Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
In der altgewohnten Zugordnung ging es bald am Ufer, bald im Bette des Flusses nach Süden weiter. Meistens trug der Boden, aber an einigen Stellen war er heimtückisch. Tschernoff, der unser Führer war, wäre beinahe versunken; sein Pferd verschwand buchstäblich unter ihm in einem Schlammpfuhle und konnte nur mit Mühe gerettet werden. Eine lange Strecke weit hielten wir uns oben auf der hohen Terrasse, wo der Fluß tief unter uns rauschte. Drunten hielt eine Schar Wildgänse Rast, ein Schuß krachte, die meisten flogen auf, aber einigen versagen die Flügel den Dienst, sie laufen mit den Flügeln schlagend auf den Schlammbänken umher. Da stürzt sich Ördek mit staunenerregender Kühnheit und Gewandtheit die beinahe senkrechte Wand hinab, eilt den Verwundeten nach, holt sie ein und zieht sein Messer, um sie sofort zu schlachten. Es war das Werk eines Augenblicks. Doch statt zu uns zurückzukehren, fällt er der Länge nach hin und bleibt regungslos wie ein Toter auf dem Rücken liegen. Hat ihn ein Herzschlag getötet? Ich schickte sofort zwei von den Kosaken hinunter, die ihn tüchtig rütteln; er erhebt sich taumelnd, kann aber bald wieder sein Pferd besteigen und ist nach einer Stunde wieder gesund. Man muß sich in dieser dünnen Luft vor Laufen und überhaupt jeder Art Anstrengung hüten. Unser Herz und unsere Lungen eignen sich nicht dafür.
Auch Rebhühner und Antilopen wurden unterwegs geschossen. Einige große leere Säcke baumeln stets an den Seiten einiger Kamele. In diese Säcke wird der Yakmist, an dem wir vorbeikommen, gesteckt; wenn wir lagern, haben wir dann sowohl zu den Abend-, wie zu den Morgenfeuern Brennstoff.
Vor uns erhebt sich eine schneebedeckte Bergkette; aus einem ihrer Talschlunde kommt ein kleiner Bach, der gerade beim Heraustreten einen großen Eisfladen gebildet hat, um den herum ein wenig Weideland ist, das zur Rast anlockt. Die Zelte werden am Rande des Eises aufgeschlagen, so daß sie einem kleinen Felsblocke gerade gegenüber liegen. Was in aller Welt ist das? Der Block beginnt sich zu bewegen; das ist kein Stein, wahrscheinlich ein Yakkalb, das geschlafen hat! Eine leise, eifrige Unterhaltung ertönt aus der Jurte der Kosaken. Tschernoff schleicht sich zu mir und flüstert mir voller Erregung und Jagdeifer zu: »Ein Bär!« Da kommt der Petz denn auch richtig ganz ruhig auf das Lager losspaziert und macht große Augen, als er den Platz schon besetzt sieht. Schnell werden alle Hunde gebunden und hinter einen Hügel geführt. Durch das Fernglas beobachten wir den heranschlendernden Einsiedler, der mit den Füßen einwärts geht und mit seinen plumpen Bewegungen gar komisch aussieht. Die Kosaken sitzen mit gespanntem Hahne, weitgeöffneten Augen und vor Kampflust glühenden Wangen da. Der Petz aber muß blind und taub gewesen sein, denn er marschierte dem Tode geradeswegs in den Rachen. Jetzt ist er am Eisrande angelangt, überlegt einen Moment und geht dann auf dem Eise weiter, immer mit der Nase am Boden schnüffelnd, als ob er einen Süßwassertümpel suchte. Sein Gang ist langsam, er ist gewiß müde. Bisweilen bleibt er stehen und guckt talaufwärts. Welchen ungelösten Rätseln dieser einsame Philosoph wohl seine letzten Gedanken widmet? Ja, wer mir das sagen könnte! Das wußten nur die Geister des Gebirges, denen Schereb Lama eine Votivpyramide bauen wollte, wenn wir erst glücklich hinüber wären. Jetzt verschwindet der zottige Wanderer in einer Mulde im Eise, er zaudert dort; die Geduld der Kosaken verträgt kein längeres Warten, ich rate ihnen, die Gelegenheit zu benutzen, um sich bis an den Rand des Eises zu schleichen, wir müssen ein Bärenskelett nach Hause mitbringen. Jetzt zeigt er seinen grauen Pelz wieder diesseits der Mulde und setzt ruhig seinen Todesgang fort. Pang! Drei Schüsse krachen, als wäre es nur einer gewesen, der Petz rennt in wildem Galopp den Abhang oberhalb des Lagers hinauf; Pferde standen bereit, die Kosaken setzen ihm in Karriere nach, eine neue Salve hallt von den Bergen wider, und die Bestie rollt wie ein Ball den Abhang hinunter.
Nachdem er in möglichst lebender Stellung auf einer Platte verewigt worden war, wurde das Skelett präpariert. Im Magen hatte er einige Kräuter und ein kürzlich verzehrtes Murmeltier. Dieses hatte er mit Haut und Haar verspeist und zwar auf folgende pfiffige Art, um das Gericht möglichst schmackhaft zu machen und es bequem hinunterzubringen: er hatte sein Opfer bis auf die Tatzen abgehäutet, den Körper und die Knochen erst verzehrt, dann das Fell mit den Haaren nach innen wie einen Ball zusammengerollt und nun dieses ganze Gericht auf einmal hinuntergeschluckt.
Am folgenden Tage herrschte heftiger Schneesturm; wahre Schneewehen häuften sich in unserer luftigen Lagerstadt und um diese herum an, und wir konnten nicht aufbrechen. Am nächsten Tage aber war das Wetter herrlich, der Schnee knirschte unter den Fußschwielen der Kamele. Wir überschritten einen Paß und fanden auf seiner anderen Seite einen kleinen See, an welchem das Lager in einer Höhe von 4733 Meter aufgeschlagen wurde. Die noch lebenden Esel waren jetzt in so jämmerlichem Zustande, daß wir sie nicht weiter mitschleppen konnten. Dowlet wurde mit anständigem Lohne entlassen und zog wieder nordwärts, mit ihm seine fünf Eseltreiber und drei von meinen Dienern, die ich zurückschickte, weil ich ihrer nicht mehr bedurfte und sie überdies auch nicht sehr brauchbar waren.
In bedeutend verringerter Zahl zogen wir am 21. Juni in noch höhere Regionen hinauf. Unser alter Todfeind, der Arka-tag, lauerte vor uns, und wir mußten wieder seine mörderischen Verschanzungen erstürmen. Das Tal stieg langsam an, sein Boden war hart und spärlich mit Gras bewachsen. Gras? Denkt sich der Leser vielleicht eine saftig grünende Wiese? Nein, es sind kleine, zollhohe, gelbe, harte Grashalme, eher Borsten als unserem Grase vergleichbar. Man hüte sich davor, sich mit dünnen Beinkleidern auf einer Böschung, wo solches Gras wächst, hinzusetzen, man würde überraschend schnell wieder aufspringen. Dies ist die einzige Nahrung, die dieses unwirtliche Land unseren Tieren bietet.
Erlegter tibetischer Bär.
Zwei Antilopen fallen durch Schagdurs und Sirkins Kugeln. Im Galopp reitet letzterer hin, um seine Beute zu holen, doch ehe er sie erreicht, stürzt sein Pferd, überschlägt sich und schleudert den Reiter über seinen Kopf hinweg, so daß er an der Erde entlang rollt. Das Pferd war mausetot, entweder hatte es der Schlag gerührt oder es hatte sich das Genick gebrochen. Sirkin kam sehr niedergeschlagen wieder, um ein anderes Pferd zu besteigen. Er hatte das gefallene mit aller denkbaren Fürsorge behandelt; es war solch eine breithalsige Krummnase mit kräftiger Brust und üppigem Schwanze, wie man sie auf Schlachtenbildern aus Karls XII. Zeit sieht.
Ein Kamel, das alles, was Paß hieß, mit Recht verabscheute, obgleich es selber ein Paßgänger war, blieb unterwegs zurück, und Turdu, der bei ihm geblieben war, kam abends allein im Lager an. Am Morgen befahl ich zwei Männern, zurückzugehen und das Kamel zu schlachten, wenn es sich nicht zum Mitkommen bewegen ließe. Auch sie kamen allein wieder, und erst nach mehreren Tagen erfuhr ich, daß sie es lebend zurückgelassen hatten, weil es, wie sie sagten, ganz gesund gewesen war und sie sich nicht hatten überwinden können, es zu töten. Ich hoffe, daß das Tier Verstand genug gehabt hat, um, den Spuren der Karawane rückwärts nachgehend, wieder zu seinen friedlichen Weiden zurückzufinden.
Hier oben gab es kein Anzeichen von Pflanzenwuchs mehr. Seitdem wir die Esel los waren, war unsere Last recht schwer, und wir gingen daher beängstigend verschwenderisch mit den Vorräten um. Jedes Kamel erhielt allabendlich ein großes Weizenbrot. Die Last mußte unbedingt vermindert werden, und lieber, als etwas zurückzulassen, fütterten wir die Kamele damit. Mein Artan, auf dem ich durch die Wüsten geritten war, erkrankte hier an einer Art Starrkrampf; ich verbrachte den ganzen Abend damit, das Tier zu massieren. Es ist beschwerlich, Kamele 5000 Meter über dem Meeresspiegel zu massieren; aber Artan wurde wieder gesund und war einer der letzten Neun, die Ladak erreichten. Er führte stets die Karawane an und trug eine der größten Glocken am Halse. Und jedesmal, wenn seine Glocke ihr dumpfes Dingdong läutete, wußte ich, daß wir dem Ziele einen Schritt näher gekommen waren.
Am 22. Juni wurde es im Lager früh unruhig, denn jetzt sollte der Sturmlauf gegen die Höhen des Arka-tag versucht werden. Der lange Zug begann sich langsam nach dem rekognoszierten Passe hinaufzubewegen. Kaum einen Steinwurf vom Lager legte sich eines der Kamele nieder. Es wurde von seiner Last befreit und sollte unbeladen geführt werden, fiel aber auf einem Abhange auf einmal wieder hin und war sichtlich dem Tode verfallen. Mit einem Schnitte erschloß das Messer einen Weg für einen dunkeln, dicken Blutstrom, der sich in einer kleinen Rinne ansammelte und die unfruchtbare Erde anfeuchtete. Das Tier lag so still, als freute es sich, daß die Stunde der Erlösung geschlagen hatte.
Ich ritt jetzt schnell der Karawane nach, die Vorsprung gewonnen hatte. Gerade als ich sie erreichte, brach das Unwetter los, eines der schwersten, die ich in Tibet erlebt habe. Massen von Hagel und Schnee stürzten herab. Man erstarrt vor Kälte und sucht sich vergeblich gegen den peitschenden Wind zu schützen. Der Anstieg ist an und für sich nicht schlimm, aber auf solcher Höhe und bei solchem Wetter ist er mörderisch. Wieder bleiben ein paar Kamele stehen und verweigern den Dienst; wehe dem, der sie schlägt, sie sind vollständig im Rechte, wenn sie streiken; sie werden abgekoppelt und mit einem Wärter zurückgelassen. Zwei andere wurden mit ihren Lasten zurückgelassen, um später geholt zu werden, den beiden ersteren mußten die Pferde die Last abnehmen.
Die Sonne steht in ihrer Mittagshöhe, aber um uns her herrscht Dunkel. Der Schnee stürzt förmlich herab und wirbelt durch das Tal; die Landschaft ist kreideweiß, nur der Bach bildet ein dunkles, gewundenes Band, und sein Rauschen klingt metallisch hohl in der verdünnten Luft. Ich beuge mich im Sattel nach vorn und sehe kaum, wohin es geht; ich folge nur der nächsten Karawanenglocke. Ein Gebrüll ertönt, ein Kamel will nicht weiter, ein Mann erbarmt sich seiner, um es uns langsam nach dem Passe hinauf nachzuführen, aber wir verlieren es in dem wirbelnden Schnee sofort aus den Augen.
Die Schneewehen werden immer höher. Es quält mich, all dieses Elend zu sehen und zu hören; ich reite mit dem Lama voraus nach dem Passe hinauf, nach jenen schwindelnden Höhen, die über allen Leiden und allen Freuden der Erde thronen und auf denen nur die große, gleichgültige Stille mit dem ewigen Schnee und den ewigen Stürmen die Herrschaft teilt. Der Paß war an und für sich nicht schwer passierbar, aber man denke an die 5200 Meter über dem Meere und an den hohen Schnee! In unsere Mäntel gehüllt, saßen wir in dem geringen Schutze, den uns die Pferde gaben, und warteten, vor Kälte zitternd, auf die anderen. Hier oben tobte der Sturm in seiner ganzen entfesselten Wut. Sein Getöse wird schließlich unterbrochen von dem schwermütigen Läuten der Glocken und den Mahnrufen der Leute; die ersten dunkeln Schatten zeigen sich hinter ganzen Wolken von wirbelndem Schnee. Der Zug zieht außerordentlich langsam vorbei. Gott sei Dank, jetzt habe ich 30 von den 34 Kamelen gezählt. Zwei hatten die eigentliche Paßsteigung nicht mehr erreichen können; zwei waren in der Nähe des Passes zusammengebrochen. Unter den Fehlenden war das älteste Junge mit seiner Mutter; zum Glück durften sie miteinander sterben. Die Pferde, die Maulesel und die Schafe hielten sich ausgezeichnet.
Der Südabhang des Arka-tag war eine große, flache Lehmsuppe, in der wir im Zickzack gehen und weite Umwege machen mußten, um nicht im Schlamme stecken zu bleiben; hier konnte man kein Lager aufschlagen, obwohl alle todmüde waren, denn hier hätte die Erde das Lager mit Kisten und allem über Nacht verschlungen. Noch nach Einbruch der Dämmerung konnten die weißen, unheimlichen Berge auf unseren mühsam hinkriechenden Zug herabschauen. Wir suchten nur nach einer trockenen Stelle, die Raum genug für das Lager gewährte. An Weideland und Brennholz dachte keiner; wer sucht dergleichen hier oben auf der Grenze des endlosen, leeren Weltraumes! Schließlich fanden wir einen festen Geröllabhang und kampierten dort.
Turdu Bai und mehrere andere, die noch fehlten, fanden sich spät abends im Lager ein, nachdem sie vier Kamele zurückgelassen hatten. Bei Tagesanbruch kehrten sie mit einigen Pferden wieder zu den Tieren zurück, um den Versuch zu machen, sie zu retten, andernfalls aber nur ihre Lasten und das Strohpolster der Packsättel mitzunehmen. Mit den Kamelen ging es jedoch zu Ende; eines war schon gestorben und lag steif und kalt unter dem Passe. Sie werden nicht eher totgestochen, als bis es deutlich erkennbar ist, daß sie nicht mehr leben können. Dann schneidet die Messerklinge ihren Lebensfaden ab und befreit sie von längerem Leiden. Und nachdem die Wölfe ihr Fleisch verzehrt haben, werden ihre Gebeine zwischen dem Talschutte bleichen.
Fünf Kamele an einem Tage! Auf einem einzigen Marsche hatte sich die Kerntruppe der Karawane um ein Siebentel verkleinert, und die Lasten würden jetzt für die Überlebenden viel zu schwer sein. Ich ließ die Tiere daher so viel Mais und Mehl fressen, wie sie nur irgend bewältigen konnten. Darauf marschierten wir kaum 10 Kilometer weit nach einem leidlichen Lagerplatze, wo wir uns von den letzten Anstrengungen ausruhen wollten. Ein Pferd, dem äußerlich nichts anzusehen war, starb urplötzlich zwischen den Zelten. Geleitet von den Skeletten könnte man dem Wege der Karawane folgen; ein trauriger Weg, dessen Meilensteine aus gebleichten Knochen bestehen! Es galt, die Tiere mit liebevollster Sorgfalt zu pflegen, und Turdu Bai war unermüdlich in seiner Fürsorge; er konnte es sehen, wenn es mit einem der Kamele nicht mehr lange dauerte. Wenn ein kraftloses Kamel weint, kann man beinahe sicher sein, daß der Tod nahe ist. Ich habe sie, wenn sie nicht mehr imstande waren, sich zu erheben, oft große, helle Tränen weinen sehen.
Der Morgen des Johannistages brach mit glänzendem Sonnenscheine an, und die ganze Gesellschaft konnte mit Zelten und Gepäck von der Nässe des Arka-tag trocknen. Ich war jetzt zwei Jahre lang unterwegs und wußte, daß das dritte Jahr das schwerste werden würde und daß ich halsbrecherischen Abenteuern entgegenging. Nach dem Frühstück inspizierte ich die Karawane gründlich. Hamra Kul, der Pferdeaufseher, war ernstlich erkrankt; er erhielt eine Dosis Chinin und ein Reitpferd. Im Arka-tag hatten nämlich alle Mohammedaner zu Fuß gehen müssen, weil die Pferde die Lasten der gefallenen Kamele zu tragen hatten.
Mein liebes Reitpferd, ein schönes, liebenswürdiges Tier, gehörte jetzt ebenfalls zu den Kranken. Gleich den meisten Lamapriestern war auch Schereb Lama ein geschickter Medizinmann und hatte unter seinem Gepäck eine ganze Kiste voll mehr oder minder zuverlässiger Drogen. Er übernahm es jetzt, mein Pferd zu kurieren. Er öffnete ihm an beiden Vorderbeinen die Adern, verband sie dann und führte das Tier, das sich mit wankenden Schritten nach dem nächsten Lager hinschleppte. Mitten in dem furchtbaren Hagelwetter, das dort den Johannisabend auf seine Weise feierte, setzte der Lama seine Behandlung fort. Nach erneutem Aderlaß gab er dem Pferde ein lange dauerndes Fußbad im nächsten Bache. Diese wahre Pferdekur muß jedoch heilsam gewesen sein, denn das Pferd erholte sich, begann zu grasen und knabberte dann den ganzen Abend sehr vergnügt in seinem Maisbeutel. Wir hatten einen so großen Vorrat an Reis mitgenommen, daß ein Teil davon, mit Mais gemischt, den Pferden gegeben werden konnte.
Die Weide ist noch immer erbärmlich oder fehlt ganz. Wildspuren sieht man infolgedessen nur sehr selten, und daher ist es auch mit unserem gewöhnlichen Brennmateriale schwach bestellt. Die Saumleitern sind infolgedessen in demselben Maße verbraucht worden, wie die Kamele gefallen sind.
Die letzten Junitage brachten keine nachteiligen Veränderungen; das Terrain war ziemlich günstig und das Wetter gut. Der höchste Paß war freilich 5337 Meter hoch, aber die ganze Karawane bemeisterte ihn, obgleich fünf Kamele schwach waren und von ihren Lasten hatten befreit werden müssen.
Jetzt versteht es sich von selbst, daß die Arzneikiste in jedem Lager herhalten muß. Mehrere Patienten klagen über Kopfweh; sie bekommen je ein Antipyrinpulver, das natürlich hilft, ehe sie es noch ordentlich hinuntergeschluckt haben, – dank ihrer lebhaften Einbildungskraft. Turdu Bai hat Schmerzen in einem Auge, er erhält ein paar Tropfen Kokain und kann sich nicht genug über ihre beruhigende Wirkung wundern. Hamra Kul hat Zahnweh, er bekommt Morphiumtropfen und ist sofort gesund. Dies setzt Islam Ahun aus Tscharchlik und Kalpet aus Kerija dermaßen in Erstaunen, daß sie glauben, ebenfalls Zahnschmerzen zu haben, und laut jammernd an meine Zelttür kommen. Ich wittere Unrat, gieße ein paar Tropfen Tee auf ein bißchen Watte und drücke ihnen diese auf den Zahn mit dem Resultate, daß sie sich sofort für vollständig geheilt erklären. Ernstlich krank war nur Mohammed Tokta, ein 50jähriger Mann, der zu den Kameltreibern gehörte; er klagte über Herzweh und Schlaflosigkeit; er erhielt ein Reitpferd und wurde von aller Arbeit befreit.
Die Arzneikiste galt schon an und für sich für einen wundertätigen Talisman. Sobald sie herbeigeholt wurde, versammelten sich alle, die gerade nichts zu tun hatten, vor meiner Jurte. Manch bittender Blick ist während der monatelangen Reise auf den Blechdeckel der Kiste gerichtet worden. Ich selbst konnte mich freuen, daß ich ihren Inhalt für mich nie in Anspruch zu nehmen brauchte.
Wir ziehen, wenn uns nicht hohe Berge zu Umwegen zwingen, meistens gerade nach Süden; wir sehnen uns in tiefer liegende, wärmere Gegenden hinunter, wo das weiche, grüne Sommergras schon aufgekeimt ist. Dieses große Interesse beseelt jetzt alle, und Turdu Bai sagt mit Recht, daß wir uns beeilen müssen, in grasreiche Gegenden zu gelangen, und daß dort den Kamelen ein ganzer Monat Ruhe geschenkt werden muß, wenn sie sollen gerettet werden können. Sie werden täglich magerer, weil sie meistens von ihrem eigenen Fette zehren. Wird es uns gelingen, jene ersehnten Weiden zu erreichen, ehe es zu spät wird? Nur noch drei große Säcke Mais sind übrig!
Es gehörte jetzt zu den Seltenheiten, daß wir, wie am 2. Juli, volle 26 Kilometer zurücklegten. Doch zum großen Glücke waren die Niederschläge in der letzten Zeit unbedeutend gewesen und der Boden war infolgedessen so hart und trocken, daß um die Karawane herum sogar Staub aufwirbelte. Zwischen zwei im Sonnenscheine glänzenden kleinen Seen ging eine Orongohindin mit ihrem kleinen Jungen, das Jolldasch mit Leichtigkeit einholte und sofort totbiß. Ich bat Schagdur, die Mutter zu verfolgen, um ihrem Kummer durch eine Kugel ein Ende zu machen, aber sie entkam und mußte vergebens schmerzlich nach ihrem Jungen suchen. Eine Strecke weiter schoß Sirkin eine prächtige Antilope. Jegliche Jagd des Vergnügens wegen war streng verboten und nichts durfte getötet werden, wenn es nicht zur Nahrung gebraucht wurde. Wir mußten auch mit den Patronen sparsam umgehen, denn man konnte nicht wissen, wie uns die Tibeter empfangen würden; wir konnten in eine Lage geraten, in der es gut sein würde, über geladene Gewehre zu verfügen.
Ein kleiner, schwach salzhaltiger Tümpel war von außergewöhnlich guter Weide umgeben und lud zu einem Rasttage ein. Die Gegend war idyllisch, wenn man diesen Ausdruck von einer tibetischen Landschaft gebrauchen darf. Ursprünglichste, unberührteste Natur umgibt uns auf allen Seiten; nun ja, eigentlich ist es überhaupt kaum eine Natur, es ist die nackte, bloße Erdrinde. Wir marschieren Wochen und Monate, sind aber stets die einzigen menschlichen Wesen, die diesen Teil des Planeten bevölkern. Es ist nur ein grenzenloser Friedhof, ohne andere Gräber als die, welche wir selbst hinter uns zurückgelassen haben.
Die Sonne war untergegangen, aber im Westen zögerte noch ihr widerstrahlender Purpurschein. Im Osten stieg auf dunkelblauem Hintergrunde der Vollmond empor, blaßgelb und kalt, gedämpft durch einen durchsichtigen Abendnebel, der zauberische Wirkungen und weiche Abtönungen hervorrief. Ein ganz horizontales, schmales, kohlschwarzes Wölkchen lag wie ein Streifen quer über der Mondscheibe, wie ein Schaukelbrett auf einer Silberkugel. Man konnte glauben, daß Saturnus mit seinem Ring sich hierher verirrt habe. Die Luft ist so ruhig, daß ich mein spätes Mittagessen bei frei brennendem Licht und offener Tür verzehren kann. Doch gleich nach 8 Uhr bricht der tollste Nordsturm aus; alle anderen Geräusche werden übertönt, nur dann und wann hört man einen der Leute rufen, wenn der Wind irgendeinen leichteren Gegenstand fortweht.
An den Abhängen zerstreut, grasen unsere hungrigen Tiere. Die Kamele, die arbeitsunfähig sind, liegen dicht aneinandergedrängt unter ihren Mänteln bei Turdu Bais Zelt. Hier haben auch die beiden Jungen ihren Platz; sie liegen stets zwischen zwei anderen Kamelen, von denen eines die Mutter ist, um es warm zu haben. Alle anderen Tiere werden draußen im Mondschein, sorgfältig bewacht von ihren Hütern und von den Hunden, denn hier in der Gegend gibt es viele Wölfe; in den Nächten hören wir sie manchmal im Gebirge melancholisch heulen.
Nach meiner Ortsbestimmung mußte das Tal, in dem wir jetzt lagerten, die westliche Fortsetzung von demjenigen sein, in welchem wir im vorigen Herbst Aldat begruben. Etwa 30 Kilometer von hier flatterte der schwarze Yakschwanz über seinem einsamen Grabe.
Eine neue Kette erhebt sich gerade vor uns. Mühsam klettern wir nach ihrem Kamme hinauf, der in einer Höhe von 5210 Meter emporragt. Nach Süden hin beherrscht der Blick das Hochland wohl vier Tagereisen weit, nach Norden aber, woher wir gekommen sind, verliert er sich in einem Gewirre von Bergrücken in allen möglichen Farben. Hier und dort glänzen Streifen von ewigem Schnee, und über dem Ganzen wölbt sich der türkisblaue Himmelsdom.
Am 4. und 5. Juli rasteten wir an einer kleinen Quelle, wo zwei Yake und zwölf Rebhühner geschossen wurden. Ja, wir brauchten keinen Mangel zu leiden, aber den Pferden und den Kamelen ging es schlechter. Wir mußten soviel wie möglich von Fleisch leben, um den Tieren Reis abtreten zu können. Sie sahen schon grauenhaft mager aus. Am anderen Tage fehlte in der Dämmerung die ganze Schafherde, die Wankas Oberbefehl gar zu sorglos anvertraut worden war. Es gab einen gewaltigen Lärm, und alle begaben sich auf die Treibjagd – man mußte glauben, daß hier wieder die Wölfe ihr Spiel getrieben. Müde und niedergeschlagen kamen die Leute gegen 9 Uhr von der Suche zurück und wollten warten, bis der aufgehende Mond ihnen erlaubte, die Spur zu verfolgen. Erst um Mitternacht wurde es im Lager lebendig; alle Schafe waren gefunden worden, sie hatten im besten Wohlsein in einer tiefen Schlucht gelegen. Diese dummen Tiere, wie leicht hätten sie ihre Unvorsichtigkeit teuer bezahlen können! Wanka wurde als Oberbefehlshaber der Schafherde abgesetzt und der gutmütige Kalpet zu seinem Nachfolger ernannt.
Sirkin mit meinem alten Reisekameraden von 1896.
Jetzt pflegte ich stets selbst zu rekognoszieren und nahm dabei den Lama mit, um mich im Mongolischen zu üben. So ritten wir am 6. Juli wieder über einen ziemlich hohen Paß und gelangten auf sandiges Terrain mit leidlichem Grase. An den Punkten, die wir zu Lagerplätzen aussuchten, mußten wir immer länger warten, denn die Karawane marschierte in demselben Verhältnisse langsamer, als die Kräfte der Tiere abnahmen. Diesmal blieben wir bei einer kleinen Quellader, wo wir ein paar Stunden plaudernd saßen, ehe die Glocken sich endlich hören ließen. Zwei Kamele waren zurückgelassen worden, wurden aber abends noch geholt. Eines von ihnen war der Veteran von 1896. Mit seinen glänzenden, rabenschwarzen Augen, die bereits tränenfeucht waren, betrachtete es prüfend dieses Land, von dem es wohl ahnte, daß es dort bald seine letzte Ruhestätte finden würde. Auf zitternden Beinen ging es, von Sirkin geführt, zum photographischen Apparate, – ich wollte sein Bild als Andenken an die vielen unschätzbaren Dienste, die es mir geleistet, behalten. Es war eines der drei Kamele, mit deren Hilfe ich 1896 durch das ganze Tal des Kerija-darja, durch große Strecken der Wüste Takla-makan, den Tarim hinunter, nach den Lop-nor-Seen und nach dem Kara-koschun gezogen war. In Tscharchlik hatte ich es spottbillig verkauft, um es jetzt, nach fünf Jahren, teuer wiederzukaufen, aber durchaus nicht zu teuer für das Tier, denn ich betrachtete es wie einen alten Freund und Reisekameraden, mit dem ich viele stolze Erinnerungen gemeinsam hatte. Noch hielt es sich tapfer und schien entschlossen zu sein, nicht eher vor dem Tode zu kapitulieren, als bis es keinen Schritt mehr gehen konnte. Vornehm und mit hocherhobenem Kopfe stand es in seinem weißen Mantel da und blickte auf seine Quälgeister herab; es ahnte sicherlich, daß es bald von uns scheiden würde. Dann konnte es vor Turdu Bais Zelt ausruhen und wurde mit einem großen, duftenden Weizenbrote traktiert.
Photographische Verkleinerung (½) eines Blattes der Originalaufnahmen aus dem tibetischen Hochgebirge.