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Das Lager Nr. XXIV wurde am Ufer eines Salzsees aufgeschlagen, wo sich nicht die geringste Spur von Vegetation zeigte. Desto besser aber war es, daß sich jetzt im Süden nur ein sehr niedriger Kamm von abgerundeten Hügeln erhob, eine Kleinigkeit im Vergleich zu den Ketten, die wir eben überschritten hatten. Ich ritt nach dem Kamme voraus; der Boden wurde immer weicher und bestand aus durch und durch nassem Schlamme, in dem es nach den Tritten des Pferdes gluckste und patschte. Schließlich sank das Pferd so tief ein, daß ich vorzog, zu gehen und es zu führen. An einer Stelle, wo mir mein Stiefel beinahe im Kot stecken blieb, machte ich Halt und wartete. Die Karawane kam, die Leute keuchten vor Anstrengung, die wie immer geduldigen, ergebenen Kamele schwankten mühsam hinterdrein, bei jedem Schritte fußtief einsinkend, aber dennoch besser von ihren breiten Fußschwielen getragen als die Pferde von ihren Hufen. Eines von ihnen fiel und mußte abgeladen werden, um wieder in die Höhe kommen zu können.
Man bekommt heftiges Herzklopfen und glaubt, daß die Herzklappen jeden Augenblick zerspringen werden; es wird einem schwindlig und man meint, der Boden schwanke. Nicht einmal die Schieferplatten, die hier und dort liegen, tragen; man tritt darauf, sie geben nach, sinken ein wie in Teig, und es entsteht ein gähnendes Loch, das sich sofort mit Wasser füllt. Man meint, dieser ganze Kamm aus lockerem Schlamme müsse immer platter werden und in den See hinabrinnen. Der Regen und die vollständige Abwesenheit jeglicher Vegetation sind die Entstehungsursachen solch abscheulichen Bodens.
Als es gar zu arg wurde, mußten wir umkehren und zogen ein breites Tal hinab, wo wir einen kleinen Fleck mit schlechtem Grase fanden. Die Tiere waren erschöpft, und wir mußten ihnen zwei Ruhetage schenken. Am ersten Tag herrschte der wildeste Sturm. Es blitzte und donnerte mehrmals in der Minute, und der Orkan trieb dicht an der Erdoberfläche unmittelbar über unseren Köpfen hin. Es krachte, als sollten die Berge zerreißen, und Blöcke stürzten mit Donnergepolter herab. Man wird von den Blitzen geblendet und fühlt deutlich, wie der Boden bei den Donnerschlägen erbebt. Sich in einem solchen Unwetterzentrum zu befinden und seiner Leidenschaft preisgegeben zu sein, ist unheimlich und erhebend zugleich. Die Hunde heulten jämmerlich; das Zelt der Leute wurde beinahe fortgeweht und wurde fester verankert. Der Hagel schmetterte auf die Erde; ihm folgte dichter Schneefall. In der Dämmerung wurden die Kamele in einen dichten Kreis gelegt und mit allen Filzteppichen, die wir entbehren konnten, zugedeckt; sie zitterten vor Kälte und hatten nicht viel Freude von ihrem Ruhetage.
Am 12. August mußten wir um jeden Preis die Südkette zu überschreiten versuchen; wir gingen ein sehr breites, offenes Tal hinauf. Doch auch hier war der Boden widerwärtig: ein einziger Sumpf von gelbem Schlamme, naß wie ein Schwamm, heimtückisch und mörderisch. Es gluckst und klatscht, wenn die Tiere ihre Füße aus dem zähen, saugenden Schmutze herausziehen. Der Boden ist jetzt so locker, daß die anfangs wie schwarze Löcher gähnenden Spuren sich in kurzer Zeit wieder schließen und verschwinden. Ein verfluchtes Land! Daß Weide und Brennmaterial in einer Höhe von 5000 Meter fehlen, kann man verstehen, doch warum trägt der Boden nicht, weshalb droht er, die ganze Karawane zu verschlingen, weshalb ist die Erdoberfläche hier verdünnt wie die Luft, die allein schon beinahe imstande ist, das Herz des Fußgängers zu zersprengen?
Ich sitze wieder auf, aber das Pferd fällt fast bei jedem Schritt. Es ist, als seien ihm die Füße mit Bindfaden zusammengebunden, den es bei jedem Schritt zerreißen müßte. Ich reite voraus, um die Tragfähigkeit zu erproben. Die Karawane folgt im Schneckengang, die Lasttiere scheuen vor den tiefsten Löchern zurück, weigern sich, hineinzutreten, und wenden sich lieber seitwärts, aber nur, um dort auf noch schlimmere Stellen zu stoßen.
Die Stunden vergehen; unheimlich schwer und langsam schreiten wir durch dieses Land, das uns festhalten will, nach einem niedrigen Passe hinauf. Unser Vorrücken erinnert an einen Feldzug in Feindesland, wo man auf sich selbst und seine eigenen Vorräte angewiesen ist, sich immer weiter von einer sicheren Operationsbasis entfernt und während des Marsches nichts weiter findet als eingeäscherte Städte, zerstörte Dörfer und verwüstete Felder. Unter solchen Umständen ist das einfallende Heer dem Untergange um so sicherer preisgegeben, als es seine Schiffe verbrannt hat und überall von Gefahren umringt ist. Und doch liegt in solch unbedachtem Unternehmen ein eigener Reiz. Je weiter es geht, desto klarer ist es, daß die Schwierigkeiten des Rückzuges durch dieselbe Einöde wachsen werden, aber gerade diese Schwierigkeiten lockten mich. Wird es mir gelingen, sie zu überwinden? Auch nicht der entfernteste Gedanke an Umkehr kam mir!
Auf dem Passe spazierte ein einsamer Wolf; was suchte er wohl hier? Es war erst 4 Uhr, aber es dunkelte wie an einem Herbstabende, als der gewöhnliche Sturm kam, donnernd wie das Gepolter auf einer riesenhaften Kegelbahn oder wie das Bombardement einer Festung. Doch jetzt heißt es Halt machen, man sieht ja nichts. Wir lagern auf dem Schlammabhange und graben um die Zelte Abflußgräben. Hier verweilten wir einen Tag, denn eines der Kamele war zurückgeblieben und sollte geholt werden. Nur mit Mühe ließ es sich zum Aufstehen bewegen, fiel aber wieder hin und mußte totgestochen werden. Den ganzen Tag goß es vom Himmel herab, und auf beiden Seiten meines Bettes hatte ich je einen kleinen See, der abgeleitet werden mußte. Ich muß genau überlegen, wohin ich empfindliche Sachen lege, denn überall tropft und rieselt es durch den Filzbezug der Jurte. Alles ist naß und ungemütlich, man sehnt sich fort, gleichviel wohin, denn schlimmer kann es nirgends sein.
Am 14. August zeigte sich die Sonne wieder, und wir hatten das Glück, einen Platz mit leidlicher Weide zu finden. Hier wurden auch unsere feuchten Kleidungsstücke gründlich getrocknet. Eine Woche später wurde unser Weitermarsch durch einen gewaltigen See gehemmt, an dessen Nordufer wir lagerten. Hier wurde folgender Tagesbefehl erlassen: am 22. August sollte Kutschuk mich schräg über den See zu einem sich am Südostufer erhebenden Berge rudern. Die Karawane sollte gleichzeitig auf der Westseite um den See herumziehen, an demselben Berge Halt machen und dort abends ein Feuer anzünden, das uns als Leuchtturm dienen sollte und nach dem wir, wenn es nötig sein würde, rechtzeitig unsern Kurs ändern könnten.
Einen merkwürdigeren See hätte ich mir nicht denken können. Am Nordufer war er so flach, daß wir in ihm 1½ Kilometer weit zu Fuß gehen und die Segeltuchjolle teils tragen, teils ziehen mußten, ehe sie auf dem Wasser schwamm. Der Seegrund war überall mit einer steinharten Salzkruste bedeckt, deren Kristalle wir an den Fußsohlen fühlten. Endlich konnten wir jedoch Platz nehmen, und Kutschuk stieß das Boot mit seinem Ruder vorwärts. Ich hatte eine mehrere hundert Meter lange Lotleine in dem Gedanken mitgenommen, daß dieser neuentdeckte See ebenso tief sein könnte wie der bis zu 50 Meter tiefe Kara-kul auf dem Hochlande von Pamir, aber die größte Tiefe betrug nur 2,33 Meter, so daß das 2,13 Meter lange Ruder fast überall genügte.
Wir passierten eine kleine semmelförmige Insel und hielten dann ununterbrochen den Kurs nach dem Berge hinter dem Vereinigungsplatze. Das Wetter ist strahlend schön, kein Lüftchen rührt sich; klar und scharf spiegeln sich die Wolken im Wasser. Nur um die Randberge herum sieht man einen Kranz von dichteren, weißen Wolken. Die Sonne, in diesen Gegenden ein seltener Gast, wärmt ordentlich, und wir freuen uns, einen Schimmer vom Sommer wiederzusehen und wieder von seinen entflohenen Annehmlichkeiten träumen zu können. Wie schön, sein Gesicht in ihrer Strahlenflut baden zu lassen und zu fühlen, wie man von all der Nässe und Kälte in der Nachbarschaft des Arka-tag wieder trocknet, und dennoch nichts mit den giftigen Insekten zu tun zu haben, die tiefer unten das treue Sommergefolge der Sonne bilden. Hier summt keine Fliege, hier plätschert kein Fisch im Wasser, das so ohne alles Leben ist wie eine chemische Lösung. Überall ist es still und friedlich wie an einem Sonntag; die stürmischen Luftgeister sind verstummt, aber sie ruhen gewiß nur zu neuen Taten aus. Die Landschaft hat einen höchst ungewöhnlichen, flüchtigen und leichten Ton in dieser reinen, verdünnten Luft. Man könnte sie mit einer jungen Frau in Empiretracht von weißer und hellblauer Seide vergleichen; es ist das luftigste Aquarell in verdünnten Farben, alles ist ätherisch und durchsichtig wie eine Luftspiegelung oder ein Traum. Nur neben dem Boote glänzt das Wasser smaragdgrün, sonst ist es marineblau vom Widerscheine des Himmels.
Mitten auf dem mehr als meilenbreiten See hatte man einen herrlichen, großartigen Rundblick auf die umliegenden Berge, und im Osten und Westen schien sich die Wasserfläche bis ins Unendliche zu erstrecken. Kutschuk ruderte ruhig und kräftig, aber das Südufer schien noch immer gleich weit entfernt zu sein. Das Wasser plätscherte um das Ruder; es war der einzige Laut, der die Stille auf diesem tibetischen Toten Meere unterbrach, dessen Spiegel 4765 Meter über dem Weltmeere liegt.
Das Wasser ist so salzig, daß ins Boot fallende Tropfen wie Stearin erstarren; wenn sie verdunstet sind, bleibt eine dünne, kreideweiße Glocke stehen, die bald zusammenfällt. Die Ruder sind so weiß, als wären sie angestrichen worden, unsere Hände weiß und rauh, unsere Anzüge vom Spritzwasser weiß getüpfelt, und das Innere des Bootes sieht aus, als wäre das Fahrzeug zu einem Mehltransport benutzt worden.
Am Morgen hatten wir die Karawane langsam am Westufer hinschreiten sehen, aber als die Entfernung zunahm, verloren wir sie aus den Augen. Als wir uns jetzt dem Südufer näherten, begannen wir wieder mit dem Fernglase nach den Unseren auszuspähen, aber sie waren nicht zu erblicken.
Gegen Abend zeichneten sich die Hügel des Südufers immer deutlicher ab, aber der eben noch so blanke See sah auf einmal wie mattgeschliffen aus, und ein entferntes Brausen ertönte, das wir für einen in den See mündenden Fluß hielten. Es war jedoch ein sich erhebender Wind, der den See allmählich aufwühlte; wir hißten das Segel und erreichten in sausender Fahrt das Ufer.
Bevor die Dämmerung in Dunkelheit überging, eilten wir auf den nächsten Hügel hinauf, um uns nach der Karawane umzusehen. Doch es war keine Spur von Menschen oder Tieren zu entdecken. Wild und unheimlich still lag die ganze Gegend da; es war, wie wenn wir in eine Klosterruine träten, in der seit tausend Jahren kein Besucher gewesen ist. Während Kutschuk Stauden der Jappkakpflanze, die hier ziemlich reichlich wuchs, sammelte, wanderte ich zu Fuß zwischen den Hügeln umher. Ein gebleichter Kulanschädel lag auf einem Abhange, wo eine Bärenspur in die lockere Erde eingedrückt war. Ich rief und horchte, aber die Karawane war und blieb verschwunden, und kein Feuer verriet, wo sie Lager geschlagen hatte.
In der Dunkelheit ging ich nach dem Landungsplatz zurück, wo Kutschuk einen gewaltigen Stoß Brennmaterial zusammengetragen hatte. Wir hielten Rat. Entschieden war die Karawane auf ein unerwartetes Hindernis gestoßen, sonst wären gewiß ein paar Reiter nach dem Vereinigungsplatze gekommen, um uns Bescheid und das Wichtigste von allem – Essen, Wasser und warme Kleider, zu bringen. Wie wäre es, wenn wir den günstigen Wind benutzten und nach Westen segelten? Doch nein, die Dunkelheit war zu undurchdringlich, und der See ging zu hoch für unser empfindliches Zeugboot.
Es blieb uns nichts weiter übrig, als die Nacht auf unserem Ufer zu verbringen. Alle Sachen wurden nach dem Lagerplatze hinaufgetragen, auch das Boot, das in seine beiden Hälften auseinandergenommen worden war. Diese wurden aufgerichtet und bildeten vorzügliche Schilderhäuser, die uns gegen den Wind schützten. Wir waren gerade in Ordnung, als der Regen kam. Die Boothälften wurden im Winkel auf je ein Ruder gelehnt, und dadurch hatten wir sowohl Schutz gegen den Wind wie ein Dach über dem Kopfe. Ich nahm die eine Rettungsboje, Kutschuk die andere, und mit ihnen als Kopfkissen gelang es uns, noch ein Weilchen zu schlafen, ehe der Nachtfrost einsetzte.
Um 9 Uhr zündeten wir Feuer an und plauderten dann noch ein paar Stunden. Ach, wenn wir doch ein wenig heißen Tee und Brot oder auch nur einen Becher Wasser gehabt hätten! Als aller Feuerungsvorrat verbrannt war, krochen wir ins Nest, und nun kamen uns die Boothälften wieder zustatten. Erst wurde das Segel auf dem Kiese, der dadurch nicht viel weicher wurde, ausgebreitet, dann das Korkkissen zur Hälfte in die Erde eingegraben; nun legte ich mich, entsprechend zusammengekrümmt, nieder, worauf Kutschuk die eine Boothälfte über mich deckte. Ich hatte den Boden des Bootes nur einen Zoll über meinem Gesichte und lag wie in einem Sarge, eine Illusion, die dadurch noch lebhafter wurde, daß Kutschuk mit einem Ruderblatte als Spaten Sand und Kies um meine Kiste herumschaufelte, um alle Ritzen zu verstopfen. Drinnen war es wirklich so eng und dunkel wie in einem Grabe. Kutschuk bohrte sich auf dieselbe Weise unter der anderen Boothälfte in den Sand. Eine Weile wurde die Unterhaltung noch fortgesetzt; die Stimme meines Ruderers glich einer Stimme aus dem Grabe, und meine eigene klang hohl und dumpf. Um Mitternacht begann es zu gießen, und wie Trommelwirbel schmetterte der Regen auf den straffgespannten Boden des Bootes. Was focht es uns an, wir lagen warm und trocken unter Dach! Hungrig waren wir wie die Wölfe, aber die Müdigkeit behielt schließlich doch die Oberhand, und wir schliefen in unseren Gräbern, die wilden Tiere der Einöde und unsere treulose Karawane vergessend.
Gegen Morgen wurde die Kälte fühlbar und weckte mich von Zeit zu Zeit auf. Endlich blinzelte das Morgenlicht unter einer Reling durch, ich rief Kutschuk, der den Sargdeckel öffnen mußte. Wir waren steifgefroren und liefen fort, um Brennmaterial zu sammeln, das mit den letzten Streichhölzern angezündet wurde. Die Karawane blieb verschwunden, und wir konnten nichts weiter tun, als sie aufsuchen.
So fügten wir denn das Boot wieder zusammen, takelten es, setzten es ins Wasser und bestiegen es; das Segel wurde gehißt, ein Ruder diente als Mast, das andere als Steuer, und sausend fuhren wir unter dem Winde längs des Ufers nach Westen hin. Der Wind war stark, der See ging hoch, die Jolle rollte tüchtig, und Kutschuk saß bleich und seekrank vorn im Boote; das reichliche Abendessen, von dem er die ganze Nacht geträumt hatte, wäre jetzt rettungslos verloren gewesen, wenn er es hätte verspeisen können. Endlich erblickte ich zwei weiße Punkte, unsere Zelte, und eine Menge schwarzer Punkte, unsere Tiere und Leute.
Es stellte sich heraus, daß der Marsch unserer Karawane von einem mächtigen Flußarme gehemmt worden war, der sich aus einem im Westen liegenden großen Süßwassersee in den Salzsee ergoß. Er war so tief, daß Turdu Bai beinahe ertrunken wäre, als er ihn zu Pferd zu durchwaten versucht hatte. Sie hatten daher das Lager aufgeschlagen und ein großes Feuer angezündet, das wir jedoch infolge der bedeutenden Entfernung nicht gesehen hatten. Aldat war es gelungen, einen Kulan zu schießen, dessen Fleisch uns sehr willkommen war. Ein neues Wölflein, das gefangen worden war, überfraß sich so daran, daß es krepierte.
Hier befanden wir uns in einer recht schönen Lage! Den Weg nach Süden versperrte uns der Fluß, und im Osten und Westen lagen gewaltige Seen, deren Umgehung mehrere Tage in Anspruch genommen haben würde. Umkehren und wieder durch das abscheuliche Land mit dem schwankenden Boden, der uns zu verschlingen gedroht, ziehen? Nein, ich danke, wir werden uns schön hüten, eher wieder dorthin zu gehen, als bis der Boden in der Herbstkälte erstarrt war und uns trug.
Also vorwärts! Ich übernahm es, die ganze Gesellschaft mit der kleinen Jolle über den Fluß zu bringen, ein Vorschlag, der mit einem gewissen Mißtrauen ausgenommen wurde. Der Fluß war an seiner schmalsten Stelle 58 Meter breit und hatte eine starke Strömung. Die Karawane machte Halt, und alle Lasten wurden an den Rand des Wassers gestellt. Alles, was an Stricken um Lasten und Proviantsäcke geschlungen war, wurde in Anspruch genommen und zu einem langen, starken Kabeltaue vereinigt, dessen eines Ende am linken Ufer festgebunden wurde. Das Kabel wurde längs des Ufers hingelegt, und während ich aus Leibeskräften in einem Bogen über den Fluß ruderte, stand Kutschuk, mit dem anderen Ende in der Hand, bereit, an Land zu springen und es auf dem rechten Ufer fest zu machen. Das Tau war jedoch zu kurz, wir streiften am Ufer vorbei, trieben eine Strecke weit mit der Strömung und arbeiteten uns dann wieder nach dem Ausgangspunkte hin, wo noch ein Seilstumpf angespleißt wurde, woraus wir dasselbe Manöver mit besserem Erfolge wiederholten. Das Kabel wurde nun von beiden Seiten so straff gezogen, daß es die Wasserfläche nicht berührte.
Bugsierung eines Kamels über den Fluß.
Darauf wurden die Pferde zusammengetrieben; nach einigem Zögern ließen sie sich dazu bewegen, über den Fluß zu schwimmen. Am allerschlimmsten war das Übersetzen der Kamele, die durchaus nicht hinüberschwimmen wollten; ich habe überhaupt nie ein Kamel schwimmen sehen. Wir mußten sie einzeln hinüberziehen. Mit vereinten Kräften wurde das Kamel ins Wasser gestoßen und geschoben. Ein Strick wurde ihm um den Kopf gelegt, der von Turdu Bai, der hinten im Boote saß, über Wasser gehalten wurde. Ich ziehe das Boot längs des gespannten Seiles quer über den Fluß. Da es aber dem Kamele gar nicht einfällt, mitzuhelfen, und das Tier, ganz bequem im Wasser liegend, sich ziehen läßt, habe ich den ganzen, von der beständig saugenden Strömung verursachten Druck in meinen Händen und muß mit ganzer Kraft anpacken, um nicht loszulassen; denn täte ich es, so würde die ganze Herrlichkeit in den Salzsee hinaustreiben und das Kamel verloren sein. Ich lotste das Tier jedoch glücklich nach dem anderen Ufer, wo es eine Weile zappelnd lag, bis es festen Boden unter den Füßen fühlte und so gnädig war, aufzustehen. Das Wasser strömte von seinen Seiten, als es dort in der Einsamkeit stand und sich verwundert nach seinen Kameraden umsah.
Fester Boden unter den Füßen.
Nach dem dritten Kamele war ich vollständig erschöpft und wurde von Tscherdon abgelöst. Mit dem letzten Kamele kam auch das einzige noch lebende Schaf hinüber, das sich immer bei den großen Höckerträgern aufhielt. Schließlich wurde unser ganzes Gepäck in vierzehn Partien befördert und dann das Lager am rechten Flußufer aufgeschlagen. An diesem Tage hatten wir also nur 58 Meter zurückgelegt, aber dennoch vom Morgen bis zum Abend angestrengt gearbeitet.
Die folgenden Tagereisen führten uns über hügeligen Boden und an noch ein paar Salzseen vorbei; am Ufer des ersten schoß Aldat einen Yak und befestigte durch diesen Meisterschuß sein Ansehen als ein sehr guter, mutiger Schütze, denn der Yak ist gefährlich, wenn er verwundet wird.
Am 28. August erhob sich auf unserem Weg ein neues Hindernis, wieder ein Fluß, an dessen Ufer wir warteten, während Mollah Schah mehrere, aber gleich ungünstige Furten untersuchte. Unterdessen begann der Donner zu rollen, wie das Gebrüll des Löwen vor dem nächtlichen Raubzuge in der Wüste, ein tyrannisches Warnungssignal, aufzupassen. Ein Sturm war im Anzuge; der westliche Himmel verdunkelte sich, und bleischwere Wolkenmassen wälzten sich wie eine Schlagwelle über das Land, bereit, alles ihnen im Wege Stehende zu vernichten. Sie gleichen einem riesigen Schleppnetze, einem Kriegsheere, dessen Mitte und beide Flügel in gleichmäßigem Tempo zum Angriffe stürmen. Die Wolken des linken Flügels hatten dunkelrot gefärbte Ränder, die des rechten waren rabenschwarz. Die alleräußersten Vorposten waren in die unglaublichsten Figuren zerrissen, die ein dämonischer Sturm vor sich her jagte. Im Osten badet sich die Landschaft noch in Licht und Sonnenglanz. Im Westen aber zieht sich das Netz immer dichter um uns zusammen. »Abladen und die Zelte aufschlagen!« Wir hatten gerade das Gerüst der Jurte aufgeschlagen und ein paar Filzdecken über ihre Dachbalken geworfen, als der Sturm mit seinem schweren Geschütze heransauste und Hagelschauer auf die Erde prasselten. Jedes Hagelkorn ist wie aus einem Blasrohre abgeschossen, es schmerzt und peitscht Gesicht und Hände; man muß förmlich Spießruten laufen, bis man glücklich wieder unter Dach ist.
Der nächste Tag wurde zu einer Rekognoszierungsbootfahrt benutzt. Der große Fluß ergießt sich in einen Salzsee, der, wie sich herausstellte, auch einen breiten, kurzen Wasserlauf aus einem großen Süßwassersee aufnahm. Während der Ruderfahrt überraschten wir etwa fünfzig Wildgänse, die wohl auf ihrem Wege nach Indien hier rasteten. Die Schar flog auf, aber eine Gans blieb auf dem Wasser liegen. Kutschuk ruderte schnell, wir kamen ihr immer näher, und da ich weiter keine Waffe hatte als ein Ruder, warf ich dieses wie einen Speer, und es gelang mir, damit den Vogel zu erlegen, der uns zum Abendessen außerordentlich willkommen war. Jetzt waren auch die Schrotpatronen zu Ende, aber wir fertigten uns Bogen und Pfeile an und lebten wie Robinson Crusoe.
Der neuentdeckte See reizte meinen Appetit, und ich beschloß, mit einer kleinen, leichten Karawane, die aus Tscherdon, Mollah Schah und Kutschuk nebst einigen Pferden und aus Jolldasch, meinem treuen Fußwärmer im Zelte, bestand, um ihn herumzureiten. Die anderen sollten mit allen Kamelen und vier müden Pferden, die der Ruhe bedurften, zurückbleiben und die gute Weide ausnutzen.
Es war nicht so leicht, an das Nordufer des Sees zu gelangen. Zweimal mußte die Jolle in Anspruch genommen werden, um uns über den Fluß und den breiten Sund zu fahren. Nachher aber ging alles gut und schön. Längs des Nordufers zog sich eine kleinere Bergkette hin, in deren Schluchten Yake weideten und aus denen neugierige Kulane herausguckten, um sich unsere Pferde anzusehen. Füchse, Hasen und Antilopen waren häufig; man konnte sich beinahe zum Bleiben in dieser merkwürdigen Gegend versucht fühlen, wo das Gras besser als je zuvor war und man sich in einem Labyrinthe von herrlichen blauen Seen verlor. Fern im Süden erhoben sich großartige Berge mit blendendweißen Schneekuppen, die mit leichten Wolken bekränzt waren. Die Luft war milder als bisher. Uns erschien dieses Land wie ein Eldorado; wir waren hier in geringerer Seehöhe, als wir seit langem gewesen, und doch befanden wir uns noch immer in größerer Höhe als der Gipfel des Montblanc.
Der Fischberg.
Am Ostende des Sees rekognoszierte ich von einem Hügel herab. Im Osten dehnte sich noch ein großer See aus. Beide trennte eine sehr schmale Landenge. Nun gut, dann reiten wir auch um diesen See herum! Vorwärts marsch! Die Berge werden schwierig, und wir reiten auf ihrem Kamme, mit einer wunderbaren Aussicht nach Norden auf den eben verlassenen Salzsee und nach Süden über die neuen Süßwasserseen. Tibet scheint hier reicher an Wasser als an Land zu sein. An einer Stelle, wo ziegelrote Sandsteinfelsen senkrecht in das Wasser fallen, lagern wir. Gerade hier ist der See am breitesten. Noch einmal unternehme ich dasselbe Wagestück wie auf dem großen Salzsee. Tscherdon und Mollah Schah erhalten Befehl, am folgenden Morgen um den See zu ziehen, während ich mit Kutschuk nach dem Südufer hinüber rudere.
Wir beeilen uns jedoch nicht. Unterhalb der Felsen stehen große Schwärme von fetten Fischen. Ein paar Zeltlatten dienen als Angelruten. Jolldaschs Halsband liefert das Material zu Angelhaken, Köder sind kleine Stücke von Yakfleisch, und leere Streichholzschachteln sind zu Korken wie geschaffen. Die Jolle wird unter die Felswand getragen, deren Blöcke oft nur an einem Haare zu hängen scheinen und jeden Augenblick in das Boot hinabstürzen können.
Ich zünde meine Pfeife an, nehme eine bequeme Stellung ein, werfe die Angel aus und gebe mich einem wohltuenden dolce far niente hin, während die Streichholzschachtel auf- und niedertanzt, bis ein mittelgroßer Fisch seine Abneigung gegen den Halsbandhaken überwunden hat und zappelnd im Boote landet. Wir fischten hier nicht zu unserem Vergnügen, sondern der Nahrung wegen; die Beute fiel freilich dürftig aus und gab kaum eine Mahlzeit für uns alle, aber ich hatte den Genuß, auszuruhen und dem Nordwestwinde zu lauschen, gegen den wir vollständig geschützt waren, der aber sausend, wie ein Wasserfall, über den Berggrat herabstürzte. Und der sonst unerschütterlich ruhige Kutschuk wurde außergewöhnlich lebhaft, als er dieselbe Fischart erblickte, von der er an den Ufern des Tarim von Kindheit an hatte leben müssen. Es war ihm, als habe er unerwartet lauter Landsleute getroffen. Kurz, wir waren richtig in Sommerfrische, und viele Erinnerungen von den Stockholmer Schären tauchten aus der blauen Tiefe auf.
Unter solchen Umständen fliehen, wie man weiß, die Stunden schnell dahin, und erst lange nach Mittag konnte ich mich von diesem freundlichen Ufer losreißen. Gerade da wurde es im Westen dunkel, und der Himmel überzog sich bald mit Wolken. Wieder war ein Sturm im Anzuge. Sollten wir sein Ende abwarten oder die Fahrt über den großen, offenen See wagen? Ich war für das letztere. Kutschuk brauchte nicht lange zu rudern, bis wir in den heulenden Nordweststurm hineingerieten und von ihm vorzügliche Hilfe erhielten. Im Süden segelten schon blaugraue Wolken mit lang herabhängenden Hagelfransen längs der Berge hin, die nach und nach verschwanden, und hinter uns verfinsterte es sich auf dieselbe Weise. Das Ungewitter kam immer näher, der See ging immer höher, und die Wellen um uns her schäumten weiß.
Sonnenuntergang auf dem See nach dem Sturme.
Jetzt schlägt die Hagelbö nieder, die großen Körner fallen prasselnd auf die aufspritzende Wasserfläche. In einer Minute ist das Innere des Bootes kreideweiß. Es wurde um uns her so dunkel wie am Abend, wir verschwanden sozusagen in einer Grotte von Hagelnebel; keine Spur von Ufern oder Bergen ist sichtbar, nur der nächste Fleck des empörten Sees. Hier galt es das Leben; wir mußten auf die Wellen achten, die der stärker werdende Wind zu außergewöhnlicher Höhe aufwühlte; sie waren jedoch mehrere Male so lang wie das Boot, das infolgedessen weich und fügsam von ihrem rollenden Laufe gehoben und gesenkt wurde. Gleich südlich von den Felsen hatte ich 48 Meter Tiefe gelotet, nachher aber wurde der See schnell immer seichter. Je weiter wir uns von dem felsigen Nordufer entfernten, desto mehr waren wir dem Sturme ausgesetzt. Wie würde es uns bei dieser sausenden Fahrt und dem undurchdringlichen Nebel gehen, wenn das Südufer langsam abfiele und das Boot einer Nußschale gleich in der Brandung auf Grund stieße!
Nachdem der Hagelsturm aufgehört hatte, tobte das Unwetter noch ärger, aber jetzt sahen wir wenigstens, wie die Sache stand. Noch hatten wir nicht den halben Weg zurückgelegt. Die Wellen gingen so hoch, daß sie das ganze Uferpanorama verdeckten, wenn wir uns in ihren Tälern befanden. Wenn die Sonne gelegentlich zwischen den Sturmwolken hervorschaute, sahen die Wogenkämme unheimlich aus, blank wie Delphinrücken, glitzernd, smaragdgrün und tiefblau schillernd, mit sprühendem, blitzendem Schaume bedeckt, in dem die Reflexe wie Juwelen funkelten.
Auch diesmal lief alles glücklich ab. Gott ist der Vormund der Toren. Das Ungewitter zog über das heilige Tibet hin, der Wind legte sich, die Einzelheiten des Ufers traten scharf hervor, und eine Rauchsäule zeigte uns den Ort des Lagers an. Vom See aus wurden wir Zeugen eines prachtvollen Sonnenunterganges. Das Tagesgestirn selbst verbargen Wolken, aber unter diesen ergossen sich seine Strahlen über den See, dessen Spiegel wie Quecksilber glänzte und zitterte.
In Todesgefahr.