wasser verkocht ist und die Reiskörner genügend aufgequollen sind, ist der Pudding fertig und dann schmeckt er, wie ich versichern kann, delikat; er war das einzige Gericht, dessen ich nie überdrüssig wurde.
Eine gewaltige Portion wird zwischen Koffer und Kompasse auf meinen Schreibtisch gesetzt; Brot, Tee, Milch und Eier, Birnen und Melonen vervollständigen das Menü. Dowlet und Jolldasch leisten mir Gesellschaft; mit gespannter Aufmerksamkeit und bittenden Blicken beobachten sie, den Kopf auf die Seite gelegt, wie ich tapfer in den Asch einhaue. Wenn der Appetit befriedigt ist und ich meine Abendzigarre anzünde, kommt die Reihe an sie; einige schöne Fleisch- und Knochenstücke werden gebracht, die ich meinen beiden Reisekameraden höchst eigenhändig ins Maul werfe.
Droben auf dem waldigen Ufer am Feuer herrscht merkwürdige Stille; es kommt daher, weil die Muselmänner im Kreise um ihre gemeinschaftliche Schüssel sitzen und sich den Pudding mit den Händen einlöffeln. Sie beginnen die Mahlzeit mit einem »Bißmillah rahman errahim« (Im Namen Gottes, des Barmherzigen, Erbarmenden), und wenn sie mit dem Essen fertig sind, streichen sie mit den Händen über den Bart oder, falls sie keinen haben, über das Kinn und rufen miteinander: »Allahu ekbär« (Gott ist groß!).
Nicht lange dauert es, bis sie den Tag beschließen; sie legen sich beinahe splitternackt auf ihre Filzdecken mit das flackernde Feuer. Die sonnverbrannten, kupferbraunen Kerle erinnern in dem roten Feuerscheine an Indianer, die nach dem Streifzuge des Tages ausruhen. Sie schnarchen schon lange wie Sägemühlen, wenn ich noch an meinem Schreibtische die Erlebnisse des Tages in mein Buch eintrage. Die Zeltwand steht offen, und die dunkle, erhabene Nacht kann in meine einsame, schwimmende Wohnung hineinschauen. Das tiefe, heilige Schweigen wird nur dadurch unterbrochen, daß sich gelegentlich au einer von der Strömung unterwaschenen Uferterrasse ein Sandrutsch ereignet. Die Mücken, die bei Sonnenuntergang ihre blutdürstigen Bacchanale getanzt haben, sind zur Ruhe gegangen. Der Mond gießt sein silbernes Licht über den breiten Fluß aus, der wie eine nordische Straße gähnt. Ich konnte mich von diesem großartigen Bilde nicht losreißen; stundenlang blieb ich sitzen und freute mich an dem friedlichen, schönen Ufer der herrlichen Nacht. Ein Friedensengel schien in diesem Augenblick über der Erde zu schweben. Aus weiter Ferne durchdringt Hundegebell die Stille, meine beiden vierbeinigen Gefährten knurren verdrießlich, und losgerissen aus dem Netze von Zukunftsgedanken, in das ich mich in meinem eigenen Kopfe verwickelt hatte, eile ich, das Zelt zu schließen, und krieche ins Bett. Das Behagen der Ruhe wird verstärkt durch das Bewußtsein, daß ich hier an Bord für Skorpione und anderes zudringliches Ungeziefer unerreichbar bin.
Idyllische Fahrt auf dem Tarim.