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Zwölftes Kapitel.
Quer durch die Wüste.

An der Oase der »60 Quellen« gönnten wir uns und den Kamelen einige sehr notwendige Ruhetage und brachen dann am 27. März wieder auf, um nach Südwesten durch die Lopwüste zu ziehen und das Nordufer des Kara-koschun zu besuchen, jenes großen Sumpfsees, in den sich die Wassermassen des Tarim ergießen. Bei dieser neuen Durchquerung würde ich auch Gelegenheit haben, das Becken, in welchem der frühere See Lop-nor einst gestanden, zu untersuchen.

Abdu Rehim sollte uns zwei Tagereisen weit mit einigen seiner Kamele begleiten, die wir mit Eisschollen von der Quelle beladen wollten. Säcke und ziegenlederne Schläuche waren mit klaren Eisstücken gefüllt, aber wie wir sie auch zu schützen suchten, ein paar Eimer voll tropften schon während des ersten Tagemarsches davon ab, denn jetzt stieg die Mittagstemperatur schon auf +17° und 18°, und als wir in die flache Wüste hineingekommen waren, wurde die Hitze drückend. Wirkliche Gefahr drohte uns jedoch kaum, denn ich berechnete, daß wir den Sumpfsee in einer Woche erreichen mußten, und wenn auch der Eisvorrat nicht reichen sollte, war die Zeit doch zum Verschmachten zu kurz.

Schlimmer war es, daß es mit unserem Proviant zu Ende ging. Wir hatten freilich noch Reis und altes hartes, trockenes Brot, aber von dieser einförmigen leichten Kost wird man kaum satt. Glücklicherweise aßen die Mohammedaner Kamelfleisch sehr gern; ich und Tschernoff hatten einen Widerwillen dagegen. Gerade im Augenblicke des Aufbruches tat indessen mein tüchtiger Kosak einen Meisterschuß, indem er mit der Hagelflinte fünf Wildenten erlegte, die an einer der Quellen rasteten, und diese Proviantverstärkung kam uns für die nächste Zukunft gut zustatten.

Am anderen Tage gegen 3 Uhr wanderten wir gerade durch eine seltsam geformte Lehmwüste, die von durch den Wind ausgemeißelten Furchen durchzogen und außerordentlich reich war an Schneckenschalen, die das frühere Vorhandensein eines Sees anzeigten, als Tschernoff und Ördek, die vorausgingen, stillstanden und uns riefen. Sie hatten Ruinen von Häusern gefunden!

Menschliche Altertümer, ein uraltes Dorf am Nordufer des Lop-nor – das war die merkwürdigste Entdeckung, die während der ganzen Reise gemacht wurde! Mein glücklicher Stern hatte mich gerade dorthin geführt. Wären wir einen Steinwurf weiter rechts oder links gegangen, so hätten wir sie nie erblickt, denn die Balken und Pfähle, aus denen die Häuser erbaut gewesen, hatten von fern täuschende Ähnlichkeit mit den dürren Baumstämmen, die hier und dort zerstreut umherlagen.

»Halt, das Zelt aufschlagen!« rief ich, und im nächsten Augenblick vertieften wir uns mit unserem einzigen Spaten in die Trümmer. Es wurde ein Plan von ihnen aufgenommen und Messungen angestellt. Beim Graben kamen chinesische Münzen, Scherben von Tongefäßen, Eisentöpfe und kleine Opfertassen ans Tageslicht. Einige Bretterreste waren künstlerisch geschnitzt mit menschlichen Figuren, von denen eine einem Könige mit Krone und Dreizack in der Hand glich und entschieden irgendeine buddhistische Gottheit vorstellte. Um jeden Preis mußten diese Holzschnitzereien mitgenommen werden und wurden einstweilen auf einen Haufen gelegt.

Darauf wurden die nächsten Umgebungen durchsucht, aber es kam nichts weiter zum Vorschein. Wir hatten jedoch die Zeit gut benutzt und gingen an diesem Abend spät zur Ruhe. Am liebsten wäre ich in dieser Gegend mehrere Tage geblieben, aber – das Wasser tropfte ununterbrochen aus unserem Eisvorrate, wir mußten nach Südwesten weiterwandern.

Hier nahmen wir Abschied von Abdu Rehim und seinen Kamelen, die uns so ausgezeichnete Dienste geleistet hatten. Chodai Kullu wurde beauftragt, mit ihm nach Norden zu ziehen, dann auf irgendeine Weise nach unserem Hauptquartier in Jangi-köll zurückzukehren und die in den Ruinen gemachten Funde dorthin zu bringen. Er weinte, als er von uns scheiden sollte, aber es ließ nicht ändern, unser Wasservorrat war schon viel zu sehr zusammengeschmolzen und es mußte noch bedeutend sparsamer damit umgegangen werden. Als wir die Ruinen verließen, bestand meine Karawane demnach nur noch aus Tschernoff, Faisullah und Ördek, vier Kamelen, einem Pferde und zwei Hunden.

Nach einer Wanderung von 20 Kilometer schlugen wir in einer Mulde das Lager auf und beschlossen, einen Brunnen zu graben. Stießen wir nur auf das Grundwasser, so konnte der Eisvorrat gern schmelzen. Hier stellte sich heraus, daß der Spaten bei den Ruinen vergessen worden war, und Ördek, der sich dieser Nachlässigkeit schuldig gemacht hatte, erbot sich sofort, ihn zu holen.

Ich war unschlüssig, ob ich ihm diesen schwierigen Gang erlauben sollte; wenn sich ein Sandsturm erhob, konnte er verloren sein. Andererseits aber würde dieser Spaten vielleicht unsere einzige Rettung sein, wenn unsere Lage verzweifelt würde und wir um jeden Preis bis an das Grundwasser graben mußten. Ich lieh Ördek mein Reitpferd und ermahnte ihn, genau unserer Spur zu folgen; wir würden nicht auf ihn warten, sondern weiterziehen, und sollte er uns verlieren, so hätte er nur immer nach Süden zu gehen, da er so an das Ufer des Kara-koschun gelangen würde. Erst aber mußte er einige Stunden schlafen, dann verzehrte er eine tüchtige Portion Reis und Kamelfleisch und verschwand um Mitternacht im Dunkel der Wüste.

Gegen 2 Uhr morgens geschah, was ich am meisten gefürchtet hatte: ein Nordsturm mit ganzen Wolken von Flugsand fegte dicht am Boden hin, und die Luft war mit Staub gesättigt. Ich blickte in die Nacht hinaus, es war pechfinster und ich konnte nicht die Hand vor den Augen sehen. »Der arme Ördek«, dachte ich, »wenn er nur so vernünftig gewesen ist, umzukehren!«

Als am Morgen die Karawane beladen wurde, waren wir nur noch drei Mann stark, und ich mußte helfen. Es ging weiter. Das Dingdong der Glocke tönte düster und unheimlich durch die dunkle Wüste, der Sturm heulte um uns herum; wir hatten ihn gern, weil er uns die glühende Hitze fernhielt und von hinten nachschob, und wir haßten ihn, weil er Ördek vielleicht das Leben kostete.

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Der Platz von Ördeks Entdeckung (ein Jahr später photographiert).

Doch nein, so gefährlich war es nicht! Gerade, als wir beim Zeltaufschlagen waren, erschien der prächtige Ördek, den Spaten auf der Schulter und das Pferd am Zügel führend. Beide waren todmüde, und Ördeks erster Gedanke war »Wasser, Wasser!« Seine Kehle war wie ausgedörrt von all dem vielen Staube, den er geschluckt hatte.

Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte ich Ördeks Bericht.

In der stürmischen, finstern Nacht hatte er unsere Spuren verloren und war weitergeritten. Bei Tagesanbruch gelangte er an die Trümmer mehrerer Häuser, wo reiche Holzschnitzereien massenhaft umherlagen. Die beiden besten Planken nahm er mit, da er bemerkt hatte, daß ich wie toll hinter solchen Funden her war. Er beruhigte sich nicht eher, als bis er die ersten Ruinen und den Spaten wiedergefunden hatte, und machte sich dann auf den Rückweg. Vergebens versuchte er ein paarmal, die Planken auf das Pferd zu laden, mein Grauchen war durchaus nicht dafür, sie zu tragen; Ördek mußte sie allein schleppen; er zeigte uns seine Schultern, die die Stricke ihm blutig gescheuert hatten. Als er sich noch einmal an die Gutherzigkeit des Pferdes gewandt, hatte sich dieses losgerissen und war nach Westen hin durchgebrannt. Ördek ließ seinen Fund liegen und hatte genug mit dem Einfangen seines treulosen vierbeinigen Kameraden zu tun. Als es ihm endlich gelungen war, war er vor Müdigkeit und Durst so erschöpft, daß er uns schleunigst aufsuchte. Es war nicht das erste Mal, daß ich Gelegenheit hatte, den fabelhaften Ortssinn der Eingeborenen zu bewundern.

Diese Erzählung wirkte auf mich wie elektrisierend. Zunächst erhielt Ördek Befehl, am nächsten Morgen in aller Frühe die von ihm im Stiche gelassenen Planken zu holen. Als ich sie sah und da ich wußte, daß sie aus einem ganz anderen Dorfe als dem zuerst gefundenen stammten, war mir klar, was die Sachlage erforderte. Der Boden brannte mir unter den Füßen, ich wollte zurück und den Schleier von den tausendjährigen Geheimnissen, die in der Tiefe der Wüste schlummerten, lüften. Doch nein, es war unmöglich, unser Wasservorrat war fast zu Ende, der glühendheiße Sommer stand vor der Tür, jetzt umkehren wäre töricht gewesen. Mein ganzer Reiseplan mußte umgestoßen werden; sollte es mir auch das Leben kosten, ich mußte die Stelle wiedersehen, wo wir das Glück gehabt hatten, die Spuren einer uralten Kultur zu entdecken. Meine auf zwei Jahre berechnete Reise wurde durch diese Entdeckung zu einer dreijährigen, ein billiger Preis für einen solchen Sieg. Einstweilen mußte ich mich jedoch zufrieden geben; Sommer und Herbst würden wir in den frischen, schneebedeckten Bergen von Tibet zubringen, den Winter in der Wüste Gobi und erst im nächsten Frühling, wenn die Wildgänse schon wieder aus Indien zurückgekehrt waren, würden wir unsere Zelte in der toten Stadt aufschlagen.

Wir zogen also südwestwärts weiter. Der tote Wald hörte auf; dafür aber wurden die Sanddünen immer höher. Ich gehe als Lotse der Karawane barfuß voraus; aber gleich nach Mittag wird der Sand so heiß, daß er mir beinahe die Füße verbrennt, dann gehe ich hinterdrein und trete in die Fußstapfen der Kamele, die den nachtkalten Sand aufgewühlt haben. Am 1. April erhielten unsere müden, erschöpften Kamele je einen Eimer Wasser; unser Vorrat reichte dann noch knapp für einen Tag. Wir mußten unsere Schritte beschleunigen, denn noch trennten uns 70 Kilometer vom Ufer des Kara-koschun.

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Einige von Ördeks Trophäen.
(Das Maß auf der rechten Seite des Bildes stellt einen Meter dar.)

Öde, gelbe Dünen entrollen um uns her ein trostloses Panorama. Immer öfter mußten wir ausruhen. Die erhitzte Luft zittert über dem Sande. Ach, wenn doch wieder ein Sturm käme und uns Kühlung brächte! Wieder war ich weit voraus; mit müden Schritten erstieg ich den Kamm einer hohen Düne, um Ausschau zu halten. Noch immer dasselbe endlose Labyrinth von delphinförmigen Dünenkämmen.

Doch was in aller Welt ist dies! Fern im Süden hinter den äußersten Dünen erglänzt etwas Blaues! Ein See, Wasser in dieser glühendheißen, vertrockneten Wüste? Nein, es ist unmöglich, es muß eine Luftspiegelung sein! Beflügelten Schrittes eilte ich von der Düne herab und in der Richtung des blauschimmernden Feldes weiter. Mir wurde schwarz vor den Augen, aber ich lief und lief; die anderen glaubten, ich habe einen Sonnenstich bekommen und sei verrückt geworden. Ich hatte schon am Ufer gebadet, mich satt getrunken und mich am Rande des gesegneten Sees ausgeruht, als der schwache Klang der Kamelglocke wieder an mein Ohr drang. Eitel Freude herrschte in der Karawane, als die Kamele ihre langen Hälse auf die Wasserfläche herabbeugten und sich mit langen, schlürfenden Zügen satt tranken. Es klang so schön, man konnte nicht umhin, vergnügt darüber zu lächeln.

Das Wasser war schwach salzhaltig, aber durchaus genießbar, die Ufer ohne Vegetation. Über den langen, schmalen See hinüberzukommen, der uns den Weg nach dem Kara-koschun versperrte, war nicht so leicht, aber Tschernoff ruhte nicht eher, als bis er eine leidliche Furt von nahezu einem Meter Tiefe entdeckt hatte. Am Tage darauf überschritten wir den See. Die Kamele waren von dem Bade so entzückt, das wir sie kaum auf das andere Ufer, dessen Boden unangenehm weich war, hinaufbringen konnten; es war, als sei dort eine Gummihaut über einen Brei gespannt, von dem man beim Durchtreten der Haut spurlos verschlungen werden würde.

Im Süden des Sees verloren wir uns wieder zwischen 10 Meter hohen Dünen. Die Kamele sahen sich melancholisch um und schienen sich zu fragen, weshalb wir den rettenden See gleich wieder verließen. Die Hitze war erstickend, und die Sonne schien uns gerade ins Gesicht. Während der heißesten Stunden schleicht man so langsam wie bei einer Beerdigung. Erst gegen Abend kommen die Lebensgeister wieder in Gang; dies war besonders an diesem Abend der Fall. Von einem letzten Hügel sahen wir im Süden ganz nahe vor uns den unendlich umfangreichen Sumpfsee Kara-koschun mit seinem ganz süßen Wasser und seinen dichten Schilffeldern. Die Stunde unserer Befreiung hatte geschlagen; wir waren aus dem Banne der Wüste erlöst!

Ein Wüstenreisender kann von keiner schöneren Aussicht träumen, als die war, die sich von meinem unmittelbar am Ufer aufgeschlagenen Zelte aus bot. Das Zelttuch flatterte im Abendwinde, der über eine gewaltige, offene Seefläche hinfuhr. Die Wellen plätscherten melodisch am Ufer; ich konnte meine Augen gar nicht losreißen von den Wildenten und den Wildgänsen, die draußen auf den Wogen scharenweise schaukelten. Sie sollten dazu beitragen, uns bald wieder auf die Beine zu bringen, denn wir hatten einen Mordshunger und waren sehr abgemagert, und unsere Haut glich über das Knochengerüst geklebtem Pergament. Keine Sorge wegen des folgenden Tages störte in dieser Nacht unseren Schlaf, dennoch lag ich lange wach und dachte an die geographischen und kulturhistorischen Probleme, die lösen zu dürfen ich das Glück gehabt hatte.

Der 3. April begann mit heftigem Nordoststurm. Schaumgekrönte Wellen wälzten sich über den See gerade auf unsere am Südwestufer stehenden Zelte zu. Nun kam mir ein ziemlich toller Gedanke. Ich konnte diese lockenden Wellen nicht sehen, ohne mich eine Weile gründlich mit ihnen einzulassen, ich hatte ja die Lungen voller Sand und Staub, ich wollte baden, ich wollte auf dem kristallhellen Wasser schaukeln wie ein Delphin. Aber wir hatten kein Boot! Was tat's, wir machten uns ein Fahrzeug zurecht, das auf den Namen eines Bootes zwar keinen Anspruch erhob, aber dennoch die Ehre haben sollte, uns über den See zu tragen. Trockenes Holz gab es am Ufer; als ich es aber probierte, stellte sich heraus, daß es unterging, weil es ganz von Sand durchdrungen war. Nun gut, wir hatten die sechs ziegenledernen Schläuche und die kurzen Leitern, an denen sie auf den Kamelen befestigt gewesen waren. Mit diesem Material begaben wir uns nach dem Nordostende des Sees, bliesen Luft in die Schläuche, banden sie an zwei Leitern fest, und das Fahrzeug war fertig. Als Tschernoff seinen Platz auf der einen Leiter einnahm, wäre die ganze Herrlichkeit beinahe gekentert, ich stellte aber das Gleichgewicht wieder her. Wir ritten halbnackt, mit in das Wasser herabhängenden Beinen, auf den Leitern. Unsere Rücken dienten als Segel, und mit Wind und Wellen trieben wir langsam nach den Zelten hin. In lärmenden Scharen flogen die Wildenten auf, sobald wir uns ihnen draußen auf dem See näherten. In wenigen Minuten war auch unser Oberkörper patschnaß, denn jede vorbeirollende Schlagwelle ging über das Floß hinweg und gab uns eine ordentliche Dusche. Es hieß, sich festhalten und balancieren, um nicht über Bord gespült zu werden.

Der Wind machte uns den Rücken kalt; als wir mitten auf dem See waren, hatte ich übergenug davon und sehnte mich an Land. Wir froren so, daß uns die Zähne klapperten. Als wir endlich an Land gekommen waren, zogen wir uns ganz aus, trockneten und wärmten uns am Feuer und krochen dann in die Schlafpelze, um das Blut wieder in Umlauf zu bringen.

Bei Sonnenuntergang nahm der Himmel ein seltsames Aussehen an. Der ganze Osthorizont flammte in einem unheimlichen, brandgelben Farbentone; ich wußte von früher her, was das bedeutete. Der »Schwarze Sturm« fuhr, wie Donner rollend, über die Erde hin, die Wellen schlugen in entfesselter Wut gegen das Ufer, und die Zelte, die von Spritzwasser überschüttet wurden, mußten weiter landeinwärts gebracht werden.

Während der folgenden Tage zogen wir am Kara-koschun entlang, um die ersten Fischerdörfer aufzusuchen. Einmal verkündete eine schwarze Rauchsäule, daß Lopleute das Schilf in Brand gesteckt hatten. Durch ein Labyrinth von Sümpfen und trockenen Landengen gelangten wir nach ihrem Dorfe Kum-tschappgan, und erst dort hatten wir es wirklich gut und lebten beinahe ausschließlich von Fischen.

Von dem Dorfe aus unternahm ich zwei Kahnfahrten über die Sümpfe und Seen, soweit man durch das Schilf kommen konnte. Es wurde schließlich so dicht, daß man auf denjenigen Feldern, die der Sturm niedergeschlagen hatte, ohne die geringste Schwierigkeit über das Wasser gehen konnte. Hier wurden die Nester aller Wildgänse und Wildenten ihrer Eier beraubt; Eier und Fische, konnten wir uns mehr wünschen? Muskelstarke, kühne Lopmänner ruderten mich in ihren langen Kähnen durch die schmalen Korridore, die sie in dem Schilfe von See zu See ausgehauen hatten. Auf einer offenen Seefläche schwamm ein einsamer Schwan. In sausender Fahrt ruderten die Männer zu ihrem Opfer hin, das sich durch Untertauchen rettete. Jetzt wurde nach der Stelle gefahren, wo sich der Schwan wieder zeigen mußte; so wurde der arme Vogel schrittweise nach dem Schilfrande hingehetzt und als er schließlich zwischen die bis 8 Meter hohen, harten Schilfstengel schlüpfte, war er verloren, denn dort fehlte es ihm an Freiheit und Raum, um die Flügel zur Flucht auszubreiten. Der Kahn schoß pfeilschnell hinter ihm drein, und einer der Männer sprang ins Wasser, holte den Schwan ein und tötete ihn. In der Nähe im Schilfe lag ein toter Schwan, der vor ein paar Tagen verwundet worden und umgekommen war. Es war der verzweifelte Gatte, den wir jetzt gefangen und von seinem Kummer befreit hatten. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber die Eingebornen am Kara-koschun versicherten, daß die Schwäne sehr gefühlvoll und zärtlich seien. Ördek hatte einmal eine Kugel in eine Schar fliegender Schwäne hineingeschickt. Zwei Schwäne stürzten ins Wasser nieder; nur einer war tot, aber der andere wollte den Gegenstand seiner Liebe nicht verlassen.

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Transport der Kähne durch das Schilf.

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Schilfkorridor auf dem Kara-koschun.

Jetzt beginnt es hier gar zu heiß zu werden; die Unseren sehnen sich gewiß nach uns, wir müssen uns beeilen, den langen Weg, der uns vom Hauptquartiere trennt, zurückzulegen. Also vorwärts!

Es dauerte 25 Tage, den Weg zurückzulegen; in dieser ganzen Zeit lebten ich und Tschernoff buchstäblich im Kahne; die Mohammedaner mußten für unsere Tiere sorgen. Nur noch eine Tagereise sollten zwei von den Kamelen, deren Winterwolle jetzt abgefallen war und die so nackt und komisch wie neugeborene junge Krähen aussahen, uns Dienste leisten. Sie wurden vor zwei prächtige Kähne gespannt, die auf diese Weise über Land nach einem neugebildeten Flußarme geschleppt wurden. Nachher halfen uns die Ruder auf den Deltaarmen des Tarim, gegen die Strömung, über Seen hinweg und durch Irrgänge von erstickend dichtem Schilfe, immer weiter flußaufwärts, bis wir eines Abends endlich in der stillen Bucht landeten, in der unsere liebe, alte Fähre lag und an ihren Vertäuungen zerrte. Damit war die Rundreise zu Ende.

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Transport der Kähne über Land.

Im Hauptquartier stand alles gut. Nur Parpi Bai befand sich nicht mehr in unserem kleinen Staate. Während unserer Abwesenheit war er plötzlich erkrankt und nach einigen Tagen gestorben – mit größter Ruhe und Kaltblütigkeit. Ich vermißte ihn sehr, denn er gehörte zu dem alten Stamme, er war 1896 mit mir in Tibet gewesen. Seinem Grabe, das mit flatternden Wimpeln an langen Stangen geschmückt war, statteten alle Mohammedaner noch einen letzten Besuch ab, ehe wir dieses friedliche, gastfreie Ufer für immer verließen.

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Unsere Kähne auf dem Tarim.

In meiner Eigenschaft als Oberhaupt der Expedition bewilligte ich mir selbst einen zehntägigen Urlaub, der jedoch zu fleißiger Arbeit benutzt wurde. Besonders viel hatte das Intendanturkorps der Karawane zu tun. Etwa 30 Pferde und Proviant für lange Zeit wurden angekauft. Der »Markt« unseres Dörfchens verwandelte sich wieder in eine Schiffswerft. Die große Fähre, die jetzt wieder ins Gefecht sollte, wurde verbessert. Statt des Zeltes wurde auf dem Vorderdecke eine sehr gemütliche Kajüte erbaut, mit weißen Filzmatten überzogen und in gewöhnlicher Weise möbliert, nur der Teppich fehlte, denn jetzt brauchte ich »Luft in der Klappe«, d. h. ich bedurfte des Luftzuges durch die Ritzen zwischen den Decksplanken. Eine Markise schützte den Schreibtisch, nachts aber ließ sich die Kajüte vollständig zumachen, um Mücken und Moskitos fernzuhalten. Von einem der Dachbalken hing an Stahldrähten ein aus einer Sardinenbüchse hergestellter »Kronleuchter« herab. Auf dem Achterdeck bauten sich die Kosaken eine ähnliche Kajüte.

Als alles dieses fertig war, gab ich den Kosaken eine neue Aufgabe zu lösen. Mein kleines Zeugboot erregte nämlich stets die größte Verwunderung bei den ehrlichen Lopleuten. Doch wenn ich ihnen erzählte, daß wir daheim Boote hätten, die mit Hilfe eines Segels gerade gegen den Wind gehen könnten, sagten sie kopfschüttelnd: »Nein, Herr, es ist unmöglich, ohne Ruder gegen den Wind anzugehen.« Ich kaufte daher einen passenden Kahn, der ein Deck erhielt und mit einem eisernen Kiele – zwei von unseren Spaten – Steuer, Mast und Segel versehen wurde. Innerhalb weniger Tage waren die Kosaken damit fertig. An einer Stelle, wo der Fluß sehr breit und offen war, wurde der Kutter probiert. Von nah und fern kamen die Eingeborenen. Es ging ein heftiger Wind; das kleine Boot schnitt wie ein Messer gegen den Wind durch die Wellen und rief das größte Erstaunen hervor. Aber empfindlich gegen Wasser durfte ich nicht sein, denn das Boot lief gründlich schräge unter die Wasserfläche, so daß ich auf der Reling der Windseite reiten mußte.

Die vergnügten, schönen Ruhetage waren bald vergangen, und die Morgenstunde brach au, in der die Karawane wieder zum Weitermarsche bereitstand. Mit ihren hohen Lasten beladen und von den meisten meiner Diener nebst berittenen Lopmännern und Beken begleitet, verschwanden unsere Kamele und Pferde bald im Unterholz – es war ein schönes, farbenprächtiges Schauspiel! Die Kosaken Tschernoff und Tscherdon waren die Führer der Karawane. Sie hatten Befehl, sich nach dem frischen, weidereichen Tale Mandarlik in Nordtibet zu begeben, wo wir uns nach zwei Monaten treffen wollten.

Jetzt lag unser Dorf, das die Eingeborenen » Tura-sallgan-ui«, »die von dem Herrn erbauten Häuser«, genannt hatten, öde und leer da. Alle Kaufleute, die am Markte ihre Läden und Verkaufsstände aufgeschlagen gehabt, waren fortgezogen. In unseren Hütten sollten künftig nur noch Skorpione und Spinnen hausen. Einige selbstbewußte Krähen inspizierten bereits die verlassene Stadt, während es auf dein im Freien stehenden Herde der Mohammedaner noch von dem letzten Feuer rauchte.

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Die umgebaute Fähre.

Es war jedoch eine wenig dauerhafte Stadt, die wir bewohnt hatten, und ein wahres Glück war es, daß wir uns diesem Ufer nicht ein Jahr später anvertraut hatten. Denn als im Jahre 1901 die Frühlingsflut durch das Flußbett strömte, nahm sie das ganze linke Flußufer mit, und in einem Augenblick waren Hütten, Ställe und die einzige Pappel auf dem Markte spurlos vom Erdboden weggefegt.


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