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Die Karawane, mit der ich durch das nördlichste Tibet zog, war zusammengesetzt aus dem russischen Kosaken Sirkin, dem burjatischen Kosaken Schagdur, dem Mongolen Schereb Lama, den Mohammedanern Mollah Schah und Li Loje, dem Hunde Jolldasch und 12 Pferden. Die in überwältigender Majestät vor uns aufragenden Gebirge übten wieder ihre lockende Anziehungskraft aus, und schon früh am zweiten Tage traten wir in ihren ersten Saal ein. Wieder erfreuen wir uns an dieser großartigen Landschaft, und es ist uns ein Genuß, uns nach den einförmigen Wüstenreisen des langen Winters von ständig wechselnden Szenerien umgeben zu sehen, unsere Stimmen von den Felsen widerhallen zu hören und zu fühlen, wie unsere Lungen sich mit frischer, reiner Luft ohne Flugsand und Sand füllen.
Am Ufer des hoch angeschwollenen Flusses Tscharchlik-su mußten wir einen Tag rasten, um die zehn Esel zu erwarten, die ich zum Transport der für unsere Pferde bestimmten Maislast nach dem Kum-köll gemietet hatte. Nachdem sie angelangt waren, ritten wir das tief in grauen Granit eingesägte Tal des Flusses hinauf, wo die von den rauschenden Wassermassen unterminierten Felsen oft wie Gewölbe überhängen. Wir hatten erfahren, daß der Fluß sechzehnmal zu überschreiten sei und daß man sehr vorsichtig sein müsse. Ein Hirt, dem wir begegneten, konnte uns keine ermutigende Auskunft geben. Sein Pferd war mitten in dem tosenden Wasser gestürzt, und die ganze aus Brot, Mais und Kleidungsstücken bestehende Last war dabei verloren gegangen. Der Boden des Flusses ist mit gewaltigen rundgeschliffenen Granitblöcken bedeckt, über denen schäumende, donnernde Wassermassen brodeln. Tritt das Pferd auf eine gerundete, glatte Steinfläche, so schwebt es in Gefahr, auszugleiten, und tritt es zwischen zwei Blöcke, so kann es ebenso leicht stecken bleiben. Am unruhigsten war ich jedoch wegen der Kisten, die Instrumente, photographische Apparate und Platten enthielten. Bei jeder Furt entkleideten sich zwei der Leute halb und gingen barfuß hinüber, um den Grund zu untersuchen. Hierauf führten drei Männer jedes Pferd einzeln mit großer Vorsicht hinüber. An einer ziemlich bequemen Furt fiel es dem einen unserer beiden Maulesel ein, den Pferden nicht folgen zu wollen. Er versuchte es an der Seite, wo die Hauptmasse des Wassers in einem tiefen Bette strömte, wurde von der Strömung gepackt und eine Strecke flußabwärts getrieben, um auf eine Kiesbank hinaufgeschleudert zu werden. Die Kosaken stürzten sich angekleidet in den Fluß und brachten das Tier glücklich wieder auf die Beine, aber die ganze Last, Mehl und Brot, ging verloren.
Die vierte Tagereise führte uns nach dem Passe Jaman-dawan hinauf, ein sehr passender Name, denn er bedeutet der »schlechte Paß«. Das Tal, dem wir folgten, verengte sich zu einem schmalen Hohlwege, und der Anstieg wurde so steil, daß man lieber zu Fuß ging. Die Lasten gleiten auf den Tieren bald seitwärts, bald nach der Schwanzwurzel hinunter und müssen unaufhörlich zurechtgerückt werden. Die eigentliche Paßschwelle ist so scharf wie ein Messer; von einigen in der Nähe liegenden Felsspitzen betrachtete uns eine Herde von Archaris. Zu ihrem Glücke waren sie außer Schußweite für die Flinten der Kosaken.
Noch eine Tagereise, und wir ließen das unfruchtbare Randgebirge hinter uns zurück und befanden uns wieder auf der nordtibetischen Hochebene. Dunkle, schwere Wolken begrüßten unsere Ankunft und entluden sich von Zeit zu Zeit in Regen und Schnee, – wir kannten diese Art Wetter vom vorigen Sommer her.
In seinem feuerroten Gewande, dem gelben Gürtel und der blauen Mütze, die bei Regenwetter ein lederner Baschlik schützte, glich Schereb Lama einem gemütlichen Wichtelmännchen in unserer Karawane. Nur mit mir und Schagdur konnte er sich auf Mongolisch unterhalten, doch bald lernte er auch Türkisch sprechen. Während der langen Ritte pflegte er sehr nachdenklich auszusehen; er grübelte wohl darüber nach, wohin das Schicksal seine priesterliche Würde diesmal führen werde, und fand gewiß, daß er in eine merkwürdige Gesellschaft geraten sei. Es wurde mir recht schwer, ihn in den Nutzen der astronomischen und topographischen Beobachtungen einzuweihen, und in seinen Augen war ich ein sehr sonderbarer Mensch, doch schloß er sich mit rührendem Vertrauen und großer Ergebenheit an mich an und sah ein, daß wir Fremdlinge es nur gut mit ihm meinten. Selten habe ich einen eifrigeren, gewissenhafteren Sprachlehrer gehabt als ihn; er wollte, daß ich seine Muttersprache fließend sprechen lernte, damit wir uns dann ungehindert über die Themata, die ihn besonders interessierten, unterhalten könnten.
Als uns ein schweres Unwetter zwang, am oberen Tscharchlik-su einen Tag liegen zu bleiben, beschloß ich, den Lama in meine Pläne einzuweihen. Wie diese in der Zukunft auch ausfallen mochten, ich wollte doch nicht, daß der Lama je glaube oder denke, ich habe ihn in hinterlistiger Weise zu wahnsinnigen Abenteuern verführt. Ich wollte ihm die Möglichkeit offen lassen, zu rechter Zeit mit geretteter Ehre in sein Land zurückzukehren. Daher erfuhr er schon jetzt, daß es meine feste Absicht sei, als Mongole verkleidet mit ihm und Schagdur nach Lhasa vorzudringen zu versuchen. Er starrte mich an wie ein Gelähmter, ehe er aussprechen konnte, daß dieser Plan ganz unausführbar sei.
»Euch, Herr, und Schagdur wagen sie kein Haar zu krümmen, aber ich als Lama würde den Kopf verlieren. Töten sie mich nicht, so machen sie mich doch für alle Zukunft unmöglich; ich werde als Abtrünniger und Verräter, der einen Europäer nach Lhasa geführt hat, angesehen. Der Dalai-Lama, die mongolischen Pilger und der chinesische Amban sind nicht gefährlich, aber denkt an alle die Tibeter, die die Wege nach Lhasa bewachen, und an alle Priester in den Tempeln, die mich schon aus der Zeit kennen, als ich an den geistlichen Hochschulen studierte.«
Als ich an meinem Plane festhielt, meinte der Lama, es sei viel besser, wenn die ganze Karawane gerade auf die Hauptstadt von Tibet loszöge, denn dann würden wir höchstens höflich, aber bestimmt zurückgewiesen werden, und er könne sich dann als Türke verkleiden, so daß keiner seiner Freunde von seiner Anwesenheit bei uns eine Ahnung hätte.
Zunächst sollte er uns auf jeden Fall nach dem Kum-köll begleiten und hierauf, wenn er es wünschte, zusammen mit den Eseltreibern, deren wir dann sicher nicht mehr bedurften, wieder umkehren dürfen. Es wäre freilich ein großer Verlust gewesen, von ihm scheiden zu müssen, denn ich brauchte ja um jeden Preis einen Dolmetscher für die tibetische Sprache. Ich schlug daher dem Lama vor, er solle bei der Karawane bleiben, während ich und die Burjaten nach Lhasa ritten; aber gegen diesen Ausweg empörte sich sein Ehrgefühl. »Ich kann meinen Herrn nicht verlassen, wenn er meiner gerade am nötigsten bedarf«, erklärte er. Der Lama war kein Feigling und gab späterhin Beweise wahren Muts. Während der folgenden Tage saß er in sich gekehrt auf seinem tiefeingeschnittenen Mongolensattel. Er fand es gemein von Schagdur, daß er ihm nicht den ganzen Umfang des Planes anvertraut hatte; ich erklärte ihm aber, daß Schagdur auf meinen bestimmten Befehl so gehandelt habe. Von nun an führte uns kein Tagemarsch weiter durch die Täler, dämmerte kein Abend, ohne daß wir diesen Plan besprachen und berieten. Schereb Lama durchlebte dabei wahre Seelenkämpfe. Er schwankte zwischen seiner Pflicht als Lama und seiner Zuneigung zu mir hin und her. Am Kum-köll sollte er seine endgültige Entscheidung treffen, dort sollte er zwischen seiner sicheren Klosterzelle im Tempel bei Kara-schahr und ungewissen, gefährlichen Abenteuern in meiner Gesellschaft wählen.
In Unkurluk, wo sich einige Hirten aufhielten, kauften wir zwölf Schafe und ritten dann über einen 4000 Meter hohen Paß nach dem Tschimen-Tale, das wir vom vorigen Jahre her kannten, hinunter. Hier erkrankte Schagdur an einer Art Bergkrankheit; er hatte starkes Fieber mit außerordentlich raschem Puls. Ein paar Tage hindurch schwebte ich in größter Unruhe um ihn, doch er erholte sich bald wieder, so daß wir die Reise fortsetzen konnten.
Am 1. Juni lagerten wir am Westufer des Ajag-kum-köll und hatten nichts weiter zu tun, als auf die Ankunft der Hauptkarawane zu warten. Ich kann beinahe sagen, daß dies die letzte friedliche Ruhezeit während der ganzen Reise war. Heftiger Ostwind herrschte, und das eintönige Rauschen der Wellen am Strande war das einzige, was das Schweigen der Einöde unterbrach. Die Proviantesel und ihre Treiber wurden jetzt entlassen. Die Weide war schon hier so schlecht, daß uns unsere eigenen Pferde durchbrannten, und Mollah Schah hatte viel Lauferei, bevor er sie wiederfand.
Ankauf von Schafen bei den Hirten von Unkurluk.
Der 4. Juni war ein herrlicher, klarer Tag. Die Leute schliefen in ihrem Zelte, nur der Lama, der sich in mein Zeißsches Fernglas verliebt hatte, saß vor meiner Jurte und spähte über die Gegend hin. Plötzlich erschien er mit der Meldung, er sehe etwas Dunkles, das unsere Karawane sein müsse, von deren Existenz er bisher sehr unklare Begriffe gehabt hatte. Ganz richtig; am Fuße des Gebirges zeichneten sich sechs feine, schwarze Linien und viele Punkte ab. Es waren entschieden die Unseren, aber die Entfernung war noch so groß, daß sie unsere Zelte nicht sehen konnten. Mit gespanntem Interesse beobachteten wir den Marsch des Zuges; bald würden sie eine Schwenkung machen und gerade auf uns zukommen. Nein bewahre, daran dachten sie gar nicht, sie machten Halt, und bald lösten sich die Linien in lauter Punkte auf. Ich sagte mir, daß sie das Lager an einer Stelle mit leidlichem Grase aufschlagen wollten, und schickte Mollah Schah zu ihnen. Es dauerte lange, ehe wir die Punkte sich wieder zu einem Haufen verdichten sahen, die Tiere wurden wieder beladen, und dann gewahrten wir die Karawane in Verkürzung, wie sie sich gerade auf unser Lager zu bewegte.
Von der Spitze trennten sich zwei Reiter, die in Karriere zu mir heransprengen, es sind Tschernoff und Tscherdon. Sie melden, daß alles gut stehe. Jetzt kommt die Eselkarawane mit Dowlet herangezogen, und hinter seiner »gräulichen« Kolonne erscheint ein verwirrter, erschreckter Kulan, der sich noch im letzten Augenblick in einer Staubwolke vor den mörderischen Absichten der Kosaken rettet.
Der nächste im Zuge war Turdu Bai an der Spitze seiner fetten, prächtigen Kamele in weißen »Tschapanen« oder Mänteln, die ihnen die Männer unterwegs während der Rasttage genäht hatten. Die drei Jungen sahen in ihren weißen Mänteln gar zu komisch aus, wie sie munter den älteren nachhüpften. Sogar das Jüngste, das kaum einen Monat alt war, sprang umher, ohne die geringste Spur von Müdigkeit zu zeigen. Auch dem Hirsche ging es gut; er hatte einen ausgezeichneten Appetit.
Den Zug schlossen die Pferde mit ihren Lasten und Treibern. Jede Kolonne passierte das Hauptquartier, wo ich, umgeben von den Kosaken, die Tiere musterte und die demütigen Grüße der Vorbeiziehenden erwiderte. Die Lasten wurden im Viereck aufgestellt als Gehege für die Schafherde, unseren lebenden Proviant, die uns und dem unglaublich zahmen Leithammel Wanka treu folgte. Letzterer war jetzt fast zwei Jahre bei uns und war gehorsam und treu wie ein Hund. Er führte und leitete die anderen Schafe so klug und verständig, daß wir eines zweibeinigen Schafhirten beinahe gar nicht bedurften. Von all den Tieren, die da an mir vorbeizogen, war ein Jahr später bei unserer Ankunft in Kaschgar nur noch Wanka bei uns.
Die Karawane am Ufer des Ajag-kum-köll.
Zur Vorbereitung für den großen Aufbruch nach Süden war jetzt ein Ruhetag nötig. Die Kosaken hatten mir eine sehr gemütliche kleine Jurte angefertigt, die statt der alten aufgeschlagen wurde. Das Ufer des Salzsees glich einem verkehrsreichen Korso mit Jurten, Zelten, Warenballen, Gruppen plaudernder Männer um rauchende Feuer, einzelnen Reitern und weidenden Tieren. Die Brandung zischte am Ufer, und der Regen klatschte frisch und dicht auf unsere Ansiedlung herab.
Jetzt war auch der Augenblick gekommen, in dem der Lama seinen endgültigen Entschluß fassen mußte. Ich überließ es ihm ganz. Zu meiner Freude kam er von selbst in meine Jurte, um mir zu sagen, er habe die Absicht, mir zu folgen, wohin es auch sei. Er erbat sich nur als Gnade, nicht zurückgelassen zu werden, wenn er erkranken sollte, und ich versprach ihm, daß dies nicht geschehen werde. Es war ein wahrer Segen, daß er mit uns kam, und ich weiß nicht, wie wir uns sonst in den unbewohnten Teilen Tibets hätten zurechtfinden sollen.
Schließlich ließ ich alle Mohammedaner zusammenrufen, um Turdu Bai zum »Tugatschi-baschi« oder Oberaufseher der Kamele und Hamra Kul, einen großen, starkknochigen Menschen, zum »Att-baschi« oder Oberaufseher der Pferde zu ernennen. Sein sechzehnjähriger Sohn Turdu Ahun war der Laufbursche der Mohammedaner. Die übrigen Reisenden werde ich bei Gelegenheit auch vorstellen.
So graute denn der Morgen, an dem ich meine ganze Mannschaft versammelt hatte und nicht mehr an verwickelte Verabredungen und Signalfeuer zu denken brauchte. Vom Sattel meines prächtigen weißen Reitpferdes herab konnte ich mein ganzes wanderndes Eigentum mustern. Das Abschlagen der Zelte, Beladen der Tiere und Ingangkommen ging schneller, als ich erwartet hatte. Voran marschierten die Kamele in fünf verschiedenen Kolonnen, jede mit ihren Führern; die erste führte Turdu Bai. Unter den Kamelen verdienten einige besondere Beachtung, z. B. der schöne, große Hengst, der mich 1896 begleitet hatte. Sein Gang war majestätisch und ruhig, und resigniert betrachtete er die kahlen Berge, die ihm bald das Leben rauben sollten. Nahr, das Dromedar, trug noch immer die Halfter, um nicht um sich beißen zu können; es gehörte zu den Veteranen und war mit uns in der Gobi und in Lôu-lan gewesen. Mein altes, ruhiges Reitkamel in der Wüste, Artan, war ebenfalls ein Veteran; wegen seiner unerschütterlichen Ruhe trug es stets meine empfindlichsten Instrumentenkisten.
Die Pferde und Maultiere, 45 an der Zahl, wurden ebenfalls in gesonderten Gruppen geführt und getrieben; neben ihnen her schritten Fußgänger, die aufpaßten, daß die Lasten auf beiden Seiten gleiches Gewicht hatten und nicht abrutschten. Die Schafherde folgte getreulich Wanka und bedurfte selten der Aufsicht. Die Hunde liefen vergnügt spielend umher und fanden die Situation sehr spaßhaft. Entgegengesetzter Meinung war der Hirsch, der heftig erkrankte und totgestochen werden mußte. Die Esel, jetzt 60 an der Zahl, blieben bald zurück und erreichten am Abend nicht einmal das Lager.
Die lange Karawane schritt langsam und schwer an dem blaugrünen See entlang und gewährte einen festlichen, abwechslungsreichen Anblick: die Kosaken in ihren jetzt fadenscheinigen Uniformen mit den hinten auf dem Sattel festgeschnallten Pelzen, die Mohammedaner in ihren bunten Tschapanen und Fellmützen, die einer Landstreicherbande oder orientalischen Lumpenkerlen ähnelnden Eseltreiber und die Geistlichkeit, vertreten durch Rosi Mollah, den Korangelehrten, und Schereb Lama, der mir und Schagdur jetzt täglich die merkwürdigsten Geheimnisse verriet, die er in Lhasas heiligen Tempeln entdeckt hatte.
Im ganzen hatte ich 30 Leute und 144 Lasttiere. Das Ganze erinnerte an ein Einfallsheer, das auf dem Wege war, der geographischen Wissenschaft neue Gebiete des unbekannten Tibet zu erobern. In dieser Beziehung unterscheiden wir uns zu unserem Vorteile von den Scharen, die in unseren Tagen in Tibet eindringen, um dieses friedliche, unschuldige Land unter das Zepter einer Großmacht zu zwingen. Ich fühlte jedoch, daß wir jetzt unsere Schiffe verbrannten und daß diese große, stattliche Karawane einem beinahe sicheren Untergange entgegenging. Komme, was da wolle; nach Norden würden wir nicht zurückkehren! Nach Süden und Westen führte unser Weg, und ich wollte mich nicht eher zufrieden geben, als bis ich den Versuch gemacht, nach Lhasa vorzudringen, und bis ich das Rauschen der Brandung des Indischen Ozeans gehört hatte.
Unser erster Tagemarsch in geschlossenem Zuge war recht beschwerlich; er führte aufwärts über unfruchtbare Hügel und über einen tief eingesägten Fluß, dessen Boden aus rotem Schlamme bestand und dessen Wasser bittersalzig war. Der Boden ist in den phantastischsten Türmen und Mauern ausmodelliert, und man glaubt, durch die Ruinen einer uralten Stadt zu reiten. In der Dämmerung drehte sich alles nur um das Ausfindigmachen eines einigermaßen leidlichen Lagerplatzes, aber wir sahen uns vergeblich danach um und schlugen das Lager Nr. 12 in der denkbar kargsten Gegend auf. Auf Weide und Brennholz hatten wir kaum gerechnet, aber hier gab es nicht einmal Wasser. Glücklicherweise fing es an zu schneien; alle Gefäße wurden hingestellt und die Zeltwände auf die Erde gespannt. Die Tiere mußten sich an Mais satt fressen; die Esel waren doch nicht mehr imstande, uns noch weit zu begleiten, und da war es besser, sich ihrer Lasten auf diese Weise zu entledigen, als den Mais im Stiche zu lassen. Erst am Morgen erschien Dowlet mit der halben Anzahl Esel; die übrigen würden uns schon noch einholen, wenn wir es nicht gar zu eilig hätten, erklärte er.
Am zweiten Tage wurde daher nur ein kurzer Marsch gemacht. Während wir auf die Esel warten, wird es den Leser vielleicht interessieren, zu hören, wie es im Lager aussah. Es wurde stets nach einem bestimmten Plane aufgeschlagen. Auf dem einen Ende der Lastenstapelreihen hat Turdu Bai sein Zelt, in welchem auch Hamra Kul, Mollah Schah und Rosi Mollah wohnen. Auf demselben Flügel wird das Zelt aufgeschlagen, das meine Küche und die der Kosaken beherbergt und worin Kutschuk allein residiert. Er ist der Gehilfe Tscherdons, der bis auf weiteres zu meinem Haushofmeister ernannt ist. Tschernoff ist der Koch der Kosaken. Unsere Küche liegt also abgesondert von derjenigen der Mohammedaner, die unter keiner Bedingung mit Ungläubigen zusammen essen und Töpfe verabscheuen, in die sich möglicherweise gelegentlich ein Stück Schweinefleisch hat hinein verirren können.
Dann haben wir eine große, kuppelförmige Jurte, in der sich Sirkin, Schagdur und der Lama aufhalten. Jeder von ihnen hat sein aus Filzdecken, Pelzen und einem Kissen bestehendes Bett. Sirkin ist mein Gehilfe bei allen Beobachtungen; er ist des Lesens und des Schreibens kundig und pflegt abends den anderen Kosaken laut aus Prschewalskijs Reisebeschreibung, die ich mitgenommen habe, vorzulesen. Schagdur sollte sich einstweilen noch von seiner Krankheit erholen. Dem Lama war es untersagt, sich mit gröberen Arbeiten zu befassen, er sollte mir nur mongolischen Unterricht geben und späterhin als tibetischer Dolmetscher fungieren. Das Verbot nützte aber nichts; der Lama hielt keine Arbeit für zu grob für seine an heilige Folianten gewöhnten, weichen Hände. Er hob schwere Kisten von den Kamelen herunter und auf sie hinauf, und Turdu Bai meinte mit vergnügtem Lachen, er habe einen ausgezeichneten Handlanger erhalten. Der Lama wurde infolgedessen in der Karawane populär und stachelte den Ehrgeiz der Mohammedaner an, denn ein Gläubiger darf doch nicht schlechter sein als ein »Kaper«, ein Heide, der Schweinefleisch ißt!
Ferner haben wir Tschernoffs und Tscherdons kleine Jurte, und am äußersten Ende des entgegengesetzten Flügels steht meine Jurte, die von Jolldasch und Jollbars bewacht wird – manchmal zu eifrig, gegen eingebildete Feinde, unsere eigenen Pferde und Kamele. Die übrigen Karawanenleute müssen sich mit mehr provisorischen Zelten begnügen. Sie legen Filzdecken über die Kamellasten und finden darunter eine Freistatt. Ihr Essen kochen sie an den verschiedenen Feuern, die in den Gassen und auf den freien Plätzen der Lagerstadt brennen. Einige Männer müssen jedoch die ganze Nacht unsere Tiere bewachen und dafür sorgen, daß diese sich nicht allzuweit entfernen. Bei dieser schweren Arbeit lösen sie einander ab, und Tschernoff paßt auf, daß dabei keine Durchstecherei vorkommt. Manchmal reitet er mitten in der Nacht zu den Herden hinaus, um sich zu überzeugen, daß die Hirten nicht schlafen.
Sobald wir Halt gemacht haben, wird im Handumdrehen das Lager aufgeschlagen; jeder hat seine bestimmte Beschäftigung, überall herrscht Leben und Bewegung, allmählich aber wird es ruhig, die Tiere werden auf die beste Weide in der Nachbarschaft geführt, Feuerungsmaterial – Argol, Dung von Yaken und Kulanen – gesammelt, und dann lassen sich die verschiedenen Gruppen zum Kochen an den Feuern nieder. Einen kostbaren Reservevorrat von Brennholz haben wir an den festen Leitern, an denen die Proviantsäcke befestigt sind. Sie werden nach und nach frei und überflüssig und dienen zum Anheizen des oft noch feuchten Dunges.
Mein Bett wird wie die Lager der anderen direkt auf der Erde ausgebreitet, und darauf sitzend, mit einem Lichte vor mir, führe ich abends die Karte der Tagesroute aus und schreibe meine Aufzeichnungen nieder.
Am 8. Juni mußte der alte Dowlet umkehren, um die noch fehlenden Esel zu suchen. Wir aber zogen durch eine neue Landschaft von rotem, weichem, feuchtem Lehm nach Süden. Ein ziemlich tief eingeschnittener Talweg sah vorteilhaft aus. Der lange schwarze Zug folgt den Windungen des Korridors. Der Boden wird immer feuchter, und die Kamele sinken in den Schlamm ein. Unaufhörlich erschallen eifrige Mahnrufe; ein Kamel ist ausgeglitten und gefallen, ein Pferd hat seine Last abgeworfen, ein Maultier ist geradezu im Schlamme stecken geblieben und muß von kräftigen Händen herausgezogen werden wie ein Kork aus einer Flasche. Alle gehen zu Fuß. In einem Tümpel bleibt mein einer Stiefel stecken, und ich trete mit dem Strumpfe bis ans Knie in den Schlamm. Zwei Kamele sind erschöpft und müssen von ihren Lasten, die von Pferden übernommen werden, befreit werden. Schließlich wurde es unmöglich, in diesem scheußlichen Loche weiterzukommen. Rechts um kehrt, marsch! Der Platz ist so knapp, daß jedes Tier sich da, wo es steht, umdrehen muß und die Spitze der Karawane jetzt den Zug beschließt. Der Rückzug aus der tückischen Falle war noch schlimmer, denn jetzt war der Boden durch all das Getrampel noch weicher geworden.
Im Westen fanden wir einen kleinen Paß, der uns von günstigerem Terrain getrennt hatte. Auf seiner Schwelle sitzend, sah ich die ganze Schar vorbeiziehen. Das eine der beiden müden Kamele war sehr schwer hinüberzubringen, es mußte buchstäblich Schritt für Schritt von fünf Mann hinaufgeschoben werden. Es wurde jetzt Regel, stets das Land nach Süden hin zu rekognoszieren; vom nächsten Lager aus mußten Mollah Schah und Li Loje diesen Auftrag ausführen.
Hier war um eine kleine Quelle herum außergewöhnlich gute Weide. Um 3 Uhr hatten wir Sturm aus Westen mit Schneetreiben und abends Sturm aus Osten. Ich sitze im Pelz, über ein Kohlenbecken gebeugt, bei der Arbeit; die Nachttemperatur geht auf -13° herunter. Dies ist ein Hochsommer 20 Breitengrade südlicher als Berlin! Aber wir befinden uns auch mehr als 4000 Meter über dem Meere.
Am Tage darauf folgten wir der Spur der Kundschafter in immer höher werdende Regionen hinauf und lagerten auf einer Erhöhung am linken Ufer eines gewaltigen Flusses, dessen Krümmungen mächtige Eisschollen anfüllten. Der Strom hatte ein tiefes Talbett, und das Lager befand sich 23 Meter über seinem Grunde; die Terrassenwand war lotrecht, und da ich fürchtete, die Kamele könnten in ihrer Tölpelhaftigkeit von dem lockeren, nachgebenden Rande abstürzen, ließ ich sie nach einem sichereren Tale bringen.
Drei Tage wurden hier geopfert, um Ordnung in die Karawane zu bringen. Ein großer Teil der Eselkarawane fehlte jetzt ganz. Ich schickte Tscherdon mit einigen Pferden und Maultieren aus, um wenigstens die Maislast zu bergen; am dritten Tage kam er nach gut ausgeführtem Auftrage wieder. Die Esel aber waren einem traurigen Schicksale entgegengegangen; an einem Tage waren neun, an einem anderen dreizehn von ihnen zusammengebrochen; nur ein paar waren noch am Leben, aber untauglich. Eines der beiden erschöpften Kamele war ebenfalls zurückgelassen worden; die Eseltreiber, die von diesem Lager nach Hause zurückkehrten, sollten es behalten dürfen und sie versprachen, ihr Bestes zu tun, um es in wärmere Gegenden hinunterzubringen und es dadurch zu retten.
Ein schlimmer Lagerplatz.