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VIII

Es war also verabredet worden, daß Bernard und Edouard, nachdem sie gemeinsam zu Abend gegessen hätten, Sarah kurz vor zehn Uhr abholen sollten. Sarah hatte den ihr von Armand übermittelten Vorschlag mit Freuden angenommen. Gegen halb zehn hatte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen, wohin ihre Mutter sie begleitet hatte. Man mußte, um in Sarahs Zimmer zu gelangen, durch die Schlafstube der Eltern gehen. Aber eine andere Türe, die zugestellt war und als unbenutzt galt, führte von Sarahs Zimmer in Armands Kammer, die ihrerseits, wie gesagt, ihre Ausgangstür zu einer Hintertreppe hatte.

Solange die Mutter im Zimmer war, tat Sarah so, als wolle sie sich gleich zu Bett legen. Sie äußerte, sie sei von der Reise todmüde und werde wohl sofort einschlafen. Aber kaum von der Mutter alleingelassen, eilte sie an den Toilettentisch, um die Farbe ihrer Lippen und Wangen neu zu beleben. Dieser Toilettentisch verbarrikadierte die »unbenutzte« Tür, aber er war keineswegs so schwer beweglich, als daß Sarah ihn nicht geräuschlos hätte beiseite schieben können. So öffnete sie denn die geheime Pforte.

Es wäre Sarah unerwünscht gewesen, ihren Bruder anzutreffen, dessen Spöttereien sie fürchtete. Allerdings begünstigte Armand selbst ihre gewagtesten Unternehmungen; er schien sogar seine Freude an ihnen zu haben; aber seine ganze Duldsamkeit schien gewissermaßen nur provisorisch zu sein, denn in der Folge verurteilte er das Geschehene um so strenger, so daß Sarah kaum zu sagen gewußt hätte, ob nicht schon seine Toleranz im Dienste seiner sittenrichterlichen Neigungen stand.

Armands Kammer war leer. Sarah setzte sich auf einen niedrigen kleinen Stuhl, um zu warten. Sie überließ sich ihren Gedanken. In einer Art vorgreifenden Protestes hatte sie sich zu radikaler Mißachtung aller häuslichen Tugenden trainiert. Der Zwang des Elternhauses hatte ihre Energie gestrafft, ihren Hang zur Revolte gestachelt. Während ihres Aufenthaltes in England hatte sie ihren Wagemut bis zur letzten Spannkraft erhitzt. Ebenso wie Miß Aberdeen, ihre englische Freundin, war sie entschlossen, sich ihre Freiheit zu erobern, die Herrin ihrer selbst zu sein, alles zu riskieren. Sie fühlte sich stark genug, jeglicher Geringschätzung zu trotzen, alle Konventionen mit Füßen zu treten. In ihrem Entgegenkommen gegen Olivier hatte sie schon über eine natürliche Bescheidenheit, über viel angeborene Scheu zu triumphieren vermocht. Das Schicksal ihrer Schwestern wirkte abschreckend auf sie. Rachels fromme Resignation war in ihren Augen nichts als Narrheit. Und in Lauras Verheiratung sah sie nur ein elendes, zur Sklaverei führendes Geschäft. Ihre eigene Lebenserfahrung hatte sie (zu dieser Schlußfolgerung war sie gelangt) recht wenig zur »ehelichen Unterwürfigkeit« prädestiniert. Sie vermochte nicht einzusehen, inwiefern ein etwaiger Ehemann ihr geistig überlegen sein sollte. Hatte sie nicht ihre Examina bestanden, ebensogut wie die männlichen Kandidaten? Hatte sie nicht über alle Fragen ihre persönlichen Ansichten, ihre ganz bestimmten Ideen? War sie nicht überzeugt von der Gleichwertigkeit der Geschlechter? Ja, manchmal schien es ihr, als ob die Frauen in der Führung des Lebens, der Geschäfte und gelegentlich selbst der Politik mehr gesunden Verstand bewiesen als die Männer …

Vorsichtige Schritte ertönten auf der Treppe. Sie horchte auf. Dann öffnete sie leise die Tür.

Bernard und Sarah kannten sich noch nicht. Der Flur war ohne Beleuchtung. In der Dunkelheit sahen sie sich kaum.

»Mademoiselle Sarah Vedel?« flüsterte Bernard.

Sie nahm ohne weiteres seinen Arm.

»Edouard wartet an der Ecke im Auto. Er hat nicht mit ins Haus kommen wollen, weil er ihren Eltern hätte begegnen können. Für mich hätte das keine Gefahr gehabt: ich wohne ja hier im Hause.«

Bernard hatte Sorge getragen, die Haustür angelehnt zu lassen, damit die Aufmerksamkeit des Portiers nicht rege werde. Einige Minuten später setzte das Auto seine drei Insassen vor der Taverne du Panthéon ab. Als Edouard den Chauffeur bezahlte, schlug es gerade zehn Uhr.

 

Das Bankett war zu Ende. Die Speisen waren abgetragen. Aber die Tafel blieb übervoll von Kaffeetassen, Gläsern und Flaschen. Alle rauchten. In dem dicken Qualm konnte man kaum atmen. Madame des Brousses, die Frau des Herausgebers der »Argonauten«, verlangte nach Luft. Ihre Stimme drang schneidend durch den Wirrwarr der Gespräche. Ein Fenster ward geöffnet. Aber Justinien, der gerade eine Rede anbringen wollte, ließ es, »der Akustik wegen«, gleich wieder schließen. Er stand auf und klopfte mit einem Löffel an sein Glas: es gelang ihm nicht, sich bemerkbar zu machen. Erst als der Herausgeber der »Argonauten«, den man mit »Herr Präsident« anredete, sich ins Mittel legte, trat leidliche Stille ein. Justinien konnte seine Rede beginnen, und alsbald ergoß sich ein wahrer Wasserfall von Langerweile über die Anwesenden. Die Banalität der Gedanken verbarg sich unter einer endlosen Flut von Bildern. Der Redner drückte sich mit einer Geschwollenheit aus, die den Geist ersetzen sollte, und verstand es, jedem einzelnen seiner Zuhörer ein gedunsenes Kompliment zu verabreichen. Bei seinem ersten Innehalten (gerade während Edouard, Bernard und Sarah eintraten) ward freundlicher Beifall hörbar. Einige applaudierten ziemlich ausgiebig, aber scheinbar etwas ironisch und vielleicht in der Hoffnung, den Redner damit zum Aufhören zu bewegen. Doch vergeblich: Justinien fing von neuem an; nichts war imstande, seinen Redefluß einzudämmen. Jetzt war es der Graf Passavant, den er mit den Blüten seiner Rhetorik überschwemmte. Er sprach vom » Turnreck« wie von einer neuen Ilias. Man trank auf Passavants Gesundheit. Edouard hatte kein Glas, Bernard und Sarah ebensowenig, was ihnen das Mittrinken ersparte.

Justiniens Rede schloß mit guten Wünschen für die neue Zeitschrift und einigen Komplimenten an ihren Herausgeber, »den jungen und talentvollen Molinier, diesen Liebling der Musen, dessen Stirn schon umflossen sei von der Gloriole künftigen Ruhmes.«

Olivier hatte sich in der Nähe des Eingangs gehalten, um seine Freunde bei ihrem Erscheinen gleich bewillkommnen zu können. Justiniens plumpe Schmeicheleien genierten ihn sichtlich; aber der kleinen Ovation, die folgte, vermochte er sich nicht zu entziehen.

Die drei Ankömmlinge hatten auf zu frugale Art diniert, als daß sie die allgemeine Stimmung sofort hätten teilen können. Bei solchen Zusammenkünften erscheint ja den Nachzüglern die Aufgeregtheit der andern immer schlecht motiviert (oder vielleicht: allzu deutlich motiviert). Sie urteilen, wo kein Urteil angebracht ist, und üben, ohne es zu wollen, eine scharfe Kritik. Wenigstens galt das für Edouard und Bernard. Dagegen schien Sarah nur darauf bedacht, sich diesen Sphären, die ihr völlig neu waren, anzupassen, sich zu unterrichten und in soviel Ungewöhnliches rasch hineinzufinden.

Bernard kannte niemand. Olivier, der seinen Arm genommen hatte, wollte ihn dem Grafen Passavant und dem »Präsidenten« des Brousses vorstellen. Bernard weigerte sich. Passavant aber trat kurz entschlossen auf ihn zu und streckte ihm seine Hand hin, die Bernard, ohne unhöflich zu sein, nicht ausschlagen konnte.

»Ich habe so viel von Ihnen gehört, daß ich Sie fast zu kennen glaube«, sagte Passavant.

»Das beruht auf Gegenseitigkeit«, erwiderte Bernard in einem Tone, vor dem Passavants geschmeidige Liebenswürdigkeit erstarrte. Er wandte sich ab und näherte sich Edouard.

Obwohl viel auf Reisen und, auch wenn er in Paris anwesend war, dem literarischen Getriebe durchaus entrückt, kannte Edouard immerhin mehrere von den Anwesenden und fühlte sich keineswegs geniert. Von seinen Kollegen wenig geliebt, doch geachtet (während es ihm nur um Distanz zu tun war), ließ er es hingehen, für stolz zu gelten. Er mochte lieber zuhören, als selbst das Wort führen.

»Ihr Neffe hat mich bereits hoffen lassen, daß Sie heute abend kommen würden«, begann Passavant, artig gedämpften Tones. »Ich war glücklich darüber, denn gerade …«

Edouards ironischer Blick schnitt den Rest des Satzes ab. Gewohnt, zu gefallen und zu verführen, bedurfte Passavant, um zu glänzen, eines Spiegels, der ihm seine Wirkung gefällig bestätigte. Doch faßte er sich schnell wieder, ein Fehlschlag konnte ihn nur für Sekunden aus dem Gleichgewicht bringen. Er runzelte die Stirn und lud seine Augen mit Impertinenz. Wenn Edouard nicht bereitwillig auf sein Spiel einging, nun, so verfügte er über die Mittel, ihn mattzusetzen.

»Ich wollte Sie fragen …«, sagte er, als wenn er nur in seinem vorherigen Gedanken fortfahre: »haben Sie Nachrichten von Ihrem andern Neffen, meinem Freunde Vincent? Ihm stand ich ja besonders nahe …«

»Nein«, antwortete Edouard trocken.

Dieses »nein« hob Passavant von neuem aus dem Sattel. Er wußte nicht, ob er es als herausfordernde Schroffheit oder einfach als Antwort auf seine Frage auffassen sollte. Doch seine Verwirrung dauerte nur einen Augenblick, und Edouard selbst half ihm arglos wieder aufs Pferd, indem er hinzufügte:

»Sein Vater sagte mir nur, er mache eine Reise mit dem Fürsten von Monaco.«

»Ja, ich hatte eine meiner Freundinnen gebeten, ihn dem Fürsten vorzustellen. Es war ein Glück, daß ich auf diese Idee kam, denn das konnte ihn ein bißchen ablenken von seinem unseligen Abenteuer mit dieser Madame Douviers …, die Sie ja auch kennen, wie mir Olivier sagte. Vincent hätte ja beinahe seine ganze Existenz ihretwegen aufs Spiel gesetzt …«

Passavant handhabte die Gesten der Geringschätzung, der Herablassung, der Verachtung mit Meisterschaft. Immerhin begnügte er sich damit, diese Bosheit angebracht zu haben und seinen Gegner in Respekt zu halten. Edouard suchte krampfhaft nach irgendeiner möglichst schneidenden Erwiderung. Es mangelte ihm in befremdlicher Weise an Geistesgegenwart. Das war vermutlich auch der Grund, weshalb er so ungern unter Menschen ging: ihm fehlte alles, was man braucht, um sich in der »Welt« auszuzeichnen. Er zog jedoch vielsagend die Brauen hoch. Passavant hatte eine gute Witterung: sowie jemand Miene machte, ihm etwas Unangenehmes zu sagen, spürte er die Gefahr und wich ihr mit einer geschickten Wendung aus. Ohne auch nur Atem zu schöpfen, in plötzlich verändertem Tone, fragte er lächelnd:

»Aber wer ist denn dieses entzückende Kind, das Sie uns da gebracht haben?«

»Das ist«, sagte Edouard, »Mademoiselle Sarah Vedel, eine Schwester der eben genannten Madame Douviers, meiner Freundin.«

In Ermangelung anderer Waffen machte er dieses »meiner Freundin« spitz wie einen Pfeil. Aber das Geschoß verfehlte sein Ziel, und Passavant ignorierte es völlig:

»Sie wären sehr liebenswürdig, wenn Sie mich vorstellen wollten.«

Er hatte diese letzten Worte ebenso wie den vorigen Satz ziemlich laut gesprochen, damit Sarah alles höre; und als sie sich ihnen nun zuwandte, war Edouard gezwungen, dem Wunsche Passavants zu willfahren:

»Sarah, der Graf Passavant bittet um die Ehre, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen«, sagte er mit einem sauren Lächeln.

Passavant hatte frische Gläser bringen lassen, die er mit Kümmel füllte. Alle vier tranken auf Oliviers Gesundheit. Die Likörflasche war fast leer, und da Sarah ihr Erstaunen äußerte über die Kristalle, die sich am Boden angesetzt hatten, suchte Passavant einige von ihnen mit Strohhalmen loszumachen. In diesem Augenblick näherte sich ihnen eine absonderliche Erscheinung, ein Kerl mit mehlig gepuderten Backen, mit Augen wie aus schwarzem Lack und prall an den Schädel geklebten Haaren.

»Sie könnens ja doch nicht, geben Sie mir die Flasche, daß ich sie zerteppre!« sagte dieser Mensch, wobei er mit affektierter Anspannung jede Silbe einzeln zerkaute.

Er nahm die Flasche, zerschmetterte sie durch einen Schlag auf das Fensterbrett und überreichte Sarah den mit Kristallen bedeckten Boden.

»Mit diesen messerscharfen kleinen Polyedern wird reizendes Fräulein ohne Mühe eine Durchbohrung seines Bäuchleins erreichen!«

»Wer ist denn dieser Clown?« fragte sie den Grafen Passavant, der ihr einen Platz angeboten und sich neben sie gesetzt hatte.

»Das ist Alfred Jarry, der Autor von › Ubu Roi‹. Die Argonauten halten ihn für genial, weil sein Stück vom Publikum ausgezischt worden ist. Es war in der Tat das merkwürdigste Drama, das man seit Jahren auf einer Bühne gesehen hat.«

»Ich liebe › Ubu Roi‹ sehr«, sagte Sarah, »und es ist mir ungemein interessant, Jarry hier zu treffen. Man hat mir erzählt, er sei immer betrunken.«

»Er müßte es heute abend eigentlich sein … Ich habe ihn bei Tisch zwei große Wassergläser voll Absinth trinken sehen, ungemischten … Das scheint ihm aber nichts weiter anzuhaben … Wollen Sie eine Zigarette? Man muß selbst rauchen, um in dieser Atmosphäre nicht zu ersticken!«

Er beugte sich zu ihr und gab ihr Feuer. Sie hatte ein paar von den Kristallen in den Mund genommen wie Bonbons:

»Das ist ja nur Kandiszucker«, sagte sie ziemlich enttäuscht; »ich hoffte, es würde etwas sehr Starkes sein.«

Während sie dermaßen mit Passavant plauderte, lächelte sie gleichzeitig Bernard zu, der ihr zur Seite geblieben war. Ihre Augen hatten sich belebt und strahlten einen ungewöhnlichen Glanz aus. Bernard, der sie vorhin in der Dunkelheit kaum hatte sehen können, war überrascht von ihrer Ähnlichkeit mit Laura. Dieselbe Stirn, dieselben Lippen … Allerdings war der Reiz Sarahs weniger engelhaft, und ihr Blick weckte eine seltsame Unruhe in seinem Herzen. In seiner Verwirrung richtete er das Wort an Olivier:

»Stell mich doch deinem Freunde Bercail vor!«

Er hatte Bercail schon öfter im Luxembourg gesehen, aber noch niemals mit ihm gesprochen. Lucien Bercail, eine schüchterne Natur, fühlte sich ziemlich heimatlos in diesem Kreise, in den Olivier ihn eingeführt hatte. Er wurde jedesmal rot, wenn sein Freund ihn als eines der wichtigsten Redaktionsmitglieder der » Avant-Garde« vorstellte. Doch Tatsache war, daß jenes allegorische Gedicht, dessen Plan er, zu Beginn unserer Erzählung, dem teilnahmsvollen Olivier mitgeteilt hatte, an der Spitze der ersten Nummer der neuen Zeitschrift erscheinen sollte, gleich nach dem Manifest.

»Auf den Seiten, die ich für dich reserviert hatte«, sagte Olivier zu Bernard. »Oh, ich bin sicher, daß es dir gefallen wird! Es ist bei weitem das beste in der ganzen Nummer. Und so originell!«

Es machte Olivier weit mehr Vergnügen, seine Freunde zu loben, als sich selbst loben zu hören. Als Bernard nähertrat, erhob sich Lucien Bercail. Er hatte seine Kaffeetasse in der Hand behalten, aber in der Erregung hielt er sie so ungeschickt, daß sich die Hälfte des Inhalts über seine Weste ergoß. In diesem Moment vernahm man unmittelbar neben ihm Jarrys abgehackte Stimme:

»Der kleine Bercail wird sich vergiften, weil ich Gift in seinen Kaffee getan habe!«

Jarry amüsierte sich über Bercails Schüchternheit und hätte ihm gern einen tödlichen Schreck eingejagt. Aber Bercail hatte keine Angst vor Jarry. Er zuckte nur mit den Achseln und trank seine Tasse ruhig aus.

»Wer ist denn das?« fragte Bernard.

»Was? Du kennst den Autor von › Ubu Roi‹ nicht?«

»Unmöglich! Das soll Jarry sein!? Ich hätte ihn eher für einen Bedienten gehalten.«

»Na, das denn doch wohl nicht!« meinte Olivier etwas betreten, denn er war immerhin stolz auf die großen Männer diesen Abends. »Sieh ihn nur erst mal genauer an: findest du nicht doch, daß er interessant aussieht?«

»Er tut alles mögliche, um es zu erscheinen«, sagte Bernard, der nur das Natürliche gelten ließ, dabei aber voll von Hochachtung für › Ubu‹ war.

Jarry, mit knallrot geschminkten Lippen, war gekleidet wie der traditionelle dumme August aus dem Zirkus. Alles an ihm war absurd gekünstelt. Dies galt in Sonderheit auch von seiner Sprechweise, deren ausgeklügelten Idiotismus mehrere Argonauten eifrig nachzuahmen suchten, indem sie die Silben zerhackten, bizarre Worte erfanden, andere Worte bizarr verrenkten. Aber keiner vermochte den Meister zu erreichen in der Hervorbringung dieser Stimme ohne Klang, ohne Empfindung, ohne Betonung, ohne Sinn.

»Ich sage dir, wenn man ihn kennt, so ist er ganz entzückend«, versicherte Olivier.

»Ich will ihn lieber nicht kennenlernen: er sieht böse aus!«

»Das ist alles nur Pose! Passavant meint, im Grunde sei er sanfter als ein Lamm. Aber er hat heute abend furchtbar getrunken; und keinen Tropfen Wasser, das kannst du mir glauben; nicht einmal Wein, nur Absinth und starke Schnäpse! Passavant fürchtet, daß er irgendeine Tollheit begehen könne.«

Unwillkürlich kam ihm der Name ›Passavant‹ immer wieder auf die Lippen, und zwar um so hartnäckiger, je mehr er ihn zu vermeiden suchte. Er war ganz verzweifelt, seiner Worte so wenig Herr zu sein, und von qualvoller Unruhe getrieben, wechselte er das Thema:

»Du solltest doch auch ein bißchen mit Dhurmer sprechen, willst du? Ich fürchte, er hat eine rasende Wut auf mich, weil ich ihm die Leitung der › Avant-Garde‹ weggeschnappt haben soll. Aber es trifft mich wirklich keine Schuld; ich konnte gar nicht anders, als das Angebot annehmen … Willst du nicht versuchen, ihm das begreiflich zu machen und ihn ein wenig zu beruhigen? Graf Pass... Man hat mir gesagt, er sei schrecklich geladen auf mich! …«

Er war wiederum gestolpert, wenn auch diesmal nicht hingefallen …

»Ich hoffe, daß Dhurmer sein Manuskript zurückgezogen hat; ich mag gar nicht, was er schreibt«, sagte Bercail. Dann, zu Profitendieu gewandt –…: »Aber Sie, mein Herr, ich dächte, daß …«

»Oh, nennen Sie mich doch nicht ›mein Herr‹! … Ich weiß ohnehin, daß ich einen plump-lächerlichen Namen trage … Falls ich schreibe, werde ich mir ein Pseudonym ausdenken müssen.«

»Warum haben Sie uns denn gar nichts gegeben?«

»Weil ich nichts fertig hatte.«

Olivier überließ seine beiden Freunde ihrer Unterhaltung und trat auf Edouard zu.

»Wie liebenswürdig von Ihnen, daß Sie gekommen sind! Ich sehnte mich so danach, Sie wiederzusehen! Allerdings hätte ich gewünscht, zunächst irgendwo anders mit Ihnen sprechen zu können … Heute nachmittag habe ich an Ihrer Tür geläutet. Hat man es Ihnen nicht gesagt? Ich war ganz untröstlich, Sie nicht anzutreffen, und wenn ich gewußt hätte, wo Sie zu finden waren …«

Er fühlte sich fast stolz, daß ihm die Worte so mühelos kamen, und er gedachte einer Zeit, wo die Verwirrung in Gegenwart Edouards ihn stumm gemacht hatte. Er verdankte diese Leichtigkeit, ach! der Banalität seiner Äußerungen und den Getränken, die er so reichlich genossen hatte … Dies kam Edouard schmerzlich zum Bewußtsein.

»Ich war bei Ihrer Mutter.«

»Ja, das habe ich gehört, als ich nach Hause kam«, log Olivier. Daß Edouard ihn mit ›Sie‹ anredete, machte ihn ganz betroffen. Er schwankte, ob er diese Empfindung äußern solle …

»Das ist also das Milieu, in dem Sie künftig zu leben gedenken?« fragte Edouard und sah ihn scharf an.

»Oh, ich lasse mich nicht davon beeinflussen!«

»Sind Sie dessen ganz sicher?«

Dies war in einem so ernsthaften und zugleich so zärtlich-brüderlichen Ton gesagt, daß Olivier seine ganze Sicherheit dahinschwinden fühlte.

»Sie meinen, solche Leute seien kein geeigneter Verkehr für mich?«

»Diese Meinung gilt vielleicht nicht für alle, aber für einige von ihnen ganz bestimmt.«

Olivier faßte diesen Plural als Singular auf. Er spürte, daß Edouard speziell auf Passavant hinzielte, und plötzlich war es ihm, als ob ein greller Blitz das Gewölk durchzucke, das sich im Laufe dieses schlimmen Tages an seinem Himmel zusammengezogen hatte. Er liebte Bernard und Edouard viel zu sehr, als daß er ihre Mißachtung hätte ertragen können. Wenn er bei Edouard war, so entfalteten sich alle guten Seiten seines Wesens. Bei Passavant aber entfaltete sich nur sein Böses. Er gestand es sich jetzt ein. Und hatte er es nicht eigentlich von Anfang an gefühlt? War die Verblendung, die ihn bei Passavant gehalten hatte, ihm nicht stets bewußt gewesen? Seine Dankbarkeit für alles, was er vom Grafen empfangen hatte, schlug in Groll um. Mit einem Schlage ward er abtrünnig. Und das, was er gerade in diesem Augenblick mit ansehen mußte, vollendete seinen Haß:

Passavant war ganz nahe an Sarah herangerückt und hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt. Sein Benehmen schien von gewollter Zudringlichkeit diktiert zu sein. Offenbar suchte er, in Kenntnis der bedenklichen Gerüchte, die über seine Beziehungen zu Olivier umgingen, die Meinung der Welt auf falsche Bahnen zu lenken. Um so deutlich wie möglich zu werden, hatte er sich vorgenommen, Sarah so weit zu bringen, daß sie sich ihm auf die Knie setzte. Bis jetzt hatte sie sich kaum gegen ihn verteidigt; aber mit ihrem Blick suchte sie die Augen Bernards, und als sie ihnen begegnete, lächelte sie, als wollte sie sagen:

»Sieh doch, was man sich mit mir erlauben kann!«

Passavant jedoch überlegte, ob er nicht zu rasch vorgehe. Es fehlte ihm an Erfahrung.

»Wenn es mir gelingt, ihr noch etwas Likör einzuflößen, so riskiere ich's«, dachte er und streckte die Hand, die er frei hatte, nach der Flasche Curaçao aus.

Olivier, der ihn beobachtet hatte, kam ihm zuvor. Schnell ergriff er die Flasche, einfach, um sie Passavant wegzunehmen. Doch zugleich hatte er eine Empfindung, als ob er im Alkohol wieder etwas Mut finden könnte; etwas von jenem Wagemut, den er ganz in sich erlöschen fühlte, und den er doch brauchte, um die Klage, die ihm auf die Lippen stieg, für Edouard hörbar zu machen:

»Es hätte nur an Ihnen gelegen …«

Olivier füllte ein Glas und leerte es in einem Zuge. In diesem Moment hörte er Jarry, der unternehmungslustig von einer Gruppe zur andern flanierte, hinter Bercails Stuhl mit halblauter Stimme sagen:

»Und jetzt wollen wir den klein Bercail toti machen.«

Lucien Bercail wandte sich brüsk um:

»Sagen Sie das noch einmal laut und deutlich!«

Aber Jarry war schon weitergeschlendert. Erst als er ganz um den Tisch herum war, blieb er stehen und wiederholte mit quiekender Stimme:

»Und jetzt wollen wir den klein Bercail toti machen!« Darauf zog er aus seiner Tasche eine große Pistole, mit der die Argonauten ihn schon oft hatten spielen sehen, und legte an, wie es etwa ein Clown in der Manege hätte tun können.

Jarry hatte sich einen Ruf als Schütze gemacht. Von mehreren Seiten erschollen Äußerungen des Protestes. Niemand konnte wissen, ob dieser berauschte Narr es beim törichten Spiel bewenden lassen werde. Doch der kleine Bercail wollte zeigen, daß er keine Angst habe, stieg auf einen Stuhl und nahm, mit verschränkten Armen, eine napoleonische Haltung an. Er war dabei ein bißchen komisch, und es brach einiges Lachen aus, das aber gleich von Kundgebungen des Beifalls übertönt wurde.

Passavant flüsterte Sarah hastig zu:

»Das kann schlimm werden! Er ist total betrunken. Kriechen Sie unter den Tisch!«

Monsieur des Brousses versuchte Jarry zurückzuhalten, doch dieser machte sich los, kletterte auch seinerseits auf einen Stuhl (wobei Bernard bemerkte, daß er elegante Tanzschuhe trug), und, Bercail nun gerade gegenüberstehend, streckte er den Arm aus, um zu zielen.

»Licht aus! Sofort das Licht aus!« schrie Monsieur des Brousses.

Edouard, der in der Nähe der Tür geblieben war, drehte den Schalter.

Der Warnung Passavants folgend, war Sarah aufgesprungen. Und kaum herrschte Dunkelheit, so schmiegte sie sich eng an Bernard und zog ihn mit sich unter den Tisch.

Der Schuß ging los. Die Pistole war nur blind geladen. Doch hörte man einen Schmerzensschrei: es war Justinien, der die Ladung ins Auge bekommen hatte.

Als es wieder hell wurde, bewunderte man Bercail, der in unbeweglicher Pose auf seinem Stuhl ausgeharrt hatte und kaum ein wenig bleicher geworden war.

Unterdessen hielt es die Frau des Präsidenten für angebracht, in eine Nervenkrise zu fallen. Man stürzte zu ihr hin.

Es sei idiotisch, rief sie, die Anwesenden mit solchen Knalleffekten zu regalieren …

Jarry, von seinem Postament herabgestiegen, tauchte (da kein Wasser zur Hand war) sein Taschentuch in irgendeine alkoholische Flüssigkeit und rieb ihr damit die Stirn –… eine Hilfeleistung, die zugleich als Entschuldigung gelten zu sollen schien.

Bernard war nur einen Augenblick unterm Tische geblieben: gerade lange genug, um zu fühlen, wie Sarahs brennende Lippen sich wild auf die seinen preßten. Olivier war den beiden gefolgt: aus Freundschaft, aus Eifersucht … Die Trunkenheit steigerte in ihm jenes abscheuliche Gefühl, das er so gut kannte: beiseite bleiben zu müssen … Als er auch seinerseits aus dem Versteck hervorkroch, wirbelte ihm alles im Kopfe. Da vernahm er Dhurmers krähende Stimme:

»Seht mal Molinier! Der ist ja feige wie ein Weib!«

Das war zuviel. Mit erhobener Hand sprang Olivier, ohne genau zu wissen, was er tat, auf Dhurmer los. Er glaubte in einem Traum zu agieren. Dhurmer wich dem Schlage aus. Und Oliviers Hand traf nur die wesenlose Luft wie in einem Traum.

Es entstand ein Durcheinander. Während einige um die Präsidentin bemüht blieben, die unter spitzem Gekreisch ihrer Hysterie freien Lauf ließ, drängten sich andre um Dhurmer, der fortwährend schrie: »Er hat mich nicht berührt! Er hat mich nicht berührt! …«, und wieder andere um Olivier, der mit glühenden Wangen immer von neuem auf Dhurmer los wollte und den man kaum beruhigen konnte.

Dhurmer, mochte er nun ›berührt‹ sein oder nicht, mußte sich als geohrfeigt betrachten. Und Justinien, so sehr ihn sein getroffenes Auge noch zu schmerzen schien, nahm es auf sich, ihm dies begreiflich zu machen. Es handle sich hier um ein Gebot der Selbstachtung, sagte er. Aber Dhurmer maß Justiniens Lektionen über Selbstachtung offenbar wenig Wert bei. Eigensinnig schrie er nur immer wieder:

»Nicht berührt! … Nicht berührt!«

»So lassen Sie ihn doch in Ruhe!« sagte Monsieur des Brousses. »Wenn jemand absolut nicht will, so kann man ihn eben nicht zwingen, sich zu duellieren!«

Indessen erklärte Olivier mit lauter Stimme, daß, wenn Dhurmer sich noch nicht genügend bedient fühle, er gern bereit sei, ihm weitere, unbestreitbare Ohrfeigen zu verabfolgen. Und, fest entschlossen, den andern nicht so leichten Kaufes davonkommen zu lassen, bat er Bernard und Bercail, ihm als Zeugen zu dienen. Keiner von diesen beiden verstand etwas von sogenannten Ehrensachen; aber Olivier wagte nicht, sich an Edouard zu wenden. Er sah verwüstet aus: die Krawatte war ihm aufgegangen; das Haar fiel ihm wirr ins Gesicht; von seiner Stirne triefte der Schweiß; ein krampfhaftes Zittern bewegte seine Hände.

Edouard nahm ihn am Arm:

»Komm und wasch dich ein bißchen! In diesem Zustand kannst du dich nicht länger sehen lassen!«

Er zog ihn mit sich zum Waschraum.

Kaum außerhalb des Saales, merkte Olivier, wie betrunken er war. Als er Edouards Hand auf seinem Arm gefühlt hatte, war es ihm gewesen, als sollte er ohnmächtig werden, und widerstandslos hatte er sich hinausführen lassen. Von Edouards Worten war ihm nur das eine zum Bewußtsein gekommen: daß dieser wieder ›du‹ zu ihm gesagt hatte … Wie eine Gewitterwolke in Regen ausbricht, so glaubte er plötzlich in Tränen zergehen zu sollen. Edouard legte ihm ein nasses Tuch auf die Stirn, und das brachte ihn vollends zur Besinnung. Was war geschehen? Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, als ob er wie ein törichtes Kind, wie ein Tolpatsch gehandelt hätte. Er fühlte sich lächerlich, verächtlich … Und bebend vor Qual und vor Zärtlichkeit warf er sich Edouard in die Arme und schluchzte:

»Nimm mich mit!«

Edouard selbst war tief bewegt.

»Deine Eltern?« fragte er.

»Sie wissen nicht, daß ich zurück bin.«

Als die beiden unten im Parterre durchs Café kamen, sagte Olivier, er wolle gern einen kleinen Brief schreiben.

»Wenn ich ihn gleich noch einwerfe, so ist er morgen früh mit der ersten Post da.«

Er setzte sich an einen Tisch und schrieb:

 

Mein lieber Georges,

Dein Bruder Olivier schreibt Dir diese Zeilen; er möchte Dich um einen kleinen Dienst bitten. Daß ich wieder in Paris bin, ist Dir wohl nichts Neues mehr, denn ich glaube bestimmt, daß Du mich heute mittag auf der Straße gesehen hast, in der Nähe der Sorbonne. Ich hatte beim Grafen Passavant Wohnung genommen (hier fügte er die Adresse ein); meine Sachen sind noch bei ihm. Aus Gründen, die ich Dir nicht so rasch auseinandersetzen kann und die Dich auch kaum interessieren würden, will ich nicht zu ihm zurück. Du bist der einzige, den ich bitten kann, meine Sachen dort für mich abzuholen. Willst Du mir diesen Gefallen tun? Ich mache es auch gelegentlich wieder gut. Es ist hauptsächlich ein verschlossener Koffer. Die andern mir gehörenden Sachen, die Du im Zimmer herumliegen siehst, tu, bitte, in meine Reisetasche und bring mir das Ganze in die Wohnung des Onkels Edouard. Das Auto bezahle ich natürlich selbst. Morgen ist ja Sonntag, und Du kannst Dich gleich nach Empfang dieser Zeilen auf den Weg machen. Ich rechne bestimmt auf Deine Gefälligkeit.

Dein großer Bruder

Olivier.

Nachschrift. –… Ich kenne Dich ja als einen gescheiten Kerl, der sich in jede Situation hineinzufinden weiß. Solltest Du aber mit Passavant persönlich zu verhandeln haben, so bleib nur recht kalt ihm gegenüber! Also auf morgen vormittag!

 

Allen, die Dhurmers beleidigende Worte nicht gehört hatten, war Oliviers so jäh erfolgender Angriff unerklärlich geblieben. Man sagte sich, er müsse wohl ganz und gar den Kopf verloren haben. Hätte Bernard das Gefühl gehabt, daß der Freund seinen klaren Blick bewahrt habe, so würde er Oliviers Vorgehen unbedingt gebilligt haben; er liebte Dhurmer keineswegs, aber er kam zu dem Schluß, Olivier habe wie ein Narr gehandelt und sich augenscheinlich ins Unrecht gesetzt. Bei alledem betrübte es ihn, ringsum harte Urteile über den Freund vernehmen zu müssen. Er trat auf Bercail zu, und die beiden verabredeten ein Zusammentreffen. So absurd die Angelegenheit war, sie legten doch Wert auf ein korrektes Verhalten. Und so machten sie denn aus, daß sie sich morgen früh um neun Uhr gemeinsam bei ihrem Auftraggeber einfinden wollten.

 

Nachdem seine beiden Freunde den Saal verlassen hatten, empfand auch Bernard keine Lust mehr, noch länger dazubleiben. Er suchte Sarah mit den Augen, und wie er sie auf Passavants Knien sitzen sah, packte ihn eine Art Raserei. Der Graf wie auch Sarah schienen betrunken zu sein. Doch als Bernard sich ihnen näherte, erhob sich Sarah sofort.

»Wir wollen gehen«, sagte sie und nahm seinen Arm.

Der Weg nach Hause war nicht weit. Sarah wollte ihn zu Fuß zurücklegen. Ohne ein Wort zu sagen, gingen sie nebeneinander her. In der Pension war alles dunkel. Vorsichtig schlichen sie sich in der Finsternis bis an die Hintertreppe. Dann zündeten sie ein Streichholz an. Armand war noch wach. Wie er sie die Treppe hinaufkommen hörte, trat er, eine Lampe in der Hand, auf den Flur hinaus.

»Nimm du die Lampe«, sagte er zu Bernard (seit gestern nannten sie sich ›du‹); »leuchte Sarah; sie hat kein Licht in ihrem Zimmer … Und gib mir deine Streichhölzer, damit ich meine Kerze anzünden kann.«

Bernard begleitete Sarah in ihr Zimmer. Kaum hatten sie die Schwelle überschritten, als Armand, der sich hinter ihnen gehalten hatte, mit starkem Pusten die Lampe ausblies. Dann sagte er spöttisch:

»Gute Nacht! Aber macht keinen Lärm! Die Eltern schlafen nebenan.«

Mit einem Satz war er in seinem Zimmer zurück und schloß hinter den beiden die Tür. Und schob den Riegel vor.


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