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Man soll, denke ich, von allem nur die Blüte nehmen …
Fénelon.
Beim Erwachen fühlte sich Olivier, seit gestern abend wieder in Paris, angenehm ausgeruht. Die Sonne schien hell und warm ins Zimmer. Als er das Haus verließ, frisch rasiert, von einer kalten Dusche belebt, elegant gekleidet, im Bewußtsein seiner Kraft, Jugend und Schönheit, da lag Robert de Passavant noch in dämmerndem Halbschlummer.
Olivier beeilt sich, nach der Sorbonne zu kommen Heute vormittag soll ja Bernard sein Schriftliches machen. Woher Olivier das weiß? Vielleicht weiß er es gar nicht … Er will sich nur danach erkundigen. Er beeilt sich. Seit jener Nacht, als Bernard Zuflucht gesucht hat in seinem Zimmer, hat Olivier den Freund nicht wiedergesehen. Was hat sich seitdem nicht alles verändert! Wer vermöchte übrigens zu sagen, ob Olivier nicht noch mehr darauf brennt, sich Bernard zu zeigen, als ihn wiederzusehen? Schade nur, daß Bernard für Eleganz so wenig Sinn hat! Der Geschmack daran kommt manchmal mit dem verfeinerten Leben. Das hat Olivier erfahren, dank dem Grafen Passavant.
Wirklich: heute vormittag macht Bernard sein schriftliches Examen. Erst um zwölf Uhr soll er 'rauskommen. Olivier wartet im Hof auf ihn. Er trifft ein paar Kameraden, gibt ihnen die Hand. Dann isoliert er sich wieder. Er ist ein bißchen verlegen wegen seines allzu feinen Anzugs. Und er wird es noch viel mehr, als Bernard, der endlich erscheint, ihm schon von weitem entgegenruft:
»Oh, wie elegant er geworden ist!«
Olivier, der sich vorgenommen hatte, nie wieder zu erröten, errötet. Wie hätte er aus diesen Worten, trotz ihres scherzhaften Tones, den Spott nicht heraushören sollen? Bernard, der trägt noch denselben Anzug wie an jenem Abend, als er von Hause wegging. Übrigens war Bernard nicht darauf gefaßt, Olivier schon heute wiederzusehen. Er zieht den Freund mit sich fort und fragt ihn nach tausend Dingen. Er ist ganz aufgeregt vor freudiger Überraschung. Wenn er zuerst über Oliviers raffiniertes Äußere ein bißchen gelächelt hat, so ist das ohne jede Bosheit geschehen; er hat ein gutes Herz; er ist ohne Gift und Galle.
»Wir essen doch zusammen, nicht wahr? … Um halb zwei muß ich wieder da sein, zum Lateinischen. Vorhin war's das Französische.«
»Zufrieden?«
»Ich: ja. Aber ich weiß nicht, ob das Ei, das ich da gelegt habe, auch nach dem Geschmack der Examinatoren sein wird. Wir sollten unsere Meinung geben über vier Zeilen von La Fontaine:
Am Hang des Musenbergs ein Flattergeist, ein Falter,
Bin ich des bunten Flors parnassischer Gestalter,
Von Duft und Schein verführt, und jenem Schwarm versippt,
Der süßen Honigrausch von allen Blüten nippt.
Sag mal, was hättest du mit dieser Aufgabe gemacht?«
Olivier konnte der Lust zu glänzen, nicht widerstehen:
»Ich hätte dargelegt, daß La Fontaine mit diesem Selbstporträt ein Bild des Künstlers gegeben habe, des Mannes, der von den Dingen dieser Welt nur die äußere Erscheinung, die Oberfläche, die Blüte zu nehmen geneigt ist. Dann hätte ich, als Gegenstück dazu, ein Bild des Gelehrten, des grübelnden Forschers, entworfen; und zum Schluß hätte ich gezeigt, daß, während der Gelehrte sucht, der Künstler findet; daß der, der grübelt und gräbt, sich selbst eingräbt und in Finsternis versinkt; daß die Wahrheit im blühenden Schein liegt, das Mysterium in der Form, und daß das Tiefste, was der Mensch hat, seine Haut ist.«
Dies letzte Paradoxon verdankte Olivier dem Grafen Passavant, der es seinerseits eines Abends, als Paul-Ambroise vor ästhetisierenden Damen brillierte, vom Munde dieses geistreichen Plauderers gepflückt hatte. Alles, was nicht gedruckt war, diente Passavant als gute Prise. Er nannte das »Ideen, die in der Luft liegen« (während er hätte sagen müssen: »Ideen anderer Leute«).
Irgend etwas im Klang von Oliviers Stimme verriet Bernard, daß dieser Einfall nicht von ihm sei. Olivier hatte auch eine gewisse Verlegenheit nicht unterdrücken können. Beinahe hätte Bernard gefragt: »Von wem hast du das?« Doch er wollte den Freund nicht kränken. Außerdem fürchtete er, den Namen »Passavant« hören zu müssen, den Olivier bisher vermieden hatte. So warf Bernard dem Freunde nur einen forschenden Blick zu; und zum zweiten Male ward dieser rot.
Doch das Erstaunen, das Bernard darüber empfand, den sentimentalen Olivier Ideen äußern zu hören, die seiner Natur so völlig widersprachen, wich schon im nächsten Augenblick dem Gefühl der heftigsten Empörung, ja einer geradezu unwiderstehlichen Aufwallung. Und es waren nicht eigentlich diese Ideen selbst, gegen die Bernard sich empörte, obgleich sie ihm absurd erschienen. Übrigens waren sie, genau betrachtet, vielleicht gar nicht einmal so absurd: in seinem Heft der entgegengesetzten Meinungen würde er ihnen, als Gegenstück zu seinen eigenen, einen Platz anweisen können. Wären es wirklich Oliviers eigene Ideen gewesen, so hätte er sich weder gegen ihn, noch gegen sie empört. Aber er spürte den gefährlichen Geist, der sie inspiriert hatte: der Graf Passavant war es, gegen den er sich entrüstete.
»Mit solchen Ideen vergiftet man Frankreich!« rief er, heiser vor Erregung. In seinem Eifer, Passavant auszustechen, nahm er die Sache so tragisch wie möglich. Und das, was er sagte, verwunderte ihn selbst, als wäre die Äußerung seinem Gedanken zuvorgekommen. Und doch war es genau derselbe Gedanke, den er vorhin in seinem Aufsatz entwickelt hatte. Nur war es ihm, aus einer Art von Scham, immer peinlich gewesen, im Gespräch –… zumal mit Olivier –… das auszukramen, was er ›große Gefühle‹ nannte. Solche Empfindungen, kaum ausgesprochen, schienen ihm an Echtheit einzubüßen. Somit hatte Olivier seinen Freund noch nie von den ›Interessen Frankreichs‹ sprechen hören. Und die Reihe, überrascht zu sein, war nunmehr an ihm. Er machte große Augen und wagte nicht einmal zu lächeln. Er erkannte seinen Bernard nicht wieder. Mechanisch wiederholte er:
»Frankreich? …« Dann, in dem Bestreben, jede Verantwortung von sich abzuwälzen (denn Bernard meinte es offenbar sehr ernst): »Aber, mein Lieber, ich bin es ja nicht, der so denkt; das ist doch La Fontaine!«
Bernard erwiderte beinahe feindselig:
»Zum Teufel, das weiß ich auch ganz genau, daß du es nicht bist, der so denkt! Aber, wenn du gestattest: La Fontaine ist es ebensowenig wie du! Hätte er keine anderen Eigenschaften gehabt als diese Leichtfertigkeit, die er übrigens am Ende seines Lebens bereut und abgeschworen hat: er wäre niemals der Künstler geworden, den wir in ihm bewundern! Gerade dies habe ich vorhin in meiner Dissertation gesagt und habe es reichlich mit Zitaten belegt; denn du weißt, daß ich ein ziemlich gutes Gedächtnis habe. Aber dann habe ich La Fontaine verlassen und bin, weil etliche Ästheten sich durch jene vier Zeilen in ihrer Oberflächlichkeit bestätigt fühlen könnten, zum Angriff übergegangen gegen den Geist der Sorglosigkeit, der spielerischen Selbstgefälligkeit, der tändelnden Ironie, kurz: gegen das, was vielfach ›französischer Geist‹ genannt wird und was uns im Ausland gelegentlich einen so beklagenswerten Ruf verschafft hat. Ich habe gesagt, daß man darin nicht einmal das Lächeln Frankreichs, sondern höchstens seine Grimasse erblicken dürfe; daß der wahre Geist unseres Landes ein Geist der Forschung, der Logik, der Hingebung, geduldigen Erkennens sei; und daß La Fontaine, wenn er nicht von solchem Geiste beseelt gewesen wäre, vielleicht wohl seine Erzählungen hätte schreiben können, aber niemals seine Fabeln, und ebensowenig jene herrliche Epistel (ich habe gezeigt, daß ich sie kannte), der die Zeilen, über die wir uns äußern sollten, entnommen waren. Ja, mein Lieber, ich hab' mir eine gründliche Polemik geleistet, und vielleicht fall' ich deswegen durch mein Examen … Aber das ist mir egal: ich mußte sagen, was ich auf dem Herzen hatte!«
Olivier legte keineswegs besonderen Wert auf die koketten Gedanken, die er vorhin formuliert hatte. Er war einfach der Versuchung erlegen, ein wenig zu prunken und, scheinbar nachlässig, ein paar Bemerkungen hinzuwerfen, die seinem Freunde sicherlich imponieren würden. Wenn der die Sache nun so bitterlich ernst nahm, so blieb ihm nichts übrig, als das Feld vor ihm zu räumen. Die innere Schwäche seiner Position lag ja darin, daß er Bernards Zuneigung viel nötiger brauchte als Bernard die seine. Bernards Worte peinigten und demütigten ihn. Er war ärgerlich auf sich selbst, weil er so Hals über Kopf auf das Blachfeld der Paradoxie gestürmt war. Jetzt war es zu spät, alles zurückzunehmen, sich der Meinung Bernards anzuschließen, was er zweifellos getan hätte, wenn Bernard in der ganzen Sache das erste Wort gehabt hätte. Wie hätte er aber auch voraussehen können, daß Bernard, dieser früher so rebellisch gesinnte Kopf, als Verteidiger von Gefühlen und Ideen auftreten würde, über die Passavant mit einem ironischen Lächeln hinweggegangen wäre? Zum Lächeln hatte Olivier jetzt wahrlich keine Lust; er schämte sich. Und da er Gesagtes nicht ableugnen, ebensowenig aber dem offenbar ehrlich entrüsteten Bernard entgegentreten konnte, so suchte er nur eine letzte Deckung zu gewinnen, die ihn aller weiteren Diskussion entzöge:
»Na, wenn das die Gedanken sind, die du in deinem Schriftlichen ausgepackt hast, dann brauche ich sie ja nicht gerade als gegen mich gerichtet aufzufassen … Und das ist mir immerhin lieb.«
Seine Stimme klang unwirsch und durchaus nicht so, wie er gewollt hätte.
»Aber gerade als gegen dich gerichtet, habe ich sie jetzt wiederholt!« versetzte Bernard.
Diese Worte trafen Olivier mitten ins Herz. Gewiß hatte Bernard sie nicht in feindlicher Absicht gesagt; doch wie konnte man sie anders auffassen? Olivier schwieg. Ein Abgrund schien sich aufzutun zwischen Bernard und ihm. Angstvoll erwog er, ob er vielleicht irgendein wiederverbindendes Wort über diesen Schlund hinüberrufen könnte, aber es kam ihm kein rettender Gedanke. »Begreift er denn meine Qual nicht?« fragte er sich; und seine Qual verschärfte sich. Tränen brauchte er vielleicht nicht zurückzudrängen; doch er fühlte, daß er Grund genug zum Weinen gehabt hätte. Daran ist er selbst mit schuld: dieses Wiedersehen würde ihm weniger mißlungen erscheinen, wenn er sich nicht allzusehr darauf gefreut hätte. Als er vor zwei Monaten auf die Gare Saint-Lazare gegangen war, um den ankommenden Edouard zu begrüßen, da war es genau so gewesen. Es würde immer so sein, dachte er. Er hätte von Bernard weglaufen mögen, sich irgendwohin verkriechen, Passavant und Edouard vergessen … In diesem Augenblick unterbrach etwas Unvermutetes den verzweifelten Lauf seiner Gedanken.
Wenige Schritte vor ihnen, auf dem Boulevard Saint-Michel, den sie wieder hinaufschlenderten, bemerkte Olivier seinen jüngeren Bruder Georges. Hastig packte er Bernard am Arm und zog ihn, in entgegengesetzter Richtung, mit sich weg.
»Glaubst du, daß er uns gesehen hat? … Zu Hause wissen sie nicht, daß ich zurück in Paris bin.«
Der kleine Georges war nicht allein. Léon Ghéridanisol und Philippe Adamanti begleiteten ihn. Die drei Knaben waren in eifrigem Gespräch begriffen, was indessen Georges nicht hinderte, »die Augen offenzuhalten«, wie er sich ausdrückte. Um ihnen zuzuhören, wollen wir Olivier und Bernard auf eine kleine Weile verlassen; zumal die beiden Freunde soeben in ein Restaurant eingetreten und dort, zur großen Erleichterung Oliviers, vorläufig mehr mit der Mahlzeit als mit der Unterhaltung beschäftigt sind.
»Na also, geh du rein, los!« sagt Phiphi zu Georges.
»Oh, er hat Bange, er ist feige!« entgegnet dieser und legt möglichst viel Geringschätzung in seine Stimme, um Philippe zur Tat anzustacheln.
Doch Ghéridanisol, voll spöttischer Überlegenheit:
»Meine Schäfchen, wenn ihr nicht wollt, so sagt es mir doch lieber gleich! Es soll mir nicht schwer fallen, andere Kerle zu finden, die mehr Traute haben als ihr! Also gib's mir zurück!«
Er wendet sich an Georges, der ein kleines Goldstück in seiner geschlossenen Hand hält.
»Na, ob ich Traute habe!« sagt Georges, in jäh ausbrechender Entschlossenheit. »Kommt mit!« (Sie stehen vor einer Tabak-Bar.)
»Nein«, sagt Léon, »wir warten da an der Ecke auf dich! Komm, Phiphi!«
Nach wenigen Augenblicken kommt Georges aus der Bar zurück. In der Hand hat er eine Schachtel Zigaretten, sogenannte »Luxus-Zigaretten«. Er bietet seinen Freunden welche an.
»Nun?« fragt Phiphi ängstlich.
»Nun, was denn?« versetzt Georges mit erkünstelter Gleichgültigkeit, als ob sein gelungenes Wagnis plötzlich so selbstverständlich geworden wäre, daß es sich nicht lohnte, noch ein Wort darüber zu verlieren. Doch Philippe fragt weiter:
»Du bist's also losgeworden?«
»Wie du siehst: ja.«
»Und man hat nichts gesagt?!«
Georges zuckt mit den Achseln:
»Was zum Teufel hätten sie denn sagen sollen?!«
»Und man hat dir richtig 'rausgegeben?«
Jetzt geruht Georges nicht mehr zu antworten. Doch weil der andere, dem die Sache immer noch nicht recht geheuer ist, beharrt: »Zeig mal her!«, so holt Georges das Geld, das er zurückbekommen hat, aus seiner Tasche hervor. Philippe zählt nach: richtig, es sind sieben Franken. Er möchte noch fragen: »Bist du auch sicher, daß wenigstens dies hier echt ist?«, doch er bezwingt sich.
Georges hatte einen Franken für das falsche Zehnfrankenstück bezahlt. Es war ausgemacht worden, daß man den Betrag, den man beim Wechseln herausbekäme, teilen wollte. Er gibt Ghéridanisol drei Franken. Phiphi soll nicht einen Sou abkriegen; allerhöchstens noch eine Zigarette; das wird ihm zur Lehre dienen.
Jetzt wäre Phiphi, durch diesen ersten Erfolg ermutigt, übrigens auch seinerseits zu dem Wagnis bereit gewesen. Er bittet Léon, auch ihm ein Goldstück zu verkaufen. Aber Léon findet Phiphi unzuverlässig und behandelt ihn, weil er im entscheidenden Moment versagt hat, mit Verachtung; ja, er tut so, als ob er ihn völlig zu »schneiden« gedenke … »Vorhin, ja, da hätte er seine Courage zeigen können! Na, wir werden auch ohne ihn fertig werden!« Übrigens würde Léon es für unklug halten, einen neuen Versuch in allzugroßer Nähe des ersten zu wagen. Und außerdem ist es zu spät. Sein Vetter Strouvilhou erwartet ihn zum Mittagessen.
Natürlich ist Léon Ghéridanisol geschickt genug, um seine Goldstücke auch eigenhändig unter die Leute zu bringen. Doch er folgt den Anweisungen seines großen Vetters und sucht Mitschuldige zu gewinnen. Er wird ihm gleich Bericht erstatten über die Erfüllung seiner Mission.
»Jungens aus guter Familie, verstehst du, die brauchen wir, weil, falls die Geschichte mal rauskommt, die Eltern dann alles mögliche tun, um sie zu vertuschen!« (So spricht Vetter Strouvilhou, den die Pension Azaïs als Léons Schutz-Onkel gelten läßt, beim Mittagsmahle zu ihm.) –… »Aber mit diesem System, die Goldfüchse so stückweise zu verkaufen, geht die Sache zu langsam. Ich muß zweiundfünfzig Schachteln mit je zwanzig Zehnfrankenstücken unterbringen. Jede Schachtel muß für zwanzig Franken verkauft werden; aber nicht an jeden Beliebigen, weißt du. Das beste wäre, eine Art Gesellschaft zu gründen, in die man nicht eintreten könnte, ohne wirksame Unterpfänder beigebracht zu haben. Erforderlich wäre, daß die Bengels sich kompromittierten und uns irgend etwas auslieferten, was uns die Eltern in die Hand gäbe. Bevor du ihnen die Goldstücke überläßt, mußt du ihnen diese Voraussetzungen irgendwie begreiflich machen –… natürlich, ohne sie zu erschrecken! Kinder sollte man niemals erschrecken … Du sagtest mir, Papa Molinier sei Gerichtspräsident? Das ist gut … Und Papa Adamanti?«
»Senator.«
»Das ist noch besser! Du bist schon einsichtig genug, um erkannt zu haben, daß es in jeder ehrbaren Familie irgendein Geheimnis gibt, vor dessen Enthüllung die Betreffenden eine Todesangst haben. Auf diese Geheimnisse muß man die Jungens hetzen; das wird sie auf interessante Weise beschäftigen. Für gewöhnlich langweilt man sich zu Hause ja so unmenschlich! Außerdem kann es die Gabe wissenschaftlicher Beobachtung bei den Knaben nur fördern … Im weiteren ist die Sache dann sehr einfach: wer nichts bringt, kriegt nichts! Die Eltern, wenn sie erst merken, daß wir sie an der Kandare haben, werden zu jedem Opfer bereit sein, damit wir reinen Mund halten … Oh, wir wollen nichts von ihnen erpressen: wir sind ehrliche Leute! Wir wollen sie nur in unserer Gewalt haben. Ihr Schweigen gegen das unsere! Sie sollen stumm bleiben und ihren ganzen Einfluß dafür aufwenden, daß auch die Behörden stumm bleiben … Zum Dank verhalten wir uns dann ebenso schweigsam. Na, trinken wir auf das Wohl der braven Eltern!«
Strouvilhou schenkte ein. Sie stießen an.
»In der modernen Gesellschaft«, setzte er seine Darlegungen fort, ist es erwünscht, ja sogar unabweislich, Gegenseitigkeitsbeziehungen zwischen den Bürgern zu schaffen. Das ist der festeste Kitt zur Erhaltung der Staatsformen. Der eine muß immer den andern in der Hand haben: wir haben die Kinder in der Hand; die Kinder ihre Eltern; und diese Eltern wiederum uns. Das ist der ideale Zustand. Du verstehst mich?«
Léon verstand ausgezeichnet. Er grinste.
»Der kleine Georges …« begann er.
»Was für ein Georges? …«
»Georges Molinier. Ich glaube, der ist reif … Er hat seinem Alten Briefe geklaut, von einer Demoiselle aus der Olympia.«
»Hast du die Briefe gesehen?«
»Ja, er hat sie mir gezeigt. Die Sache machte sich folgendermaßen. Ich hörte zu, wie er mit Adamanti sprach. Ich glaube, es schmeichelte den beiden, daß ich ihnen zuhörte. Jedenfalls schienen sie nichts vor mir verheimlichen zu wollen. Ich hatte schon vorgearbeitet und ihnen eine Szene aus deinem Spielplan vorgemimt, um sie von vornherein zutraulich zu stimmen. Georges sagte zu Phiphi (um dessen Bewunderung zu erregen): ›Mein Vater, der hat eine Mätresse!‹ Worauf Phiphi, um nicht zurückzubleiben, prompt: ›Mein Vater, der hat zwei!‹ Aber das war nur leeres Prahlen, und niemand brauchte sich darüber zu entsetzen … Ich trat ein bißchen näher heran und fragte Georges: ›Woher weißt, du das?‹ –… ›Ich habe Briefe gesehen‹, antwortete er. Ich spielte den Ungläubigen und sagte: ›Ach, das ist ja Unsinn! … ‹ Und bald hatte ich ihn so weit, wie ich ihn haben wollte: er vertraute mir an, daß er die bewußten Briefe bei sich trage. Und es dauerte nicht lange, so brachte er sie aus einer dicken Brieftasche zum Vorschein und zeigte sie mir.«
»Und hast du sie gelesen?«
»Keine Zeit gehabt. Ich hab nur gesehen, daß sie alle von der gleichen Hand geschrieben waren. Die Anrede lautete einmal: ›Mein geliebter dicker Kater‹.«
»Und die Unterschrift?«
» ›Deine weiße Maus‹. Ich fragte Georges: ›Wie hast du sie denn gekriegt?‹ Da zog er ein riesiges Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und erklärte triumphierend: ›Damit mach ich jede Schublade auf!‹«
»Und was sagte Monsieur Phiphi?«
»Nichts. Ich glaube, er war eifersüchtig.«
»Würde Georges dir diese Briefe geben?«
»Wenns nötig ist, kann ich ihn dazu bringen. Ich möchte sie ihm aber nicht gegen seinen Willen abnehmen. Er gibt sie mir sicherlich, wenn Phiphi seinerseits auch funktioniert. Die beiden treiben sich dann gegenseitig an.«
»Das nennt man edlen Wetteifer … Und sonst gibt's niemand in der Pension, der sich verwenden ließe?«
»Ich will sehen.«
»Ja, was ich dir noch sagen wollte … Es muß da unter den Pensionären einer namens Boris sein. Den laß mir in Ruhe …« –… er hielt inne und fügte dann, mit leiserer Stimme, hinzu: »vorläufig.«
Olivier und Bernard haben –… in dem Restaurant des Boulevard Saint-Michel, in dem wir sie verlassen haben –… ihre Mahlzeit beendet und sitzen noch plaudernd beisammen. Oliviers Verzweiflung schmilzt vor dem warmen Lächeln seines Freundes, wie der Reif vor der Sonne. Bernard vermeidet es, den Namen Passavant auszusprechen. Olivier fühlt das. Ein geheimer Instinkt warnt ihn. Aber er hat diesen Namen auf der Zunge. Er muß sprechen, komme, was da wolle.
»Ja, wir sind früher zurückgekehrt, als meine Eltern vermuten. Heute abend geben die Argonauten ein Bankett. Passavant wird daran teilnehmen. Er legt Wert darauf, daß unsere neue Zeitschrift sich mit der älteren von vornherein gut stellt und ihr keine feindliche Konkurrenz macht … Du solltest doch auch kommen; und, weißt du was? Bring doch Edouard mit! … Vielleicht nicht zum Bankett selbst, weil man dazu eingeladen sein muß; aber gleich nachher! Die Sache geht in der Taverne du Panthéon vor sich, in der ersten Etage. Alle führenden Leute der Argonauten werden da sein, und auch eine Anzahl Mitarbeiter der Avant-Garde. Unsere erste Nummer ist übrigens beinahe fertig. Aber, sag mal, warum hast du mir eigentlich nichts geschickt?«
»Weil ich nichts parat hatte«, antwortet Bernard etwas trocken.
Oliviers Stimme wird geradezu flehentlich:
»Ich habe so fest auf dich gerechnet für die erste Nummer … Wir könnten auch noch ein bißchen warten, wenns nötig wäre … Gib uns doch irgend etwas; irgendeinen beliebigen Beitrag! … Du hattest es doch so gut wie versprochen! …«
Es fällt Bernard schwer, Olivier zu betrüben. Aber er zwingt sich:
»Hör, mein Lieber, es ist besser, ich sage es dir gleich: ich fürchte, daß ich mich mit Passavant nicht gut verstehen würde.«
»Aber ich bin es doch, der die Leitung hat! Er läßt mir vollkommen freie Hand.«
»Und ferner möchte ich dir auf keinen Fall ›irgendeinen beliebigen Beitrag‹ geben! Ich will nicht ›irgendwelche beliebigen Beiträge‹ schreiben!«
»Ich habe diesen Ausdruck gebraucht, weil ich ganz genau wußte, daß jeder Beitrag von dir unbedingt gut sein würde …, daß es also auf keinen Fall ›irgendein beliebiger Beitrag‹ sein würde …«
Er verwirrt sich und weiß nicht, was er noch sagen soll. Wenn Bernard nicht mitmacht, dann verliert die Zeitschrift jedes Interesse für ihn. Es wäre so hübsch gewesen, gemeinsam zu debutieren …
»Und außerdem, mein Lieber –…: wenn ich auch schon deutlich spüre, was ich im Leben nicht tun will, so weiß ich doch noch gar nicht, was ich positiv tun will. Vielleicht werde ich überhaupt nicht schreiben.«
Olivier ist ganz betroffen. Aber Bernard fährt fort:
»Nichts, was ich mühelos schreiben würde, könnte mich dazu reizen, auch nur die Feder in die Hand zu nehmen. Gerade weil ich meine Sätze gut zu bauen weiß, habe ich einen Abscheu vor konventionell gutgebauten Sätzen. Nicht, als ob ich die Schwierigkeit um ihrer selbst willen suchte: aber ich finde wirklich, die Literaten von heute machen sich die Sache ein bißchen zu bequem … Um einen Roman zu schreiben, kenne ich das Leben der andern noch nicht genug; und ich selbst habe noch gar nicht gelebt … Gedichte zu machen, langweilt mich. Der Alexandriner ist verbraucht wie eine alte Schindmähre, und die freien Rhythmen sind mir zu formlos. Der einzige Dichter, der mir imponiert, ist Rimbaud.«
»Genau dasselbe sage ich in unserm Manifest!«
»Na, dann lohnt es ja gar nicht, daß ich's wiederhole. Nein, mein Lieber; nein! Ich weiß nicht, ob ich schreiben werde … Manchmal habe ich den Eindruck, als ob der Schreibende gar nicht lebe und als ob man sich viel besser durch Taten aussprechen könne als durch Worte.«
»Kunstwerke sind Taten, die bleiben«, warf Olivier schüchtern ein; doch Bernard achtete nicht darauf.
»Gerade das bewundere ich am meisten bei Rimbaud: daß er das Leben über die Literatur gestellt hat.«
»Sein eigenes Leben hat er verpfuscht!«
»Was weißt du davon?«
»Oh, das, mein Lieber …«
»Man kann das Leben eines Menschen nicht nach den äußeren Umständen beurteilen. Aber, gut, nehmen wir einmal an, sein Dasein sei durchaus verfehlt gewesen –…: gerade so, wie es ist, dieses Leben, so beneide ich es! Ich beneide es mit all seinen Katastrophen, seiner Krankheit und seiner Qual! Ich beneide es, selbst mit seinem furchtbaren Ende, tausendmal mehr, als etwa das Leben von …«
Bernard ließ den Satz unvollendet; im Begriff, einen hervorragenden Zeitgenossen zu nennen, schwankte er zwischen allzuviel Namen. Achselzuckend fuhr er fort:
»Ich spüre manchmal einen seltsamen Drang in mir, etwas wie eine Grundwelle, ein mir unerklärliches Wühlen und Gären, das ich mir auch gar nicht zu erklären trachte, ja, das ich am liebsten gar nicht zur Kenntnis nehmen möchte, aus Furcht, es an seiner Entfaltung zu hindern. Bis vor kurzem hatte ich die Gewohnheit, mein Inneres fortwährend zu belauern. Ich sprach auch andauernd mit mir selbst. Jetzt könnte ich das nicht mehr, selbst wenn ich wollte. Diese Manie hat plötzlich aufgehört, fast ohne daß ich darauf geachtet hätte. Mir scheint, dieses beständige Monologisieren, dieser ›innere Dialog‹, wie unser Professor sagte, führt zu einer Art Wesensspaltung, deren ich nicht mehr fähig bin seit dem Tage, da ich jemand anders als mich zu lieben begonnen hatte, und zwar mehr, als mich selbst.«
»Du sprichst von Laura«, sagte Olivier. »Liebst du sie immer noch so?«
»Nein«, antwortete Bernard, »sondern immer noch mehr! Ich glaube, das ist das Eigentümliche an der Liebe, daß sie sich niemals gleich bleiben kann; sie muß unaufhörlich wachsen, wenn sie nicht abnehmen soll. Darin liegt das, was sie von der Freundschaft unterscheidet.«
»Auch die Freundschaft kann abnehmen«, sagte Olivier traurig.
»Ich glaube, die Freundschaft hat keine so große Spannweite.«
»Sag … wirst du auch nicht böse sein, wenn ich dich etwas frage?«
»Das wirst du ja sehen.«
»Aber ich möchte dich nicht böse machen …«
»Es macht mich viel eher böse, wenn du nicht herausrückst mit dem, was du sagen willst!«
»Ich möchte wissen, ob du für Laura … Begierde empfindest.«
Bernard war mit einemmal sehr ernst.
»Na, weil du's bist …«, begann er. »Also, mein Lieber, es hat sich die phantastische Tatsache begeben, daß ich, seit ich sie kenne, überhaupt keine Begierde mehr empfinde. Ich, der früher, du erinnerst dich, für zwanzig Frauen, denen wir auf der Straße begegneten, zugleich entbrennen konnte (was mich übrigens davor bewahrte, mir eine einzelne auszusuchen), ich weiß jetzt mit absoluter Bestimmtheit, daß ich nie wieder für eine andere Form der Schönheit empfänglich sein werde als für Lauras Schönheit, daß ich nie wieder andere Gesichtszüge, andere Augen, andere Hände werde lieben können als die ihren! Aber das, was ich für Laura empfinde, ist demütige Anbetung, und in ihrer Nähe würde mir jeder begehrliche Gedanke als Sünde erscheinen. Ich glaube, ich bin früher über mich ganz im Unklaren gewesen, und im Grunde ist meine Natur sehr keusch. Ich verdanke es Laura, daß meine Instinkte sich verfeinert haben … Ich fühle große, unausgenutzte Kräfte in mir. Ich möchte sie nutzbar machen. Ich beneide den Kartäusermönch, der seinen Stolz unter die Ordensregel beugt; den, zu dem man sagt: ›Ich rechne auf dich‹. Ich beneide den Soldaten … Oder nein: ich beneide niemand; aber mein inneres Chaos bedrängt mich, und ich möchte es bändigen. Wie ein Druck von Wasserdampf ist es in mir; der Dampf kann brausend entweichen (das nennt man dann lyrische Dichtung); er kann auch Kolben und Räder treiben; aber er kann auch die ganze Maschine sprengen … Weißt du, durch welche Handlung ich mein Wesen vielleicht am besten ausdrücken könnte? Durch den … Oh, ich weiß ganz genau, daß ich mich niemals töten werde; aber ich verstehe so wunderbar den Dimitri Karamasow, wenn er seinen Bruder fragt, ob er es nachfühlen könnte, daß einer sich töte aus purem Enthusiasmus, aus überschwänglichem Lebensgefühl …, aus explodierender Vitalität.«
Ein Leuchten ging von Bernards ganzem Wesen aus. Wie klar er seine Empfindungen veranschaulichen konnte! Olivier betrachtete ihn mit einer Art Verzücktheit.
»Auch ich«, sagte er leise, »begreife, daß man sich töten kann. Aber das müßte nach einem so überirdischen Freudenrausch sein, daß alles, was noch folgen könnte, im Vergleich dazu blaß und matt wäre; nach einem solchen Glückstaumel, daß man dächte: es ist genug, ich will nicht mehr, nie will ich wieder …«
Doch Bernard schien ihm gar nicht zuzuhören. Olivier schwieg. Sollte er ins Leere sprechen? Abermals verfinsterte sich sein Inneres. Bernard sah nach der Uhr:
»Es ist Zeit, wieder hinzugehen … Also, du sagtest: heute abend um … um welche Zeit?«
»Ich denke, zehn Uhr wäre früh genug. Du kommst bestimmt?«
»Ja. Und ich will sehen, daß ich Edouard mitbringe. Aber du weißt: er mag Passavant nicht besonders. Und alle solche Anhäufungen von Federfuchsern sind ihm eigentlich ein Greuel. Es wäre nur, um dich wiederzusehen. Sag mal, wollen wir beide uns nicht wieder treffen, nachher, wenn ich mein Lateinisches hinter mir habe?«
Olivier antwortete nicht sofort. Verzweifelt bedachte er, daß er eine Verabredung mit Passavant hatte, den er um vier Uhr bei dem Drucker der Avant-Garde treffen sollte. Was hätte er nicht darum gegeben, frei zu sein!
»Ich möchte gern; aber ich bin verabredet.«
Kein Abschein seiner Qual drang nach außen; und Bernard sagte:
»Schade.«
Damit trennten sich die beiden Freunde.
Von allem, was Olivier Bernard hatte sagen wollen, hatte er ihm nichts gesagt. Er war in großer Sorge, ihm mißfallen zu haben. Er mißfiel sich selbst. Heute früh noch in so glänzender Verfassung, schlich er nun gesenkten Hauptes dahin. Seine Freundschaft mit Passavant, auf die er so stolz gewesen war, erschien ihm jetzt wie ein Verhängnis: er fühlte Bernards Mißbilligung auf ihr lasten. Wenn er den Freund erst heute abend wiedersähe, unter den Augen aller Bankettgäste, so würde er kein ernsthaftes Wort mit ihm sprechen können. Es hätte nur dann interessant werden können, dies Bankett, wenn die beiden Freunde vorher ihr altes Einvernehmen bestätigt und erneuert gehabt hätten! Und welch törichten Einfall hatte seine Selbstgefälligkeit ihm noch diktiert: auch den Onkel Edouard zum Kommen veranlassen zu wollen! Heute abend würde er, Olivier, sich zur Schau stellen müssen wie ein Pfau; er würde, neben Passavant, mit Literaten jeder Sorte plaudern und schöntun müssen; und Edouard würde ihn nur noch ungünstiger beurteilen; würde ihn verurteilen für immer … Ach, wenn er ihn wenigstens noch vor dem Bankett sehen könnte! Wenn er jetzt gleich zu ihm hin könnte! Dann würde er ihm um den Hals fallen, würde vielleicht in Tränen ausbrechen und ihm erzählen, wie alles gekommen war … Bis vier Uhr ist noch Zeit genug; schnell ein Auto!
Er ruft dem Chauffeur Straße und Hausnummer zu. Er eilt die Treppen hinauf; er steht, klopfenden Herzens, vor der Tür; er läutet … Edouard ist nicht zu Hause.
Armer Olivier! Warum ging er nicht einfach zu seinen Eltern, anstatt sich so ängstlich vor ihnen zu verbergen? Er hätte den Onkel Edouard dort gefunden, im Gespräch mit der Mutter.