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XVI

Vincents positive Bildung hinderte ihn, ans Übernatürliche zu glauben. Das bot dem Dämon von vornherein einen günstigen Boden. Der Dämon griff Vincent nicht offen an, sondern auf gewundenen Schleichwegen. Einer seiner Kunstgriffe besteht ja darin, uns gerade unsere Niederlagen als Triumphe vorzuspiegeln. Und was Vincent geneigt machte, sein Verhalten gegen Laura als einen Sieg seines Willens über seine Sentimentalität zu betrachten, war die Tatsache, daß er, von Natur weich, sich mit Gewalt zur Härte gegen sie hatte zwingen müssen.

Um die Entwicklung von Vincents Charakter in dieser Affäre anschaulich zu machen, unterscheide ich in ihr fünf Stadien, die ich zur Erbauung des Lesers kennzeichnen will:

1. Periode des guten Motivs. Biederer Sinn. Gewissenhaftes Bedürfnis, einen begangenen Fehler wiedergutzumachen. Im vorliegenden Falle: moralischer Drang, die von den Eltern mühselig zur Unterstützung seiner ärztlichen Anfänge zusammengesparte Summe für Laura zu verwenden. Heißt das nicht: sich opfern? Ist dieses Motiv nicht edel, hochherzig, altruistisch?

2. Periode der Unruhe. Bedenklichkeit. –… Erwägen, ob die zu opfernde Summe wohl ausreichend sein werde, ist das nicht schon soviel wie: ins Wanken geraten, sobald der Dämon einem die Möglichkeit, sie zu vergrößern, vorgaukelt?

3. Seelenstärke und Beharrung. Tendenz, sich, nach dem Verlust der Summe, ›dem Mißgeschick überlegen‹ zu fühlen. Diese ›Seelenstärke‹ gibt Vincent die Kraft, Laura seine Spielverluste einzugestehen; und bei dieser Gelegenheit mit ihr zu brechen.

4. Verzicht auf das gute Motiv, das nun, im Lichte der neuen Moral, die Vincent sich zur Rechtfertigung seines Verhaltens ausdenken mußte, als Ausfluß von Trottelhaftigkeit erscheint. Immerhin bleibt Vincent (weil er nicht ganz ohne Moral leben könnte) ein moralisches Wesen, und der Teufel hat nur dadurch Macht über ihn, daß er ihm die Gesichtspunkte für seine Selbstbilligung liefert. Theorie der Immanenz, der dem Augenblick innewohnenden Totalität; der Lust um ihrer selbst willen, des unmittelbaren, unmotivierten Genusses.

5. Rausch des Gewinnenden. Verachtung innerer Vorbehalte. Überlegenheit.

Ist dieses Stadium erreicht, so hat der Teufel gewonnenes Spiel.

Von nun an ist ein Mensch, der sich für einen Freigeist par excellence hält, nur noch ein Werkzeug in Luzifers Diensten. Und der Dämon ruht nicht eher, als bis Vincent seinen eigenen Bruder jenem Satanskinde, das sich Passavant nennt, in die Hände geliefert hat.

Bei alledem ist Vincent kein böser Mensch. Dies alles, so verlockend es scheinen mag, läßt ihn unbefriedigt, unbehaglich. –… Noch eine Bemerkung:

›Exotismus‹ nennt man, glaube ich, Mayas bunte Scheinwelt, von der gebannt unsere Seele sich fremd fühlen soll, die uns des geistigen Haltes berauben will. Manche Tugend würde widerstehen, wenn der Teufel, bevor er sie angreift, sie nicht aus ihrer heimatlichen Sphäre löste. Hätten sie sich nicht unter fremdem Himmel getroffen, fern jeder Erinnerung an Kindheit und Elternhaus, fern von allem, was ihren Sinn in der Konsequenz ihres eigentlichen Wesens erhalten haben würde: niemals hätte Laura sich von Vincent verführen lassen, und nie auch hätte Vincent sie zu verführen versucht. Doch in jenen sonnigen Gefilden erlagen sie der Illusion, eine solche Liebessache werde ihnen gar nicht mehr angerechnet werden … Es wäre in dieser Hinsicht noch mancherlei zu erwähnen; aber das Gesagte ist wohl ausreichend, um uns Vincents Verhalten einigermaßen verständlich zu machen.

 

Auch bei Lilian fühlte Vincent sich aus seiner Sphäre gelöst.

»Lache nicht über mich, Lilian«, sagte er an diesem selben Abend zu ihr, »ich weiß, daß du mich nicht verstehen wirst, und doch muß ich so mit dir sprechen, als wenn du mich verständest. Denn von jetzt an kann ich dich nicht mehr ausschließen aus meinem Denken.«

Lilian lag auf dem niedrigen Divan, Vincent halb ausgestreckt auf dem Teppich, den Kopf an ihre Knie gelehnt. Sie streichelte sanft seine Haare.

»Was mich heute früh sorgenvoll erscheinen ließ …, ja, das war vielleicht Angst. Kannst du einen Augenblick ernsthaft bleiben? Kannst du mir zu Liebe einen Augenblick vergessen, nicht, was du glaubst (denn du glaubst an nichts), sondern gerade, daß du an nichts glaubst? Auch ich glaubte an nichts, das weißt du; ich glaubte, daß ich an nichts mehr glaubte, an nichts mehr als an uns selbst, an dich und mich, und was ich sein kann mit dir, was ich sein werde durch dich …«

»Robert kommt um sieben Uhr«, unterbrach ihn Lilian. »Ich sage das nicht, um dich zu drängen; aber wenn du nicht schneller vorwärtskommst, so wird er gerade in dem Moment eintreten, wo du vielleicht interessant werden wirst. Denn ich nehme an, daß du in seiner Gegenwart nicht weitersprechen magst. Komisch, wieviel Vorsichtsmaßregeln du heute für nötig erachtest! Du benimmst dich wie ein Blinder, der jede Stelle, wohin er seinen Fuß setzen will, vorher mit dem Stocke abtastet. Und dabei siehst du doch ganz genau, daß ich ernst bleibe! Warum hast du kein Vertrauen?«

»Ich habe, seit ich dich kenne, ein außerordentliches Vertrauen«, entgegnete Vincent. »Ich vermag viel, ich fühle es; und wie du siehst, gelingt mir alles. Aber gerade das erschreckt mich. Nein, sei jetzt still … Ich habe den ganzen Tag an das gedacht, was du mir heute morgen vom Schiffbruch der Bourgogne erzählt hast und von den Händen, die man denen, die ins Boot klettern wollten, abhackte. Und es ist mir, als wolle etwas in mein Boot steigen –… ich gebrauche dein Bild, um dir die Sache zu veranschaulichen –…, etwas, was ich hindern will, einzusteigen …«

»Und was zu ertränken ich dir helfen soll, du alter Feigling!«

Er fuhr fort, ohne sie anzusehen:

»Etwas, was ich zurückstoße, aber dessen Stimme ich höre … eine Stimme, die du nie gehört hast; die ich in meiner Kindheit hörte …«

»Und was sagt sie, diese Stimme? Du wagst es nicht zu wiederholen! Das wundert mich nicht. Ich wette, es klingt nach Katechismus –… habe ich recht?«

»Lilian, versteh mich doch! Das einzige Mittel, um mich von diesen Gedanken zu befreien, ist, sie dir zu sagen. Wenn du darüber spottest, so behalte ich sie in Zukunft für mich. Und dann vergiften sie mich.«

»Also sprich!« sagte sie resigniert. Und da er schwieg und sein Gesicht knäbisch in den Falten ihres Kleides barg –…: »Na, worauf wartest du denn noch?«

Sie nahm seinen Kopf bei den Haaren und zog ihn hoch:

»Aber er nimmt das wirklich tragisch, der dumme Junge! Er ist ja ganz käseweiß im Gesicht! … Hör mal, mein Lieber, wenn du hier das Baby spielen willst, so paßt mir das absolut nicht! Man muß wollen, was man will! Und dann, weißt du: ich liebe die Betrüger nicht. Wenn du hinterlistig in dein Boot etwas hineinziehst, was nichts darin zu suchen hat, so betrügst du! Ich will gern gemeinsames Spiel machen mit dir, aber ehrliches Spiel; und, damit du's weißt, es handelt sich darum, daß du hochkommst! Ich glaube, daß etwas Bedeutendes aus dir werden kann; ich spüre eine große Intelligenz und Kraft in dir. Ich will dir helfen. Es gibt Frauen genug, die ihren Geliebten die Laufbahn verderben, bei mir soll es gerade umgekehrt sein! Du hast mir schon gesprochen von deinem Wunsche, die Medizin aufzugeben zugunsten der Naturwissenschaften; aber du meintest, deine Mittel seien dazu nicht ausreichend … Nun, zunächst hast du gewonnen am grünen Tisch; fünfzigtausend Franken, das ist schon etwas! Doch versprich mir, nicht wieder zu spielen. Ich werde dir jede Summe, die du brauchst, zur Verfügung stellen, unter der Bedingung, daß du, falls jemand behauptet, du ließest dich aushalten, die Überlegenheit hast, mit den Achseln zu zucken.«

Vincent hatte sich erhoben. Er trat ans Fenster. Lilian fuhr fort:

»Um zunächst die Sache mit Laura zu erledigen, so finde ich, daß man ihr die fünftausend Franken, die du ihr versprochen hast, recht gut schicken könnte. Warum solltest du jetzt, wo du Geld hast, dein Wort nicht halten? Aus dem Hange, dich in noch höherem Grade gegen sie schuldig zu fühlen? Das würde mir durchaus nicht gefallen! Ich hasse jede Unsauberkeit. Du scheinst nicht das Talent zu haben, Hände säuberlich abzuhacken … Nachdem das in Ordnung gebracht ist, reisen wir weg und verbringen den Sommer da, wo es für deine Arbeiten am vorteilhaftesten ist. Du hast mir von der Bretagne gesprochen, von Roscoff und dem dortigen zoologischen Laboratorium; ich persönlich würde Monaco vorziehen, weil ich mit dem Fürsten bekannt bin, der dich an seinem ozeanographischen Institut anstellen und uns mitnehmen könnte, wenn er wieder eine maritime Forschungsreise macht.«

Vincent schwieg. Er mochte Lilian nicht erzählen (und gab ihr erst viel später Kenntnis davon), daß er vorhin, bevor er zu ihr gekommen war, das Hotel aufgesucht hatte, in dem Laura ihn so lange und so verzweifelt erwartet hatte. Um sich endlich von seiner Schuld frei fühlen zu können, hatte er die Banknoten, auf die sie nicht mehr rechnete, in ein Kuvert getan und den Hoteldiener damit in Lauras Zimmer hinaufgeschickt. Er selbst war inzwischen unten im Vestibül geblieben, um die Gewißheit zu erhalten, daß die Summe zu Lauras eigenen Händen übergeben worden sei. Nach kaum einer Minute war der Diener wieder unten und brachte das Kuvert uneröffnet zurück. Laura hatte querhinüber darauf geschrieben: –… »Zu spät!»

Lilian klingelte und sagte zu dem eintretenden Mädchen: »Meinen Mantel, bitte.« Als das Mädchen wieder gegangen war:

»Ach ja, ich wollte dir, bevor Robert kommt, noch sagen: falls er dir eine Anlage für deine fünfzigtausend vorschlägt, sei vorsichtig! Er ist sehr reich, aber er braucht immer Geld … Da, ist das nicht schon die Hupe seines Autos? Er ist eine halbe Stunde zu früh da … Na, um das, was wir zusammen gesprochen haben, ist es nicht schade! …«

 

»Ich komme so früh«, sagte Robert, als er das Zimmer betrat, »weil ich dachte, es müßte hübsch sein, heute abend in Versailles zu speisen. Wäre Ihnen das recht?«

»Nein«, antwortete Lady Griffith; »diese ›mondänen‹ Restaurants sind mir tödlich langweilig. Gehen wir doch lieber nach Rambouillet; wir haben ja Zeit. Wir werden dort weniger gut essen, aber netter plaudern. Ich möchte, daß Vincent dir seine Fischgeschichten erzählt. Sie sind erstaunlich, und wenn auch vielleicht nicht alles wahr ist, was er sagt, so ist es doch interessanter als die schönsten Romane der Welt.«

»Das wäre vielleicht nicht die Ansicht eines Romanciers«, meinte Vincent.

Robert de Passavant hielt eine Abendzeitung in der Hand:

»Wißt ihr, daß Brugnard Kabinettschef im Justizministerium geworden ist? … Das wäre der rechte Moment, Ihrem Vater eine Dekoration zu verschaffen«, sagte er, sich zu Vincent wendend. Dieser zuckte mit den Achseln.

»Mein lieber Vincent«, fuhr Passavant fort, »erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie ihn sehr kränken würden, wenn Sie ihn nicht um diesen kleinen Dienst bäten –… den er beglückt sein wird, Ihnen … abzuschlagen.«

»Möchten Sie ihn nicht lieber für sich selbst darum bitten?« gab Vincent zurück.

Robert schnitt ein verkniffenes Gesicht:

»Ich? Nein; meine Koketterie besteht darin, niemals erröten zu wollen, und wär's auch nur im Knopfloch.« –… Dann, zu Lilian gewandt:

»Wirklich, heutzutage ist es selten, daß einer ohne Syphilis und Ordensbändchen die Vierzig erreicht!«

Lilian lächelte:

»Um ein Bonmot anzubringen, macht er sich sogar älter, als er ist! … Sagen Sie, lieber Freund, war das vielleicht ein Zitat aus Ihrem nächsten Buche? Das scheint ja 'ne etwas bedenkliche Geschichte zu werden … Aber geht nun schon hinunter; ich nehme nur meinen Mantel und komme euch sofort nach.«

»Ich dachte, Sie wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben?« fragte Vincent Robert auf der Treppe.

»Mit wem? Brugnard?«

»Sie fanden ihn so dumm …«

»Lieber Freund« –… antwortete Passavant, seine Worte möglichst dehnend und Molinier auf einer Treppenstufe zurückhaltend, denn er sah Lady Griffith kommen und wünschte, daß sie ihn höre –… »vernehmen Sie, daß unter meinen Freunden kein einziger ist, der mir nicht, bei etwas längerer Bekanntschaft, unwiderlegliche Beweise von Schwachsinn gegeben hätte. Ich kann Ihnen bezeugen, daß Brugnard der Probe länger widerstanden hat als mancher andere.«

»Als zum Beispiel ich?« fragte Vincent.

»Was mich nicht hindert, Ihr bester Freund zu bleiben; Sie sehen es ja!«

»Und das nennt man in Paris Geist!« rief Lilian. »Nehmen Sie sich in acht, Robert: nichts welkt so schnell wie das!«

»Haben Sie keine Furcht, meine Liebe: Worte verwelken erst, wenn sie gedruckt werden!«

Sie stiegen ins Auto und fuhren davon. Da ihre Unterhaltung auch weiterhin sehr geistreich verlief, so brauche ich hier nichts darüber zu berichten. In Rambouillet angelangt, nahmen sie auf einer Hotelterrasse Platz, mit dem Blick auf einen Garten, den die sinkende Nacht mit ihrem Schatten erfüllte. Je mehr die Dunkelheit zunahm, desto müder ward ihr Geplauder. Schließlich war's, von den beiden andern getrieben, nur noch Vincent, der sprach.


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