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Am 11. November waren wir wieder zum Aufbruch bereit. Der Zweck dieser neuen Exkursion, die etwa einen Monat in Anspruch nehmen sollte, war, auf sechs Pässen drei der parallelen Bergketten Nordtibets zu überschreiten und eine Karte von ihnen aufzunehmen, sowie Tieflotungen auf dem großen See Ajag-kum-köll anzustellen, der unmittelbar westlich von dem See Kum-köll liegt, dessen Bekanntschaft wir schon gemacht haben. Ich hatte eine auserwählte kleine Karawane, Tscherdon, Islam, Tokta Ahun, Togdasin usw., 13 ausgeruhte Pferde und 4 Maultiere. Jolldasch und Malenki hatten nichts dagegen, mitzukommen.
Ein Vergnügen war es eigentlich nicht, mitten im Winter in das Hochland zu ziehen, aber die geographischen Probleme, die zu lösen ich mir vorgenommen hatte, durften nicht vernachlässigt werden. Nach anstrengenden Ritten über wüste Berge erreichten wir glücklich das Seeufer, wo wir in einer Tiefe von 1½ Meter Trinkwasser fanden. Während des Ruhetages, der den Pferden hier bewilligt wurde, erhielten Tscherdon und Togdasin Erlaubnis, auf Jagd auszureiten. Sie blieben abends aus und kamen die ganze Nacht nicht zurück. Erst gegen Mittag stellten sie sich wieder ein, und Tscherdon erzählte uns folgendes: sie waren bei der Verfolgung einer Herde von Archaris oder Bergschafen durch wilde Täler bergauf geritten, hatten als die Steigung zu groß wurde, ihre Pferde zurückgelassen und waren über Massen von herabgestürzten Blöcken zu Fuß weiter geklettert. Die Wildschafe hatten sie in immer höhere Regionen hinaufgelockt. Auf einmal war Togdasin zusammengebrochen und hatte über entsetzliche Herz- und Kopfschmerzen geklagt. Tscherdon holte die Pferde herbei, aber da der Kranke sich nicht einmal im Sattel halten konnte, mußten sie die Nacht dort zubringen. Togdasin bat seinen Kameraden, ihn zu verlassen, er müsse ja doch sterben und wo es geschehe sei ganz einerlei. Während der Nacht schüttelte Tscherdon Togdasin von Zeit zu Zeit tüchtig, damit er nicht erfröre. Als der Tag anbrach, schleppten sie sich nach dem Lager hinunter. Togdasins Zustand war höchst beklagenswert, er war ganz verwirrt. Ich hatte ihn hier oben im Gebirge gefunden, ebenso wie Aldat, und nun schien sein Leben das nächste zu sein, das die Geister der Berge als Opfer fordern würden. Ganz so schlimm war es jedoch nicht. Wir schleppten ihn während der Exkursion mit uns und sorgten für ihn nach besten Kräften. Im Hauptquartier wurde er dann gepflegt, aber seine Krankheit war außerordentlich hartnäckig. Wir brachten ihn noch lebend in die Tiefebene hinunter, und in der kleinen Stadt Tscharchlik erholte er sich. Aber er blieb für den Rest seines Lebens ein Krüppel. Wie bei Aldat waren auch seine Füße schwarz geworden, und sie fielen ihm nun buchstäblich Stück für Stück ab, zuerst die Zehen, darauf die Muskulatur des Fußes, so daß der Knochen bloß lag. Er konnte nicht mehr gehen, aber er war die ganze Zeit – im April 1901 – ausgezeichneter Laune und beklagte sich keinen Augenblick. Ich schenkte ihm ein Pferd, Kleidungsstücke und eine Geldsumme, und er war eitel Dankbarkeit. Armer Togdasin, ob er wohl noch lebt?
Inzwischen wurde das Boot früh am Morgen des 18. Novembers in Ordnung gebracht, und Tokta Ahun ruderte mich über die salzige Tiefe des spiegelblanken Sees. Diesmal waren wir vorsichtig; außer Segel, Rudern, Rettungskissen, Tieflotungsapparaten und anderen Instrumenten nahmen wir Proviant für zwei Tage, eine kupferne Kanne mit Wasser, ein Säckchen mit Eisstücken nebst Pelzen und Filzdecken mit; in der kleinen Jolle lag alles so voll, daß man sich kaum bewegen konnte.
Das Wetter war herrlich. Der östliche Teil des Sees war mit dünnen Eisscheiben bedeckt, die so intensiv in der Sonne glitzerten, daß wir Schneebrillen aufsetzen mußten; die Schollen schaukelten und klirrten sogar bei den unbedeutenden Wellen, die unser Boot erregte. Das Eis stammte von dem Flusse her, der sich in den See ergießt, während dieser selbst infolge seines starken Salzgehaltes völlig eisfrei war.
Das Faltboot auf dem Ajag-kum-köll.
Während des Lotens flogen die Stunden vorüber. Gegen Sonnenuntergang sah man Staubwolken längs des Südufers hinjagen. Daun ertönte das gewöhnliche, sturmverkündende Brausen, und bald befanden wir uns in den Strichen der Windbahn. Wir hielten unseren Kurs, bis das Stampfen des schwerbelasteten Bootes uns zwang, nach Südosten zu rudern, und trieben nun in einer Richtung mit Wind und Wellen weiter. Die Dämmerung war schon eingetreten, und bei hohem Seegange an einem unbekannten Ufer zu landen, war gefährlich; die zerbrechliche Nußschale konnte leicht zertrümmert werden.
Inzwischen tanzte das Boot weiter. Zum Glück hatte der Wellengang sich des Eises am Südufer bemächtigt und es fortgetrieben, es hätte sonst die Jolle wie mit Messern zerschnitten. Die vor uns im Dunkeln leuchtende weiße Linie war die schäumende Uferbrandung. Ehe wir uns dessen versahen, tobte sie schon um uns herum. Eine Woge schleuderte das Boot auf das Ufer, das hier glücklicherweise aus Sand bestand, aber der Sog zog es sofort wieder ins Wasser, worauf es noch einmal mit solcher Wucht hinaufgeworfen wurde, daß die Holzrahmen krachten. Im letzten Augenblick sprang Tokta Ahun ins Wasser, und es gelang uns, das Boot aufs Land zu ziehen, aber erst, nachdem ein paar anstürmende Wellen hineingeschlagen und einen Teil unserer Habe durchnäßt hatten.
In dem Nachtlager, das jetzt im Windschutze am Fuße eines Hügels eingerichtet wurde, verlebten wir einen recht gemütlichen Abend. Holzige Köuruk-Pflanzen lieferten vorzügliches Brennmaterial und wurden mit Hilfe kleiner, hier und dort angezündeter Filialfeuer in der Dunkelheit eingesammelt. Nach einem wohlschmeckenden Abendessen mit Tee, das Tokta Ahun zubereitet hatte, qualmten wir aus unseren Pfeifen und schmiedeten großartige Pläne für die beabsichtigte Winterreise nach der Wüste Gobi, dem alten Lop-nor und den Sümpfen des Kara-koschun, die Tokta Ahun ebenso genau kannte wie seine Tasche. Schon um 9 Uhr waren es -14°; als unser Feuerungsmaterial zu Ende war, hüllten wir uns fest in unsere Pelze und krochen unter die Boothälften. Ich muß freilich gestehen, daß in dieser Nacht aus dem Schlafe nicht viel wurde. Allerdings hatte ich vier Paar wollene Strümpfe und ein Paar schöne Pelzstiefel, meinen Pelz und den Baschlik an, und dazu noch Filzdecken, aber wenn man fest angezogen ist und die Kälte unter -22° herabsinkt, ist es einfach unmöglich, sich warm zu halten.
Wir waren auch halb erfroren, als wir vor Tagesanbruch aus unseren dünnen Schalen krochen und die Teekanne wieder auf das Feuer setzten. Ich mußte mich entkleiden, um das Blut durch Reiben wieder in Umlauf zu bringen. Die Nachtkälte bleibt jedoch den ganzen Tag in den Knochen sitzen, und richtig warm wird man erst, wenn man sich wieder in seinen gewöhnlichen, relativ bequemen Verhältnissen befindet.
Bei 19° Kälte stießen wir das Boot vom Lande ab, um den See noch einmal, jetzt in nordwestlicher Richtung, zu kreuzen; denn die Karawane hatte Befehl, in dieser Richtung weiter zu marschieren und uns an einem großen Feuer, das uns als Leuchtturm dienen sollte, zu erwarten.
Schon als wir noch weit draußen auf dem See waren, glaubten wir, auf der rechten Fährte zu sein, und vermeinten, das Zelt, die Jurte und die Tiere zu sehen. Aber als wir nahe genug herangekommen waren, um mit dem Fernglase das Ufer deutlich sehen zu können, verwandelten sich jene in zwei kleine Hügel und diese in eine Kulanherde. Wir landeten dennoch und konstatierten, daß die Karawane nach Westen weitergezogen war. Zwei Bären waren kürzlich nach der entgegengesetzten Seite getrabt, um die Murmeltiere in ihrem tiefen Winterschlafe zu stören.
Es blieb uns keine andere Wahl, als am Ufer entlang zu rudern und die Unseren aufzusuchen. Eine Staubwolke unter der sinkenden Sonne täuschte uns; sie war durch fliehende Kulane verursacht. Ich war steifgefroren; Tokta Ahun hielt sich durch das Rudern warm und sang ein schwermütiges Lied aus den Hütten von Abdall. Schließlich durchdrang Feuerschein die Dunkelheit. Drei Stunden hielten wir Kurs auf den Schein, dann verschwand er wieder. Wir ruderten jedoch weiter, und schließlich wurde unser Rufen durch Hundegebell beantwortet. Das Feuer loderte jetzt in unserer unmittelbaren Nähe auf, und ein Fackelträger empfing uns am Ufer. –
Nach vielen harten Schicksalen waren wir nach Temirlik zurückgekehrt, wo die Kälte jetzt grimmig war und bis auf -27° sank. Sechs Tage konnte ich dort vor dem nächsten Aufbruche ausruhen, aber die Zeit wurde mit Vorbereitungen zu der großen, langwierigen Exkursion, die jetzt angetreten werden sollte, ausgefüllt. Ein Andischaner Kaufmann, der sich aus eigenem Antrieb in mein Lager begeben hatte, um dort Geschäfte zu machen, starb an der gewöhnlichen, schweren Bergkrankheit und wurde unter den üblichen Zeremonien begraben. Der kranke Togdasin wurde eines Tages ins Freie gebracht, und alle Mohammedaner versammelten sich um ihn, um die bösen Geister, die von seinem Körper Besitz ergriffen hatten, durch allerlei Gebetformeln und Beschwörungen zu vertreiben. Man opferte auch einen Bock, um Allah dadurch zu erweichen. –
Am 12. Dezember verließ ich Temirlik zum letztenmal. Tscherdon, Islam, Turdu Bai und sechs andere Diener hatten Befehl, das Hauptquartier nach Tscharchlik zu verlegen und dort etwa in vier Monaten meine Rückkehr zu erwarten. Mich begleiteten Schagdur, der direkt unter mir stand, Faisullah, Tokta Ahun, Mollah aus Abdall, Chodai Kullu, Chodai Värdi, Ahmed und der kürzlich angeworbene Jäger Li Loje. Außer dem Türkischen, seiner Muttersprache, konnte dieser noch Chinesisch und Mongolisch; erhalte in Bokalik Pferde gestohlen und war ein bißchen verrückt. Elf Kamele trugen das Gepäck, und elf Pferde dienten zum Reiten. Jolldasch, Malenki und Maltschik, letztere nun zu großen, zottigen Karawanenhunden herangewachsen, bildeten unsere vierbeinige Eskorte.
Alle Tiere waren gründlich ausgeruht, einige der Kamele hatten ein ganzes Jahr lang keine Lasten getragen. Sie waren infolgedessen während der ersten Tage ungeduldig und mutwillig und mußten vorsichtig geführt werden, damit sie ihre Lasten nicht abwarfen. Zwei der ruhigsten trugen meine Instrumentenkiste, im übrigen bestand die Hauptmasse der Ladung aus Mehl, Reis, Mais und Talkan (geröstetes Mehl), Zelten, Kleidungsstücken, Hausgerät, Spaten, Äxten, Eimern und dergleichen. Alles ging jedoch gut.
Unser einziges Dromedar (einhöckeriges Kamel) war eine boshafte Bestie. Der Geifer stand ihm wie Seifenschaum um die Lippen und tropfte in großen Flocken auf die Erde. Sein eines Vorderbein war am Packsattel festgebunden, so daß das Tier, ohne im geringsten am Gehen gehindert zu werden, nicht laufen konnte. An das unmittelbar vor ihm gehende Kamel war es mit einer Kette befestigt; es konnte so seine Nachbarn nicht anfallen, was sein eifrigstes Dichten und Trachten war, und um das Maul trug es eine Halfter, die ihm das Beißen nicht gestattete. Dieser Veteran von Kaschgar sah prachtvoll aus mit seinen funkelnden, wilden, kohlschwarzen Augen, deren Weißes dann und wann, wenn er schlechter Laune war, beim Rollen hervortrat.
An dem See Gas-nor rasteten wir einen Tag, während dessen Tokta Ahun zu Pferd nach der Akato-tag-Kette hinaufgeschickt wurde, um dort einen geeigneten Paß ausfindig zu machen. Keiner von uns war je dort gewesen, aber die Leute wußten, daß diese Kette für außerordentlich schwer passierbar galt. Der Kundschafter kehrte spät abends mit dem Bescheid zurück, daß er einen Paß gefunden, der sich benutzen lasse, wenn nur seine höchste Schwelle mit Spaten bearbeitet würde.
Das nach dem Passe des Akato-tag hinaufführende Tal.
Nach 29,6° Kälte während der Nacht traten wir am 17. Dezember durch einen engen, gewundenen Hohlweg wieder in die stillen Säle der Berge ein. Dieses Gebirge ist außerordentlich bizarr und ungewöhnlich. Es besteht aus lauter Ton, der von zahllosen, tiefen, trockenen Rinnen ausmodelliert ist. Wir hatten jedoch für vier Tage Wasser mitgenommen und lagerten unweit des Passes in einer gänzlich unfruchtbaren Gegend. Frühmorgens gingen einige Leute nach der Paßschwelle hinauf und gruben an dem steilen Abhange einen Zickzackpfad. Auf diesem wurden die Kamele einzeln hinaufgeführt, wobei die Leute von hinten nachschoben und die Lasten stützten. Ein paar Tiere fielen und mußten abgeladen werden, worauf ihre Lasten hinauf getragen wurden.
Auf der anderen Seite geht es in ebenso scharfen Krümmungen hinunter. Tokta Ahun versicherte, es gebe nur eine schwierige Passage, und es zeigte sich auch, daß die Schlucht dort so eng war, daß sich kaum ein Fußgänger hindurchzwängen konnte. Es gelang uns jedoch, die Kamele auf den Abhängen der rechten Seite glücklich daran vorbeizuführen.
Bahnen eines Wegs über den Paß.
Ein Ende weiter machte der Zug Halt, und die Männer eilten nach der Spitze. Der Korridor wurde wieder so schmal, daß die Lasten auf beiden Seiten anstießen. Hier gab es keine Möglichkeit, auf den Seiten der Berge vorbeizuschlüpfen, wir mußten durch das Loch, dessen Wände mit den Beilen bearbeitet wurden. Inzwischen ging ich voraus und gelangte an eine Stelle, die noch schlimmer war. Der Hohlweg hatte sich wie eine schmale Rinne unter den Lehmwänden der linken Talseite eingeschnitten, und diese bildeten überhängende, gefährliche, zerrissene Gewölbe. Gerade hier hatte kürzlich ein Bergrutsch stattgefunden, und gewaltige Tonblöcke versperrten den Durchgang. Einige von ihnen konnten wir mit vereinten Kräften unter das Gewölbe rollen, und diejenigen, die gar zu groß waren, wurden mit Spaten und Äxten zerstückelt. Die Seitenwände wurden erweitert, die Pferde bahnten über die noch vorhandenen Trümmer einen Weg, und dann wurden die Kamele vorsichtig durch das Loch geführt, wo, im Falle eines neuen Bergrutsches die ganze Karawane begraben worden wäre. Am schwersten hatte es, wie gewöhnlich, das Kamel, das die Feuerung trug. Es blieb mitten in dem Loche stecken und machte eine so verzweifelte Anstrengung, loszukommen, daß die Holzlast ihm mit Donnergepolter abrutschte und von den Wänden ein paar Tonblöcke herabstürzten. Es sah unheimlich aus, wie die ganze Gesellschaft in einer undurchdringlichen Staubwolke verschwand und man noch nicht wußte, ob sich diese losen Wände nicht anschickten, herabzustürzen.
Die gefährliche Brücke.
Unaufhörlich unterbrochen schreiten wir weiter; bald müssen vorspringende Ecken fortgehauen werden, bald sind hinderliche Tonmassen aus dem Wege zu räumen. Die Karawane machte wieder Halt. Beschämt und niedergeschlagen meldet Tokta Ahun, das Tal sei versperrt; er hatte sich früher stets durch seine sicheren, zuverlässigen Angaben ausgezeichnet, nun aber hatte er uns in eine richtige Mausefalle hineingelockt. Von den auf beiden Seiten viele hundert Meter hohen Bergen waren kolossale Tonmassen herabgestürzt und hatten den Durchgang verrammelt. Unter dem herabgestürzten Material hatte sich zufällig ein Wässerchen, das wohl dem Regen seinen Ursprung verdankte, einen Tunnel gegraben; auf dessen Gewölbe hätten wir, falls es nicht unter dem Gewichte der Kamele einstürzte, wohl noch weiter kommen können.
Der Platz, an dem wir umkehrten.
Bevor der Versuch gewagt wurde, wollte ich jedoch selbst rekognoszieren. Unweit der gefährlichen Brücke verschmälerte sich das Tal noch mehr und ging in eine nicht einmal einen Meter breite und 15 Meter hohe Spalte über. Diese fiel ungeheuer steil nach einem dunkeln, unterirdischen Gange, einem Ablaufe für ehemalige Gewässer ab; in dieser gewundenen Krypte hätte kaum eine Katze ihren Weg finden können. Nun war es klar; wir mußten diesen ganzen verwickelten, mühsamen Weg wieder zurück, um an einer anderen Stelle zu versuchen, ob es uns dort besser glücken wollte.
Nach mehrtägiger Wanderung durch vollkommen vegetations- und wasserlose Gegenden entdeckten wir eine schöne Quelle, die von umfangreichen Eisschollen und guter Weide umgeben war.
Die Quelle am 22. Dezember.
Ein neuer Weihnachtsabend brach an, ein langer, düsterer Tag, denn an ihm steigen alle teuren Kindheitserinnerungen wieder auf, und es ist schwer, mit ihnen allein zu sein. Wir schlugen das Lager in einer der Talmündungen des Astin-tag, einer außerordentlich öden Gegend, auf; aber Brennmaterial gab es dort, und ein munter sprühendes Weihnachtsfeuer war das einzige, was an das fröhliche, helle Fest in der Heimat erinnerte.
Damit die Erinnerungen an dem stillen Abend nicht Zeit und Gelegenheit hatten, auf mich einzustürmen, rief ich Schagdur, der das Ideal eines guten, treuen Dieners war, und lud ihn ein, bei mir zu sitzen. Ich weihte ihn jetzt in meinen Plan ein, Lhasa wenn möglich zu besuchen. Er strahlte förmlich und freute sich unaussprechlich über dieses tolle Abenteuer. Von Kindheit an hatte er von dem heiligen Wallfahrtsorte des Lamaismus erzählen hören und er glaubte, daß wir diese Stadt glücklich erreichen würden, wenn wir uns als mongolische Pilger verkleideten. Es war schon Nacht, als ich ihn wieder gehen ließ, und er hatte sichtlich den Kopf voll großer Träume. Von jetzt an plauderten wir oft über diesen Plan und sprachen dabei Russisch, so daß die Mohammedaner nicht verstanden, um was es sich bei unseren Unterredungen handelte.
Unser Zug ging nach Osten weiter durch die öden und unbewohnten Gebirgsgegenden des Astin-tag. In der Nacht auf den 31. Dezember herrschte ein fürchterlicher Sturm. Die Stangen fielen von der Wölbung der Jurte herunter, und diese mußte provisorisch mit Stricken festgebunden werden. Das Feuer mußten wir ausgehen lassen, und erst, als ich, ganz entkleidet, in mein Pelznest gekrochen war, taute ich auf, – nun konnte es draußen donnern, soviel es wollte. Dunkel war es in der Morgenstunde, obgleich der Himmel klar war, und es heulte und pfiff um uns her. Unter solchen Umständen ist das Reiten eine Tortur. Vergeblich kämpft man mit der Kälte und man kann kaum die Lebensgeister wachhalten. Man wird schläfrig und betäubt, die Glieder werden gefühllos und erstarren in der Stellung, die man im Reiten einnimmt, und es bedarf einer Kraftanstrengung, um sich aus dem Sattel herabgleiten zu lassen. Die Neujahrsnacht begann sehr kalt und klar, und der Mond stand wie eine elektrische Lampe am Himmel. Ich las die Bibeltexte und die Gesänge, die am letzten Abend des Jahres in allen Kirchen Schwedens gesungen werden, und wartete in meiner Einsamkeit die Wende des Jahrhunderts ab. Ein wichtiger Augenblick, wenn ein Jahrhundert mit seinem ganzen Abgrunde von Kummer und Sünde in die Nacht der Zeiten versinkt! Hier läuteten keine Kirchenglocken; nur der Sturm, der vom Wechsel der Jahrhunderte unabhängig ist, sang in brausenden Orgeltönen seinen wehmutsvollen Trauermarsch.
Am 1. Januar 1901 wälzten sich mit unverminderter Kraft unerschöpfliche Kaskaden von Luft durch die Täler. Von einer kleinen Paßschwelle herab erblickten wir den kolossalen, schneebedeckten Gebirgsstock Anambaruin-ula. Diesen Gebirgsknoten zu umgehen und einen Besuch bei den Särtängmongolen zu machen, war gleichbedeutend mit einem Abstecher von 310 Kilometer. Ich übergehe die Einzelheiten dieser Reise. Genug damit, daß sie grimmig kalt war, das Thermometer auf -32,5° sank und wir von den Mongolen freundlich aufgenommen wurden. Wir ritten um das Gebirge herum, bewunderten seine großartigen Szenerien und gewaltigen Talschlünde, von denen Dschong-duntsa der herrlichste ist, und kehrten glücklich nach dem Ausgangspunkte, dem Bache Anambaruin-gol, zurück.
Aus dem Tale von Dschong-duntsa.
Hier befanden wir uns an einem bedeutungsvollen Wendepunkte. Es war meine Absicht, die Wüste Gobi oder Scha-mo nach Norden hin zu durchziehen, und da wir begründeterweise erwarten konnten, weite Strecken durch unbekanntes, wasserloses Land ziehen zu müssen, war es wenig angemessen, so viele Pferde mitzunehmen. Wir behielten daher nur die drei besten. Alle übrigen nebst einigen ausrangierten, entbehrlichen Sachen wurden Tokta Ahun und Ahmed anvertraut, die Befehl erhielten, das Hauptlager in Tscharchlik aufzusuchen, und außerdem noch einen Brief an Tscherdon und Islam Bai mitnehmen mußten. Dieser Brief enthielt ein Verzeichnis des Proviants, dessen wir bedurften, und ferner noch Auskunft über die Dispositionen, die zu treffen waren. Dann sollte sich Tokta Ahun mit dem Proviant, drei unbeladenen Pferden und dem Postkurier, der aus Kaschgar angelangt sein mußte, nach Kum-tschappgan begeben, an welchem Punkte sich der Tarim in den Kara-koschun ergießt, und von dort noch zehn Tagereisen am Nordufer des Sees weiter ziehen; dort sollte er ein Standlager aufschlagen, eine Hütte bauen, mit der Gegend bekannte, dort beheimatete Fischer an sich ziehen und Enten und Fische fangen, damit wir, wenn wir aus der Tiefe der Wüste an diesen Vereinigungspunkt kämen, dort Obdach und Nahrung fänden. Auf einem von Norden her weit sichtbaren Hügel sollte um die Mittagszeit und gleich nach Einbruch der Dunkelheit stets ein großes Feuer unterhalten werden, dessen Schein und Rauchwolken uns als Leuchtfeuer dienen könnten. An diesem Vereinigungspunkte sollten sie sich spätestens in 45 Tagen, vom 27. Januar 1901 an gerechnet, einfinden, dann sofort mit dem Signalisieren beginnen und damit fortfahren, bis wir etwas von uns hören ließen. Ich baute meine Pläne blind auf diese Verabredung. Wenn nicht alles klappte, würde unsere Lage recht kritisch werden können.
Lager mitten in der Sandwüste.