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Achtzehntes Kapitel.
Wasser! Wasser!

So dezimiert, begannen wir am 27. Januar 1901 unsre Wüstenwanderung. Während der ersten Tage war das Terrain günstig, Steppenland und kleine, leicht zu erklimmende Berge; Wasser fehlte ganz, aber ein paar Kamele waren mit Eis in Säcken beladen. Nach Überschreitung einer letzten Schwelle haben wir den alten, wohlbekannten Anblick vor uns, das Sandmeer, ein wahrhaftes Meer von kolossalen Dünen. Ich ging, wie gewöhnlich, voraus, teils um nicht in dem ewigen Winde zu erfrieren, teils um als Lotse die bequemsten Übergänge für die Meinigen ausfindig zu machen. Das Lager wurde an einer verhältnismäßig ebenen Stelle mitten im Sande aufgeschlagen, – absolut nichts weiter als Sand umgab uns auf allen Seiten. Einige Tage später stießen wir jedoch auf eine Oase mit Schilf und Tamarisken.

Am 9. Februar gruben wir am Nordrande der Wüste einen Brunnen, der salzhaltiges Wasser gab. Als wir ihn am Tage darauf verließen, hatten wir noch für 10 Tage Eis, was für Menschen und Pferde, aber nicht für die Kamele hinreichte. Es handelte sich jetzt darum, nordwärts durch gebirgige Steinwüsten zu ziehen, wo wir wenig Aussicht hatten, Wasser zu finden; ich sah daher ein, daß uns eine gewagte Reise bevorstand.

Einstweilen marschierten wir drauf los durch ganz unglaublich unfruchtbare, wüste Gegenden, die nur selten etwas anderes als eine Kamelspur belebte. Es war mir ein Genuß, dieses Land, in das noch nie ein Europäer seinen Fuß gesetzt hat und das auf unseren Karten von Asien nur ein großer weißer Fleck ist, zu besiegen. Unser Kurs führte mehrere Tage hindurch nach Nordosten. Dann und wann wurde ein niedriger Bergkamm überschritten, und ihm folgten endlose Steinwüsteneien, bis sich wieder ein kleiner Bergrücken in dem flachen Terrain erhob. Keine Spur von Wasser war zu entdecken, und in diesen Geröllbetten danach zu graben, wäre vergebliche Mühe gewesen. Ich hatte freilich gehofft, endlich einmal eine Quelle anzutreffen, aber als das Land nach Norden hin immer gleich wüst blieb, sah ich ein, daß unsere Lage anfing, kritisch zu werden. Die Kamele dursteten seit mehreren Tagen, wir mußten diese treuen, geduldigen Veteranen um jeden Preis retten.

Da standen wir nun, fern von der Gobi, die doch wenigstens Brunnen mit salzigem Wasser besaß, in einem trostlos ausgedörrten Lande, in dem nicht ein einziger Grashalm wuchs. Was tun? Sollten wir nach der Wüste Gobi zurückkehren? Nein, das war viel zu weit und unsicher; vielleicht hätten wir einen Teil von ihr erreicht, wo es keine wasserführenden Schichten gab. Weiter nach Norden zu ziehen, war geradezu Wahnsinn. Das Klügste war, auf Grund der im vorigen Jahre aufgenommenen Karte und der kürzlich ausgeführten astronomischen Ortsbestimmung den Versuch zu machen, die Oase Altimisch-bulak, deren Lage mir bekannt war, zu erreichen. Ich ging zu Fuß voraus und ruhte nur selten im Sattel aus. Wenn es wirklich die Situation zu retten galt, hatte ich keine Ruhe zum Reiten. Alle Leute mußten ebenfalls gehen, wir hatten ja nur drei Pferde, die schon ziemlich erschöpft waren.

Am 16. Februar kreuzten wir eine wirkliche Heerstraße für wilde Kamele; dort sah man nicht weniger als 87, zum Teil ganz frische Spuren. Wir blieben einen Augenblick stehen und hielten Kriegsrat. Sicherlich waren alle diese Kamele nach einer Quelle gelaufen, aber wie weit war es dorthin? Vielleicht mehrere Tagemärsche! Wir durften uns nicht verleiten lassen, ihnen zu folgen, sondern mußten treu an dem einmal bestimmten Kurse festhalten. Ich trug jede Kamelspur, die wir sahen, auf der Karte ein, um aus der Lage der Fährten möglicherweise wichtige Schlüsse ziehen zu können. Es war, als hätten unsichtbare Geister diese Spuren hervorgezaubert. Bis ins Unendliche lag das Land still und leer da, und dennoch waren ganze Karawanen von wilden Kamelen vielleicht erst vor wenigen Stunden hier vorbeigezogen.

Es sah für uns allmählich düster aus; seit zehn Tagen hatten die Kamele nichts getrunken; man konnte nicht das Unmögliche von ihnen verlangen, wir mußten unsere Schritte beschleunigen, um sie zu retten. Am 17. Februar marschierten wir den ganzen Tag; ich hörte die Karawanenglocken in der Ferne hinter mir, immer meiner Spur folgend wie ein memento mori, dem wir nicht entfliehen können. Todmüde legt man sich schlafen und baut seine ganze Hoffnung auf den folgenden Tag. Doch ich fühle mich noch lange nicht ausgeruht, wenn Schagdur kommt, um mich zu wecken. Schon bei Tagesanbruch herrschte ein halbnördlicher Sturm; er ging bald in einen Buran erster Klasse über, der heulte und pfiff, ohne einen Augenblick zu ruhen. Er fegt am Boden hin, nimmt Staub, Sand und kleine Steine mit und peitscht uns, eisig kalt, in die Seite. Wenn man auch geht und stampft, man wird vom Winde durchgeblasen und steifgefroren, die Hände schwellen und werden gefühllos. Die Drangsale häufen sich wie böse Geister um unsere Karawane; das Terrain ist jetzt auch schwierig, zahllose Hügel werden in rechten Winkeln überschritten.

Unser Holzvorrat war längst verbraucht, und auch nicht ein Span von Stecknadelgröße war zu finden. Alles ist Stein und Sand. Die Kette, auf die ich losgesteuert war und an deren Fuße ich eine Quelle zu finden gehofft, schien zurückzuweichen und uns zu fliehen; sie verschwand jetzt vollständig in dem aufgewirbelten Staubnebel. Am Abend erschien sie unerreichbarer als je. Die Kamele hielten sich trotz dieses forcierten Marsches aufrecht und bewahrten ihre königliche Haltung, und obwohl sie keinen Stengel zu fressen und keinen Tropfen Wasser zu trinken hatten, gingen sie doch mit hocherhobenem Kopfe, philosophischem Blicke und langen, sicheren Schritten vorwärts. Die Spuren der wilden Kamele waren jetzt meistens nach Nordwesten gerichtet, wahrscheinlich nach der geheimnisvollen Quelle, an der wir vor einigen Tagen, unserer Meinung nach, vorbeigegangen waren.

Als es dämmerte, lagen wir in einer offenen Furche ohne Schutz gegen den Wind. Die Jurte wurde mit doppelten Filzdecken aufgeschlagen, aber der Ofen konnte aus Mangel an Brennstoff nicht benutzt werden. Die unbedeutende Wärme, die von mir selbst, meinen treuen Reisekameraden und dem flackernden Lichte ausgestrahlt wurde, verwehten die Windstöße. Um den unteren Rand der Jurte wird nachts ein Sandwall aufgeschüttet, aber trotzdem ist es drinnen so kalt wie in einem Eiskeller. Von dem Eise sind nur noch einige kleine Stücke übrig.

Während draußen der Sturm heulte und tobte, lag ich gut und ruhig in meinen Pelzen. Kalt und unangenehm war es, am Morgen des 19. Februar ohne das gewohnte Feuer aufstehen zu müssen. Nach einem frugalen Frühstück eilte ich zu Fuß voraus. Wasser, Wasser! Dieser eine Gedanke beherrschte uns alle. Wir müssen um jeden Preis eine Quelle finden, denn jetzt sind es zwölf Tage, seit die Kamele ordentlich getrunken haben; vor elf Tagen verließen wir den letzten Brunnen, aber die Tiere tranken nur wenig von seinem salzhaltigen Wasser, das ihnen jetzt so willkommen sein und so süß erscheinen würde. Finden wir nicht binnen einigen Tagen Wasser, so sterben die Kamele eines nach dem anderen, und was soll dann aus uns selbst werden! Wir mußten noch vier oder fünf Tagereisen von Altimisch-bulak entfernt sein; würden wir so lange aushalten können? Wenn die Kräfte auf die Neige gehen, bleibt ein verzweifelter Kampf ums Leben übrig.

Glücklicherweise pflegte ich stets die Eingeborenen über die Gegenden, in denen wir uns gerade befanden, auszufragen. Abdu Rehim, der uns im vorigen Jahre so geschickt nach Altimisch-bulak geführt, hatte mir damals erzählt, daß östlich von Altimisch-bulak noch drei Salzquellen lägen; auf diese baute ich meine Hoffnung. Doch wie leicht konnten wir an ihnen vorbeiziehen, wenn sie vielleicht im Terrain versteckt lagen. Ich war schon einmal um mein Leben gelaufen, in der Wüste Takla-makan; aber damals wußte ich wenigstens, daß ich, wenn ich nach Osten eilte, früher oder später am Chotan-darja anlangen mußte; dort handelte es sich also um eine Linie; hier aber um einen einzigen kleinen Punkt, die Oase Altimisch-bulak, wenn uns nicht das Glück hold war und uns nach einer der östlicheren Quellen hinführte.

Vielleicht findet der Leser, daß es Tollkühnheit und Wahnsinn von mir war, auf diese Weise meine ganze kostspielige Karawane und meine schon gewonnenen Resultate aufs Spiel zu setzen. Ja, so haben gewiß alle bisherigen Asienforscher gedacht, die es sorgfältig vermieden haben, sich in diesen Teil des Kontinents hineinzuwagen; im Osten und Westen meiner Route war eine kleine Zahl anderer Reisender vorgedrungen, aber gerade hier im Herzen der Einöden des Kurruk-tag, der »trockenen Berge«, war bisher noch keiner gewesen. Afterweisheit und taktlose Kritik haben sich auch gelegentlich herabgelassen, mich in meinen Pflichten als Leiter einer Expedition zu unterweisen. Sie haben mich darüber aufgeklärt, daß ich nicht berechtigt war, das Leben meiner Leute und der Karawanentiere an derartige Unternehmungen zu wagen. Sie haben vielleicht recht. Doch wollte man stets den vorsichtigen Ratschlägen dieser Alltagsweisheit folgen, so würde man schließlich ein Idiot werden und sicherlich nie große Ziele erreichen. Man soll blind auf Gott vertrauen, aber sonst auf niemand weiter als auf sich selbst. Und glaubt man unerschütterlich an sein eigenes Glück, so wird man schließlich immer mit allem fertig. Die Beteiligten werden von dem uns selbst beseligenden Vertrauen unwiderstehlich gefesselt und durch ein ebenso blindes Vertrauen erfüllt. Hat man bei einem Wagestücke Unglück, so wird man als törichter Mensch angesehen; nur der Erfolg krönt ein an und für sich wahnwitziges Unternehmen. Zeigt euch nie furchtsam, denn dann verliert ihr das Vertrauen der anderen; bleibt nur ruhig und kalt, auch wenn ihr auf der Wüstenwanderung vor Erschöpfung zusammenbrecht. Gern will ich zugeben, daß es vielleicht ein Fehler oder eine Schwäche von mir ist, mich gerade von den gefährlichsten Unternehmungen am meisten reizen zu lassen. Nun wohl, ich bin stolz auf diese Schwäche! Warum sollten meine Jahre in Unternehmungen versumpfen, die auch andere ausführen können. Nein, ich fühle mich nicht befriedigt, wenn ich mich nicht mit Aufgaben beschäftigen kann, an die sich bisher noch kein anderer herangewagt hat. Dies ist keine Prahlerei, ich wollte nur, daß der Leser einen Einblick in meinen Gedankengang tun könne.

Ich lief so schnell, als brennte es hinter mir, und ließ die läutenden Glocken weit zurück. Meine in Temirlik angefertigten Stiefel hingen nach 300 Kilometer langer Fußwanderung kaum noch in den Nähten zusammen, und meine schmerzenden Füße waren voller Blasen. Ich war entschlossen, nicht eher Halt zu machen, als bis ich Wasser gefunden hatte, – es war die höchste Zeit. Am 19. Februar 1896 war ich nach dem Zuge durch die gefährliche Sandwüste im Norden des Kerija-darja an Wasser gekommen; heute war wieder mein Geburtstag, und ich vermutete zum Abend eine freudige Überraschung.

Nach Westen hin nahm die Zahl der Kamelspuren zu; sie bestärkten mich in meiner Hoffnung; ich konnte kaum zwei Minuten gehen, ohne eine Spur zu kreuzen. Schließlich gelangte ich an einen niedrigen Bergrücken, der mich zwang, in einem trockenen Bachbette, in dem kürzlich 30 Kamele abwärts gezogen waren, nach Südwesten zu gehen. Da ich hier eine Tamariske fand und Hasen- und Antilopenfährten erblickte, blieb ich eine Weile an einer geschützten Stelle stehen. Die letztgenannten Tiere können sich nicht sehr weit vom Wasser entfernen.

Jetzt kam Schagdur; wir hielten Rat. Im Süden sahen wir mehrere Tamarisken, zu denen wir uns begaben. Um sie herum war der Boden zwar recht feucht, aber auch mit einer dicken Salzkruste überzogen, und der Brunnen, der nach Ankunft der Karawane gegraben wurde, gab sehr konzentriertes Salzwasser. Wir zogen daher in südwestlicher Richtung weiter. Der Sturm schob von hinten nach, man ging mit leichten, schnellen Schritten.

Ich eilte mit Schagdur vorwärts. Mein Schimmel folgte mir von selbst wie ein Hund, und Jolldasch schnüffelte suchend überall umher. Wir verließen die Spur einer Herde von 20 Kamelen nicht. So kamen wir gerade vor einen zur Rechten gähnenden Talschlund zwischen niedrigen Hügeln. Hier vereinigten sich alle Kamelspuren der Gegend zu einem Bündel oder Hauptwege, der sich gerade in das Tal hineinzog. Es widerstreitet der Natur der scheuen Wildkamele, in Täler, wo sie einem Hinterhalt ausgesetzt sein könnten, hineinzugehen. Sie ziehen offenes Terrain vor. Daher mußten sie entschieden eine besondere Veranlassung zum Betreten dieser schmalen Passage gehabt haben. Nur eine Quelle konnte die Schritte der Tiere dorthin gelenkt haben. Ich folgte also den Fährten taleinwärts und war noch nicht weit gelangt, als ich Jolldasch an einer weißglänzenden Eisscholle kauen sah!

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Auf dem Wege durch die Wüste Gobi.

Wir waren gerettet und konnten unseren müden Tieren getrost zwei Ruhetage schenken; Weide gab es hier allerdings nicht, aber wir besaßen noch einen kleinen Sack Gerste von dem Vorrate, den wir von den Särtäng-Mongolen gekauft hatten. Beinahe den ganzen Abend amüsierte ich mich damit, die Kamele höchsteigenhändig mit kleingeschlagenen Eisstücken zu füttern; diese waren süß, während das aus der Erde quellende Wasser salzig war. Die Tiere standen geduldig wartend im Kreise, und es war eine Freude, ein Eisstück nach dem andern zwischen ihren Zähnen zermalmen und verschwinden zu sehen. Sie knapperten daran wie kleine Kinder an Malzzucker, und ihre Augen glänzten vor Freude und Befriedigung. Es war ein schönes Stück Arbeit, den Durst dieser großen Kolosse »stückweise« zu stillen!

Als wir die Quelle verließen, nahmen wir einen Eisvorrat für mehrere Tage mit. Dies war jedoch überflüssig, denn nach einigen Stunden passierten wir eine zweite Quelle, um die herum wir unzählige Kamel- und Antilopenspuren sahen. In der Hoffnung, einen Meisterschuß zu tun, blieb Schagdur dort zurück, während wir weiter zogen. Als ich ein Tal zwischen niedrigen Hügeln hinaufschritt, erblickte ich gerade vor mir ein großes Kamel, das mich in dem Gegenwinde nicht witterte. Die Zudringlichkeit der Hunde errettete es aus der Gefahr. Diese wurden seitdem gekoppelt, denn jetzt bedurften wir frischen Fleisches, und überdies wollte ich das Fell und das vollständige Skelett eines wilden Kamels mit in die Heimat bringen.

Nach einer Wanderung von noch einigen Stunden sahen wir im Süden etwas Gelbes aus dem Nebel hervorschimmern, augenscheinlich noch eine verlockende Oase. In ihrem entfernteren Teile erblickte ich 18 werdende Kamele und blieb wieder stehen; Li Loje wurde zurückgeschickt, um Schagdur zu holen. Die wilden Kamele betrachteten die schwarze Reihe ihrer zahmen Verwandten mit unablässiger Aufmerksamkeit. Endlich kam der Kosak atemlos an, aber er war zu eifrig und schoß zu früh. Die Tiere verschwanden schnell wie der Wind im Westen, und es hatte den Anschein, als würde ich kein Skelett erhalten. Die Oase Altimisch-bulak war jetzt meine letzte Hoffnung, denn dort würden wir das Land der wilden Kamele für immer verlassen. In der gelben Oase fanden wir Abdu Rehims dritte Quelle; seine Angaben hatten sich also als vollkommen richtig erwiesen.

Nach meiner topographischen Ortsbestimmung wären wir jetzt nur noch 28 Kilometer nach Westsüdwest von Altimisch-bulak entfernt. Bei klarem Wetter hätte man die Oase schon aus sehr weiter Entfernung sehen können, aber bei dem ständig herrschenden Winde, der die Luft mit Flugstaub erfüllte, reichte der Blick nicht weit. Ohne es zu ahnen, hätten wir an der Oase vorbeiziehen können und würden von neuem in die Wüste hineingeraten sein und erst am Tarim wieder Wasser gefunden haben, eine Feuerprobe, welche die Karawane wohl schwerlich überstanden hätte.

Mein Glücksstern lenkte jedoch meine Schritte, und das gelbe Weideland tauchte aus dem Nebel auf. Die Schattenrisse von fünf Kamelen zeichneten sich über den Schilffeldern ab. Schagdur sollte seine Schützenehre retten; er warf Mantel und Mütze ab und schlich sich in das Gebüsch hinein. Mit dem Fernglase beobachtete ich den Verlauf der Jagd. Beim Abfeuern des Schusses begannen die Tiere sich in Bewegung zu setzen, anfangs langsam, dann schneller, und huschten nun wie schwarze Schatten über dem Schilfe hin, bis sie jenseits der Grenzen der Oase verschwanden. Es waren 14 Tiere. Nach noch einem Schusse meldete Schagdur triumphierend, daß er ein großes, prächtiges Männchen erlegt und ein junges Weibchen verwundet habe. Das Skelett des ersteren befindet sich jetzt in Stockholm, das Fleisch des letzteren lieferte uns sehr notwendigen Proviant.

Die Mohammedaner waren sehr erstaunt darüber, daß es mir gelungen war, die Quelle zu finden. Da wir 31 Kilometer zurückgelegt hatten, hatte ich mich also nur um 3 Kilometer verrechnet, was auf eine Gesamtstrecke von 2000 Kilometer nicht viel ist.

Ich muß noch eine kleine Geschichte von Chodai Kullu erzählen. Dieser Wackere, der einen alten Vorderlader mit Flintengabel besaß, wollte gern als geschickter Schütze gelten; aber in den vierzehn Monaten, die er in unserer Gesellschaft zugebracht, hatte ihn keiner auch nur einem Hasen etwas zuleide tun sehen. Man glaubte, daß er überhaupt nicht mit einem Gewehre umzugehen verstehe, und es erregte daher keine Verwunderung, als er es eines Tages für ein Spottgeld an Li Loje verkaufte, in dessen Händen es ebenso unschädlich blieb. Als Chodai Kullu im vorigen Jahre in das Hauptquartier zurückgekehrt war, hatte er den anderen unter der Hand mitgeteilt, er habe in der Oase Altimisch-bulak ein wildes Kamel erlegt. Jetzt baten ihn seine Kameraden, um ihn aufs Glatteis zu führen, ironisch, er möge doch so freundlich sein, ihnen die Überreste seines Tieres zu zeigen. Chodai Kullu saß sichtlich in der Klemme und redete hin und her, er habe sein Kamel an einer anderen Quelle geschossen. Doch keiner wollte ihm glauben, alle machten sich nur über ihn lustig. Er war ein friedlicher, phlegmatischer Mensch, linkisch und jovial, seine Gesichtszüge waren ganz ausgeprägt komisch, aber er war treu und verlässig wie Gold.

Eines Morgens verschwand er vor Sonnenaufgang lautlos aus dem Lager. Als er den ganzen Tag nichts von sich hören ließ, wunderten wir uns, wo er geblieben sein könne. Ein wenig verdächtig erschien es freilich, daß auch seine frühere Flinte verschwunden war. In der Dämmerung stellte er sich wieder ein und er sah abends so stolz und selbstbewußt aus, als hätte er ein feindliches Kriegsheer in die Flucht gejagt. Es stehe jedem frei, ihn nach der Quelle zu begleiten und sich dort das Gerippe des im vorigen Jahre von ihm erlegten Kamels anzusehen, erklärte er. Die Quelle war freilich in diesem Jahre versiegt, aber das Gerippe lag richtig dort, und, was mehr war, er hatte auf seinem Streifzuge noch eine andere Quelle entdeckt, wo er vier prächtige Kamele gesehen und eines von ihnen geschossen hatte. Chodai Kullu ging schmunzelnd umher; er war in der Achtung der anderen bedeutend gestiegen, und sie waren über ihr anfangs gezeigtes Mißtrauen sehr beschämt. Ich muß gestehen, daß ich ebenfalls zu den Ungläubigen gehört hatte, aber ich gab der gekränkten Unschuld Genugtuung in Gestalt eines dem Monatslohne hinzugefügten kleinen Extra-Silberklumpens.

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Chodai Kullu und sein wildes Kamel.

Als wir uns am 1. März nach Chodai Kullus Quelle begaben, marschierte der Entdecker an der Spitze des Zuges, selbstbewußt, pfeifend, singend und mit einer Miene, als sei er unumschränkter Herrscher über alle diese Wüsten, Oasen und wilden Kamele. Wir anderen hatten, noch immer beschämt, nichts weiter zu tun, als ihm still und artig zu folgen.

Die Entdeckung dieser Quelle war insofern wichtig, als sie den Ruinen in der Wüste näher lag und daher ein bequemerer Haltepunkt war. Ich ließ hier drei erschöpfte Kamele, die drei Pferde und Chodai Värdi zurück, der bis auf weiteren Befehl ruhig hier bleiben sollte. Der einzige »Proviant«, den er aus unseren sehr zusammengeschmolzenen Vorräten erhielt, war – eine Schachtel mit Streichhölzern und eine Prise Tee. Er konnte sich also Feuer anzünden und Tee kochen, und im übrigen durfte er sich von dem erlegten Kamele, das ihm gerade vor der Nase lag, so viele Schnitzel abschneiden, wie er nur wollte. Während der Tage, die er an der Quelle zubrachte, litt der gute Chodai Värdi durchaus keine Not; als wir wieder zusammentrafen, war er entschieden dicker geworden. Die einzige Unannehmlichkeit, die er gehabt hatte, war, daß alle drei Pferde in der ersten Nacht nach der Oase Altimisch-bulak durchgebrannt waren und er infolgedessen eine Extratour zu Fuß hatte machen müssen.

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Der erste Turm der untergegangenen Stadt.

Mit der ganzen übrigen Karawane und neun bis an den Rand mit Eis gefüllten Säcken begab ich mich am 2. März in die Wüste hinunter und fand – nicht die vorigjährigen Ruinen und auch nicht die von Ördek beim Suchen des vergessenen Spatens entdeckten alten Häuser, sondern ein drittes altes Dorf oder eine Stadt, den größten Ort, den wir sahen. Neunzehn Häuser standen hier noch zum Teile und konnten leicht gemessen und in ihren Rissen aufgenommen werden. Die ganze Gegend beherrschend, erhob sich am Nordende des Dorfes ein 9 Meter hoher Lehmturm auf einem gleichfalls 9 Meter hohen, vom Winde ausmodellierten Hügel. Am Fuße des letzteren wurden meine Jurte und das Zelt der Leute am Morgen des 4. März aufgeschlagen und der Eisvorrat unter einem geschützt liegenden Lehmgewölbe in den Schatten gelegt.

Sobald die sieben Kamele sich etwas verschnauft hatten, erhielt Li Loje den Befehl, sie nach der Quelle zurückzuführen; dort sollte er zwei Tage bleiben und dann in zwei weiteren Tagereisen mit Chodai Värdi, den Pferden und allen Kamelen, die sämtlich mit so viel Eis, wie sie nur irgend tragen könnten, beladen werden müßten, zu den Ruinen zurückkehren; denn dann galt es, die ganze Wüste noch einmal bis an die Kara-koschun-Sümpfe zu durchqueren. Am 9. März sollten wir wieder zusammentreffen. Wir würden zu ihrer Orientierung ein gewaltiges Feuer auf dem Hügel unterhalten.

Wir machten uns schnell an die Arbeit und gruben und stöberten in den Häusern. Wir fanden dort allerlei Hausgeräte, Münzen, Gefäße und dergleichen. Vielleicht barg der Turm, gleich einer indischen Stupa, einem Grabdenkmale, ein Geheimnis in seinem Innern. Wir gruben auf seiner Plattform ein Loch, aber es stellte sich heraus, daß er durch und durch massiv war. Ein großes Stück seines obersten Teiles mußte jedoch erst mit Seilen und Stangen abgerissen werden. Es fiel herab wie ein donnernder Wasserfall und wirbelte ganze Wolken schwarzbraunen Staubes auf.

Wenn, wie es oft der Fall war, spät abends noch irgendeiner der Unseren fehlte, pflegten wir am Fuße des Turmes riesenhafte Scheiterhaufen von den dort massenhaft umherliegenden Balken und Sparren, den Überbleibseln ehemaliger Häuser, anzuzünden. Es war ein außerordentlich phantastischer Anblick, wenn der alte Turm in feuerroter Beleuchtung dastand, während der Mond weiß und kalt am Himmel schien. Dicke Rauchwolken und ganze Feuerwerke von Funken flogen über die Wüste hin. Ein solches Feuer mußte in sternklarer Nacht schon in sehr großer Entfernung sichtbar sein, und ich hoffte, daß wir Tokta Ahuns verabredetes Feuer am Ufer des Kara-koschun finden würden.

Während der folgenden Tage durchstreiften wir die Gegend und fanden dabei Ördeks Ruinen wieder, in denen wir Bruchstücke eines besonders hübschen kleinen Tempels, mehrere geschnitzte Bretter mit Buddhabildern und verschiedene Kleinigkeiten entdeckten. Das Allerwichtigste aber war ein kleines Brettstück mit uns unbekannten Schriftzeichen. Schagdur fand es und errang also die Belohnung von zehn Liang (33 Mark), die ich dem Finder eines Schriftstückes, enthielte es auch nur ein einziges Wort, versprochen hatte.

Nachdem ich dieselbe Belohnung für einen derartigen Fund noch einmal ausgesetzt hatte, arbeiteten alle mit verdoppeltem Eifer. Sie ließen sich kaum Zeit zum Essen und Schlafen. Ihre Bemühungen wurden mit größerem Erfolge gekrönt, als ich zu hoffen gewagt hatte. Erst brachte mir Mollah einen Papierfetzen mit chinesischen Buchstaben, und dann wurden Hunderte von kleinen, vollgeschriebenen Papierstücken gefunden. Dieser Fund war ein Triumph. Jetzt konnte man vielleicht Schwarz auf Weiß erfahren, wie alt diese Altertümer waren und wie der Ort früher geheißen hatte!

Meine Hoffnung betrog mich nicht. Herr Himly in Wiesbaden, ein berühmter gelehrter Sinologe, hat diese Urkunden entziffert und mir mitgeteilt, daß die meisten von ihnen aus den Jahren 264-270 nach Christi Geburt stammen, also aus der Zeit der chinesischen Kaiser Man-Ti und Wu-ti. Wir erfahren auch, daß die Stadt Löu-lan hieß und daß die Bewohner Ackerbau trieben und mit mehreren anderen, in Dokumenten erwähnten chinesischen Städten in Verbindung standen; es ist die Rede von einem ganzen Kriegsheere, das einquartiert werden soll, von Beamten, von alltäglichen Angelegenheiten, die sich in Löu-lan zugetragen, von Jagd und Getreidelieferungen. Die gerettete Sammlung bringt mit einem Worte ungeahntes Licht in die politische und physische Geographie des innersten Asiens während der ersten Jahrhunderte nach Christus. Welch kolossale Veränderungen sind in diesen 1600 Jahren hier vor sich gegangen! Damals gab es hier fruchtbare Felder, grünende Wälder, rauschende Kanäle, freundliche Dörfer, buddhistische Tempel und lebhafte Verkehrsstraßen längs des großen Sees Lop-nor. Und jetzt! Nur unzählige Grabmale all dieser Herrlichkeit! Man kann sich kaum ein öderes Panorama denken als das, welches sich auf den Zinnen des Turmes vor dem Blicke aufrollt. Nicht eine Spur von organischem Leben in irgendwelcher Gestalt; die Gegend liegt so still und düster da wie ein Friedhof, der sich bis an den Rand des Horizontes erstreckt. Und weshalb ist diese Veränderung eingetreten? Einfach deshalb, weil der Tarimfluß, der früher nach Osten strömte und sich in den Lop-nor ergoß, seinen Lauf nach Südosten und Süden nahm und den See Kara-koschun bildete, während der Lop-nor austrocknete. Als das Wasser verschwunden war, starb auch die Vegetation aus, und die Dörfer wurden von ihren Bewohnern verlassen. Der Leser kann sich gewiß denken, wie erfreut und glücklich ich war, diese alte Kultur der Vergessenheit entreißen und dem menschlichen Wissensdurste schenken zu können.

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Schnitzereien in Pappelholz. Rechts ein Buddhabild, unter diesem ein Fisch. Das Maß zur Linken ist ein Meter.

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Aussicht von dem Lehmturme nach Südwesten.

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Signalfeuer am sechzehnhundertjährigen Turme von Lôu-lan.


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