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Viertes Kapitel.
Der verzauberte Wald.

Es dauerte nicht lange, bis sich offenbarte, daß die Zeit des Sommers vorbei war. Daheim war der Flieder schon längst verblüht, jetzt folgte auch die üppige Vegetation an den Ufern des Tarim seinem Beispiele. Als wir am 20. September bei Sonnenuntergang erwachten, sah der Himmel unheildrohend aus. Die Nacht war kühl gewesen, und die Luft war voll der Vorboten des Herbstes, welche die Blätter gelb färbten. Wie ein Schleier lag es über der Landschaft, und durch den dichten, feinen Staub, den ein Oststurm aufjagte, zeichneten sich die Tamarisken und Schilfdickichte selbst auf den nächsten Ufern nur schwach ab. Der Sturm war für die Fortsetzung der Fahrt zu heftig; wir blieben am Ufer liegen und warteten geduldig. Als wir endlich weiterfahren konnten, plätscherten die Wogen melodisch gegen den Vorsteven der Fähre, wo Palta mit seiner Stange saß und eine schwermütige Ballade von den Abenteuern eines Königs und seiner Ritter sang. Islam Bai ließ sich gewöhnlich, wenn ihm der Tag zu lang wurde, in der Jolle an Land rudern, um dann den Wald zu durchstreifen; oft kam er dann mit wilden Enten und Fasanen zurück. Da er den ewig schlängelnden Windungen des Flusses nicht zu folgen brauchte, hatte er gewöhnlich einen Vorsprung vor uns; manchmal sahen wir ihn, wie er auf einem Vorsprunge saß und uns erwartete, und wenn die Fähre in seine Nähe gelangte, wurde die Jolle an Land gerudert, um ihn abzuholen.

Jetzt im Herbste zogen Tag und Nacht Massen von Wildgänsen über uns hin, um sich über Jarkent südwärts nach ihren warmen Winterquartieren in Indien zu begeben. Sie hielten sich in einer Höhe von etwa 200 Metern und erfüllten die Luft mit ängstlichem Geschrei. Doch als sie über Nacht zu rasten beabsichtigten, senkten sie sich allmählich, bis sie beinahe die Kronen der Pappeln zu streifen schienen, um bald darauf zwischen den Bäumen zu verschwinden. Diese bewundernswerten, eilfertigen Pilger finden ihre luftigen Wege ebenso sicher, wie die Schmelzbäche der Gletscher sich nach den Endseen des Tarim hinfinden. Einen stattlichen Anblick gewähren sie, wenn sie in militärisch geordneter Phalanx mit unermüdlichen Schwingen über die Erde hinjagen. Im Oktober waren ihre Züge so häufig, daß wir ihnen gar keine Aufmerksamkeit mehr schenkten.

Wir erreichten jetzt den Teil des Flusses, der unter dem Namen Kötteklik-darja bekannt ist und vor dem man uns wegen eines 10 Meter hohen Wasserfalles Angst gemacht hatte. Je näher wir diesem kritischen Punkte kamen, desto mehr schrumpften die angegebenen Maße des Wasserfalles zusammen, und als wir ihm ganz nahe waren, sollte seine Fallhöhe kaum einen Meter betragen. Aber die Stromgeschwindigkeit nahm zu, und die Fähre wurde von ihm in eine enge, unregelmäßige, mit Ansammlungen von gestrandetem Treibholze angefüllte Passage hineingepreßt. Es kam oft vor, daß das Vorderteil der Fähre auf einen gesunkenen Pappelstamm aufrannte und von der Strömung zu einer ganzen Drehung gezwungen wurde. Man fühlt einen schwachen Ruck, und im Nu ist die ganze Szenerie verändert; man wird beinahe schwindlig von diesem Ringeltanze. Alle Männer springen in den Fluß und schieben das Fahrzeug los, und dann geht es wieder zwischen den Treibholzinseln weiter. Mit bangem Herzen fragt man sich, ob wir noch werden stoppen können, ehe wir kopfüber in den Wasserfall hineinfahren.

Da ertönt ein fernes Brausen, das immer stärker wird! Bevor wir uns dessen versehen, sind wir am ersten Wasserfall angelangt, in welchem das Wasser mit beängstigendem Getöse hinabwirbelte. Von Stoppen war keine Rede. Ich stelle mich auf das Vorderdeck und überblicke die Situation. Wenn kein tückischer Strudel unter der Schwelle des Wasserfalles kocht, wird alles gut gehen. »Laßt die Fähre gerade auf den Fall losgehen«, rufe ich, und die Fähre wird mit den Stangen gerade in die Strömung geschoben und sausend gleitet sie über die kochenden Wassermassen.

Kaum hatten wir diese »gefährliche« Stelle passiert, als sich etwa zwanzig Leute zu Pferd und zu Fuß am Ufer zeigten. Es waren Landleute, die von einigen benachbarten Höfen geschickt waren, um uns über die Fälle zu helfen. Sie waren mehr über den Anblick unseres schwimmenden Ungetüms als darüber erstaunt, daß es ohne Unglück über den Fall gegangen war. Die Leute kamen uns jedoch gut zustatten, denn eine Strecke weiter abwärts, wo der Fluß sich ausdehnte und außerordentlich seicht wurde, saßen wir rettungslos in dem blauen Tone fest. Ich und alle Männer liefen lange barfuß im Wasser umher, um nach einer halbwegs brauchbaren Rinne im Flusse zu suchen – wir brauchten zum Flottwerden ja nur 23 Zentimeter Wassertiefe!

»Sieh da,« dachte ich, »soll unsere stolze Flußfahrt hier schon enden? Nein, es darf nicht sein, wir müssen weiter!« Alles Gepäck, Sack und Pack, wurde an Land gebracht. Mit vereinten Kräften schoben wir die Fähre wie einen Schlitten über den blauen Ton, aber nur mit dem Erfolg, daß sie immer tiefer in den Ton hinein geriet. Schließlich stand sie wie festgegipst. Nun war guter Rat teuer! Wieder liefen wir in dem glatten Ton umher; waren wir doch nur einige 20 Meter vom tiefen Wasser entfernt. Wie einen Mühlstein drehten wir die Fähre ein paarmal, der Ton wurde aufgeweicht, endlich, nach verzweifelten Anstrengungen, hatten wir unser Fahrzeug wieder flott.

Noch eine kurze Fahrt führte uns nach dem untersten Wasserfalle, der eine bedeutendere Höhe hatte als die vorhergehenden. Hier mußten wir natürlich unfehlbar kentern, und es wurde allgemein dafür gestimmt, das ganze Gepäck an Land zu bringen. Es geschah, und die Mohammedaner bedankten sich dafür, den sicheren Schiffbruch mitzumachen. Ich selbst konnte auf diese großartige Rutschpartie natürlich nicht verzichten. Mittelst eines am Achter befestigten Taues wurde die Fähre von einigen Leuten, die im Wasser wateten, hübsch langsam nach der Schwelle des Falles hingezogen. Ich stand auf dem Vorderdeck und hatte die kochenden, tobenden Wassermassen vor mir. »Los!« rief ich, und wie ein Aal glitt das Fahrzeug über die Schwelle; – plätschernd schlug der Vorsteven auf der Wasserfläche unterhalb des Falles auf; ebenso leicht folgte ihm das Achter. Und damit war die Sache überstanden.

Karaul-dung ist ein einsamer Hügel am Ufer. Von seinem Gipfel hat man eine weite Aussicht über das graue, geringelte Band des Flusses, der sich in die stillen Tarimwälder hineinbohrt. Im Südosten liegt es wie ein gelber Schein über dem Grün; mit dem Fernrohr erkennt man gewaltige gelbe Wogen – es ist der Flugsand des Wüstenmeeres, der unheimlichen, mörderischen Wüste Takla-makan.

Unterhalb dieses Punktes sieht der Fluß wie ein schmaler Kanalarm aus und ist manchmal kaum 6 Meter breit. Wir haben aber auch schon das meiste Wasser abgegeben, das nach Norden geleitet worden ist, um die Felder von Maral-baschi zu bewässern. Hier heißt es also mit den Stangen aufpassen, denn die Strömung ist stark, und die Fähre stößt gegen die Ufer, wenn man nicht achtgibt. Einmal rannten wir mit solcher Wucht auf dem niedrigen Uferwalle auf, daß die Fähre beinahe umgeschlagen wäre, da ihr Achter den Druck der ganzen Strömung auszuhalten hatte.

Doch der Fluß wird wieder breiter. In einer Krümmung mit heftiger Strömung wird die Fähre dicht an das rechte Ufer getrieben. Hier stand im Flußbett selbst eine absterbende Pappel, die dem rauschenden Spiele des Wassers um ihren Stamm lauschte. Sie wurde zu spät entdeckt, und die Leute konnten das Fahrzeug nicht mehr rechtzeitig an ihr vorbeisteuern; knirschend schrammte es längs des Stammes hin, der seine dicken Zweige wie raubgierige Arme über die Fähre ausstreckte und tat, was er konnte, um das Zelt vom Decke herabzufegen; er mußte sich jedoch mit einem Fetzen begnügen, und es gelang mir noch im letzten Augenblicke, meine kostbaren Instrumente, die auf dem Dache der schwarzen Kajüte lagen, zu retten.

Ende September erreichten wir eine Gegend, wo sich der Fluß wieder majestätisch ausnimmt, nachdem er Zufluß von Norden empfangen hat. Doch die Strömung ist langsam, die Oberfläche wird nur von ringelnden Wirbeln getrübt, und die Veteranen des Waldes spiegeln ihre gelbgewordenen Kronen darin. Welch großartige, herrliche Landschaft! Kein Hauch rührt sich, die ganze Natur ist in Sonntagsstimmung; Orgeltöne, die man nicht hört, aber ahnt, vibrieren zwischen den Ufern. zum Lobe des Ewigen. Hier knistern nicht dürre Zweige unter den Schritten eines einsamen Wanderers, hier gibt es keine Spur von menschlichen Wesen oder ihren Wohnungen. Hie und da gähnt in dem sonst undurchdringlichen Dickicht dieses Unterholzes die Mündung eines Tunnels – es ist einer der Korridore, die nur die Wildschweine finden und in die nie ein Sonnenstrahl fällt. Die Sonne glühte heiß, und sehnsüchtig spähte man vorwärts nach tiefen Krümmungen, wo die Fähre manchmal wie durch einen Park unter Laubgewölben in erfrischendem Schatten dahinglitt.

So fahren wir Stunde auf Stunde durch den schlafenden Wald auf dem dunkeln Spiegel des Flusses vorwärts. Es war eine märchenhafte Fahrt; man konnte glauben, von unsichtbaren Waldnixen und Elfen in einem Triumphwagen gezogen zu werden, auf einer Straße von glänzendem Kristall durch verzauberte Wälder, wo nur das Schweigen mit allmächtigem Zepter herrschte. Unwillkürlich läßt man sich durch die zauberhafte Stimmung beeinflussen. Ich sitze ganz still und erwarte jeden Augenblick, eine Jagdnymphe oder Waldfrau werde die Laubvorhänge beiseite ziehen, unserm prosaischen Zuge eine graziöse Verbeugung machen und mit hellem Lachen im Dickicht verschwinden. Doch sie läßt auf sich warten, und nicht einmal die Flöte eines Hirten erschallt aus den dämmerigen Sälen des Waldes. Man wagt kaum zu reden, um den Zauber nicht zu brechen. Auf meine Leute wirkt er einschläfernd, sie schlafen abwechselnd bei ihren Stangen. Unaufhaltsam treibt inzwischen die Fähre weiter flußabwärts.

Sobald die Sonne sinkt und das Grün der Ufer immer dunkler wird, beginnen die Mücken, wie gewöhnlich, ihren Tanz mit Souper, und das Souper bin ich, denn sie scheinen mein Blut dem der Mohammedaner entschieden vorzuziehen.

Beim Gebirgsstocke Masar-tag bietet die Landschaft ein wenig Abwechslung; hier erhebt sich der Berg des heiligen Ali in unebenen Absätzen, während der Fluß seinen Fuß bespült. Gleich westlich vom Berge kommt aus einem kleinen See ein tief eingeschnittener Kanalarm, der einen kreideweiß schäumenden Wasserfall bildet. Unterhalb des Falles gibt es prachtvolle Fische, Asmane, in großer Menge. Unser Kasim zeigte hier seine Kunst. Schon in Lailik hatte er sich mit einer langen, geschmeidigen Rute versehen, an deren Ende ein abwärts gerichteter Haken festgebunden ist; hat der Haken sein Ziel getroffen, so löst er sich, ist aber etwas höher oben noch an einer starken Schnur befestigt. Sein Fanggerät in der Hand, durchbohrte Kasim, am Rande des Wassers in der Haltung eines Speerwerfers stehend, mit scharfen Augen die kochenden Wasserwirbel, an deren Bewegungen er erriet, wo ein Fisch seine elastischen Schläge schlug. Dann warf er den Speer, daß er durch das Wasser pfiff; man konnte die Rute vibrieren sehen. Es klatschte und spritzte im Schaume, und im nächsten Augenblick zog Kasim einen gewaltigen Asman an Land, der am Ende der Rute zappelnd hing, als sei er plötzlich dorthin gezaubert worden. Kasim machte seine Sache so gut, daß wir für mehrere Tage Fische hatten.

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Kasim beim Fischfang.

Am 4. Oktober zeigten sich zwei isolierte Berge über dem Horizonte, der Tschokka-tag und der Tusluk-tag, die ich von meiner Wüstenreise im Jahre 1895 her kannte; zwischen ihnen liegen die beiden Seen Sorun-köll und Tschöll-köll, die ich einer gründlichen Untersuchung wert hielt. Vom Lager am Flußufer wurde daher unser kleines Zeugboot nach dem Nordufer des Sorun-köll gebracht und segelfertig gemacht. Islam Bai durfte mitkommen; er saß vorn, wo er die Tiefenlotungen und Geschwindigkeitsmessungen ausführte. Ich selbst hatte für vieles zu sorgen, für Segel, Steuerruder, Kompaß, Uhr und die Karte, gar nicht zu reden von Notizbuch, Thermometer, Fernglas, – Pfeife und Tabaksbeutel. Es ging aber vortrefflich; der Wind war gleichmäßig und hielt die gleiche Richtung ein; ich konnte das Segel festmachen und mir zwischen den Peilungen in schönster Ruhe meine Pfeife stopfen. Der See lag offen und herrlich vor uns, und an den Ufern nickte das Schilf. Eine Schar von schneeweißen Schwänen erhob sich dann und wann vor uns, um mit lautem Geplätscher wieder auf das Wasser niederzuschlagen.

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Kasim mit seinem Fang.

In herrlicher Fahrt glitt die Jolle mit straffem Segel leicht und anmutig über das kristallklare, jetzt aber vom Winde aufgeregte Wasser. Nach vierstündiger Fahrt erreichten wir das Ende des Sorun-köll. Durch einen schmalen Kanalarm ist der See mit dem südlich davon liegenden Tschöll-köll oder »Wüstensee« verbunden, ein bezeichnender Name, denn um seine roten Ufer türmen sich die Dünen wie wahre Bergketten auf. Der Kanalarm wird von außerordentlich dichten, hohen Schilffeldern eingefaßt, deren gelbe Blütenrispen einander mitten über dem dunkeln Wasserspiegel einen brüderlichen Händedruck geben. Ganze Strecken weit gleicht der Kanal infolgedessen einem Tunnel, in dessen Innerem gemütliche Dämmerung herrscht.

Ein günstiger, frischer Wind jagte uns gerade in die Öffnung dieses nur 2–3 Meter breiten Tunnels hinein. Wie ein Schwan sauste das Boot durch den malerischen Wasserkorridor; die Schilfstengel beugten sich entweder vor unserem Segelbaume oder mußten pfeifend am Vorsteven zerknicken. Schließlich erweitert sich der Kanal ein wenig; hier hielten sich Hunderte von wilden Enten auf. Sie müssen geahnt haben, daß Islam vergessen hat, die Flinte mitzunehmen, oder sie hielten vielleicht unser Fahrzeug für eine ungewöhnlich große, friedliche Wildente; genug, sie hatten es durchaus nicht eilig, und erst, als wir unmittelbar bei ihnen waren, flogen sie so geschwind auf, daß das Wasser zischte und schäumte, schlugen aber bald wieder nieder, tauchten, schwammen, schnatterten weiter und amüsierten sich köstlich.

Vor uns wird es hell, der Horizont im Süden ist unendlich fern und so gleichmäßig, wie mit einem Lineal gezogen; unser gefülltes Segel schiebt die letzten Schilfgardinen beiseite, und aus ihrem Gefängnisse befreit, schaukelt die Jolle auf der blauglänzenden Flut des Tschöll-köll.

Wir rasteten am Ufer und verzehrten unser einfaches, aus Brot und kaltem Wildgansbraten bestehendes Frühstück, das uns ausgezeichnet schmeckte. Palta und ein Hirt waren am Ufer entlang gegangen und erwarteten uns hier.

Jetzt kam mir eine tolle Idee. Lange genug hatte ich gesegelt und mir in der letzten Zeit wenig Bewegung gemacht; ein gründlicher Spaziergang tat mir not. Nun, im Osten erhob sich der zerklüftete Kamm des Tschokka-tag wie der Rücken eines kolossalen Schweines. Ich mußte diese Bergkette um jeden Preis besteigen, um meine Karte von 1895 zu vervollständigen. Der Hirt murmelte allerdings etwas von der Entfernung, die bedeutend größer sein sollte, als sie aussah; wir würden das Lager, wo die Fähre lag und sich nach dem Weiterfahren sehnte, nicht vor dem nächsten Morgen erreichen können. Doch ich hatte meinen Entschluß schon gefaßt, und dann helfen keine Vorstellungen mehr. Ich kann tüchtig ausschreiten, wenn es sein muß. Das Lager mußten wir vor dem Hereinbrechen der Nacht erreichen, sonst wären meine Chronometer stehen geblieben, was sehr schlimm gewesen wäre.

Es war über 3 Uhr nachmittags, und das Tagesgestirn schwebte wie ein glänzender Ballon über den Spitzen des Tschokka-tag. Islam mußte für das Boot sorgen; mit den beiden anderen Leuten ging ich schnell auf eine niedrige Paßschwelle im Kamme der Bergkette los. In gerader Linie steuerten wir dorthin. Stunde auf Stunde verging, bevor unsere Schritte auf den Schuttabhängen der ersten Bergterrasse widerhallten. Der Wind hatte sich gelegt und vollständiger Stille Platz gemacht. In elastischen, langen Sprüngen liefen ein paar Rehe flüchtig und leicht bergauf; sie schienen kaum den Boden zu berühren. Unsere Schatten waren schon bedenklich lang, als wir die letzten Halden nach der Paßschwelle hinaufstiegen. Hier hatten wir einige Minuten Rast verdient.

Seltsam, traurig, aber doch teuer waren für mich die Erinnerungen, die hier mit einer Klarheit auf mich einstürmten, als hätte ich erst gestern jenen so verzweifelten, so hartnäckigen Kampf mit dem Tode gekämpft. Das Südufer dieses Sees, der in philosophischer Ruhe träumend zwischen seinen Bergen lag, hatte mich am 23. April 1895 mit einer prächtigen, starken Karawane dem unheimlichsten Untergange und den entsetzlichsten Qualen, die je ein Asienreisender erlebt hat, entgegenziehen gesehen.

Beleuchtet von dem grellen, farbenreichen Lichte der untergehenden Sonne badeten sich jetzt die hohen Dünenkämme in Purpur und Rot, einem riesenhaften Lavastrom vergleichbar. Sie erhoben sich wie Grabhügel über meinen toten Gefährten und meinen treuen, geduldigen Kamelen, deren Glocken auf ewig verstummt waren. Dieser alles erstickende Sand war es, der sie alle umgebracht hatte, nachdem unser Wasservorrat schon längst versiegt war, und unter den Dünen schlummerten sie in ihrem langen, schweren Todesschlafe. Fünf Jahre waren seitdem verflossen, und längst hatte der Wanderzug der rastlosen Dünen ihre Leichen verschlungen. Sie waren verschwunden wie Schiffe, die auf offenem Meere untergehen und in unbekannte Tiefen versinken. Ich glaubte, Grabgesänge aus dem Innern der Wüste erschallen zu hören, und als die Dämmerung ihre Sargdecke über diesen Schauplatz trauriger Erinnerungen breitete, war es mir, als müßten zwischen den Sandhügeln gespenstische Gestalten umherhuschen und Rache zu nehmen suchen an mir, der unfreiwillig ihre Leiden und Qualen verschuldet. Ich sah ihn so deutlich vor mir, den alten, redlichen Karawanenführer Mohammed Schah, wie er sterbend nach Wasser rief und wie er in dem Augenblicke, als ich ihn für immer verließ, den Kopf in den glühenden, erstickenden Sand bohrte, als wollte er sich an ihm, diesem verräterischen, tückischen Getränke, satt trinken. Wenn sich ihm wenigstens nach dem Tode die Träume des Lebens verwirklicht haben; wenn er unter den Palmen von Bihescht, dem Paradiese der Mohammedaner, seine ausgedörrte Kehle mit saftigen Wassermelonen und schwellenden Aprikosen hat erfrischen und laben können!

Und ich, der ich all dieses Elend verursacht hatte, war frisch und gesund und erinnerte mich dieser Tage als einer flüchtigen Episode meines Lebens. Jeder wird, glaube ich, begreifen, daß meine Gedanken sehr ernst waren. Es gibt im Leben Rätsel, die nie gelöst werden. Ich begriff wohl, daß mich die unendliche Gnade des Himmels gerettet hatte; aber warum hatten die anderen sterben müssen, sie, die an jener wahnsinnigen Wanderung unschuldig waren?

Doch die Sonne sinkt immer tiefer, die kostbare Zeit entflieht, und wir dürfen nicht länger träumen. Jetzt galt es, die andere Seite der Bergkette hinabzusteigen, die ungeheuer steil abfiel und aus lauter Felsvorsprüngen bestand. Hinunter mußten wir auf irgendeine Art, und es war ein Wunder, daß es glücklich ablief. Wir glitten und rutschten rauhe Felswände hinunter, wir ließen uns ohne Vorsicht in der Dämmerung in Schluchten hinab zum Schaden unserer Beinkleider und unserer Haut, die beide gehörig zerschunden wurden. Ich hatte den Vorteil, als letzter zu rutschen, so daß ich von den Blöcken, die die anderen mit ihren Füßen ins Rollen brachten, wenigstens nicht direkt totgeschlagen werden konnte. Aber als wir die weniger steilen Abhänge am Fuße des Berges endlich erreichten, waren die Schädel meiner Kameraden immer noch in ziemlich guter Verfassung. Nun begann eine endlose Wanderung in der Richtung nach dem Lager am Flusse. Die Nacht hatte die Landschaft schon in ihren dunkeln Schatten gehüllt. Ich hatte Islam Bai befohlen, abends in der Nähe der Nordspitze der Bergkette ein Feuer im Walde anzuzünden. Stunde auf Stunde verging, und vergeblich spähten wir nach einem freundlich einladenden Feuerscheine aus. Solcher forcierter Fußwanderungen ungewohnt, mußte ich alle 2000 Schritt ein paar Minuten ausruhen; ich zählte die Schritte, um danach die Entfernung berechnen zu können, und ich sehnte mich nach dem zweitausendsten, damit ich mich eine Weile auf dem nachtschwarzen Sande, aus dem die Hitze des Tages schon verflogen war, ausstrecken konnte. Ich war todmüde; ich lag auf dem Rücken und bewunderte die unermüdlichen Sterne.

Endlich zeigte sich in der Ferne der schwache Widerschein eines Feuers. Hat der Leser es je versucht, in dunkler Nacht einem Feuerscheine entgegenzugehen? Er reizt im höchstem Grade und macht den Wanderer an die Nähe des Zieles glauben. Stunde auf Stunde geht man, aber das Feuer scheint immer gleichweit entfernt zu bleiben. Schließlich fängt man an, daran zu zweifeln, daß es wirklich ein Feuerschein ist; es muß ein Elmsfeuer sein, das beständig vor uns zurückweicht. Doch nein! Jetzt lassen wir einen kleinen Hügel hinter uns, und nun zeigen sich der Kern des Feuers und seine hellen, lodernden Flammen. Wir rufen, erhalten aber keine Antwort, wir beschleunigen unsere Schritte und setzen uns dann wieder eine Weile und betrachten mit Freude das Licht. Ach, wenn wir doch erst dort wären! Schließlich erreichen wir die Grenze, bis zu der die äußersten Schwingungen der Schallwellen reichen, und nun bleiben unsere Rufe nicht länger unbeantwortet!

Als die Unseren hörten, daß wir im Anzuge wären, sorgten sie für eine festliche Illumination. Sie hatten in einem Teile des Waldes gerastet, der aus toten, verdorrten Bäumen bestand; diese wurden jetzt der Raub hungriger Flammen. Schon von fern hörten wir es in dem trockenen Holze knistern und sprühen, und nach einer Weile marschieren wir sozusagen in eine brennende Stadt ein, deren blendender Brand der nächtlichen Finsternis Trotz bietet. Rotglühende Stämme beugen sich schon auf allen Seiten zum Falle, und unerträgliche Hitze umgibt uns. Und dann kehren wir, von zuverlässigen Fackelträgern geführt, in später Nacht zur Fähre zurück, sehr angegriffen von dieser anstrengenden Wanderung. Es war der erste Tag im innersten Asien voll wirklicher Strapazen; aber nur ein bißchen Geduld, es werden ihrer schon mehr werden!


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