Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Dritter Teil.
Paris


Erst wenn wir noch einige gute Spezialwerke über bestimmte Provinzen haben werden –… dann, aber wirklich erst dann, wird man, das von diesen Arbeiten herbeigebrachte Material ordnend, vergleichend, sorgsam zueinander in Beziehung setzend, die Gesamtfrage wieder aufnehmen und entscheidend fördern können. Auf andere Weise vorgehen, hieße soviel, wie: ausgerüstet mit zwei oder drei primitiven Ideen eine übereilte Expedition unternehmen und dabei, zu allermeist, das Besondere, Individuelle, Unregelmäßige, kurz: das Interessanteste außer acht lassen.

Lucien Febvre: Die Erde und die Entwicklung der Menschheit

 

I

Seine Rückkehr nach Paris brachte ihm nichts Angenehmes.

Flaubert: L'Education sentimentale.

 

Aus Edouards Tagebuch:

Den 22. September. –… Hitze, Unbehagen. Acht Tage zu früh nach Paris zurückgekehrt. Ich kann nie den rechten Moment abwarten. In dieser Hast liegt mehr Neugier als Eifer; Trieb zum Vorwegnehmen, Unfähigkeit zu einem Kompromiß mit der Langenweile.

Boris zu seinem Großvater gebracht. Sophroniska, die den Alten am Tage zuvor benachrichtigt hatte, teilte mir mit, Madame de la Pérouse habe sich in ein Altersheim aufnehmen lassen. Na, Gott sei Dank!

Ich hatte, nachdem ich an der Wohnungstür geläutet, den Kleinen auf dem Treppenflur verlassen, weil ich der ersten Begegnung lieber nicht beiwohnen wollte. Ich fürchtete auch die Dankesäußerungen des Großvaters. Später habe ich Boris dann gefragt, wie es gewesen sei. Doch der Knabe war merkwürdig schweigsam. Sophroniska, die ich am Abend wiedersah, erklärte, auch ihr gegenüber habe Boris fast kein Wort geäußert. Als sie, der Verabredung gemäß, nach einer Stunde gekommen war, um Boris abzuholen, ward ihr von einem Dienstmädchen geöffnet; und im Zimmer saß der Alte vor einer Partie Domino, während das Kind schmollend in einem Winkel hockte.

»Es ist komisch«, sagte La Pérouse, scheinbar noch ganz benommen; »zuerst schien er Freude daran zu finden, und dann machte es ihm plötzlich keinen Spaß mehr. Der Knabe scheint leicht ungeduldig zu werden …«

Es war ein Fehler, die beiden so lange allein zu lassen.

 

Den 27. September. –… Heute vormittag, unter den Arkaden des Odéon, Molinier getroffen. Pauline und Georges kommen erst übermorgen aus den Ferien zurück. Molinier ist schon seit vorgestern hier und scheint sich ebensosehr zu langweilen wie ich. Oder aus welchem anderen Grunde eilte er mit so besonderer Herzlichkeit auf mich zu? Wir gingen in den Luxembourg und setzten uns auf eine Bank, um nachher gemeinsam zu Mittag zu essen.

Molinier bedient sich mir gegenüber einer launigen, manchmal sogar gewagten Redeweise. Er denkt wohl, im Verkehr mit einem Literaten sei das der gegebene Ton. Auch spielt ein gewisses Bestreben mit, sich noch frisch zu zeigen.

»Im Grunde bin ich eine leidenschaftliche Natur«, offenbarte er mir. Ich verstand, daß das bedeuten sollte: eine sehr sinnliche Natur. Ich lächelte so, wie wenn mir eine Dame gesagt hätte, sie habe auffallend schöne Beine, ein Lächeln, das besagt: »Aber daran habe ich doch nie im geringsten gezweifelt!« Bisher hatte ich nur den Beamten Molinier kennengelernt: jetzt legte der Mann, der er war, die Toga ab.

Ich wartete, bis wir im Restaurant des Hotels Foyot Platz genommen hatten, um das Gespräch auf Olivier zu bringen. Ich erzählte, ich hätte jüngst durch einen seiner Freunde erfahren, daß er auf Korsika sei, und zwar in Gesellschaft des Grafen Passavant.

»Ja, Graf Passavant, der mit Vincent befreundet ist, hat ihn zu dieser Reise eingeladen. Und da Olivier sein Abiturientenexamen sozusagen glänzend bestanden hatte, so glaubte seine Mutter ihm diese Freude nicht verweigern zu dürfen … Er ist ein Schriftsteller, dieser Passavant: Sie kennen ihn vermutlich?«

Ich machte kein Hehl daraus, daß mir weder seine Werke noch seine Person besonders sympathisch seien.

»Unter Kollegen beurteilt man sich wohl manchmal etwas hart«, meinte er. »Ich habe versucht, seinen letzten Roman zu lesen, von dem einige Kritiker ja soviel Aufhebens machten, und habe allerdings auch nichts Besonderes daran entdecken können –… aber ich bin ja nicht vom Metier …«

Als ich dann meine Befürchtungen äußerte über den Einfluß, den Passavant auf Olivier ausüben könnte, sagte er mit einer gewissen klebrigen Umständlichkeit: »Die Wahrheit zu gestehen, habe ich persönlich diese Reise nicht gebilligt. Doch darf man auch nicht vergessen, daß die Kinder einmal flügge werden. Das ist so der Lauf der Welt, und niemand kann etwas daran ändern. Pauline möchte sie am liebsten ewig im Neste behalten! Darin ist sie wie alle Mütter … Ich sage manchmal zu ihr: ›Aber du machst sie ja ganz verrückt, deine Söhne! Laß sie doch ein bißchen in Ruhe! Mit deinem vielen Gefrage bringst du sie ja erst auf die schlimmen Ideen …‹ Ich persönlich halte es für ganz unnütz, die Kinder so lange zu überwachen. Wichtig ist nur, daß man ihnen im frühen Alter eine Anzahl guter Grundsätze einimpft. Und das allerwichtigste ist, daß die Kinder einen angeborenen sittlichen Halt haben! Wissen Sie, mein Lieber, die Vererbung –… die triumphiert über alles andere! Es gibt Kinder, die von Natur aus böse und keiner Besserung zugänglich sind; wir nennen sie: die Prädestinierten. Die muß man natürlich dauernd scharf im Zaume halten. Doch wenn man's mit gut veranlagten Wesen zu tun hat, so kann man die Zügel schon etwas locker lassen!«

»Sie sagten vorhin«, bemerkte ich, »diese Entführung Oliviers habe Ihren Beifall nicht gefunden …«

»Oh, mein Beifall … mein Beifall«, antwortete er und hielt die Nase tief in die Schüssel vergraben, »man kommt gelegentlich auch ohne meinen Beifall aus! Bedenken Sie, bitte, daß in einer Ehe, und sei sie die einträchtigste, die Entscheidung nicht immer dem Manne zufällt. Doch Sie sind ja nicht verheiratet, und diese Dinge interessieren Sie nicht …«

»Oh, bitte«, sagte ich lachend, »ich bin Romanschreiber!«

»Dann haben Sie sicherlich auch schon die Beobachtung gemacht, daß es nicht immer Charakterschwäche zu sein braucht, die einen Mann veranlaßt, seiner Frau die Führung zu überlassen?«

»In der Tat gibt es«, räumte ich höflich ein, »energische, ja sogar furchtgebietende Männer, die sich zu Hause so fügsam zeigen wie sanfte Lämmlein.«

»Und wissen Sie auch, woher das kommt?« fragte er … »In neun Fällen von zehn hat der Ehemann, der seiner Frau nachgibt, sich von ihr irgend etwas verzeihen zu lassen … Oh, eine tugendhafte Frau, mein Lieber, die zieht ihren Vorteil aus allem! Wenn der Mann sich nur einen Augenblick bückt: gleich springt sie ihm auf den Rücken! Ach, lieber Freund, die Ehemänner sind oft recht bedauernswerte Geschöpfe! Sind wir jung, so wünschen wir uns keusche Eheweiber, ohne zu bedenken, wie teuer uns diese Keuschheit später einmal zu stehen kommen kann!«

Ich hatte meine Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hände gestützt und betrachtete Molinier. Der arme Mann ahnte nicht, wie sehr das Bücken, von dem er soeben gesprochen hatte, der Natur seines Rückgrats entsprach. Seine Stirn war in Schweiß, und, weniger feinschmeckerisch als gefräßig, schlang er große Quantitäten hinunter. Auch dem alten Burgunder, den wir bestellt hatten, sprach er eifrig zu. Selig, jemand gefunden zu haben, der ihm verständnisvoll zuhörte und (so dachte er gewiß) auch zustimmte, floß er über von Vertraulichkeit.

»In meiner Eigenschaft als Beamter«, fuhr er fort, »habe ich Ehefrauen kennengelernt, die sich ihrem Manne nur widerwillig, sozusagen ›widersinnlich‹ hingaben … und die sich doch empören, wenn der arme Verschmähte sein Futter dann anderswo sucht.«

Der Beamte hatte den Relativsatz im Imperfektum begonnen: im Präsens vollendete ihn der Ehemann, unleugbar ins eigene Privatleben geratend. Und zwischen zwei gewaltigen Happen formte sich ihm der Aphorismus:

»Wer selbst keinen Hunger hat, ekelt sich leicht vor anderer Leute Appetit.«

Dann, nach einem großen Schluck Wein: –… »Und das erklärt Ihnen, lieber Freund, wie ein Mann die Herrschaft in seiner Ehe verlieren kann.«

Ich hörte genau zu und entdeckte hinter der scheinbaren Zusammenhangslosigkeit seiner Äußerungen eine wohlberechnete Absicht, die Tugendhaftigkeit seiner Frau für seine eigenen Schwächen verantwortlich zu machen. Solche auseinanderfallenden Geschöpfe wie dieser Hampelmann, sagte ich zu mir, brauchen den ganzen Aufwand ihrer Selbstsucht, um die disparaten Elemente ihres Wesens einigermaßen zusammenzuhalten. Vergäßen sie einmal sich selbst: gleich gingen sie in Fetzen.

Molinier schwieg. Ich spürte das Bedürfnis, einige Überlegungen einzuschieben (wie man das Räderwerk einer Maschine, die pausiert, mit neuem Öl versieht). Und um ihn zum Weitersprechen zu veranlassen, warf ich hin:

»Glücklicherweise ist Pauline eine intelligente Frau.«

Er machte ein »ja« –… so langgedehnt, daß es bis zur Andeutung des Zweifels ging, und fuhr dann fort:

»Immerhin gibt es Dinge, die sie nicht versteht. Eine Frau mag so intelligent sein, wie sie will, wissen Sie … Übrigens erkenne ich an, daß ich mich in dem fraglichen Falle nicht besonders geschickt benommen habe. Ich hatte mich anfänglich verleiten lassen, ihr von einem kleinen Abenteuer zu erzählen … Das war in einem Stadium, als ich selbst noch glaubte, ja, absolut davon überzeugt war, daß die Geschichte sich nicht weiter entwickeln werde. Sie hat sich aber weiter entwickelt … und der Verdacht meiner Frau ebenfalls! Es war eine große Dummheit von mir, ihr, wie man sagt, damals einen Floh ins Ohr zu setzen. Was habe ich seitdem alles lügen und verheimlichen müssen! … Aber das kommt davon, wenn man nicht von Anfang an den Mund hält! Ach, ich bin eben eine zu vertrauensselige Natur! … Aber Pauline ist schrecklich eifersüchtig, und Sie können sich kaum vorstellen, welch raffinierten Kniffe ich mir habe ausdenken müssen!«

»Ist das schon lange her?« erkundigte ich mich.

»Oh, die Sache geht seit ungefähr fünf Jahren. Pauline hatte sich schon völlig darüber beruhigt, vermute ich. Doch jetzt wird wohl, leider Gottes, die ganze Qual wieder von vorne anfangen! Denn stellen Sie sich vor: als ich vorgestern von der Reise zurückkomme … Aber wir nehmen noch eine zweite Pomard, was?«

»Für mich nicht, bitte!«

»Na, dann gibt es vielleicht halbe Flaschen. Ich leg mich dann nachher zu Hause ein bißchen hin. Man wird ja so müde von der Hitze … Also, als ich vorgestern wieder in unsere Wohnung komme, öffne ich meinen Schreibtisch, um einige Papiere hineinzulegen. Ich zieh die Schublade auf, in der ich die Briefe von … von der betreffenden Person aufbewahrt hatte. Nun denken Sie sich mein Entsetzen, lieber Freund: die Schublade war leer! Oh, ich kann mir ganz genau erklären, wie das gekommen ist! Vor ungefähr vierzehn Tagen war Pauline mit Georges ein paar Tage in Paris, um die Hochzeit der Tochter eines Kollegen mitzufeiern, zu der ich nicht hatte kommen können; Sie wissen, daß ich in Holland war … und außerdem sind solche Feierlichkeiten auch mehr eine Sache der Frauen, nicht wahr? Nun, Pauline hatte wohl gerade nichts Besonderes zu tun, und da hat sie denn wohl, mit der innerlichen Begründung, in der leeren Wohnung alles ein bißchen in Ordnung bringen zu wollen … und Sie wissen, wie die Frauen sind: immer ein bißchen neugierig, da hat sie denn wohl angefangen, so ein bißchen herumzustöbern … natürlich, ohne sich irgend etwas Böses dabei zu denken! Ich beschuldige sie ja in keiner Weise! Aber Pauline hat immer so einen unseligen Drang zum Ordnungmachen gehabt!  … Na, was soll ich ihr also noch sagen, jetzt, wo sie die Beweise in Händen hat!? Wenn die Kleine mich wenigstens nicht mit meinem richtigen Namen anredete! Eine so harmonische Ehe! Wenn ich denke, was mir bevorsteht! …«

Der arme Mann watete elend umher im Sumpfe seiner Geständnisse. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, fächelte sich Luft zu. Ich hatte viel weniger getrunken als er. Das menschliche Herz liefert kein Mitgefühl auf Bestellung: ich empfand nur Widerwillen gegen ihn. Ich akzeptierte ihn als Familienvater (obwohl mir der Gedanke, Olivier sei ein Sohn von ihm, peinlich war), als gesetzten, ehrbaren, wohlversorgten Beamten; als Liebhaber erschien er mir höchstens lächerlich. Besonders irritierte mich die plumpe Gewöhnlichkeit seiner Ausdrucksweise. Auch schienen weder sein Mienenspiel noch seine Stimme fähig zu sein, die Gefühle, von denen die Rede war, wiederzugeben. Es war so, als ob ein Kontrabaß die Wirkungen der Bratsche hätte erzielen wollen: sein Instrument gab nur falsche Töne.

»Sie sagten, Georges sei mit ihr gewesen? …«

»Ja, sie hatte ihn nicht allein lassen wollen. Aber natürlich, hier in Paris blieb er trotzdem nicht immer in seinem Bettchen liegen … Wenn ich Ihnen sage, mein Lieber, daß ich in einer sechsundzwanzigjährigen Ehe nie die geringste Szene, nie den kleinsten Streit gehabt habe! … Und wenn ich an das Theater denke, auf das ich jetzt gefaßt sein muß! … Denn Pauline kommt übermorgen zurück … Na, sprechen wir lieber von etwas anderm! Was sagen Sie denn von Vincent? Der Fürst von Monaco, eine Forschungsreise zur See … alle Wetter!  … Wie, das wußten Sie gar nicht? … Ja, Vincent beaufsichtigt jetzt Peilungen und Fischzüge bei den Azoren! Na, um den braucht man keine Sorge zu haben! Der macht seinen Weg allein, das kann ich Ihnen sagen!«

»Und seine Gesundheit? …«

»Völlig wieder in Ordnung! Intelligent, wie er ist, glaube ich, daß er geradenwegs auf den Ruhm losmarschiert! Der Graf Passavant hat mir unverhohlen gesagt, er halte Vincent für einen der bedeutendsten Menschen, denen er je begegnet sei. Er sagte sogar: für den bedeutendsten … doch da hat er aus Höflichkeit wohl etwas übertrieben …«

Die Mahlzeit ging zu Ende. Molinier zündete sich eine Zigarre an.

»Darf ich Sie fragen«, nahm er wieder das Wort, »wer dieser Freund von Olivier ist, durch den Sie von ihm gehört haben? Ich muß sagen, daß es mich immer im höchsten Grade beschäftigt hat, mit wem meine Kinder verkehren. Diese Frage des Umgangs ist ja so eminent wichtig! Meine Kinder haben, Gott sei Dank, stets eine angeborene Neigung bewiesen, sich nur mit den allerbesten Elementen zu befreunden. Sie sehen es ja: Vincent mit seinem Fürsten, Olivier mit dem Grafen Passavant … Und was Georges betrifft, so hat der in Houlgate einen Schulfreund getroffen, namens Adamanti, der übrigens, ebenso wie er selbst, auch wieder in die Pension Vedel-Azaïs gehen wird: einen ausgezeichneten Jungen, dessen Vater für Korsika in den Senat gewählt ist. Aber hören Sie, wie man andererseits doch auch wieder gar nicht vorsichtig genug sein kann: da hatte Olivier einen Freund, der aus sehr guter Familie zu sein schien, einen gewissen Bernard Profitendieu. Sie müssen wissen: der Vater Profitendieu ist ein Kollege von mir, ein außerordentlich tüchtiger Mann, den ich besonders hochschätze. Aber … (doch das bleibt ganz unter uns, nicht wahr?) … aber da erfahre ich nun mit einem Mal, daß er gar nicht der Vater ist von dem jungen Mann, der seinen Namen trägt! Was sagen Sie nun dazu?«

»Gerade dieser junge Bernard Profitendieu ist es, durch den ich Nachricht von Olivier bekommen habe«, sagte ich.

Molinier sog heftig an seiner Zigarre und spannte die Augenbrauen so hoch, daß seine Stirn sich in dichte Falten legte:

»Es wäre mir lieb, wenn Olivier sich von diesem jungen Herrn etwas mehr fernhielte. Ich habe allerlei Schlimmes über ihn erfahren, was mich übrigens nicht sonderlich verwundert hat. Denn kann man von einem Geschöpf, das unter so traurigen Umständen geboren ist, etwas anderes erwarten? Damit will ich nicht in Abrede stellen, daß ein natürliches Kind auch große Fähigkeiten, sogar edle Eigenschaften haben könne; aber bei alledem trägt eine solche Frucht der Ausschweifung die Keime der Anarchie notgedrungen in sich … Jawohl, mein Lieber, auch in diesem Falle ist es so gekommen, wie es kommen mußte. Der junge Bernard hat den häuslichen Herd, an den er sich nie hätte setzen dürfen, ganz plötzlich verlassen! Er ist auf- und davongegangen, um, wie Emile Augier es nannte, ›sein Leben zu leben‹, es zu leben, man weiß nicht, wie, und man weiß nicht, wo. Der arme Profitendieu, der mich selbst von dieser Geschichte in Kenntnis gesetzt hat, schien davon zunächst ganz gebrochen zu sein. Ich habe ihm aber klargemacht, daß er sich die Sache nicht so sehr zu Herzen gehen lassen dürfe, denn wenn man alles genau betrachte, so bringe doch das Verschwinden des jungen Mannes eine ungeregelte Situation wieder in Ordnung.«

Ich beteuerte, daß ich Bernard gut genug kennte, um mich für eine anständige, ehrenhafte Gesinnung verbürgen zu können (wobei ich mich natürlich hütete, die Affäre mit der Reisetasche zu erwähnen). Aber Molinier fiel mir ins Wort:

»Na, ich sehe schon, daß ich Ihnen noch mehr erzählen muß!«

Und er neigte sich vor und berichtete gedämpften Tones:

»Vor einiger Zeit ist meinem Kollegen Profitendieu die Untersuchung eines recht heiklen Falles übertragen worden, einer Sache, die peinlich ist sowohl ihrem Wesen nach, wie auch wegen der Folgen, die sie haben kann. Es ist eine Skandalgeschichte, die man am liebsten für ganz unglaublich halten möchte … Es handelt sich da, mein Lieber, um ein richtiges Prostitutions-Unternehmen, um ein … doch ich will kein unziemliches Wort gebrauchen; also sagen wir: um ein Teehaus, dessen spezielle Anstößigkeit darin besteht, daß die Gäste, die seine Salons regelmäßig besuchen, hauptsächlich, ja, fast ausschließlich, Gymnasiasten sehr junger Jahresklassen sind. Ich sage Ihnen ja, es ist einfach nicht zu glauben! Offenbar haben diese Schulkinder gar kein Gefühl dafür, wie ungeheuerlich ihr Treiben ist, denn sie geben sich nicht einmal besondere Mühe, es zu verheimlichen! Wenn die Schule zu Ende ist, geht man hin. Man trinkt seinen Tee, man plaudert, man amüsiert sich mit den Damen; und in den Nebenräumen nimmt die Sache dann ihren Fortgang. Selbstverständlich hat nicht jeder Beliebige Zutritt: man muß empfohlen, man muß eingeführt sein. Wer bestreitet nun die Kosten dieser Orgien? Wer bezahlt die Miete für die Räume? Dies Rätsel wäre wohl interessant zu lösen. Aber bei den Ermittlungen war äußerste Behutsamkeit geboten, weil man sonst wahrscheinlich mehr erfahren hätte, als man zu erfahren wünschte. Und das hätte zu immer weiteren Nachforschungen und Verhören führen müssen, wodurch schließlich ehrenwerte Familien, deren Söhne man unter den regelmäßigen Besuchern jenes Hauses vermutete, hätten kompromittiert werden können. Ich habe deshalb alles getan, was ich zu tun vermochte, um den Eifer des Kollegen Profitendieu zu mäßigen, der sich wie ein Stier auf diese Sache stürzte, ohne zu ahnen, daß er dabei in Gefahr geriet, mit dem ersten Stoß seines Hornes … (oh, pardon, das habe ich nicht mit Absicht gesagt; ha, ha, das ist aber komisch: der Ausdruck ist mir ganz zufällig entschlüpft) … seinen Sohn Bernard aufzuspießen! Glücklicherweise sind die Ferien dazwischengekommen, und dadurch wurde der Fall zunächst auf die lange Bank geschoben; die Gymnasiasten haben sich in alle Windrichtungen zerstreut, und ich hoffe, daß die ganze Affäre –… nach einigen unauffälligen Verwarnungen und Maßregeln –… zu guter Letzt vertuscht werden und sich in nichts auflösen wird.«

»Sind Sie ganz sicher, daß Bernard Profitendieu in die Sache verwickelt ist?«

»Nicht absolut sicher, aber …«

»Was veranlaßt Sie, es zu glauben?«

»Erstens die Tatsache, daß er ein natürliches Kind ist. Sie können sich wohl denken, daß ein junger Mann seines Alters nicht von Hause wegläuft, ohne mit allen Hunden gehetzt zu sein … Und ferner habe ich den Eindruck, als ob Profitendieu selbst einen gewissen Verdacht geschöpft habe, denn sein Eifer hat ganz plötzlich nachgelassen. Ja, er scheint geradezu Gegendampf angeordnet zu haben, und als ich ihn das letztemal nach dem Stande der Dinge fragte, antwortete er ziemlich verlegen: ›Ich glaube, es kommt schließlich überhaupt nichts dabei heraus‹, und dann ging er schnell auf ein anderes Thema über. Armer Profitendieu! Er verdient sein Mißgeschick wirklich nicht! Er ist grundehrlich und, was vielleicht noch seltener ist, ein herzensguter Charakter! Übrigens, seine Tochter hat sich recht gut verheiratet. Bei der Hochzeit konnte ich allerdings nicht dabei sein, weil ich in Holland war, aber Pauline und Georges sind extra auf ein paar Tage nach Paris gekommen, um an der Feier teilzunehmen … So, das hab ich Ihnen schon erzählt? Na, nun muß ich auch bald an mein Mittagsschläfchen denken … Aber was machen Sie denn da? Sie wollen für mich mitbezahlen?! Aber das geht doch wirklich nicht, lieber Freund! Unter Kameraden, unter Junggesellen pflegt man doch zu teilen, nicht wahr? … Also man kann Sie nicht davon abbringen? … Na, dann adieu! Vergessen Sie nicht, daß Pauline übermorgen zurückkommt, und besuchen Sie uns recht bald! Und außerdem nennen Sie mich doch bitte, von jetzt an nicht mehr Molinier; sagen Sie ganz einfach ›Oscar‹ zu mir! … Darum hatte ich Sie übrigens schon längst bitten wollen.«

Abends erhielt ich ein paar Zeilen von Rachel, Lauras Schwester:

»Ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen. Wenn es Ihnen nicht allzu unbequem ist, so kommen Sie doch bitte, morgen nachmittag auf einen Augenblick in die Pension. Sie würden mir einen großen Dienst erweisen!«

 

Wenn es wäre, um mit mir über Laura zu sprechen, so hätte sie nicht so lange gewartet. Übrigens das erstemal, daß sie mir schreibt.»


 << zurück weiter >>