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Nach den traurigen Erinnerungen an die verhängnisvolle Wüstenreise im Jahre 1895 fahre ich in der Schilderung meiner zweiten Reise fort.
Ein langer, ermüdender Marsch durch die Wälder des Tschertschen-darja und längs der Deltaarme des unteren Tarim lag hinter uns, als wir am 24. Februar 1900 glücklich wieder im Hauptquartiere in Jangi-köll ankamen. Bereits eine oder zwei Meilen vorher begegneten uns Scharen von Dorfleuten aus der Gegend, ihre Beke, Kuriere und Kundschafter. Nachdem wir still und spurlos in der Tiefe der Wüste verschwunden waren, hatten sie kaum gehofft, uns je wiederzusehen, und machten nun ungeheuchelt ihrer Freude Luft. Am allerschönsten aber war es doch, meine vier Kosaken auf schnaubenden Rappen in einer Staubwolke heransprengen zu sehen. Die beiden burjatischen Kosaken aus Transbaikalien waren jetzt auch angelangt, sie trugen dunkelgrüne Paradeuniform, das Seitengewehr über der Schulter, hohe schwarze Lammfellmützen und glänzende Reitstiefeln. Trotz ihrer ausgeprägt mongolischen Züge sahen sie auf ihren hochbeinigen Pferden, die sie mit überlegener Sicherheit lenkten, stattlich aus. Neben ihnen muß ich nach all den Mühen meines Winterfeldzuges wie ein zerlumpter Bettler erschienen sein. Sie hielten vor mir und statteten nach militärischem Gruße Rapport ab.
Sie hießen Schagdur und Tscherdon; sie gehörten zum transbaikalischen Kosakenheere und waren beide 24 Jahre alt. Ihre Sprache ist der mongolischen nahe verwandt, sie sprachen aber auch fließend Russisch und lernten in meinem Dienste Dschaggatai-Türkisch, so daß sie sich mit ihren mohammedanischen Kameraden ungehindert unterhalten konnten. Sie brachten aus Tschita Waffen, Munition und Kleider mit, und ihr Sold war ihnen für zwei Jahre ausgezahlt worden, – der Kaiser hatte befohlen, daß ich keine Kosten für sie haben sollte. Bald waren sie mir so zugetan, daß sie für mich in den Tod gegangen wären, und auch ich gewann sie ebenso lieb wie ihre russischen Kameraden Sirkin und Tschernoff. Diese zurückzuschicken, konnte ich mich nicht überwinden, ich sandte vielmehr einen Kurier an den Generalkonsul nach Kaschgar mit der Bitte, sie ebenfalls behalten zu dürfen.
In geschlossener Truppe ritten wir in unser eigenes Dorf ein. Mitten auf dem »Markte« zwischen Menschen und Tieren stand zähnefletschend ein gewaltiger Tiger. Bei näherer Untersuchung zeigte es sich, daß er totgeschossen und dann in dieser natürlichen Stellung steifgefroren war.
Allen ging es gut; die Maulesel und Pferde waren dick und fett, die zurückgelassenen Kamele und das Dromedar waren ordentlich feist geworden, aber wild waren sie, wie gewöhnlich im Frühlingsanfänge. Besonders das Dromedar sah greulich aus, wenn es in seiner unbändigen Wut mit den Zähnen knirschte und ihm der Schaum in großen Flocken vom Maule rann. Es brüllte dumpf und unheimlich, rollte wild die Augen und versuchte zu beißen. Wehe denen, die in seine Nähe kamen! Es duldete nur Faisullah um sich. Der Sicherheit halber waren ihm jedoch die Füße mit kurzen Stricken zusammengebunden, die um in den Boden gerammte Pflöcke befestigt waren, so daß das Tier sich nicht vom Flecke rühren konnte.
Während unserer Abwesenheit war eines der Kamele durchgebrannt. Man setzte ihm sofort nach; es ließ sich aber nicht einfangen. Entschieden war es toll geworden, von Tigern oder Wildschweinen verängstigt und dann verwildert. Es war und blieb verschwunden.
Einer unserer Nachbarn schenkte uns zwei neugeborene, junge Hunde, die Malenki und Maltschik, der »Kleine« und das »Bübchen«, genannt wurden, weil sie so winzig und niedlich waren. So hießen sie auch noch, als sie zu Riesen ihres Geschlechtes herangewachsen waren. Sie gehörten von der Geburt an unserem Wanderstaate an, wurden vortreffliche Karawanenhunde, meine besonderen Freunde und überlebten alle ihre Kameraden.
Eine aus Lailik mitgebrachte Wildgans, unsere Genossin auf der Flußreise, hatte sich so bei uns eingelebt, daß sie ihren freien Stammesbrüdern nicht mehr mit sehnsüchtigen Blicken nachsah. Diese kehrten jetzt in unzähligen Scharen aus wärmeren Gegenden zurück und folgten ihren alten, seit Generationen bekannten Heerstraßen. Wir hörten sie bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit schreien und miteinander schnattern, wir sahen sie bei Tag, bei Windstille und im Sturme, ob nun die Sonne sich versteckte oder aus pechschwarzen, zerrissenen Wolken hervorlugte, wir hörten sie in finsterster Nacht, wenn Wolken den Himmel bedeckten und Nebel den Erdboden verhüllte, und wir begriffen nicht, wie sie ihren Weg durch die Luft finden konnten; sie flogen beständig über uns hin, ohne Rast und Ruhe, in eilendem Zuge. Die Eingeborenen sagten, daß sie Jahr für Jahr an dieselben Nistplätze zurückkehren und daß sie, genau wie die Lopleute selbst, feste Eigentumsgesetze haben.
Täglich gingen die Kosaken auf die Jagd und kehrten mit Fasanen, Wildenten, Wildgänsen und Rehen heim. Das Wild wurde uns nicht knapp, denn die Gegend wimmelte davon.
Unser Lager wurde allmählich ein richtiger Marktflecken, ein bekannter und bedeutender Ort im Loplande. Hierher kamen Landleute mit ihren Erzeugnissen, ja sogar aus den Städten Kutschar und Korla kamen Kaufleute mit Zucker, Ziegeltee, chinesischem Porzellan, russischen Teekannen, Zeugstoffen usw. Einer von ihnen ließ sich bei uns nieder und baute sich an unserem Markte ein »Haus« mit einem Laden, der gerade so eingerichtet wurde wie die Läden in den Basaren. Er war sehr beliebt; bei ihm konnte man die Mohammedaner und die Kosaken plaudernd, Tee trinkend, rauchend und feilschend sitzen sehen. Ali Ahun, ein Kutscharer Schneider, gründete hier ebenfalls ein wohllöbliches Etablissement und hatte vom Morgen bis zum Abend alle Hände voll zu tun.
So herrschten nach der Wüstenstille um mich herum Leben und Bewegung. Auf dem Markte wimmelte es von Reitern und Wanderern. Es war ein Kommen und Gehen sondergleichen, und erst wenn der letzte Gast abgezogen war, wurde die große chinesische Papierlaterne, die mitten auf dem Markte hing, ausgelöscht. Nur das Feuer brannte dann noch, und das einzige, was man hörte, waren die Schritte des Nachtwächters und das Bellen der Hunde.
Malenki und Maltschik.
Die schönen Ruhetage – wenig mehr als eine Woche – waren bald vergangen, und es wurde Zeit, wieder zu neuen Erlebnissen und Abenteuern in den Wüsten aufzubrechen, wenn wir uns nicht von dem bald eintretenden, glühendheißen Sommer überraschen lassen wollten. Also lebe wohl Jangi-köll mit deinem gemütlichen Landleben, deinen gastfreien Hütten und deinen stets gefüllten Fleischtöpfen! Die Zeit vergeht so schnell, wenn man den Kopf voller Pläne hat, und Tibet lockte uns mit seinen Gefahren, seinen öden, schneebedeckten Gebirgen.
Der Zweck der am 5. März 1900 angetretenen Reise war, mehrere geographische Probleme zu lösen, vor allem aber wollte ich eine Karte des uralten, seit 1000 Jahren verlassenen Flußbettes Kurruk-darja aufnehmen, das sich früher in den gleichfalls ausgetrockneten, durch ältere chinesische Karten bekannten See Lop-nor ergoß.
Tschernoff wurde zu meinem Leibdiener ernannt; im übrigen bestand meine kleine Mannschaft aus Faisullah, Ördek und Chodai Kullu nebst Abdu Rehim und seinen beiden jüngeren Brüdern; die drei letztgenannten, die uns acht Kamele stellten, sollten uns jedoch an der Quelle Altimisch-bulak verlassen, weil sie im Gebirge im Norden des Kurruk-tag zu Hause waren. Wir selbst nahmen fünf ausgeruhte Kamele und meinen kleinen Wüstenschimmel mit. Von den Hunden durften uns nur Jolldasch und der Windhund Maschka begleiten.
Diesmal nahmen wir zwei leichte Zelte mit, die Schutz gegen die Mücken und die Sonne gewähren sollten, einen kleinen Ofen, da es bei unserer Abreise noch kalt war, Sommerkleider, Waffen und Munition, zwei Küchenkisten, die Instrumentenkiste, Proviant und außerdem all das übliche Gepäck.
Die anderen drei Kosaken, sowie Islam, Turdu Bai und Parpi Bai nebst noch einigen festangestellten Dienern waren mit dem Schutze des Hauptquartiers in Jangi-köll beauftragt.
Nach langem Abschiede von den Zurückbleibenden zog unsere recht stattliche, gut ausgerüstete Karawane nordwärts und erreichte nach zwei langen Tagereisen den Fuß des Gebirges, dem wir darauf nach Osten folgten. In einem Tage legten wir volle 42 Kilometer zurück, was für die ziemlich langsamen Kamele viel ist, und lagerten an der Quelle Budschentu-bulak.
Des folgenden Morgens erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. Tschernoff hatte wie gewöhnlich, während ich noch schlief, den Ofen bei mir geheizt, aber nicht beachtet, daß der Talwind das Zelttuch fest gegen das erhitzte Ofenrohr drückte. Eine unerträgliche Hitze weckte mich; ich sah das Zelttuch in Flammen stehen! Auf mein gellendes Rufen kamen die Leute augenblicklich herbei. Sie rissen das Zelt um, während Tschernoff die Kisten und die umherliegenden Karten und Bücher hinaustrug, und ich selbst warf einen Filzteppich über das Zelt, der das Feuer erstickte. Nach diesem Abenteuer sah mein einsames Heim wenig einladend aus, aber wir flickten es zusammen, so gut wir konnten.
Jing-Pen ist eine Oase am Bette des Kurruk-darja, des »trockenen Flusses«, wo wir ein paar Tage rasteten, um die Kamele sich Kräfte anfüttern zu lassen, ehe wir mit ihnen in die Wüste hineingingen. An diesem Punkte wurden mehrere Leute entlassen, die uns zu Pferde so weit begleitet hatten und die nun alle überflüssigen Winterkleider, Waffen und andere Sachen, die wir entbehren konnten, wieder mit nach Hause nehmen mußten.
Am 13. März ging es nach Osten weiter – in heftigem Oststurme; er hatte schon nachts angefangen und mein Zelt aus dem Boden herausgerissen, so daß das Zelttuch wie ein losgegangenes Segel flatterte. Wir hatten uns ein paar Meilen von dem äußersten Rande des Vegetationsgürtels entfernt, als der Sturm in einen vollständigen Orkan ausartete. Der Boden war mit feinem, losem Staube bedeckt; dieser wirbelt, einem Kometenschweife gleichend, hinter der Karawane her. Die Männer schaukeln, in ihre Tschapane gehüllt, zwischen den Höckern der Kamele. Schon um 2 Uhr herrschte Dämmerung, wir waren von undurchdringlichen Staub- und Flugsandwolken umgeben. Da der Wind, wie Abdu Rehim sich ausdrückte, den Kamelen das Rückgrat brechen konnte, hielten wir es für das Klügste, da zu bleiben, wo wir waren; wir sahen ohnedies nicht, wohin es ging.
Dennoch suchten wir nach einem einigermaßen geschützten Platze in dieser vom Winde eigentümlich gestalteten Lehmwüste. Es war Gefahr vorhanden, daß wir einander dabei verlören. Ich ging eine Strecke in der Richtung des Windes, um eine Bodeneinsenkung zu entdecken, aber der Wind trug mich vorwärts, ich glaubte zu fliegen. Es ging sich so leicht, daß ich nicht merkte, wie ich mich von den anderen entfernte, und als ich es für geraten hielt, umzukehren, kam mir der ganze Sturm mit rasender Heftigkeit gerade entgegen und trieb mir seinen dichten ziegelroten Staub ins Gesicht. Wo waren meine Leute? Ich rief, aber meine Stimme verhallte, ich selbst hörte sie kaum. Mund, Augen und Nase werden von Sand und Staub verstopft, ich muß stehen bleiben, um Atem zu schöpfen. Man wird schwindlig und hat das Gefühl, sich durch Schlamm und Wasser hindurchzuarbeiten, und dabei entferne ich mich immer mehr von den Meinen. Die Situation fing an ungemütlich zu werden, und ich hielt mich in diesem Chaos sausenden Flugsandes für verloren. Es ist gefährlich, sich bei Sturm von seiner Karawane zu entfernen, man findet sie vielleicht nie wieder. Schließlich aber sah ich einen Schatten durch den Nebel schimmern; es war der wackere Tschernoff, der auf der Suche nach mir war; er hatte sich heiser geschrien, aber ich hatte sein Rufen nicht einmal dann gehört, als er schon ganz dicht bei mir war.
Unterdessen hatten die anderen die Kamele von ihren Lasten befreit. Auf der vor dem Winde geschützten Seite eines Tamariskenkegels wurde mein Zelt aufgeschlagen, aber nur die Hälfte der beiden Zeltstangen dazu benutzt und ihre oberen Enden mit Stricken festgebunden. Die Seitenstricke wurden an massiven Wurzelstümpfen festgebunden und die vorspringenden Falten unten mit dürren Holzstücken beschwert. Das Ganze stand schließlich so fest, daß es den Sturm aushalten konnte.
Das Zelt der Leute, dessen Stangen sich nicht auseinandernehmen ließen, konnte nicht aufgeschlagen werden. Sie legten sich, in ihre Mäntel gehüllt, dicht nebeneinander. Die Kamele lagen in einer langen Reihe, die Hälse in der Windrichtung ausgestreckt, die Köpfe nach der vom Winde abgewandten Seite. Die Windstärke betrug 26,1 Meter in der Sekunde, und man mußte sich ordentlich aufstemmen, um nicht umgeweht zu werden. Bückt man sich, so erstickt man beinahe an den Wolken von Staub und Sand, die am Boden hinfegen. An Essenkochen war nicht zu denken, wir begnügten uns mit Wasser und Brot – und Sand, der zugegeben wurde. Der Sand stob in das Zelt hinein und drang durch das Zelttuch. Gegenstände, die umherlagen, waren nach einer halben Stunde gänzlich verschwunden. Die Tinte trocknete sehr schnell in der Feder, die beim Schreiben kratzend durch kleine Sanddünen fahren muß, die auf dem Blatte meines Notizbuches liegen. Mein Bett war ebenfalls von Sand durchdrungen, man konnte in der schwülen, mit Staub gesättigten Luft ersticken.
Eine merkwürdige Landschaft, die wir während der folgenden Tage kennen lernten! Das alte Flußbett ist deutlich wie eine geschlängelte Furche oder ein gewundener Korridor in die trockene Lehmwüste eingegraben. An den Ufern erheben sich, tot und verdorrt, gelbgraue, verwitterte Stämme, die an Grabsteine auf einem alten Friedhofe erinnern, balsamierte Mumien uralter Bäume, ein Stoppelfeld von riesigen Dimensionen.
Tag für Tag wanderten wir durch wasserlose Gegenden, aber auch diesmal hatten wir Eis in Ziegenfellschläuchen mitgenommen. Spuren von wilden Kamelen waren außerordentlich häufig. Tschernoff, der ein gewaltiger Jäger war, spähte mit dem Fernglase ungeduldig nach ihnen aus, und die Flinte brannte ihm in den Händen. Er sehnte sich danach, sie an einem Exemplare des wildesten und edelsten Hochwildes der Erde zu erproben.
An der Jardang-bulak, einer Quelle, an der wir einen Tag rasteten, ging sein Wunsch in Erfüllung. Am Morgen näherte sich ein wildes Kamel, das nichts Böses ahnte, und kam an die ihm wohlbekannte Quelle, um dort seinen Durst zu löschen. Es war ein junges Weibchen, das jetzt seine Todeswunde empfing. Nach dem ersten Schusse machte es Kehrt und flüchtete langsam nach Osten. Ein letzter Schuß traf es in den Bug. Es fiel, erhob sich aber wieder und lief weiter, fiel noch ein paarmal und blieb schließlich liegen. Das Fleisch war besonders willkommen, denn wir litten schon mehrere Tage Mangel daran, und auch die Hunde, einige Füchse und ein Geier konnten ein Festmahl halten. Die feine weiche Wolle wurde mitgenommen, um Schnüre und Seile daraus zu drehen.
Einige Tage später machten wir einen unendlich langen Wüstenmarsch, eifrig nach der nächsten Quelle, Altimisch-bulak, ausspähend. Wir gingen bis tief in die pechfinstere Nacht hinein, ohne sie zu finden, und lagerten schließlich in der Wildnis. Am Tage darauf aber zeigte sich hinter einem Hügel ein gelbes Schilffeld, es war die gesegnete, herrliche Oase der »60 Quellen«.
Mit seinen durch das Leben im Freien beständig geschärften Augen hatte Abdu Rehim sofort eine Kamelherde erblickt, die am hinteren Rande des Schilfes weidete, – ich konnte die Tiere kaum mit dem Fernglase erkennen. Der erfahrene Kameljäger übernahm jetzt die Führung und eilte, von mir und Tschernoff begleitet, nach dem Schilffelde der Oase. Wir kreuzten das Rinnsal der salzigen Quelle, dessen von dichten Stauden eingefaßter Boden voller herrlicher süßer Eisschollen war. Bevor Abdu Rehim hinter einigen Tamariskensträuchern stehen blieb, hatten wir den größten Teil des Vegetationsgebietes der kleinen Oase durchquert, die, scharf begrenzt, wie eine Insel in der Wüste liegt.
Die Herde bestand aus einem großen dunkeln Hengste und fünf hellen Tieren. Das alte Tier und eines der Jungen weideten munter, die übrigen lagen still, die Köpfe uns zugewendet, d. h. unter dem Winde. Die Entfernung betrug 300 Schritt; ich hatte daher vorzügliche Gelegenheit, ihre Bewegungen im Freien zu beobachten. Die zwei weidenden Kamele gingen mit herabhängendem Kopfe umher, erhoben ihn bisweilen, wenn das Maul voll war, kauten langsam und so kräftig, daß das dürre Schilf ihnen zwischen den Zähnen knisterte, und ließen den Blick über den offenen Horizont hinschweifen. Sie zeigten keine Spur von Unruhe und hatten keine Ahnung von dem, was ihnen bevorstand. Allerdings war es feige, diese edeln Tiere zu beschleichen und sie aus einem Hinterhalte zu überfallen. Ich seufzte erleichtert auf, als meine Schützen sie fehlten, und meine Sympathien waren durchaus auf seiten der Kamele. Diesmal stand es indessen in den ewigen Sternen geschrieben, daß ein unschuldiges Leben erlöschen sollte.
Lautlos und unsichtbar wie ein Panther, mit vor leidenschaftlicher Freude funkelnden Augen verschwand Abdu Rehim mit seinem mit einer Gabel versehenen Vorderlader in der Hand zwischen Büschen im Dickicht. Alles wurde still; ich beobachtete gespannt die Herde. Jetzt krachte der Schuß, und fünf Kamele trabten langsam auf unser Versteck zu, machten aber plötzlich Kehrt und flohen in wildem Laufe nach dem Kurruk-tag-Gebirge hinauf. Das junge weidende Kamel war in den Bauch getroffen worden und erhielt eine zweite Kugel in den Hals, als es sich erhob, um seinen Kameraden zu folgen.
Abdu Rehims Beute.
Es lag auf allen vier Knien und kaute an den Schilfblättern, die es noch zwischen den Zähnen hatte. Manchmal richtete es sich auf den Hinterbeinen auf, aber die Vorderbeine versagten. Der Blick war ruhig und resigniert und verriet kaum Furcht oder Erstaunen, aber als wir dem verwundeten Tiere über das Maul streichen wollten, versuchte es zu beißen und es fühlte entschieden, daß es von Todfeinden umringt war. Mit kräftigem Zuge schnitt ihm Abdu Rehim den Hals auf, das Blut strömte in einem dicken Strahle heraus, darauf folgten einige Todeszuckungen, und dann war dieser Wüstensohn, der noch vor wenigen Minuten sicher und friedlich im Schilffelde der Quelle weidete, in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Die anderen waren schon verschwunden wie der Wüstenwind, wie die Schatten der Wolken, die lautlos über die Erdoberfläche hineilen. Abdu Rehim war mit seiner Beute außerordentlich zufrieden, er hatte jetzt für viele Tage Proviant.